Acht Generationen angesehener Finanzleute, alle aus guter Familie, alle aus einer Klasse, die Staatsmänner und Führer hervorbringt, waren verantwortlich für sein Vermögen, waren verantwortlich für sein gutes Äußere. Er war blond, schlank, blauäugig, und es gab Augenblicke, in denen er übermütig wie ein kleiner Junge sein konnte. Er war kein genauer Rechner, gab sein Geld gern und willig aus und war ein Idealist, was in diesem Falle bedeutete, daß er ein Verschwender jenes klingenden Materials war, das die Geschäftsherren der City in Luxus, Behaglichkeit und finanzieller Überlegenheit erhält. Luke hatte eine kleine Veranlagung zum Spieler, denn zeitweise ging er Risikos ein, die seine vorsichtigeren Freunde schaudern ließen. Und doch, mit einer halben Million goldsicherer Papiere im Depot – wie man sagte –, warum soll man da nicht ein Geschäft mit zehn Prozent Gewinn riskieren?
Gunner Haynes, dessen starker Arm ihn vor einem gebrochenen Handgelenk oder vor noch Schlimmerem bewahrt hatte, verfügte über keinerlei Mittel, die des Erwähnens wert waren. Sein Hauptguthaben bestand in einem tadellosen Gesellschaftsanzug, in kultivierter Sprache und vorzüglichen Manieren, die seine scharfen, finsteren Gesichtszüge vergessen ließen. Er lebte Gott weiß wo, wurde aber in den besten Hotels gesehen, allerdings nur in denjenigen, in denen er nicht als hervorragender Juwelendieb bekannt war.
Man nannte ihn »Gunner«, gunner (gun man) , hier unübersetzbar, bezeichnet den mit Revolver bewaffneten, rücksichtslosen Verbrecher, dessen Kugel nie sein Ziel verfehlt, dem ein Menschenleben nichts gilt.und zwar wegen gewisser Vorfälle in New York. Es war wohl behauptet, aber niemals bewiesen worden, daß er es gewesen wäre, der den berüchtigten Bandenführer Lew Selinski erledigt und seinen Weg durch Lews Bande hindurch zu der Sicherheit erkämpft hätte, die ihm ein kleines Transportboot lieferte.
Niemand hatte ihn jemals mit einem Revolver in England gesehen; aber die Detektive, die ihn ein Jahr später nach seiner Rückkehr nach Amerika verhafteten, erwarteten eine lebhafte Schießerei und kamen infolgedessen bewaffnet.
Als er vor Gericht stand, kümmerte sich niemand um ihn: weder seine hübsche Frau, noch sein bester Freund Larry Vinman. Larry war eine Kanone der Hochstaplerzunft, jung, von gutem Äußeren und gefälligem Wesen.
Vielleicht bestanden sehr gute Gründe, daß Larry nicht wünschte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber es bestand kein Grund, warum Lila nicht hätte schreiben oder irgendetwas für ihn tun können. Sie hatte tausend Pfund in barem Geld, und ein guter Rechtsanwalt wäre leicht zu finden gewesen. Aber als der Gunner nach ihr gesandt hatte, hieß es, sie hätte die Wohnung verlassen. Er sollte sie niemals wiedersehen. Wenige Monate, bevor er aus dem Gefängnis entlassen wurde, hörte er, daß sie in der Krankenabteilung eines Asyls für Obdachlose gestorben wäre.
Als er dies vernahm, verzog sich sein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. Er lächelte immer, wenn ihn etwas schmerzte – und jetzt, bei diesem bitteren Lächeln, war sein Herz eine einzige große, zuckende Wunde.
Er verließ das Gefängnis und trieb langsam auf eigenartigen Wegen nach England, nach dem Ritz-Carlon-Hotel, wo er Mr. Luke Maddison, der seine Verlobung feierte, treffen sollte. Von Luke wußte er nichts – was ihn aber dorthin gebracht hatte, war der Schmuckkasten einer reichen, amerikanischen Dame, der den ganzen Tag über im Geldschrank des Hotels und von neun Uhr abends bis ein Uhr nachts in ihrem Schlafzimmer zu finden war. Gunner Haynes hatte ein Zimmer in derselben Etage genommen...!
»Ich bitte dich wirklich fußfällig um Verzeihung«, sagte Luke, und zwar nicht zum ersten Male im Laufe des Diners. »Mein Wagen fuhr mit einem Taxi zusammen – der andere hatte die Schuld, und natürlich erschien so ein langweiliges Verkehrshindernis und mußte alle Einzelheiten mühevoll in sein kleines Buch eintragen! Daß man Schutzleuten noch keine Stenographie beigebracht hat, ist eigentlich zu bedauern!«
»Aber, lieber Luke, das macht doch wirklich nichts.«
Margarets Stimme klang ein wenig müde. Nichts schien heute Abend richtig gehen zu wollen. Sogar Danton schien verstimmt zu sein und war anders als gewöhnlich. Luke kam spät, sein Eintritt war beinahe ein akrobatischer Akt, den er in den Armen eines fremden Mannes ausführte. Was verstimmte Danty? Sie hatte bemerkt, wie sein Gesicht eine krankhaft grüne Farbe annahm, als Luke hereintrat. Rex war verstimmt, schweigsam und sprach kaum mit Lady Revellson, die ihm zur Linken saß. Und Luke hatte darauf bestanden, an ihrer Seite zu sitzen, trotzdem sie schon die ganze Tafelordnung festgelegt hatte, und der Erfolg war, daß alle bei Tisch am falschen Platze saßen.
Wenn der Kerl nicht glücklicherweise dagewesen wäre, hätte ich mir sicherlich irgend etwas gebrochen – ich konnte mich nicht mehr halten ... es hatte etwas geschneit, und ein wenig Schnee muß an meiner Sohle geblieben sein – ich mußte ja die letzten hundert Meter zu Fuß gehen, der Zusammenstoß passierte am Piccadilly-Cirkus ...!«
»Wie sah er eigentlich aus?«
Dantons Stimme klang etwas heiser und gedrückt.
»Wer – der Mann, der mir geholfen hat?« Und als der andere nickte, fuhr Luke fort: »Ein finster aussehender Mensch – zuerst dachte ich, er wäre Deutscher ... zwei Narben liefen über seine rechte Wange hinweg – wissen Sie, wie sie die deutschen Studenten so gern haben. Ich erinnere mich, als ich auf der Universität in Bonn ...!«
Danton hörte nicht mehr zu. Zwei Narben auf der rechten Wange! Dann hatte er sich nicht getäuscht. Die einzige Frage war nur, hatte der Gunner ihn wiedererkannt? Sieben Jahre waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Danton war damals noch glattrasiert und viel heller. Millie Haynes pflegte ihn ihren »goldhaarigen Jungen« zu nennen; das war in der Zeit, wo sie noch alles in ihm sah. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen und sich das Haar färben lassen – und stand als Larry Vinman nicht mehr in den polizeilichen Steckbriefen. Er hatte diese durchgreifende Änderung seines Äußeren vorgenommen – lange nachdem er Millie verlassen und sie auf den Weg zum Arbeitshaus und in einen schmählichen Tod getrieben hatte. Die Veränderung war nötig gewesen, weil er einem australischen Farmer einen kleinen Streich gespielt hatte, der diesen um einige achttausend Pfund erleichterte, und weil die Bemühungen der Abteilung für Hochstapler von Scotland Yard anfingen, ihm peinlich zu werden.
»Gunner Haynes!« Er atmete ein wenig hastig, und ein kalter Schauder lief seinen Rücken hinunter. Angenommen, Haynes hätte seinen früheren Freund erkannt ... angenommen, er hätte seinen Revolver ergriffen ... angenommen, er wartete noch draußen im Vestibül!
Danty fuhr sich über die feuchte Stirn, sah, daß seine Wirtin ihn anblickte, und stand mit einer stummen Bitte um Erlaubnis auf.
»Es fällt mir gerade ein, daß ich telefonieren muß... entschuldigen Sie mich, bitte, einen Augenblick ...«, murmelte er, als er hinter ihrem Platz vorbeiging.
Er blickte in den Wintergarten. Der Gunner war nicht dort. Er durchschritt den weiten Raum, spähte in das Vestibül – leer. Das Hotel hatte zwei Vorhallen, eine in Haymarket, die andere in Pall Mall. Beide waren durch einen Gang miteinander verbunden, den er eilig durchlief.
Als er in das andere Vestibül kam, sah er den Gesuchten und fuhr zurück. Gunner trat gerade in den Aufzug, und sein Rücken war dem Beobachter halb zugedreht.
Er war es wirklich ... Es konnte kein Zweifel daran bestehen, Gunner Haynes! Die Tür des Lifts schloß sich, und Danton blickte suchend umher. Er erkannte den gutmütig aussehenden Herrn, der in der Nähe der Drehtür in seinem Sessel saß.
»Sie sind doch der Hoteldetektiv?« fragte er. (Als Danty Morell noch der bekannte Larry Vinman war, kannte er die meisten der Hoteldetektive vom Gehen und konnte instinktiv die ihm noch unbekannten herausfinden.)
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