»Ich muss schon sagen..«, Bajan nickte Roar anerkennend zu, »ihr beide habt euch wirklich Mühe gegeben. Darüber sollten wir ausführlich beraten.«
»Ja, und zwar jetzt gleich.« Roar stand auf. Sinnend sah er auf die beiden Jungen herab. »Das solltest du im Kreis der Männer vortragen, Phelan.«
Augenblicklich erhob sich Protest: »Warum ich, Fürst? Das stammt von Jeldrik.«
»Ich bin noch nicht fertig, Vater!«, fauchte dieser und sprang ebenfalls auf. Er war wütend und verletzt, dass es wieder Phelan war, dem sein Vater den Verdienst ihrer Erkenntnisse zuschrieb.
»Setzt euch, alle beide«, sagte Bajan ruhig. Er wartete, bis beide seiner Bitte Folge geleistet hatten. Unversöhnlich funkelten Vater und Sohn sich an. »Jeldrik, du hast doch sicherlich auch eine Idee, wie wir diesen Überfällen entgegen wirken können.«
Jeldrik wandte den Kopf zum Zeichen, dass er ihn gehört hatte, ohne den Blick von seinem Vater zu lösen. Plötzlich war es ihm egal, was Roar von ihm dachte. Er wollte endlich beweisen, dass er etwas konnte. »Ja, das haben wir. Die Goi greifen mit Fackeln an, weil man sie durch die Bäume erst im letzten Moment sieht. Was wir brauchen, sind keine Forts. Wir brauchen Türme, hohe Türme, von denen man, verborgen in den Baumwipfeln, die Geröllhalden einsehen kann..«
»..platziert sie vor jeder Siedlung in Richtung der Täler, durch die sie immer einfallen, dann seht ihr sie so rechtzeitig, dass sich die Männer aus jeder Siedlung zusammenziehen und sie abfangen können, bevor sie in der Lage sind, in die Wälder einzudringen. Seht, dies sind die Siedlungen.« Jeldrik sprach am folgenden Morgen vor den versammelten Männern. Er deutete auf die Karten, die sie auf einem langen Holzbrett draußen auf dem Versammlungsplatz ausgebreitet hatten. »Die Türme müsste man in dieser Siedlung hier.. und hier bauen. Ich habe einen der kleinen Jungen auf die Bäume klettern lassen, um herauszufinden, von wo man das Tal am besten einsehen kann. Ihr kommt in dieser Siedlung mit zwei Türmen aus. Sie brauchen viel weniger Holz und vor allem weniger Männer als ein ganzes Fort«, ergänzte er in Richtung seines Vaters und seiner Männer.
Verblüfftes Schweigen herrschte nach den Worten Jeldriks. Bajan und Phelan hatten sich in schweigendem Einverständnis an den Rand des Geschehens zurückgezogen und ließen ihn machen. Jeldrik wartete scheinbar regungslos auf eine Reaktion seitens seiner Zuhörer. Nur Phelan ahnte, wie sehr er sich anspannte.
»Gut gesprochen, Jeldrik Roarsfalir!«, sagte schließlich einer. Er erntete zustimmendes Nicken und Gebrumm.
»Ja, du kannst zwar nicht richtig kämpfen, bist aber ein kluger Kopf!«, dröhnte der neben ihm stehende Clansführer, Corin war sein Name. Sie lachten, und Jeldrik erhielt nicht nur einen Schlag auf die Schulter. Er ließ es mit regungsloser Miene über sich ergehen, nur seine Augen, die etwas heller leuchteten als sonst, verrieten seine Erleichterung.
»Wenn das so einfach ist, dann habt ihr meine volle Unterstützung«, sagte Corin zu Roar. »Wir probieren es einfach aus, und zwar sofort.«
Forschend betrachtete Roar seinen Sohn. Er mochte immer noch nicht glauben, dass dies alles von ihm stammte, sondern er hegte den Verdacht, dass es Phelan war, der ihm aus Mitleid half. »Das halte ich für eine gute Sache«, nickte er. Die Männer hielten sich nicht lange auf. Sie holten ihre Werkzeuge hervor, und Jeldrik zeigte ihnen, welchen Platz er sich für den Turm ausgesucht hatte. Kurze Zeit später waren die Schläge von Äxten im Wald zu hören.
»Gut gemacht«, sagte Bajan leise zu Jeldrik, als dieser wieder zu ihnen zurückkehrte. »Ich denke, dein Vater wird dir nun ein Wort im Rat einräumen.«
»Glaube ich nicht. Habt Ihr seinen Blick gesehen? Er glaubt immer noch, dass es Phelan ist, von dem das alles stammt. Ach, verdammt!« Jeldrik ging wütend seiner Wege. Gleich darauf hörten sie sich entfernende galoppierende Hufe.
Wie recht er hatte, zeigte sich am Abend. Die Männer hatten es binnen eines Tages geschafft, den Turm zu bauen, Trümmerholz gab es ja genug dafür. Es war eine einfache Konstruktion aus geraden und quer liegenden Balken, wie bei einem Baugerüst.
»Dir gebührt der erste Schritt«, sagte Clansführer Corin zu Jeldrik.
Dieser sah sich nach Phelan um. »Willst du mitkommen?«, fragte er, weil er fand, dass es Phelan genauso verdient hatte wie er. Ohne dass er es beabsichtigt hatte, bestärkte er damit Roars Verdacht, der stirnrunzelnd den Jungen hinterher sah.
»Puh«, sagte Phelan schon nach wenigen Stufen und legte den Kopf in den Nacken. »Ob ich das schaffe?«
»Du wirst es schaffen, und wenn ich dich trage!«, befahl Jeldrik streng. Er wollte nicht alleine dort hinauf, koste es, was es wolle.
»Vergiss es!«, grinste Phelan und biss die Zähne zusammen. Als sie oben angelangten, keuchte er schwer und war schweißüberströmt, doch der Ausblick, der sich ihnen bot, ließ ihn alles Ungemach vergessen. »Oh, sieh dir das an!«
Die Sonne ging gerade unter. Tiefrot ragten die schroffen Felsen über das Meer der Bäume hinaus, so nahe, als könne man danach greifen. Weiter oben wurden sie strahlend hell, dort, wo der Schnee begann. »So nah..« Phelan streckte die Hand aus.
»Als bräuchten wir nur kurz dort rauf, und dann wären wir bei..«, Jeldrik sah sich kurz um, aber noch waren sie allein, »bei Currann.« Phelan nickte mit zusammengepressten Lippen. Selten, jedenfalls seltener als an die Mädchen, musste er an seinen Bruder denken, doch wenn es soweit war, schnürte es ihm jedes Mal die Kehle zu.
Schritte hinter ihnen ließen sie zusammenfahren. Roar und Bajan kamen die Stufen herauf. »Das ist ein Anblick, mein Freund«, sagte Bajan beeindruckt zu Roar.
»Eine gute Wahl«, nickte dieser, aber in Phelans Richtung. Die beiden Jungen versteiften sich und tauschten einen schnellen Blick. Was sollte das? War Roar immer noch nicht überzeugt?
Ihr Verdacht bestätigte sich sogleich. Roar wandte sich um. »Phelan, ich habe beschlossen, dass es dir künftig erlaubt ist, im Rat der Männer anwesend zu sein und zu sprechen.«
Die Jungen standen stumm und fassungslos vor ihm. Bajan wollte schon eingreifen, da fragte Phelan: »Und Jeldrik?«
Roar packte seinen Sohn so schnell und hart, dass dieser keine Möglichkeit mehr hatte, ihm auszuweichen. »Solange du nicht lernst, dass es schändlich ist, die Einfälle eines anderen für deine eigenen auszugeben, hast du dort nichts zu suchen!« Roar schüttelte ihn, doch diesmal ließ es sich Jeldrik nicht mehr gefallen.
Mit einem Ruck riss er sich los. »Das ist nicht wahr!« Er beherrschte sich, sah seinen Vater nur funkelnd und mit eiskalter Miene an.
»Roar..« Bajan wollte eingreifen.
»Es ist nicht wahr!«, rief nun auch Phelan.
Roar ließ es nicht gelten. »Es gereicht dir zur Ehre, dass du meinem Sohn helfen willst, aber das dulde ich nicht.«
»Ich kann mir sehr gut selbst helfen, Vater!«, zischte Jeldrik.
Phelan fügte hinzu: »Ja, das kann er. Habt Dank für Euer Angebot, aber ich werde nicht im Rat zugegen sein, wenn Jeldrik es nicht auch ist«, lehnte er entschieden ab.
»Phelan!« Bajan sah sofort an Roars Miene, dass dieser einen schweren Fehler begangen hatte. So etwas lehnte man nicht ab. Kein Saraner unter keinen Umständen hätte das gewagt.
Dementsprechend finster wurde Roars Miene. »Du wirst tun, was ich sage, junger Mann! Niemand lehnt die Berufung eines Clansführers in den Rat ab! Das ist mein letztes Wort!« Drohend kam er auf ihn zu.
Phelan wich nicht zurück. So entschlossen und unnachgiebig, wie er dort stand, erinnerte er Bajan mit einem Mal sehr an seine Mutter. »Ihr mögt Clansführer sein, ich aber bin der Sohn einer Königin, und als solcher lehne ich es ab, unter falschen Voraussetzungen die Ehre eines Ratsmitgliedes zu empfangen. Dies ist mein letztes Wort, Fürst!«, sagte er schneidend. »Komm, Jeldrik, wir gehen!«
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