Inzwischen war er die endlos scheinende Hanauer Landstraße einige Kilometer entlang gefahren und konnte bereits die gläserne Fassade des Verlagshauses erkennen. Er blinkte und lenkte sein Auto vorsichtig auf den Besucherparkplatz des Bürogebäudes. Chrom und Blech, wohin er auch schaute. Das hatte ihm noch gefehlt, dass er keinen Parkplatz fand und zu spät zum Gespräch kam. Herr Wolff, der Redaktionsleiter, wäre sicher begeistert. Ganz am Ende der Parkreihe zu seiner Rechten bewegte sich etwas. Dort fährt jemand raus, freute sich Mike. Er legte den Gang ein und fuhr im Schritttempo seinem Parkplatz entgegen. Allerdings dauerte es noch ein Weilchen, bis er sein Auto abstellen konnte, denn der Fahrer des ausparkenden Autos war offensichtlich nicht besonders geübt und kämpfte abwechselnd mit der Kupplung und den Abmessungen seines Gefährtes. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er es geschafft und steuerte seinen dunkelgrauen Mondeo mit einem erleichterten Lächeln an Mikes Auto vorbei. Dass sich solche Fahrkünstler aber auch immer die dicksten Wagen zulegen müssen, dachte er, parkte ein, stieg aus und schlug die Autotür zu. Er zupfte noch einmal kurz sein neues Jackett zurecht und machte sich auf den Weg zum Eingang.
Frankfurt am Main. Montag, 27. Juni 2011
Die Tränen liefen Viviane über‘s Gesicht, als sie den Wohnungsschlüssel aus ihrer überdimensionierten Handtasche fingerte. Ihre hohen Absätze klapperten über die Pflastersteine des Innenhofes, über den sie zu ihrer Wohnung in der Walter-Kolb-Straße, Altbau, 3. Stock, stolperte. Keine Gefahr, dass Chris ihr verheultes und Mascara-verschmiertes Gesicht sah, denn sein nagelneuer Geschäftswagen hatte nicht länger als unbedingt notwendig an der Straße vor der Hofeinfahrt geparkt. Kaum war die Beifahrertür ins Schloss gefallen, hatte er auch schon den Gang eingelegt, Gas gegeben und war auf dem Weg nach Hause, wo er den offensichtlich so langweiligen Abend mit ihr bestimmt schon bald abgehakt haben würde. Sie hastete die Treppe hoch und wie sie bereits befürchtet hatte, kamen ihr schon bald Schritte entgegen. Klar, dachte Viviane, wenn man aussieht, wie durch den Wolf gedreht, mit laufender Nase und geschwollenen Augen, kommt ganz sicher jemand aus den verborgenen Winkeln des Treppenhauses hervor. Aber was soll´s, sagte sie sich, schließlich war es kein attraktiver Nachbar, an dem sie sich mit beschämten Grinsen würde vorbei drücken müssen. Die gab es nämlich nur im Kino, in rosaroten Romanen und ab und zu auch mal im Traum. Einen gutaussehenden Mann, der, frisch getrennt und losgelöst von der Vergangenheit, offen für Neues und mit Persil gereinigter Seele in die Nachbarwohnung einzog. Und sich natürlich unsterblich verliebte, wahlweise mit Rosen, Rotwein und endloser Leidenschaft an der Tür klingelte und nichts anderes wollte, als den Abend mit der neuen Nachbarin, also mit ihr, Viviane Kohler, zu verbringen. Doch ihre Realität war nicht rosa, sondern grau und kam ihr soeben auf dem Treppenabsatz entgegen.
„Guten Abend Herr Kögel“, nuschelte Viviane zwischen zwei Schluchzern ihrem ungepflegten, ewig hustenden Nachbarn aus dem vierten Stock entgegen. Wie so oft zog in seiner Begleitung ein intensiver Geruch nach Bier durch das gesamte Treppenhaus. Aber er hatte ein freundliches Lächeln, das musste man ihm lassen. Viviane quetschte sich auf den schmalen Treppenstufen an ihm vorbei und trotz ihres Kummers legte sich unwillkürlich ein Schmunzeln auf ihr Gesicht. „Schluss jetzt mit dem Selbstmitleid“, sagt sie leise und stolperte die letzten Stufen bis zu ihrem Apartment hinauf. Sie schloss auf, trat in den dunklen Flur und gab der Wohnungstür einen ordentlichen Stoß mit dem Fuß. Die war zu, dachte sie zerknirscht und stellte sich vor, dass bei Frau Schneidereit im Erdgeschoss die Gläser im Küchenschrank klirrten. Aber, mein Gott, es war ja noch nicht so spät. Sie lächelte bitter. Viertel vor zehn. Viel zu früh, um von einem Date schon wieder zurück zu sein. Sie ging in ihre gemütliche Wohnküche, die von einem riesigen Holztisch dominiert wurde. Ohne das Licht anzuknipsen, zog sie die Schublade des wunderbar altmodischen Vitrinenschrankes auf, den sie von ihrer Oma geerbt hatte. Wo waren denn bloß ihre Zigaretten? Ah, sie waren ganz nach hinten gerutscht und Viviane erinnerte sich daran, dass sie sie beim letzten Besuch ihrer Mutter dort vergraben hatte. Meine Güte, schüttelte sie über sich selbst den Kopf, 38 Jahre und immer noch Angst, dass Mama sie beim Rauchen erwischte. Sie kramte eine Zigarette aus der Packung und fischte in der Schublade nach dem Feuerzeug. Sekunden später sog sie genüsslich den Rauch ein und wandte sich zum Fenster um. Wie still und friedlich es da draußen war. Die Geräusche des Tages waren irgendwo im diffusen Licht des Abends verschwunden, ihre Nachbarn schliefen an ihre Partner gekuschelt in ihren Betten oder waren mit Freunden in der Innenstadt unterwegs. Und sie stand mutterseelenallein in ihrer Küche und starrte aus dem Fenster. Vielleicht mache ich mir einfach zu viele Gedanken, beruhigte sie sich selbst. Vielleicht war Chris einfach nur müde gewesen oder ging nicht gerne lange aus. Aber nun hatte er schon zum zweiten Mal ein Treffen nach relativ kurzer Zeit plötzlich abgebrochen. War sie denn so langweilig, so gähnend einschläfernd, dass Männer unweigerlich die Flucht ergriffen? Mist, das Selbstmitleid war wohl hinter ihr durch den Türspalt gehuscht. Es war zum Verzweifeln. Sie konnte immer nur die begeistern, von denen sie partout nichts wollte. Und Chris, der hatte sie noch vor einigen Monaten dermaßen angebaggert, dass SIE die Flucht ergriffen hatte. In ihrer Lieblingsbar hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen und als ihre Freundin Katharina kurz auf die Toilette verschwunden war, hatte er sich von einem der Nachbartische erhoben und war zielstrebig auf sie zugekommen. Ob sie Feuer hätte, hatte er sie gefragt und sich vorgestellt. Zuerst wusste Viviane nicht so recht, wie sie auf ihn reagieren sollte und hatte wie immer die Coole gespielt. Zwei Stunden später saß er immer noch bei ihr. Inzwischen waren sie allerdings nicht mehr alleine. Sein Freund Karsten hatte sich dazugesellt und auch Katharina war irgendwann wieder an die Theke zurückgekehrt. Viel gelacht hatten sie und noch mehr getrunken. Allerdings war ihr aufgefallen, dass Chris nicht gerade das war, was man einen Intellektuellen nennt. Nein, schimpfte sie mit sich selbst, jetzt wurde sie ungerecht. Sie hatte den Abend genossen und sich attraktiv gefühlt. Mehr wollte sie gar nicht. Chris aber schon. Als Katharina und sie die Einladung zu einem weiteren Drink mit Blick auf die Uhr höflich aber bestimmt ablehnten, machte Chris erst Dackelaugen und dann die Fliege. Ihre Freundin und sie hatten darüber gelacht und die Köpfe in inniger Übereinstimmung zur der nicht mehr zu rettenden Spezies Mann geschüttelt. Nach diesem Abend hatten sich Vivianes Wege immer wieder mit denen von Chris gekreuzt, und an einer dieser Kreuzungen hatte sie einem Date zugestimmt. Wider Erwarten war ihr Treffen schön gewesen. Zu Beginn jedenfalls. Er hatte sie in ein kleines griechisches Lokal eingeladen, und nachdem sie sich einen Sepiasalat geteilt hatten, stürzten sie sich genussvoll auf Lammbraten und Souflaki. Sie hatten bereits die zweite Flasche Wein angebrochen, als sie ihn ein wenig über seine Hobbies ausgequetscht hatte und leider feststellen musste, dass da nicht viele waren. Aber sie verstanden sich gut und es hatte Momente gegeben, in denen sie sich ihm nahe fühlte. Doch dann wollte er mitten in der Unterhaltung urplötzlich bezahlen. Er hatte sie nach Hause gefahren und da war sie nun. Allein, abgeladen, abgehakt. Sie fühlte sich langweilig, farblos und fad. Wie eine wabernde Nebelschwade kam dieser altbekannte Gedanke auf sie zu und hüllte sie ein. Nicht schon wieder eine Niederlage, nicht schon wieder sie. Nun gab es keine Hoffnung mehr. Der Nebel wurde dichter, nahm ihr die Luft. Niemand würde sich je wirklich für sie interessieren können. Sie hatte offensichtlich etwas an sich, das Männer in die Flucht schlug. Vielleicht lag ein Fluch auf ihr? Ein schreckliches Vermächtnis, ein Erbe aus einem früheren Leben, in dem sie als traumschöner Vamp den Männern reihenweise den Kopf verdreht und sie dann ohne ein Lebenszeichen verlassen hatte. Oder Schlimmeres …
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