»Was ist passiert?!«, rief sie aus.
Phelan fluchte lautlos, als er das Mädchen neben sich zusammenzucken und sich ducken sah. Jeldrik reagierte sofort, er sprang von seiner Stute und fing seine Schwester ab. »Jorid, warte! Bleib zurück!«
»Aber, was..?« Sie versuchte, an seiner Schulter vorbei einen Blick auf Phelan zu erhaschen.
Dieser war längst von seiner Stute herunter und hatte das Mädchen ebenfalls in Sicherheit vor dem Anblick der vermeintlichen Geisteraugen gebracht. »Es ist schon wieder fast verheilt«, rief er über die Schulter in ihre Richtung. Das Mädchen duckte sich hinter ihm. »Fürst, lasst uns..«
»Schleppst du schon wieder ein Mädchen an?!« Plötzlich stand Sylja vor ihnen. Das Mädchen sah mit schreckgeweiteten Augen auf. Die große Frau mit den in die Hüften gestemmten Armen war ein beeindruckender Anblick, nicht nur, wenn man sie das erste Mal sah. Sie musterte Phelan von oben bis unten. »Ich muss schon sagen..«
Phelan wusste sie längst zu nehmen. Er unterbrach sie einfach: »Bitte lass uns einen Moment in Ruhe, Sylja. Fürst, wir bringen sie in unsere Hütte, da ist sie erst einmal sicher und.. he, was ist denn nun..?« Alarmiert sah er sich um.
Die Wut und die Empörung der dunklen Leute, die in den anderen Siedlungen nur unterschwellig zu spüren gewesen war, trat hier mit einem Schlag zutage. Während dort nur wenige Geiseln waren, lebten in Saran weitaus mehr, und plötzlich waren die Heilerin und ihre Begleiter umringt und getrennt von den anderen, und die Sklaven verneigten sich alle, flüsterten ein Wort, immer und immer wieder.. »Yenene.. Yenene..«
Phelan und Sylja wurden von vielen Händen davongezerrt, die eindeutig nicht sanft mit ihnen umgingen, sie sogar traktierten, sodass Phelan zu Boden ging und Syljas schmerzhafter Aufschrei noch eher die Männer auf den Plan rief als die Warnrufe Bajans und Jeldriks. Was als freudige Begrüßung begonnen hatte, endete in einem wüsten Aufstand der dunklen Leute, den die Männer mit aller Gewalt unterbanden. Phelan wusste nicht, wie ihm geschah, so schnell ging alles, doch da half ihm eine kleine Hand auf und zog ihn in die Sicherheit einer Hüttenwand. Die Ethenierin keuchte mit schreckgeweiteten Augen, während sie sich an Phelan klammerte. »Sollen aufhören..«
»Ja, sollen sie!« Phelan rappelte sich mühsam auf. »Aufhören!«, brüllte er, und das Wort wurde von einer durchdringenden, hellen Stimme in einer fremden Sprache wiederholt. Bei diesem fremden Laut fuhren alle zu ihnen herum. Ungläubig starrten sie auf die beiden kleinen dunkelhäutigen Gestalten an der Hüttenwand.
Die Ethenierin rief etwas in ihrer Sprache: »Ich ihnen gesagt, freiwillig hier wegen dir«, erklärte sie leise.
Phelan sah, dass die Ethenier augenblicklich die Gegenwehr einstellten und dies von den Saranern sofort ausgenutzt wurde, sie endgültig unter Kontrolle zu bringen. Nicht nur einer der dunklen Leute war böse verletzt. Das brachte Phelan auf. »Sie nicht böse gemeint haben. Dies Mädchen hier ihre Priesterin ist und wollten geziemend begrüßten. Loslassen, sofort!« Er hielt die Luft an. Würden sie es tun?
»Es war nur ein Missverständnis«, drang Bajans Stimme durch die Menge. Er hatte nicht gekämpft, sondern die Kinder in Sicherheit gebracht, saranische wie ethenische. Jetzt stand er mit verschränkten Armen vor der Menge und wirkte denkbar ungehalten. »Hört endlich auf.«
»Lasst sie gehen«, befahl Roar. Sein Grollen war so weit zu hören, dass er nicht einmal die Stimme heben brauchte. Mit finsterem Blick marschierte er auf Phelan und seine Geisel zu. Er teilte die Menge wie ein Schwert, und die dunklen Leute nutzen die Gelegenheit, sich in alle Richtungen davonzumachen.
»Nichts als Ärger hat man mit dir!«, grollte er in Phelans Richtung, half Sylja auf und brüllte ein paar Befehle. Augenblicklich brach alles in hektische Aktivität aus. Die Pferde wurden wieder eingefangen und fortgebracht, und alle wandten sich wieder ihren Aufgaben zu. Roar fixierte das Mädchen mit einem derart drohenden Blick, dass es sich duckte. »Ich dulde keine Unruhestifter hier auf meinem Sitz. Sperrt sie ein!«
»Nein, Fürst!« Phelan stellte sich schützend vor sie.
»Vater, das war doch alles nur ein Missverständnis..«
»Du hältst dich da raus!«, knurrte Roar in Jeldriks Richtung und dann in Phelans: »Wir werden uns unterhalten, und zwar jetzt gleich.« Es fehlte nicht viel und Roar hätte Phelan am Kragen seines Hemdes gepackt.
»Das halte ich für einen guten Vorschlag, denn ich habe auch noch etwas mit Euch zu bereden.« Bajans ruhige Stimme sorgte wie immer für Beschwichtigung. »Lasst uns eben unser Gepäck hineinbringen«, und leise fügte er hinzu: »Phelan, bring sie in die Hütte, mach schon!« Er wollte das Mädchen so schnell wie möglich aus dem Weg haben, bevor noch ein Unglück geschah. Sie hatten die Lage gründlich unterschätzt und jetzt ein gewaltiges Problem.
»Tut, was Ihr nicht lassen könnt!«, knurrte Roar und ließ sie einfach stehen. Phelan nutzte die Gelegenheit, das Mädchen durch die angrenzende Tür zu schieben. Aufatmend lehnte er sich dagegen. »Puh!« Er atmete aus und lauschte nach draußen.
Dort hielt Jeldrik gerade seine Schwester zurück: »Nein, du lässt sie in Ruhe. Sie hat Angst vor uns beiden. Warum, das erkläre ich dir später.«
Phelan folgte der Heilerin mit den Blicken durch den Raum. Sie ließ sich zögerlich auf der umlaufenden Schlafbank nieder. »Was nun tun?«, fragte sie leise.
»Ich weiß nicht. Roar wird mich.. er ist böse auf mir. Habe beleidigt. Vielleicht ich..« Er wurde beiseitegeschoben, als Bajan die Tür aufdrückte und ihr Gepäck hereinreichte.
»Ich habe jemanden mitgebracht«, sagte er und winkte die dunkle Frau herein, die Phelan damals schon mit Rana geholfen hatte. Stumm und ehrfurchtsvoll verneigte sie sich vor dem Mädchen.
»Du bitte bleiben bei ihr bis wir zurück von Roar, ja?«, bat Phelan sie. Sie nickte stumm und kniete sich vor das Mädchen, das ihr regungslos entgegen sah.
»Nun denn..« Bajan befahl Phelan mit einem ernsten Blick mitzukommen. Die dunkle Ahnung, die Phelan schon die ganze Zeit befallen hatte, bewahrheitete sich, und der dicke Kloß in seinem Magen wurde zu einem Felsbrocken, als er Bajan zur großen Halle folgte.
Gedrücktes Schweigen herrschte dann auch, als sie die sonst so geschäftige Halle betraten. Diejenigen Frauen und Kinder, die nicht mit den Männern nach Hause gegangen waren, hielten mit ihren Verrichtungen inne und sahen ihnen stumm entgegen. Die dunklen Leute hatten das Weite gesucht. Sie fürchteten ihre Vergeltung auf den Angriff von eben, zu Recht. Phelan taten sie leid, denn er wusste, dass nicht nur einer heute unter den Schlägen seines Herrn zu leiden haben würde.
Fürst Roar erwartete sie allein. Er sah nur kurz auf, als sie eintraten, keine Begrüßung, nichts. Wo war Jeldrik? Phelan sah sich unauffällig um, und als hätte er es geahnt, öffnete sich die Tür gegenüber einen winzigen Spalt. Er lauschte, oder war es Jorid?
Roar lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Ein knappes Nicken in Bajans Richtung, und dieser verstand es richtig und setzte sich. Phelan dagegen blieb aufrecht und wachsam vor ihm stehen. »Einen schönen Fang habt ihr da gemacht. Was hast du nun mit ihr vor?«
Damit hatte Phelan nicht gerechnet. Er blieb auf der Hut. »Es kommt darauf an.«
»Worauf?«
»Was mit mir geschieht.« Phelan beschloss, gleich in die Offensive zu gehen. »Ihr habt mich doch nicht hierherbefohlen, um mit mir über das Mädchen zu reden, oder?«
Roar stand ganz langsam auf. »Gut, wie du willst, aber erst einmal..« Er fuhr herum und riss die Tür auf. »Was habt ihr hier zu suchen?!«, knurrte er.
Jorid flüchtete sofort, aber Jeldrik blieb. Er trat seinem Vater ruhig gegenüber. »Ich möchte wissen, weshalb du Phelan zu dir gerufen hast«, entgegnete er ohne eine sichtliche Regung, und dann ging er einfach um ihn herum und stellte sich neben Phelan. Sie tauschten einen kurzen einvernehmlichen Blick, so schnell, dass es schon wieder vorbei war, als Roar sich vor ihnen aufbaute.
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