2. Phase: Falle stellen!
Wir mussten eine Gelegenheit schaffen, bei der ich dem Objekt begegnen konnte, ohne dass Konkurrenz in der Nähe wäre, die meinen Plan durchkreuzen könnte.
3. Phase: Falle zuschnappen lassen!
Objekt erlegen und in die Höhle schleifen – Hugga Agga!
Ein paar Tage später erhielt ich von Kiki telefonisch folgenden Rapport:
»Hallo Ella! Melde gehorsamst: Erste Phase erfolgreich abgeschlossen.«
»Es hat geklappt?«, fragte ich ungläubig.
»Ella, unglaublich. Es lief wie am Schnürchen.«
»Erzähl!«
»Also, Thomas war wie geplant gestern Abend zum Essen bei uns. Hmmmm, das war so lecker. Manuel hat Kalbsbrust mit Ciabatta-Füllung gemacht und dazu gab es Artischocken mit Thymian. Und zum Nachtisch ...«
Manuel ist der Lebensgefährte von Kiki, Maler wie sie und leidenschaftlicher Koch – ein ‚Hobby-Paul-Bocuse’. Die Betonung liegt auf ‚Hobby’. Mit ein bisschen mehr Übung würde es vielleicht auch schmecken wie bei Paul Bocuse. Ich erinnerte mich an die rohe Weihnachtsganz – egal, im Moment interessierte mich etwas anderes mehr als die Kochkünste von Manuel.
»Kiki! Komm zur Sache«, fiel ich ihr ins Wort.
»Ja, ja. Ich mache ja schon. Also: Beim ersten Glas Wein fing Thomas, ohne dass ich ihn auf das Thema bringen musste, von sich aus an zu erzählen, wie es zu der Trennung von Ulla kam. Dass sie kein Familienleben leben wollte, so wie er. Und ich konnte einwerfen: ‚Was für ein Zufall. Das ist ja wie bei meiner Freundin Ella!’ Und beim zweiten Glas erzählte er, dass er sich von einer Frau doch nur Nähe, Wärme und Geborgenheit erhofft. Und ich wieder: ‚Also, genau so eine warmherzige Frau ist meine Freundin Ella.’.«
Nur zu gut konnte ich mir Kiki in Aktion vorstellen und musste schmunzeln.
»Oh, Kiki! Hast du nicht ein bisschen zu dick aufgetragen? Deine Absicht wäre doch einem Blinden mit Krückstock aufgefallen.«
»Vielleicht lag es am Wein, aber er schien nichts zu merken. Das war für mich die Chance wirklich dick aufzutragen. Unter dem Vorwand, ihm den neuen Einladungs-Entwurf für meine nächste Ausstellung in München zu zeigen, habe ich ihn an meinen PC gelockt. Und rate mal, wessen liebreizendes Gesicht uns anlächelte, nachdem der PC hochgefahren war.«
»?«
»DEINS! Ich hatte ein Foto von dir als Bildschirmschoner geladen.«
»Kiki, du bist …«
»Und Thomas zu mir: ‚Ist das nicht deine Freundin Ella? Die ist aber hübsch. Und sie ist Single?’«
»Oh Kiki, du bist sooooooo guuut!«
Ja, Kiki ist wirklich die Beste. Was für ein Glück eine solche Freundin zu haben. Seit der Trennung von meinem Ex vor einem halben Jahr ruft sie mich täglich an um zu hören, wie es mir geht. Manchmal ist mir ihre Aufmerksamkeit fast zu viel – geradezu peinlich – und ich versuche die Abstände zwischen den Telefonaten zu vergrößern. Aber Kiki fühlt sich für mich verantwortlich und letzten Endes tut mir jedes einzelne Gespräch unsagbar gut und lassen mich ein bisschen meine Traurigkeit und Einsamkeit vergessen.
Kiki kann es nicht ertragen, wenn ihre Liebsten leiden und somit wird es nicht zuletzt aus Freundschaft zu ihr Zeit, dass ich unter die Haube komme. Also weiter zur zweiten Phase unseres Plans. Telefonisch besprachen Kiki und ich die weitere Vorgehensweise:
»Ella, ich habe nachgedacht. Da du nicht bei uns in Hamburg wohnst und wir auch nicht auf Events hoffen können zu denen wir, vor allem du und Thomas, gemeinsam eingeladen werden, obendrein das Risiko besteht, dass er gar nicht kommt – wir müssen selbst ein solches Event schaffen.«
»Wie denn? Meinst du ich soll eine Party geben und ihn einladen?«
»Das würde auffallen. Nein, Manuel und ich werden einen Kaminabend geben und den Kreis der Gäste sorgsam wählen.«
»Der ganze Aufwand für mich? Aber das kann ich doch nicht annehmen.«
»Doch, du kannst. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Einer für alle – alle für dich!«
Und so waren wir uns schnell über den Termin und die übersichtliche Gästeliste einig: Unsere gemeinsame Freundin Alexa, das Architektenehepaar Maria und Karl, Gunther der Bildhauer, Arthur der Kunsthistoriker und natürlich die Gastgeber Kiki und Manuel sowie die Special Guests Ella und Thomas. Keine Konkurrenz. Alexa würde zwar ohne ihren Mann kommen, aber ihrer Loyalität konnte ich mir gewiss sein.
»Wirst du bei Alexa übernachten, Ella?«, fragte Kiki.
»Nein, ich denke, dass ich in ein Hotel gehe. Wer weiß wann sich wieder eine Gelegenheit ergibt, darum will ich doch mal sehen, ob sich Phase zwei und drei unseres Plans effizient zusammenlegen lassen.«
Kiki und ich hatten zwischen dem Tag, an dem unser Plan geboren wurde und dem Tag der Ausführung so oft über Thomas gesprochen, und was er gesagt hat und was er sagen könnte und wie er ist und wie wir glauben, wie er sein könnte, dass ich am Tag X gar nicht mehr wusste, was ich da eigentlich tat.
Da war ich nun in Hamburg, abends würde es, was natürlich keiner der Gäste wusste, mir zu Ehren ein »Come Together« geben und dann würde ich alles daran setzen einen Mann zu erlegen, den ich genau genommen gar nicht kannte. Ich konnte mich ja noch nicht einmal mehr richtig daran erinnern, wie er eigentlich aussah. Ich hatte ihn doch nur ein einziges Mal auf dieser Party gesehen.
Aber die Kugel rollt – zu spät sich den hübschen Kopf zu zerbrechen.
»Mein Sonnenschein! Wie schön dich wiederzusehen.« Keine konnte einen stürmischer begrüßen, als Kiki. Die Heftigkeit ihres Begrüßungskusses konnte ich noch rechtzeitig dämpfen, so dass ich von Lippenstiftspuren verschont blieb.
»Ich habe dich so vermisst«, fuhr sie aufgeregt fort und drückte mich fest an sich, um mich sofort danach wieder auf Abstand zu halten: »Lass dich anschauen! Du siehst phantastisch aus. Einfach perfekt. Thomas wird dir zu Füßen liegen.«
Nur, wo bleibt der Mann? Inzwischen sind alle Gäste eingetroffen – außer Thomas. Alexa und ich sitzen vor dem Kamin und entweder die Hitze des Feuers, der Rotwein oder meine steigende Wut der Enttäuschung treiben mir die Röte ins Gesicht. Niedergeschlagen fragte ich Alexa:
»Glaubst du er kommt noch? Er ist schon über eine Stunde zu spät.«
»Ganz bestimmt. Er wird schon kommen«, sagte sie zu mir und an Kiki gewandt: »Kiki, Thomas hat doch zugesagt, oder etwa nicht?«
»Aber ja doch. Ich weiß auch nicht wo er bleibt. Ich kann noch nicht einmal anrufen, denn ich habe seine Handy-Nummer gar nicht. Oder, warte – ich werde Ulla anrufen und sie nach seiner Nummer fragen.«
War aber nicht mehr nötig. Plötzlich stand er da, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Er wirkte nervös und leider konnte ich nicht hören, was er zur Begrüßung zu Kiki sagte und ob und wie er sich für sein Zuspätkommen entschuldigte. Aber das war nun auch egal. Hauptsache er war endlich da.
»Und?«, fragte mich Alexa. »Nervös?«
»Komischerweise gar nicht.« Ich nutzte die Gelegenheit Thomas unauffällig und ausgiebig betrachten zu können.
»Alexa?«, fragte ich. »Findest du nicht auch, dass er ganz schön speckig ist?«
»Nein, finde ich nicht.«
»Aber schau mal, er hat doch ein richtiges Doppelkinn.«
»Ich finde er ist genau richtig und nicht so ein dünner Hering wie dein Ex. Thomas ist ein großer, stattlicher Mann. Ihr wärt ein schönes Paar.«
»So, so.« Ich war noch nicht recht überzeugt. Mir fiel ein, dass ich kürzlich noch gelesen hatte, dass 55 Prozent aller Männer um die Vierzig Übergewicht haben und nur 20 Prozent aller Frauen in derselben Altersgruppe. Ich war mir in diesem Moment sicher, dass Thomas zu den 55 Prozent gehört. Als könnte Alexa meine Gedanken lesen fuhr sie fort:
»Und er ist wirklich nett. Glaub mir. Ich habe ihn kürzlich auf der Ausstellungseröffnung von Samuel Reim getroffen und mich lange mit ihm unterhalten. Er steht mit beiden Beinen im Leben, so wie du.«
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