Littmann: Es ist ein mulmiges Gefühl, wenn das ganze Rostocker Stadion "Scheiß St. Pauli" schreit, nicht nur ein Block. Da kann einem angst und bange werden. Die jetzige Führung von Hansa versucht aber alles, von ihrer Vorgängerin hörte man nur Lippenbekenntnisse. Auch Dynamos Verzicht auf die Auswärtstickets für das Spiel am Millerntor war ein löbliches Signal.
ZEIT ONLINE: Aber Rechtsradikalismus ist nicht nur ein Ost-Phänomen.
Littmann: Nein, aber dort scheint es mir offensichtlicher. In den alten Ländern geschieht das oft verdeckter, dort fließen die Grenzen von gewalttätigen Fans zum Rechtsradikalismus. Ich bin stolz darauf, dass der FC St. Pauli seit Jahrzehnten einen energischen Kampf gegen Rechts führt. Bei uns haben Nazis keine Chance.
ZEIT ONLINE: Noch mal weg vom Fußball. Tut der Rest der Gesellschaft genug?
Littmann: Viele Menschen an der Basis arbeiten sehr sensibel mit dem Thema, ich denke etwa an Lehrer. Die politischen Führungen der vorigen fünfundzwanzig Jahren zeichnen sich jedoch durch unterschiedliche Qualität und unterschiedliches Engagement aus. Herzog, Rau, Weizsäcker gingen sehr angemessen mit dem Problem um. Kohl verniedlichte es immer.
ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Gefahr für die Zukunft unseres Landes?
Littmann: Mit dumpfen Nazi-Parolen erreicht man nur eine Minderheit. Wenn der rechte Populist aber in modernem Gewande auftritt, wie etwa in Frankreich oder Italien, hat er große Aussicht auf Erfolg. Ich habe es in Hamburg vor meiner Tür erlebt. Ronald Schill hat mit seinen Law-and-Order-Parolen fast zwanzig Prozent der Wähler erreicht.
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Katja Kraus
"Bislang habe ich zu Guttenberg nicht vermisst"
Henry Maske, Take That, Michael Schumacher und nun zu Guttenberg: Im Alles-Außer-Fußball-Interview über Comebacks sagt Katja Kraus, wo sie zuletzt abgeschrieben hat.
VON STEFFEN DOBBERT
ZEIT ONLINE:Frau Kraus, was war Ihr größter Fehler?
Katja Kraus:Na Sie steigen ja freundlich ins Gespräch ein. Ich habe eine Menge Fehler gemacht und jeden Tag kommen welche hinzu, fürchte ich. Aber ich habe keine Top-Ten-Rangliste dafür.
ZEIT ONLINE:Wann haben Sie zuletzt abgeschrieben?
Kraus:In der Schule bei meinem Sitznachbarn. Danach höchstens Rezepte aus einem Kochbuch.
ZEIT ONLINE:Freuen Sie sich, wenn Karl Theodor zu Guttenberg ein Comeback gelingt?
Kraus:So weit ist es ja noch nicht. Zunächst ist er erst mal wieder auf die medialen Bühne zurückgekehrt. Ob er ein politisches Comeback anstrebt, hat er ja offen gelassen. Aber die Art und Weise seiner Positionierung verfolge ich mit Interesse.
ZEIT ONLINE:Was beeindruckt Sie?
Kraus:Diese Inszenierung hat viele interessante Aspekte. Zunächst natürlich die Art und Weise der Rückkehr, die inhaltliche Position, die konsequente Einhaltung der Verteidigungslinie. Spannend sind auch die Reaktionen der verschiedenen Medien. Ich bin sehr gespannt, auf die weitere Entwicklung.
ZEIT ONLINE:Unter welchen Umständen kann man eine Entschuldigung annehmen?
Kraus:Für mich ist entscheidend, ob in einer Entschuldigung eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln und dessen Wirkkraft sichtbar wird. Allzu oft ist eine Entschuldigungen nur eine Höflichkeitsfloskel.
ZEIT ONLINE:Hätte zu Guttenberg ein Comeback verdient?
Kraus:Womit kann man sich ein Comeback verdienen? Es gibt Menschen, über deren Rückkehr ich mich freue, weil ich sie vermisst habe oder weil sie einer Sache etwas zu geben haben.
ZEIT ONLINE:Was ist Ihr größter zunächst verheimlichter Fehler?
Kraus:Es gab es bestimmt einige, die mir so unangenehm waren, dass ich für einen Moment hoffte, sie könnten unentdeckt bleiben. Das gelingt allerdings in der Regel nicht.
ZEIT ONLINE:Sind Sie ein Mensch, dem es schwer fällt, Fehler zuzugeben?
Kraus:Ich kenne niemanden, dem es leicht fällt Fehler einzugestehen. Und es gibt Faktoren, die Offenheit zusätzlich erschweren, wie Unsicherheit oder Druck. Aber ein selbstverständlicherer Umgang mit der Zwangsläufigkeit von Fehlern in beruflichen und auch privaten Zusammenhängen würde manches erleichtern. Ich glaube, in Anerkenntnis dessen, dass die allermeisten Fehler und Unzulänglichkeiten ohnehin offenbar werden, fällt es mir nicht so schwer.
ZEIT ONLINE:Wieso brauchen einige Menschen scheinbar ein Comeback? Weshalb fährt Michael Schumacher immer noch mit einem Auto im Kreis?
Kraus:Vielleicht weil er Spaß daran hat. Vielleicht weil er festgestellt hat, dass es das ist, was er am besten kann. Vielleicht weil ihm das Adrenalin fehlt. Es gibt so viele Motivationsfaktoren, auf die bekannte Bühne, in bewährte Muster zurückzukehren. Interessant ist die Frage, ob man dabei noch dem gleichen Qualitätsanspruch folgt oder ob die Erfolgsschablone gar nicht mehr passt und es eine neue Form der Erfüllung gibt.
ZEIT ONLINE:Haben Sie eigentlich auf das Comeback von Take That gewartet?
Kraus:Da bin ich komplett unberührt. Ich habe wohl wahrgenommen, dass es eine Menge Menschen erstaunlich geschmerzt hat, als sich die Band trennte. Deshalb ist es doch schön, dass sie sich nun wieder mögen und zusammen singen.
ZEIT ONLINE:Waren Sie bewegt, als Henry Maske nach zehnjähriger Pause noch mal erfolgreich zuschlug?
Kraus:Nein, bei allem Respekt vor dem Sportler Henry Maske, aber das war mir allzu sehr vom TV-Sender forciert.
ZEIT ONLINE:Mickey Rourke mit dem Film The Wrestler?
Kraus:Mickey Rourke ist ein großartiger Schauspieler. Aber war das ein Comeback? Er hat doch nie mit seinem Beruf aufgehört, sondern war vielmehr eine Weile durch seine Lebensführung auf Abwegen. Ich fand es schön, dass er wieder sichtbar wurde, ihn hätte ich vermisst.
ZEIT ONLINE:Würde Sie zu Guttenberg auch vermissen?
Kraus:Bislang hatte ich ihn nicht vermisst.
ZEIT ONLINE:Glauben Sie, es gibt beim HSV Menschen, die Sie vermissen?
Kraus:Ja, ich denke schon und ich finde das auch schön. Wenn man mit Menschen gemeinsam etwas bewegt, noch dazu, wenn es eine Herzensangelegenheit ist, dann schafft man etwas, das bleibt.
ZEIT ONLINE:Wenn Sie die Möglichkeit hätten: Würden Sie ein Comeback beim HSV wagen?
Kraus:Das ist keine Frage des Wagemutes. Ich glaube, dass die Führungszyklen in Branchen mit solch rasanter Entscheidungsgeschwindigkeit, erheblicher Emotionalität und einer permanenten öffentlichen Bewertung kürzer werden. Ich hatte beim HSV eine phantastische Zeit, in der wir viel gestaltet und erreicht haben. Aber jede Aufgabe hat ihre Phasen. Und für die Sache und für die Menschen ist es gut, wenn es immer mal wieder neue Impulse gibt.
ZEIT ONLINE:Träumen Sie nicht manchmal von einem Comeback?
Kraus:Bislang konnte ich mir nicht vorstellen, irgendwohin zurückzukehren, wenn ich dort schon einmal abgeschlossen hatte. Na ja, vielleicht wäre ich für die WM in diesem Jahr noch mal ins Fußballtor zurückgekehrt.
ZEIT ONLINE:Was tritt eher ein: Ihr Comeback als Nationaltorhüterin oder zu Guttenbergs Kanzlerkandidatur?
Kraus:Das ist eine leichte mathematische Aufgabe, denn da ich sicher weiß, dass ich nicht mehr Fußball spielen werde, ist die Wahrscheinlichkeit der Kanzlerkandidatur zwangsläufig größer.
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