Verleugnung von Verantwortung; Umkehrung von Schuldverhältnissen; Irreführung und permanentes Unterbrechen der Wahrnehmung (durch Werbung im Fernsehen; durch falsches Zitieren wie bei Eva Herman; durch Lücken in Gesetzen, die Wiedereinstieg in eine Schule oder ins Berufsleben verzögern oder verhindern, aber gesagt werden kann, man habe ja ein Gesetz, das bestimmte Dinge ermögliche; durch mangelnde Bekämpfung der Hintergründe und der Basis des Drogenverkaufs: Psychische Schäden durch Drogenmissbrauch haben sich in wenigen Jahren verdoppelt: 2003 waren es 2050 Minderjährige und 2007 bereits 4000! (Ruhr Nachrichten, 3.8.2009) Jugendliche werden hart bestraft, die Dealer nicht festgesetzt!!!
Unterbrechung der Wahrnehmung gilt in anderen Zusammenhängen als Foltermethode und erlangte bittere Bekanntheit; Zerstreuung der Wahrnehmung und gelenkte Fokussierung aufgrund notwendiger Veränderungen der Lebensstrukturen, ausgelöst von politischen und wirtschaftlichen Ereignissen (z. B. Arbeitslosigkeit); Überforderung der Wahrnehmung durch Konkurrenz und Wettbewerb aufgrund ständiger Preisvergleiche und Umstellungen von Tarifen; Informationsüberflutung durch Medien, die ständig neue Technologien hervorbringen und im beruflichen Bereich zu Überforderungen führen und vor allen Dingen eines tun: Zeit fressen; ständige Erhöhungen von Strom und Ölpreisen; immer wieder Einführung neuer Steuern, die eigene Zukunftsplanungen hinfällig werden lassen; Zerreißen von Lebensstrukturen und Plänen für Kinder und Jugendliche aufgrund wirtschaftlicher Veränderungen bei den Eltern; Migrationsprobleme in den Schulen; Dauerstress ob der Ungewissheit hinsichtlich politischer wie wirtschaftlicher Entwicklungen; Naturkatastrophen mit unabsehbaren Folgen; Wirtschaftsskandale; Bankenskandale; politischer Druck durch ständige Kontrollen in allen Bereichen des Lebens; politische Unsicherheit bezüglich der Anti-Terror-Maßnahmen; Beschneidung der Bürgerrechte; politisch erzwungenes Vertrauen, obwohl man keines mehr hat; ständige gesetzliche Neuerungen, bis niemand mehr im Lande weiß, was eigentlich Gesetz ist; Verbreitung von Halbwahrheiten – auch in den Medien. Andererseits ist die Pressefreiheit bedroht.
Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland wird in jeder Hinsicht, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, in zig verschiedenen Situationen in Unsicherheit und Existenzängste hineinkatapultiert.
Die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen. Zum Beispiel durch das beliebte Mobbing mittels alter (Tuscheln hinter dem Rücken, Ausgrenzen, Demütigen, Verletzen durch Abwertung etc.) und neuer Methoden wie Handy-Mobbing mittels Übersendung von Bildern der Betroffenen oder Bilder, die den Opfern in Schulen (oder auch anderswo) zugeschrieben werden.
Die Fragekultur der Behörden liegt unmittelbar neben der Sache wie dem seelisch zu Erleidenden der Opfer, die dann auch noch insistierend befragt werden, ob das zum Beispiel im Foto abgebildete weibliche Genital nicht doch von ihnen „in einer dunklen Ecke“ gemacht worden wäre.
Eine Kultur der Falschbeschuldigungen greift um sich, wie Dr. Ina Holznagel, Pressesprecherin der Dortmunder Staatsanwaltschaft, in der WR 3.11.2007 mitteilt: Zu unrecht Beschuldigte und echte Opfer . Für Mobbingopfer sei nun eine Fachdienststelle mit Experten und eine Opferschutzbeauftragte bestellt, die telefonisch zu erreichen ist. Ein ministerieller Runderlass regelt Weichenstellungen. (Vgl.: Petra Kappe, „Der schwere Weg zur Polizeiwache“. In: WR, 3.11.2007)
Festzuhalten bleibt zweierlei: Wenn es sich um Einzelfälle handelte, dann gäbe es erstens keine ministerielle Initiative. Und zweitens werden „Werteerziehung und Gewaltprävention“ dann zum Einsatz gebracht, wenn es bereits vielfältig und umfangreich Opfer gibt.
Folglich ist weiterhin Misstrauen vorprogrammiert. Erst werden statistisch belegte Zahlenkolonnen gesammelt und dann wird etwas getan – meist aber nur halbherzig und nur für wenige, die enge Maschen der Gesetze für sich nutzen können. Es wird auch hier an den Schäden, an den Symptomen, angesetzt, aber nicht an den Ursachen!
Diese Entwicklungen sind seit Jahren aus dem wissenschaftlichen Material der entsprechenden Forschungen heraus-lesbar gewesen: Ob Fernsehgewohnheiten oder Fernsehinhalte, Verbreitung von Handys, Markenideologien oder sonstiges. Zusätzlich sorgen neue Technologien für Zusammenkünfte fern jeglicher menschlicher Begegnung via Internet mittels sozialer Netzwerke, Mail, Spam, Blogg, Twitter, SMS und zusätzlich Nachrichten jeglicher Art, die gezielt gesucht werden: Informiertheit schwemmt eine Formel in die Lebenszeit, die nicht selten kurzlebiges und schnell veraltertes Wissen in bare Münze der Repräsentanten oder deren Nutznießer umsetzt und/oder zusätzlich ein persönliches, aber abstraktes Gefühl der Wichtigkeit vermittelt.
Eines geht dabei unwiederbringlich verloren: Lebenszeit und Lebensenergie. Eine Beschäftigung mit neuen Technologien ist sicherlich spannend und unterliegt sicherlich bis zu einem gewissen Grad der Selbststeuerung, weicht aber in zahlreichen Fällen dennoch einem nicht weg zu diskutierendem Druck: dem gesellschaftlichen Gruppendruck, dabei zu sein.
Geert Lovink (FAZ) zitiert Berardi in seiner Aufsatzsammlung „Precarious Rhapsody“ (2009): „’Der Cyberspace ist theoretisch unendlich, die Cyberzeit ist es nicht. Als Cyberzeit bezeichne ich die Fähigkeit des bewussten Organismus, Informationen (aus dem Cyberspace) zu verarbeiten.’ Flexibilität in der Netzökonomie hat zu einer Fragmentierung der Arbeit geführt, zu befristeter Zeitarbeit. Uns allen ist diese Fragmentierung der Arbeitszeit bekannt. ‚Psychopathische Störungen’, schreibt Berardi, ‚treten heutzutage immer klarer als soziale Epidemie auf, genauer als soziokommunikative Epidemie. Wer überleben will, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten.’“ (Geert Lovink in FAZ, 21. Juni 2010, Nr. 140, Seite 27)
Berardi, Psychoanalytiker, empfiehlt, wie Lovink im Artikel mitteilt, Mark Fishers Studie „Capialist Realism“ (2009), “in der beschrieben wird, was passiert, wenn die Postmoderne sich eingebürgert hat. Junge Menschen sehen, dass nichts mehr möglich ist. Sie spüren, dass die Gesellschaft auseinanderbricht und sich nichts ändert. Fisher bezeichnet diese Haltung als ‚reflexive Impotenz’. (...) Das Heranwachsen in einer alles beherrschenden Medienwelt verändert das Verhältnis zwischen Körper und Psyche.“ (FAZ, 21. Juni 2010, Nr. 140, S. 27)
Sprich, Gesellschaft und Mensch brechen auseinander. Weder findet die Gesellschaft, repräsentiert und geformt durch Politik, Ökonomie und auf übergeordneter Ebene durch wissenschaftlich fixiertem Paradigma, zum Menschen. Noch findet der Mensch zu sich selbst, noch findet er Zugang zur Gestaltung von Gesellschaft und Leben. Noch findet er Zugang zu seiner Seele und seine Psyche. Er hat zu manövrieren zwischen den unterschiedlichen technologischen und kulturellen Ebenen und dafür zu sorgen, dass er, der Mensch, nicht untergeht. Eine Paradoxie reiht sich an die nächste: Freiheit in festgelegten Strukturen, die weder Auswege, noch Zukunft eröffnen. Was nützt da die Wahl, die nur beschränkte Möglichkeiten eröffnet und einem Käfig gleicht?
Die Bürger haben gelernt, in einer Kultur zu leben, die maßgeblich durch vielfältig krankmachende Wettbewerbsprinzipen à la „Wo kein Kläger, da kein Richter“ geprägt ist – aber das „Wie sie damit leben“, zeigt in vielen Bereichen niederschmetternde, entwürdigende und krankmachende und in der Spitze, Leben und Lebensläufe zerstörende und bisweilen tödliche Konsequenzen.
Aber das ist ja, folgt man dem Grundaufbau der Politik in kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaften, eine andere Sache : Man muss eben stark genug sein, muss sich was einfallen lassen und persönliche Abwehrstrukturen aufbauen bzw. jeder habe eine Wahl, was er tue oder lasse.
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