„Nein, sie war sofort tot, hat sich wohl beim Überschlagen das Genick gebrochen. Wir wurden ganz offiziell von ihrem Familienanwalt oder wie man diesem Herren nennen soll, informiert. Du weißt schon, dieser arrogante Schnösel, den sie zu Papas Beerdigung mitgeschleppt hat." Theresa Twiete machte eine bedeutungsvolle Pause. Sowohl aus rein praktischen Gründen, um Luft zu holen als auch um der Beerdigung vor nun bald sechs Jahren angemessen Rechnung zu tragen. Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes, der im Alter von 62 Jahren ganz unpassend in den Armen seiner Verkaufsleiterin und Geliebten einem Schlaganfall erlegen war, hatte Theresa Twiete sich eine passende Geschichte zur Erklärung und zwecks mentaler Nachbearbeitung bereitgelegt, die sie über die Jahre mit ständig neuen Details erweiterte und verbesserte und die mittlerweile so überzeugend wirkte, dass sie selbst daran glaubte. Theresa Twiete, geliebte Ehefrau und Mutter von vier Prachtkindern „der Apfel fällt ja bekanntermaßen nicht weit vom Stamm“, wird nach 34-jähriger glücklicher Ehe „stellen Sie sich mal vor, genau an unserem Hochzeitstag fällt er mir um, das hat ja schon fast was Symbolisches,” brutal aus dem ehelichen Idyll gerissen, steht ganz alleine und hilflos da, ist oft am Ende ihrer Kräfte, gibt aber nicht auf, sondern kämpft sich durch. „Um der Kinder willen, auch wenn sie schon alle aus den Windeln raus sind.“ Glockenhelles Lachen. „Und weil Heinrich es so gewollt hätte.” Marthe hatte diese mütterlichen Phantasiegeschichten, in der die Realität soweit wie möglich ausgeklammert oder bis zur Unkenntlichkeit geschönt wurde, anfänglich gehasst und fühlte sich jedes Mal peinlich berührt, wenn sie bei Geburtstagen und an Fest- und Feiertagen Zeuge der mütterlichen Geschichtsbereinigung wurde. Besonders, weil sie wusste, dass die meisten der Anwesenden die Wahrheit kannten oder zumindest die Gerüchte, die kursierten. Ihre Mutter mit glühenden Wangen „ach nein danke, bloß keinen Kaffee mehr, bin schon ganz überdreht", im Kreise ihres Fanklubs, in dem nur ein paar gleichaltrige Damen mit Witwenstatus aktiv versuchten, mit ihren eigenen, bei weitem weniger spektakulären Todesfällen etwas von der Aufmerksamkeit zu erheischen, die Frau Twiete gerne 100% für ihre Person beanspruchte. Der Rest des Publikums interessiert lauschend, den Kuchenteller balancierend, und zwischen zwei Bissen Torte mit aufmunternden Kommentaren wie „nein wirklich und er sah ja auch immer so gesund aus, grausam so mitten aus dem schaffenden Leben gerissen", oder „Sie Ärmste, gerade wo sie endlich mal Zeit für sich selbst gehabt hätten, mit den Kinder aus dem Haus." Irgendwann befolgte Marthe Markus brüderlichen Rat, der ihre giftigen Bemerkungen über das zweifelhafte mütterliche Gedächtnis mit einem trockenen „was willst du eigentlich, andere rennen zweimal in der Woche zum Psychiater, unsere Mutter macht ihre Traumenbearbeitung selbst, dazu noch gratis und wie man sieht mit Erfolg“, kommentierte. „Wenn das ihre Methode ist zu verdrängen, dass unser Vater jahrelang eine andre Frau gevögelt hat, kann sie von mir aus dichten und erfinden soviel sie will, Hauptsache sie ist glücklich dabei.”
„Und hätten wir der Liebe nicht”, Pastor Neumanns tiefer Bariton drang problemlos von der Kanzel bis in die letzte Reihe der deutschen Kirche vor, die, ungewöhnlich für einen Dienstagvormittag, brechend voll war. Außer der nächsten Familie in den beiden vorderen Reihen, kannte Marthe fast niemanden aus der großen Schar der Trauernden, in der augenscheinlich alle Alters- und Sozialklassen vertreten waren. Leicht eingetrocknete ältere Damen mit lila Dauerwelle eingehüllt in perfektes Make-up und elegante Pelzmäntel begleitet von befrackten Herren mit kräftigem Bauchansatz und dünnem Haarschopf, durch den leberfleckige Kopfhaut schimmerte. Solide, leicht übergewichtige Mittvierzigerinnen in praktischen Windjacken über Röcken, deren elastischer Bund maximale Bewegungsfreiheit garantierte und mit kräftigem Schuhwerk mit geländegängiger Profilsohle. Männer in unspektakulärem Bürooutfit, das sich oft nur in der Wahl der Schlipsfarbe von dem des Banknachbarn unterschied. Zu Marthes großem Erstaunen war auch eine Gruppe Teenager in abenteuerlichen Gewändern, farbenfrohen Frisuren und alternativem Make-up erschienen, die wahrscheinlich aus irgendeiner der zahlreichen sozialen Organisationen stammte, in der ihre Tante sich mit Spenden oder persönlich engagiert hatte. Der Gottesdienst hatte gerade erst begonnen, aber Marthe putzte sich schon zum dritten Mal diskret die Nase. Kirchliche Amtshandlungen, egal ob Hochzeit, Taufe oder Beerdigung übten stets einen unfehlbaren Effekt auf ihre Tränendrüse aus. Ihr Schniefen hatte nur wenig mit Trauer um ihre verstorbene Tante zu tun, sondern kam als spontane physische Reaktion so wie beim Löffeln von heißer Suppe. Auch wenn Marthe sich das nie eingestanden hätte. Eigentlich fühlte sie sich wohl, ja fast zufrieden und abgeklärt hier in der festlich geschmückten warmen Kirche mit dem überwältigenden Blumenduft, den die im Mittelgang arrangierten Sträuße und Kränze aussandten. Endlich mal wieder ein guter Anlass, um in Ruhe ein bisschen zu heulen. Das hatte sie zuletzt vor ein paar Monaten bei irgendeinem schmalzigen Liebesfilm getan, an dessen Titel sie sich nicht mehr erinnern konnte. Durch die klaren hohen Fenster des Kirchenschiffes konnte sie die vorbeiziehenden dicken, grauen Wolken am zerfetzten Novemberhimmel und das Kommen und Gehen der Graupelschauer verfolgen, die ab und an wie Kieselsteine gegen das Glas prasselten. Während draußen der erste Wintersturm über die Stadt fegte und Regen, Blätter, Plastiktüten und gelegentlich lose Dachpfannen durch die Luft jagte, herrschte im von riesigen Messingkronleuchtern erhellten Kirchenschiff Andacht und Frieden. Der vor dem Altar aufgebahrte Sarg, der unter einem dichten Teppich aus roten und weißen Blumen fast verschwand, wurde beidseitig von jeweils drei Logenschwestern als Ehrenwache flankiert. Marthe schätze die beiden ältesten unter ihnen auf Ende siebzig und bewunderte ihre Standhaftigkeit. Sie mussten ihre Tante wirklich sehr gemocht haben, wenn sie das hier so steifbeining über sich ergehen ließen. Und Tante Wilhelm musste ihrerseits Marthe sehr gemocht haben, sonst hätte sie ihr wohl kaum das Haus hinterlassen, an dem sie selbst so gehangen hatte. Alle waren in irgendeiner Weise testamentarisch bedacht worden, ihre Geschwister, ihre Mutter, die Familie ihres verstorbenen Mannes, Organisationen und Institutionen. Alle hatten eine Scheibe vom Kuchen, der sich als sehr viel größer als vermutet erwiesen hatte, abbekommen. Tante Wilhelm war mehr als nur wohlhabend, Tante Wilhelm war reich gewesen. Sogar Theresa Twiete, die sich aufgrund des äußerst gespannten Verhältnisses zur Schwägerin keinen Illusionen über eine eventuelle Erbschaft hingegeben hatte, konnte sich eines positiv überraschten „na ja, zwar 35 Jahre zu spät, aber immerhin", nicht enthalten, als sie blitzschnell ihren eigenen Erbanteil in harte D-Mark umrechnete.
Solange Marthe sich erinnern konnte, hatte man bei ihr zuhause von Tante Wilhelms Wohlstand gesprochen. Zu einer Zeit Anfang der 50er Jahre, als die meisten Deutschen nur sehr langsam mit dem, was die Nachwelt gemeinhin als Wirtschaftswunder bezeichnete in Berührung kamen und ein großer Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung wirtschaftlich nur bescheidene Fortschritte machte, Wohnraum noch rationiert war und Autofahren für den Durchschnittsdeutschen, wenn überhaupt, im Taxi stattfand, sprach man fast andächtig über Tante Wilhelms großes Haus in Kopenhagen, ihre Haushälterin, teuren Autos und Auslandsreisen. Aus ihren Kinderjahren erinnerte Marthe sich an die absolut nicht für Kinderohren bestimmten und daher umso interessanteren abendlichen Gespräche und Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern. An Theresa Twietes Vorwürfe, weil Heinrich Twiete sich weigerte, seine Schwester um Geld anzupumpen. Stattdessen lieber teure Kredite aufnahm, die die empfindliche Balance von Einnahmen und Ausgaben im Twieteschen Haushalt nachhaltig störten. „Ich bin erwachsen, bin mein eigener Herr und habe nicht vor, mich an den Rockzipfel meiner großen Schwester zu hängen”, pflegte ihr Vater in diesen immer nach den gleichen Muster ablaufenden Gesprächen in erkämpft ruhigem Ton zu antworten, woraufhin ihre Mutter stets mit verächtlichen verbalen Hieben konterte. Sein wahrlich nicht imponierendes Einkommen, seine Mittelmäßigkeit und seinen fehlenden Ehrgeiz beklagte. Marthe erinnerte sich eigentlich mehr an den abfälligen Ton als an den Inhalt dessen, was Theresa ihrem Gatten in diesen abendlichen Auseinandersetzungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit vorzuwerfen pflegte. Fast alle Diskussionen endeten mit der mütterlichen Standardanklage, dass ihr Vater nicht in der Lage sei, seine Familie anständig zu versorgen. Auf jeden Fall nicht ausreichend, um ihr - Theresa Twiete - ein Leben auf dem Niveau zu bieten, das ihr zustand. Dass es eigentlich nur ihrer Sparsamkeit und Opferbereitschaft zu verdanken war, dass man nicht am Hungertuche nagte. Im Laufe der Zeit lernte Marthe, die verschiedenen zum Kampf eingesetzten Elemente zu erkennen und zu unterscheiden. Sie konnte anhand der mütterlichen Stimmlage beurteilen, in welcher Phase sich die elterlichen Streitgespräche gerade befanden und kannte die Patt-Situationen, die stets in einem mehrtägigen Schweigen auf beiden Seiten resultierten. Irgendwann hatte Marthe aufgehört, sich Sorgen über eine eventuelle Scheidung ihrer Eltern zu machen und stattdessen beschlossen, Auseinandersetzungen und bittere Vorwürfe dieser Art als natürlichen Teil des elterlichen Ehealltags zu akzeptieren. Einer Sache war sie sich damals ganz sicher: Sie würde niemals heiraten, das gab nichts als Ärger. Nein, lieber wollte sie für sich alleine in einer der schönen hellen Neubauwohnungen mit modernen Möbeln leben, so wie ihre Lieblingstante Uschi, die jüngste Schwester ihrer Mutter. Die arbeitete in einem Anwaltsbüro, lachte viel, ging tanzen, schminkte sich, hatte eine elegante Garderobe und war mindesten einmal in der Woche beim Friseur. Wenn Marthe sie besuchte und manchmal an einem Wochenende bei ihr übernachten durfte, gab es exotische Gerichte wie Spaghetti mit geriebenem Parmesankäse, dessen Geruch Marthe immer ein bisschen an Erbrochenes erinnerte und sie durfte alle Tante Uschis Lippenstifte ausprobieren. Tante Uschi hatte viele Freundinnen und Bekannte und einen festen Freund, der auch oft bei ihr war, wenn Marthe sie besuchte. Er war viel älter als ihr Vater, arbeitete bei der Volkszeitung und brachte stets Blumen, Bücher, Schallplatten oder eine Schachtel Pralinen mit, wenn er sie besuchte. Tante Uschi und Onkel Joachim konnten stundenlang heftig über Politik, Zeitungsartikel oder neue Bücher streiten, ohne sich dabei jemals so in die Haare zu geraten wie Marthes Eltern. Marthe liebte diesen Onkel Joachim, weil er sie im Gegensatz zu den meisten anderen Erwachsenen einschließlich ihrer eigenen Eltern ernst nahm. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Erwachsenen offen seine eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler einräumte. Manchmal lud er Uschi und Marthe sonntags zum Essen in ein Restaurant in der Stadt ein oder in ein Cafe, wo Marthe die teuerste Torte bestellen durfte und Kakao mit Sahnehaube. Wenn Tante Uschi ihn bei solchen Gelegenheiten manchmal ein glückliches „Achim, du verwöhnst uns aber wieder nach Strich und Faden”, zuflüsterte, bekam er oft diesen merkwürdigen Blick, tätschelte ihre Hand und murmelte irgendetwas, was sich wie Karpfen anhörte und sich bei späterem Nachfragen als carpe diem erwies. An einem solchen Wochenende beschloss Marthe, dass ihr Freund einmal so sein sollte wie Onkel Joachim und ihre Beziehung auf keinen Fall so wie die ihrer Eltern.
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