Himmel und Wasser gehen einander entgegengesetzt:
Das Bild des Streites.
So überlegt der Edle bei allen Geschäften, die er tut, den Anfang.
In diesem Bild wölbt sich der Himmel unerreichbar hoch über einer Wasserflut, die der Schwerkraft folgend immer nach den Niederungen strebt. Dieser gewaltige, zu allem entschlossene Himmel kennt keinen Zweifel. Das Wasser unter ihm stürzt aber immer wieder in Schluchten und steht damit für Gefahr. Wenn nun eine solche nach außen gekehrte Stärke einen klaffenden Abgrund im Unterbau hat, deutet sich ein heftiger Konflikt an. Zu einem guten Ende findet diese Konstellation nur, wenn die machtvolle Überzeugung des Himmels auch ihre Grenzen einsieht, sonst droht ihr der Absturz…
Wasser verkörpert die Dimension der Gefühle und Bedürfnisse, die aus unserem unbewussten seelischen Urgrund hochkommen und sich nicht um unsere bewussten Zielsetzungen scheren. Ihr Widerstand stellt für den Führungsanspruch des Himmels eine riskante Herausforderung dar, über die er sich am liebsten einfach hinwegsetzen möchte.
Wie Himmel und Wasser stehen auch zwei streitende Parteien auf entgegengesetzten Standpunkten und erheben dabei große Forderungen. Ihr Konflikt kommt daher, dass sie sich innerlich entfremdet und ihre Gemeinsamkeiten aus den Augen verloren haben. Im Streit erhalten sie nun die Gelegenheit, sich einander wieder anzunähern. Gerade wenn es sich um einen inneren Disput handelt, ist eine intensive Auseinandersetzung unvermeidbar, da wir keinen Frieden finden, wenn wir nicht allen beteiligten Anteilen gerecht werden.
Differenzen auf den Grund gehen
Der Streit: du bist wahrhaftig und wirst gehemmt.
Sorgliches Innehalten auf halbem Weg bringt Heil.
Zu Ende führen bringt Unheil.
Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.
Nicht fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Zurzeit liegt innere und äußere Disharmonie in der Luft: Wir ecken bei anderen an oder liegen mit uns selbst im Clinch. Auf der Bühne unseres Bewusstseins streiten verschiedene Wesensanteile. Mit manchen davon identifizieren wir uns, während andere in den Schatten oder in die Projektion verbannt sind. Die widersprüchlichen Überzeugungen, die da zutage treten, versetzen uns in Stress und provozieren äußere und innere Konflikte.
Ganz allgemein entsteht Streit, wenn jemand, der überzeugt ist, Recht zu haben, auf Widerstand stößt. Dann kommt es zum Kampf, da das Ego nicht anerkennen will, dass die persönliche Wahrheit des anderen ebensoviel Daseinsberechtigung hat wie seine eigene.
Im Streit ist die Wahrheit also in zwei Lager gespalten. Dieser feindselige Antagonismus kann nur von einer übergeordneten Instanz (dem großen Mann) entgiftet werden. In der Außenwelt kann das ein kompetenter Ratgeber oder gerechter Schiedsrichter sein, bei innerer Uneinigkeit ist unser wahres Selbst gefragt, das sich nicht in die Händel des Ego verstricken lässt. So eine unparteiische Autorität kann uns die versteckten Hintergründe des Streitfalls bewusst machen. Ihre objektive Neutralität wird dafür sorgen, dass sich die Heftigkeit legt, mit der wir auf unser Recht pochen. Denn egal wie sehr uns jemand widerstrebt, wir dürfen uns nie zum Richter über andere aufschwingen. Die Wahrheit braucht niemanden, der für sie streitet - sie überzeugt ganz ohne unsere Schützenhilfe! Deshalb sollten wir freiwillig das Kriegsbeil begraben und unserem Kontrahenten auf halber Strecke entgegenkommen. Wenn wir unsere Sichtweise schlicht und sachlich zum Ausdruck bringen, finden wir vielleicht Kompromisse, die unseren schwelenden Groll beschwichtigen. Sollte die Klärung der Positionen jedoch zu keinem Ergebnis führen, ist Rückzug die klügste Strategie, damit die Sache nicht eskaliert.
Im Streit wird die Wahrhaftigkeit tief verdunkelt. Zugleich kommen Dinge ans Licht, aus denen wir viel über uns lernen können: Wir treten ja gerade dann hart und massiv nach außen auf, wenn aus unserem Unbewussten etwas aufsteigt, was unser Selbstbild bedroht. Fast automatisch wird alles, was nicht dazu passt, ausgeklammert und in den Schatten gedrängt. Unbewusst versuchen wir, diese abgelehnten Anteile loszuwerden, indem wir sie auf andere projizieren - mit dem Ergebnis, dass wir diese Menschen ablehnen und meinen, uns gegen sie verteidigen zu müssen. So schlittern wir aktiv oder passiv in Machtspiele, die letztlich nur unser eigenes zerstrittenes Innenleben widerspiegeln und daher auch nicht auf der äußeren Ebene gelöst werden können. Wir dürfen uns jetzt also keinesfalls hinreißen lassen, zurückzuschlagen, selbst wenn wir uns ungerecht behandelt und angegriffen fühlen. Wenn wir stattdessen innehalten und unter die Oberfläche schauen, werden wir entdecken, dass so manches, was wir unserem Gegenspieler anlasten, eigentlich auf unser eigenes Konto geht.
Bei unseren inneren Zwistigkeiten sieht das Bild ganz ähnlich aus: Immer wenn wir uns insgeheim unsicher fühlen, versuchen wir unser Gleichgewicht wiederherzustellen, indem wir demonstrative Entschlossenheit hervorkehren. Unser Verstand fürchtet unsere rumorenden irrationalen Bedürfnisse und möchte sie am liebsten rücksichtslos wegfegen. Doch wenn wir unsere wahren Regungen unterdrücken, warten sie nur auf einen unkontrollierten Moment, um sich explosiv zu entladen. Von daher sollten wir dieses innere Minenfeld entschärfen, indem wir uns mit erhöhter Achtsamkeit unserer Widersprüche annehmen und sie erst einmal bewusst wahrnehmen. Die größte Herausforderung ist dabei, die Mitte zu halten – doch liegt hier unsere einzige Sicherheit. Rechthaberei und Schuldzuweisung bringen uns keinen Schritt weiter – im Gegensatz zu ruhiger Gefasstheit und Vermittlungsgeschick. Die Dinge werden sich normalisieren, sobald wir uns klar machen, dass echte Stabilität erst durch Erfahrung und Reife, und nicht durch Überzeugungsarbeit entstehen kann. Die Lösung liegt also nicht auf der Ebene der äußeren Durchsetzung, sondern im Loslassen eingefahrener Denkmuster.
Allgemein gesehen ist dieser Lebensabschnitt denkbar ungünstig, um irgendwelche Risiken einzugehen - die Lage ist viel zu unberechenbar. Wir sollten tunlichst vermeiden, das große Wasser zu durchqueren – also bindende Entscheidungen zu treffen oder wichtige Projekte in Angriff zu nehmen. Damit derlei gelingt, bedarf es unserer vereinigten Kräfte, die wir im Augenblick nicht zur Verfügung haben.
Innere Uneinigkeit
Jeder äußere Streit beruht auf einem inneren Konflikt: Wir sind zerrissen, weil unsere Glaubenssätze und „heiligen“ Überzeugungen nicht mit unserer innersten Wahrheit vereinbar sind. Das streitlustige Ego lenkt uns von dieser essenziellen Tatsache ab und schmeichelt uns stattdessen damit, dass wir im Recht und die anderen im Unrecht seien. Es möchte seinen Willen durchsetzen und sucht einen Sündenbock, dem es die Schuld an seiner Misere geben kann. Wenn unser falsches Selbst so aufdreht, kann die Stimme des Heiligen Geistes nicht mehr zu uns durchdringen. Früher oder später wird unsere eifernde Empörung ausbrennen, sodass wir, oft nach einem schmerzhaften Prozess, zur Demut zurückfinden. Vorerst aber macht uns unsere selbstgerechte Kampfstimmung blind dafür, dass unsere Konflikte auf einen grundlegenden Irrtum über Richtig und Falsch zurückgehen. Wir haben ja alle im Lauf unserer Biographie bestimmte kollektive Regeln und Überzeugungen als absolut gültig übernommen und fordern sie nun auch bei anderen ein. Dabei versagen auch wir selbst angesichts dieser übermenschlichen Ideale und können es uns dann selbst nicht verzeihen. Doch mit Vorwürfen und Selbstvorwürfen sind wir auf dem falschen Weg. In Wirklichkeit machen wir alle ja nur dann einen Fehler, wenn wir gegen die kosmische Ordnung und unsere innerste Wahrheit verstoßen. Dann liegt die Ursache aber nicht in einem so genannten „Bösen“, sondern in unserer von Illusionen verzerrten Sichtweise, die uns Dinge tun lässt, die unserer Natur widersprechen. Zu diesen fatalen Täuschungen gehört vor allem die fixe Idee, die Dinge sollten nach unseren Vorstellungen laufen - obwohl der Kosmos ganz andere und weisere Pläne hat. Hier verrennt sich das Ego nur allzu oft. Eine gute Lösung ist nur mit dem Beistand des Heiligen Geistes zu finden.
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