Bald reifte in ihm die Überzeugung, dass die Weisheit der chinesischen Klassiker auch im Westen bekannt gemacht werden müsse. Zunächst machte sich Wilhelm an die Übersetzung des Taoteking. Dieses Büchlein stellte trotz seines überschaubaren Umfangs bereits höchste Anforderungen an die Übersetzung, da die wenigen Schriftzeichen äußerst unterschiedlich zu deuten sind (bis heute kommen immer neue Interpretationen des Taoteking auf den Markt, die jeweils wieder eine neue Facette dieses Werks beleuchten).
Das umfangreiche und hoch komplexe I Ging war jedoch eine Herausforderung besonderen Formats. Es übte schon lange große Faszination auf Richard Wilhelm aus. Auch hier leistete er Pionierarbeit. Er machte sich das Werk einerseits umfassend vertraut, indem er es in seinen Alltag einbezog. Andererseits suchte er das Gespräch mit Gelehrten, die ihm die vielschichtigen esoterischen Hintergründe aufschlüsselten. Über zehn Jahre hinweg feilte er an der Übersetzung dieses Buches, das ihm heilig war, weil er darin einen vollständigen Spiegel des Kosmos erkannte. Diese tief schürfende Arbeit veränderte ihn auch als Mensch, sie verwandelte ihn allmählich vom Theologen zum Mystiker.
Als Wilhelm in den zwanziger Jahren in das nach dem ersten Weltkrieg völlig veränderte, depressive und materialistische Deutschland zurückkehrte, erwartete ihn ein Kulturschock. Nach so vielen Jahren im Reich der Mitte konnte er sich nicht mehr mit den Deutschen identifizieren und schwor sich, persönlich dafür zu sorgen, dass das kostbare kulturelle Erbe Chinas nicht verloren ging. 1924 wurde sein Hauptwerk, die Übersetzung des I Ging, zum ersten Mal veröffentlicht und stieß sogleich auf großes Interesse: Carl Gustav Jung, Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Martin Buber, Karlfried Graf Dürckheim … – die Liste der Intellektuellen ist lang, die mit Wilhelm in Kontakt traten. Auch wenn der Autodidakt Wilhelm jetzt Karriere machte – als Kulturattaché, Hochschullehrer der Universität Peking und ordentlicher Professor für Sinologie in Frankfurt, konnte er sich doch mit der etablierten Wissenschaft in Deutschland und ihrem mechanistischen Weltbild nicht mehr anfreunden. Er blieb im Herzen der Seele Chinas treu. 1930 starb er an einer Tropenkrankheit.
Die Übersetzung
Als in den Zwanziger Jahren in Deutschland die weltweit erste Übersetzung des I Ging erschien, war das ein Meilenstein für unseren Zugang zur östlichen Spiritualität. Seit seiner Veröffentlichung wächst die Aufmerksamkeit, die das alte Buch der Wandlungen im Westen erfährt. Vor allem seit den Sechzigern wird es im Zeichen des New Age und der Selbstfindungsbewegung immer populärer. Gleichzeitig verliert es in seinem Herkunftsland, dessen Gesellschaft sich dem Materialismus verschrieben hat, dramatisch an Bedeutung.
Richard Wilhelm hatte als Autor eine Herkulesarbeit vollbracht, die sich nicht auf die reine Übersetzungsleistung reduzieren lässt. Ein Werk vom spirituellen und philosophischen Rang des I Ging muss zunächst einmal aus der Tiefe verstanden werden. Und das gelang Wilhelm in einer Weise, die sein Werk noch heute einzigartig macht. Er assimilierte die Weisheit vieler Jahrtausende und goss sie in die Form seiner Worte. Das Ergebnis ist nicht einfach eine Übersetzung, es ist nach wie vor „die“ Übersetzung des I Ging, an deren Horizont sich alle anderen messen müssen.
Obwohl sich Wilhelm nach Kräften um Genauigkeit bemühte und seine Übersetzung durch mehrfache Rückübersetzungen ins Chinesische absicherte, war auch er ein Kind seiner Zeit und damit auch ihrer Vorurteile und geistigen Beschränktheiten.
Problematische Filter
So wie das I Ging uns deutschen Lesern heute vorliegt, hat es viele verschiedene Filter durchlaufen, begonnen bei den ersten kulturellen Überformungen durch die Dschou-Dynastie und den Konfuzianismus. Vor allem die Geisteshaltung des Neokonfuzianismus kollidiert mit den wertungsfreien Urgedanken des Buchs der Wandlungen. Die zu Wilhelms Zeiten offizielle Interpretation behauptet, dass der ganze Kosmos hierarchisch gegliedert sei: oben der Himmel, unten die Erde; oben die Männer, unten die Frauen; oben die Herrscher, unten das Volk... Mit der Frau und den weiblichen Werten wird ganz allgemein das Yin herabgewürdigt und mit Attributen wie „böse“, „gemein“, „niedrig“ versehen, was die kosmische Balance der beiden Urenergien, die den Taoisten noch heilig war, ins Wanken bringt. Dieses feudalistische Weltbild lieferte im Grunde eine bequeme Rechtfertigung der irdischen Machtverhältnisse, so dass die jeweilig herrschende Oberklasse sich auf die „himmlische Ordnung“ berufen konnte.
Mit seiner Übersetzung hat Wilhelm zwangsläufig einen weiteren Filter hinzugefügt, der den Stempel seiner Epoche trägt: Der Zeitgeist Ende des 19. Jahrhunderts war von Imperialismus, Kapitalismus und Industrialisierung geprägt. Wie im damaligen China herrschte auch in Deutschland ein feudalistisches System, das Hierarchien, Sitte und Staatsmoral hochhielt. In der patriarchalen Gesellschaft hier wie dort galt das Weibliche wenig. Gleichzeitig herrschte eine ausgeprägte Prüderie, die durch Wilhelms Protestantismus noch bekräftigt wurde. Diese verklemmte Haltung reibt sich mit dem Urtext, der die Sexualität als mächtigen Aspekt des Kosmos anerkennt und bejaht.
Darüber hinaus machte Wilhelm wohl auch Zugeständnisse an das naturwissenschaftliche Denken seiner Zeit, indem er sich in Vielem darauf beschränkte, die zutiefst esoterischen Hintergründe des I Ging nur anzudeuten.
Diese Verzerrungen mindern Wilhelms Leistung nicht. Sie sind die unvermeidbaren Begleiterscheinung jeglicher menschlichen Tätigkeit. Dennoch müssen wir uns bewusst machen, dass solche Filter existieren und dass ein überzeitliches Weisheitsbuch wie das I Ging niemals „fertig“ ist, niemals eine zementierte, absolute Form hat, auf die man sich berufen kann. Es lebt mit uns und verändert sich mit uns und unserer Zeit.
Die Schwierigkeiten der Übersetzung
Wilhelm stand bei seiner Übersetzung vor grundlegenden Problemen: Weder die chinesischen Schriftzeichen, noch die darin vermittelten Bilder sind eins zu eins in eine westliche Sprache transferierbar. Der Urtext gibt seinem Übersetzer solche Probleme auf, dass er jedem, der nicht darauf spezialisiert ist, größtenteils unverständlich bleibt.
Das beginnt schon damit, dass die chinesische Schrift sich ja als Bilderschrift entwickelt hat und von daher unmittelbar an unsere ganzheitliche, rechte Hemisphäre richtet, ganz anders als die Lautschriften aus unserem Kulturraum. Gleichzeitig sind ihre Schriftzeichen grundsätzlich mehrdeutig. Es gibt keine Unterscheidung nach grammatikalischem Geschlecht, nach Singular oder Plural. Und da auch Zeitangaben und Pronomen fehlen, schwebt der Text merkwürdig in der Luft. Die Urtexte des I Ging beschränken sich zwar meist auf nur sechs Zeichen, doch diese lassen sich auf viele verschiedene Weisen übersetzen – mit zum Teil gravierenden Abweichungen. Damit steht der Übersetzer vor einem tatsächlich unlösbaren Problem. Es ist fast, als hätte er einen Tintenklecks des Rohrschach-Tests vor sich, in den er die unbewussten Inhalte seines eigenen Geistes hineinprojiziert…
Neben der Unschärfe der Schriftzeichen sind auch viele spezifische Begrifflichkeiten, die im I Ging vorkommen, wenig fassbar. Schon bei der Übersetzung des Taoteking grübelte Wilhelm lange über dem Begriff „Tao“, auf dem ja die ganze Philosophie des I Ging aufbaut. Bei Laotse heißt es: „Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao“. Nur, wenn es nicht benannt werden kann, wie soll man es dann übersetzen? Wilhelm entschied sich für „der Sinn“. Andere Autoren wählten ähnlich vage Worte wie „der Weg“, „der Weltengang“ oder sie beließen es gar bei „das Tao“. Nun ist das I Ging voll von solchen Begriffen: Es spricht von „Edlen“ und „Gemeinen“, vom „großen Mann“ und vom „Überschreiten des großen Wassers“… All diesen Worten liegen komplexe Gedankengebäude und Konnotationsfelder zugrunde, die man kennen und verstehen muss, um etwas damit anfangen zu können. Auf den unvorbereiteten westlichen Leser wirken diese Texte deshalb erst einmal mysteriös bis unverständlich.
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