Ich dachte, du wärst meine innere Stimme, mein anderes Ich?
So ist es.
Bist du nun auch noch mein Gewissen, das mir auf Schritt und Tritt im Genick sitzt und mir erzählt, wie ich wertvoll und ethisch zu handeln habe?
Joe, ich ...
Schluss jetzt. Ich will nichts mehr hören.
Manche Dinge sind seltsam. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich sie einfach nicht verstehe. Seit mich Anika in der Ordination überfallen und Sandra sich verschnürt und beinah bewusstlos in meinem Kellergewölbe wiedergefunden hatte, scheint sich einiges verändert zu haben. Zwischen mir und Sandra ist es fast wieder wie früher. Sie ist nett und zuvorkommend, hilft mir, wo sie kann. Egal was sie sagt oder tut, ich fühle so viel Empathie auf ihrer Seite. Sie stellt keine Fragen mehr, hinter denen sich das grünäugige Monster der Eifersucht versteckt, sie lästert nicht, wenn mich Michael anruft, macht sich nicht lustig, wenn ich mit Sabine telefoniere und ...
Jetzt kommt’s mir grad. Ihre vor Sarkasmus triefenden Bemerkungen mir gegenüber scheint sie auch auf ein für sie absolut notwendiges Mindestmaß zurückgeschraubt zu haben. Fehlen mir diese etwa? Sollt ich es bedenklich finden? Hat sie womöglich kein Interesse mehr an mir?
Seit damals hat sie sich wieder öfters mit ihrer Anika getroffen. Sie scheinen ein Herz und eine Seele zu sein, was mir auch irgendwie merkwürdig vorkommt. Stark hat sie sich gemacht für sie, dass ich sie nicht anzeige wegen Freiheitsberaubung, Kidnapping oder was weiß ich, wie der passende Paragraf lautet. Mit Anikas Bruder war sie da nicht ganz so zimperlich. Von dem verlangt sie außergerichtlich eine gewisse Summe als Schmerzensgeld, sie sagte mal was von zweitausend Euro, sonst würde sie die Sache dem Gericht übergeben. Aber – ich kann mich natürlich täuschen – ich denke, dass sie das nicht tun wird, denn dann würde Anika als Mittäterin oder Anstifterin oder zumindest als Mitwisserin automatisch mit hineingezogen in die Sache, und das will Sandra um alles in der Welt vermeiden.
Vor nicht einmal einer halben Stunde, nachdem ich ihn schon wochenlang ständig absagt, neu vereinbart, abgesagt, wieder neu vereinbart, noch mal abgesagt hab, hab ich ihn nun endgültig fixiert, den Termin für mein Treffen mit Harriet. Ich denke, nun bin ich soweit. Gleich nach dem Zwischenfall in der Ordi hatte ich eigentlich keinen Bock, mich mit ihr zu treffen. Allein schon bei dem Gedanken an Seile, Handschellen, Knebel und Fesselspiele drehte sich mir der Magen um. Ich traf mich mehrmals mit Michael, der mir das gab, was ich brauchte: Wärme, Zuneigung und ab und an einen ordentlichen Fick an der Garderobenwand, im Abstellraum, einmal sogar im Keller. Seit einer Woche erst denke ich wieder vermehrt an Sabine, das heißt an Harriet. Von Sabine weiß ich eigentlich so gut wie nichts, von Harriet nur geringfügig mehr. Müsste ich Harriet eigentlich als Kunstfigur sehen, als eine Person, die nicht wirklich real ist, eine Person, die zwar in Sabines Körper steckt, aber gänzlich andere Eigenschaften besitzt? Doch das mit den Eigenschaften kann ich, zumindest jetzt, wo ich dies niederschreibe, nur vermuten. Ich kenne Sabines Wesen nicht, weder ihre guten noch ihre schlechten Seiten, weder die, die man gerne ins Rampenlicht rückt, noch jene, die man gleich einer vermaledeiten Kreatur im finstersten Keller anketten und vor der Welt für immer verbergen möchte. Was, wenn Harriet diese Kreatur ist, die dunkle, unwillkommene Seite einer ansonsten so bezaubernden Frau, einer Frau, deren Umriss von einer Malerin gezeichnet wurde, einer Malerin, die an diesem Tag ihre bezauberndste Frauengestalt schuf, eine Frau von solcher Anmut und Sinnlichkeit, von einer so ungeheuren Verführungskraft, dass sie selbst Frauen zu fesseln und ihnen den Kopf zu verdrehen im Stande ist. Die ...
Joe legte den sündhaft teuren Montblanc Füller auf die aufgeschlagene Doppelseite ihres Tagebuchs, die Beine auf den Tisch und spielte mit zärtlichen Fingern in jener sündhaft empfindsamen Region ihres Körpers, bis ihrem Mund ein lusttriefendes Stöhnen und ihrer Vagina die Feuchte der Erregung entwich.
Mit einem Mal war sie wieder da, diese Flamme, die in ihr loderte und sich nach dieser Frau und deren wunderschönem, geschmeidigem Körper verzehrte.
Irgendwie gelang es ihr an diesem Tag nicht, sich auf ihre Patienten und deren zahllose Wehwehchen zu konzentrieren. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu den weichen, runden, femininen Formen Harriets, zu ihrem makellosen Körper, ihren gefühlvollen Händen, ihrer einnehmenden Stimme. Rascher als üblich scheuchte sie erst ihre Patienten, gleich darauf ihre Sprechstundenhilfe aus der Ordination.
Flink wie eine Teenagerin, die fürchtete, die frisch eingelangten Schnäppchen bei H&M könnten ausverkauft sein, bevor sie überhaupt die Filiale betrat, ging sie, so rasch ihre Absätze sie trugen, drei Blocks stadtauswärts. Mit einem gewissen Stolz stellte sie fest, dass sie die Adresse in dieser Wohnsiedlung, die aussah wie die UNO-City für den gehobenen Mittelstand, auf Anhieb gefunden hatte.
»Letzter Stock«, sagte die Gegensprechanlage mit einer gutgelaunten Frauenstimme und Joe fühlte dieses angenehme Kribbeln, das von ihren Haar- bis in die Zehenspitzen lief.
»Danke.«
Harriet, die im bürgerlichen Leben eigentlich Sabine hieß, empfing sie in der halboffenen Wohnungstür. »Schön, dass du doch noch gekommen bist, Joe«, meinte sie mit lustigen Augen. »Ich fürchtete schon, du hättest es dir anders überlegt.«
»Ich ... Hallo Sabine«
»Komm rein! Tee oder Kaffee?«
»Hast du vielleicht auch ein Bier da? Nach der Ordi tut mir ein Schlückchen ganz gut.«
»Selbstverständlich«, lachte Sabine, »kannst du auch Bier haben. Zipfer oder Gösser?«
»Egal. Hauptsache nicht alkoholfrei.«
»Komm weiter«, sagte sie und wies Joe eine Tür am Ende des Flurs, die in einen großzügigen Wohnraum führte, von dem aus man in die Küche sehen konnte. »Bitte, setz dich.«
Joe betrachtete die Sitzgruppe aus dunklem Leder, die Couchtische aus Mahagoni, die Philodendren, die, wie zufällig im Raum verstreut, diesem etwas von der eleganten Strenge nahmen.
Harriet klapperte mit ihren Stiefeln, die, in der Wohnung auszuziehen, sie sich nicht die Mühe machte, in die Küche. »Joe, so wie es aussieht, hab ich dir zuviel versprochen. Ich hab nur mehr a Sechzehner Blech.«
Joe hatte augenblicklich das Gefühl, von der Kaste der Studierten in die unterste Schublade gekullert zu sein. »Bitte? Was war das?«
»’tschuldige, wollte sagen, ich hab nur noch Ottakringer.«
»Ist okay«, entgegnete Joe und fragte sich ernsthaft, ob Bier nicht gleich Bier war. Oder war es womöglich ähnlich kompliziert wie beim Wein? Gab’s auch Jahrgänge beim Bier und sie, die einfältige Naive hatte es bis heute noch nicht mitgekriegt? »Ein Zwanzigzehner, wenn du hast.« Gleich darauf fiel ihr ein, dass Michael, der Bierexperte, noch nie etwas von Jahrgängen erwähnt hatte.
Sabine lachte. »Kenn mich schon aus.« Dann brachte sie Joe die Flasche, zusammen mit einem anmutig geschwungenen Tulpenglas, in das sie etwas einschenkte, bevor sie beides vor Joe auf den Tisch stellte.
Mit offenem Mund bestaunte Joe Sabines Fertigkeiten.
Diese schmunzelte. »Hab in meinem früheren Leben gekellnert.« Dabei zwinkerte sie Joe kokett zu und verschwand in die Küche, um sich ein Glas Rotwein zu holen.
Eine wallende Hitze spürte Joe plötzlich in sich aufsteigen. Sie schlug ein Bein über das andere, als könne sie diese damit unter Kontrolle halten. Vermutlich in einer Stripbar, ging es ihr durch den Kopf und sie versuchte, diesen Gedanken sofort wieder zu verdrängen.
»Es war in einem – wie heißt es so euphemistisch? – einschlägigen Etablissement, in dem die Damen nur leicht bekleidet herumlaufen, um die männliche Klientel zu erfreuen. Leicht bekleidet hieß in unserem Fall ein dünnes Schnürchen um die Hüften und ein noch dünneres durch den Schritt, beide in einem kräftigen Rot et voilà , fertig war die Dienstuniform. Passte erstklassig zur Corporate Identity.« Sie lachte. »Die Mädchen konnte man nur aufgrund der Größe ihrer Titten und ihrer Haarfarbe unterscheiden.«
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