Niemals aber gibt uns das Orakel Antworten, die uns fremd sind und nichts mit uns zu tun haben. Das I Ging drängt uns nichts von außen auf. Es ist eher, als würde es tief in unser Herz hinein schauen und unseren innersten Wesenskern entscheiden lassen.
Deutung
Das I Ging äußert sich in Form von Hexagrammen, die eine symbolische Sprache sprechen. Symbole sind immer vieldeutig, weshalb eingefleischte Rationalisten ihre Probleme damit haben. Sie wenden sich an unser intuitives, ganzheitliches Verständnis, das in der rechten Hirnhälfte beheimatet ist. Die Bilder und Metaphern des I Ging dienen dazu, uns auf unsere Intuition einzustimmen und auf diese Weise die Enge unseres logischen Denkens und unserer Voreingenommenheiten zu überschreiten. Wir müssen lernen, das, was wir spüren, von dem zu unterscheiden, was wir denken. Unser Verstand ist leider weitgehend von der Weltsicht des Ego indoktriniert. Er versteht es, sich die Dinge raffiniert so hinzubiegen, wie wir sie aufgrund irgendwelcher Überzeugungen sehen möchten. Er ignoriert das eine und überzeichnet das andere, so dass wir zu einer völlig verzerrten Ansicht kommen, die uns aber absolut vernünftig erscheint. Hier müssen wir akzeptieren, dass der Sinn der Antwort nicht nur durch Informationen an unseren Verstand übermittelt wird, sondern dass wir diesen Sinn auch erfahren, ja dass er uns offenbart wird.
Deshalb brauchen wir Geduld, wenn wir eine Antwort verstehen wollen. Wir müssen die Bilder wirken lassen. Im Zweifelsfall können wir noch einmal präziser nachfragen oder mit anderen sprechen, um unsere eigenen Blindheiten aufzuklären. Manchmal macht es Sinn, sich ganz auf die kurze Botschaft des Urtextes zu konzentrieren. Sollten Sie dabei die feudalistischen Bilder stören, könnte es hilfreich sein, sie als wechselnde Rollen zu begreifen. Wir alle können innerlich in die Rolle des Vaters oder des Sohnes, des Hausherrn oder der Sklavin, des Fürsten oder Vasallen schlüpfen, um besser zu begreifen, was der Text sagen will. Heute sind wir in dieser Rolle, morgen in jener.
Wer eine innere Offenheit besitzt, die nicht am Buchstaben klebt, wird früher oder später in Kontakt mit jener größeren Macht treten, die ich in meinen Hexagrammtexten „Kosmos“, „inneren Lehrer“ oder auch „Heiligen Geist“ genannt habe. Sobald diese Verbindung „einrastet“, geschieht etwas Magisches mit uns: wir richten uns innerlich neu aus, im sicheren Gefühl, vom Leben getragen zu werden. Etwas in uns begreift, dass wir nie alleine sind, dass da eine Präsenz ist, die uns sieht, die in jeder Minute bei uns ist, immer bereit, uns zu unserem Weg zurückzuführen. Gerade wenn wir selbst spüren, dass wir uns verirrt haben, sehnen wir uns nach so einer sanften Führung, die geduldig und humorvoll über unsere Fehler hinwegsieht, um uns immer wieder an unsere höchsten Möglichkeiten zu erinnern. Oft braucht es ja den Druck massiver Belastungen, dass wir bereit sind, vom Thron unseres Ego herabzusteigen und unsere menschliche Begrenztheit, unsere Ratlosigkeit einzugestehen. Doch wenn so ein Punkt erreicht ist, dann sprechen wir wieder mit Gott und dem Heiligen in uns.
Selbsterkenntnis
Selbsterkenntnis ist für spirituelle Sucher ein hoher Wert, doch im Allgemeinen fehlt uns leider der Abstand zu unseren Themen. Wir kleben gewissermaßen mit der Nase daran und bemerken deshalb nicht, wie unsere Konditionierungen und die im Umfeld herrschenden Meinungen uns eine ganz bestimmte Sichtweise aufdrängen, die möglicherweise wenig mit der Realität zu tun hat.
Das I Ging stellt unsere Frage dagegen oft in einen radikal anderen, übergeordneten Kontext. Es zeigt uns, wie die aktuelle Situation sich zum Hintergrund des Tao und der kosmischen Ordnung verhält. So hilft es uns, schwierige Situationen zu durchschauen und neue Perspektiven zu finden.
Die Welt als Spiegel
Im Alltag leben wir nach den Gesetzen dieser Welt und dieser Gesellschaft. Wir haben uns aus unseren subjektiven Erfahrungen ein persönliches Modell von der Welt konstruiert, und glauben deshalb, sie zu kennen. Diese Vorannahmen werden zu Erwartungen, die sich selbst bestätigen. So gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass wir von unserer Umwelt, den Menschen, den Ereignissen getrennt sind und uns deshalb immer wieder mühsam mit „fremden“ äußeren Umständen herumschlagen müssen.
Wenn wir nun dem I Ging Zugang zu unserer Welt verschaffen, geschieht etwas Merkwürdiges: Stück für Stück, Überzeugung um Überzeugung wird dieses Weltbild hinterfragt und langfristig aufgelöst. Das I Ging lehrt uns nämlich mit äußerster Beharrlichkeit, dass unsere Umstände sehr wohl etwas mit uns zu tun haben, dass das, was wir in der Außenwelt erleben, ein getreues Spiegelbild unserer Innenwelt ist.
Diese Lektion beginnt schon auf der semantischen Ebene des Urtextes, der keine Pronomen kennt. Das ist weit mehr als eine zu vernachlässigende Eigentümlichkeit der chinesischen Sprache, darin liegt eine tiefe, wenn auch verunsichernde Weisheit: Jeder Orakelspruch kann sich sowohl auf uns als Fragesteller beziehen, wie auch auf Personen, mit denen wir zu tun haben, und auch auf die Situation, in der wir uns befinden. Genau besehen, spielt es gar keine Rolle, wer da genau gemeint ist, denn all das gehört zu unserer Welt, die nur widerspiegelt, was in unserem Unbewussten vorgeht. Alles, was wir im Kontakt mit der Umwelt erleben, ist letztlich eine Projektion unserer inneren Prozesse.
Wenn in einer Orakelantwort etwa von einem „Gemeinen“ die Rede ist, fühlen wir uns oft erst einmal bestätigt: „Ja genau, das ist dieser widerliche Mistkerl, der mir das Leben schwer macht“… In anderen Momenten spüren wir sofort, dass wir selbst angesprochen sind – dass es um unser eigenes kleines Ich, unser Ego geht. Und je tiefer wir tiefer forschen, desto mehr wird uns klar, dass in der allerletzten Konsequenz kein Unterschied zwischen innen und außen besteht.
Für viele wird diese Idee nicht ganz neu sein – wir finden sie wieder im sogenannten Resonanzgesetz, das besagt, dass wir all das schicksalhaft anziehen, was wir selbst in uns tragen. Das tiefgründige spirituelle Werk „Ein Kurs in Wundern“ vertieft diesen Gedanken weiter. Es vergleicht unsere Welt mit einem Traum, der immer wieder zum Albtraum wird. Im Traum sind wir gleichermaßen Regisseur, wie Hauptdarsteller, und auch die Kulissen, das Wetter, die anderen Akteure - alle sind unser Werk. Doch gerade wenn wir „schlecht träumen“, ist das schwer zu akzeptieren – denn wie kann es sein, dass wir uns das alles selbst antun? Wir sind uns nicht bewusst, dass wir selbst etwas dazutun, geschweige denn, warum – und das gilt ebenso für unsere nächtlichen Träume wie für den Traum unseres Lebens, den wir am helllichten Tag träumen.
Auch in der Psychologie gibt es eine Schule - den von Paul Watzlawick begründeten Konstruktivismus - die sich damit befasst, dass die Wirklichkeit keine objektive Größe ist, sondern ganz und gar von unseren persönlichen Filterungen und Interpretationen abhängt. Unser Gehirn konstruiert die Welt mehr, als dass es uns ein zuverlässiges Abbild davon liefert. Scheinbar faktische Erfahrungen sind die kreative Leistung unseres Geistes! Im Fazit ist alles, was wir wahrnehmen und denken, gelernt und beruht auf unserer Biographie – wir sind dadurch im Grunde programmiert wie ein Computer.
Das heißt im Klartext: Es gibt also gar keine objektiv-rationale Sicht von mir selbst und der Außenwelt! So wie ich wahrnehme, interpretiere ich die Welt und so wie ich die Welt deute, nehme ich sie wahr… Solange wir diese Zusammenhänge nicht erkennen, bleiben wir in unserem Programm gefangen und halten es noch für die Wirklichkeit. Kein Wunder, dass wir strampeln und strampeln und doch nicht viel zuwege bringen.
Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir uns das zugrundeliegende Programm anschauen, statt hilflos vorne am Bildschirm herumzukratzen. Wir müssen erkennen, dass wir selbst unsere Welt projizieren. Wir sind das Drama im Film unseres Lebens, wir sind die Zuschauer und wir sind die Projektoren. Wir erleiden den Film, den wir selbst gedreht haben. Wir sind die Schöpfer unserer Welt und damit verantwortlich für alles, was darin vorgeht (doch Achtung, es wäre fatal hier Verantwortung mit Schuld zu verwechseln!).
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