„Was haben Sie vor? Bitte tun Sie mir nicht weh!“, stammelte Nora, die ihre trockne Zunge kaum kontrollieren konnte.
Der Mann sah sie mit eiskalten, blaugrauen Augen an, die aus der schwarzen Maske hervorlugten wie zwei Fremdkörper. Seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen, wobei das Gummi an den Mundwinkeln grimmige Falten schlug. Dann blickte er wieder mit ernster Miene in ihre Richtung. Stelze mochte die junge Frau, sie strahlte etwas Besonderes aus. Er wollte sie nicht unnötig verängstigen, zudem verspürte er sogar einen Hauch von Mitleid. Entgegen seiner Gewohnheit beschloss Stelze, einige Worte mit seinem Opfer zu wechseln.
„Ich nehme Ihnen etwas weg!“, sagte er und zog Noras silbernen Ring vom rechten Mittelfinger.
„Sie wollen den Ring?“, fragte Nora, fast schon ein wenig erleichtert.
„Nein, den Finger. Und wenn es mir danach nicht bessergeht, vielleicht noch einen zweiten. Falls Sie Dummheiten machen sollten, nehme ich unter Umständen die ganze Hand ab“, erläuterte der Mann in ruhigem Tonfall, als wären seine Drohungen das Normalste auf der Welt.
Noras Herz pochte laut in ihrer Brust. Ihre Gedanken drohten erneut auszusetzen. Sie sah, wie der Mann ein flaches Band aus der Schublade holte und ihr damit den Oberarm abschnürte. Sie probierte den Arm wegzuziehen, doch aufgrund der Fesseln konnte sie sich kaum bewegen. Sie war dem irren Mann wehrlos ausgeliefert.
„Warum machen Sie das, ich habe Ihnen doch gar nichts getan“, sagte Nora kaum verständlich mit zitternder Stimme.
„Ich muss es einfach tun. Mir wurde etwas genommen, jetzt wird Ihnen etwas genommen. So grausam kann das Leben sein. Ein Nehmen und Geben. Auch wenn es einem noch so schwerfällt, man muss sich von Dingen verabschieden können. Ich wurde von meinem damaligen Leben getrennt, da fällt ein einzelner Finger nicht so ins Gewicht. Spüren Sie Ihre Hand noch?“, fragte der maskierte Mann abschließend.
Nora ignorierte die Frage. Im Moment fühlte sie außer blankem Entsetzen nichts.
„Wer sind Sie, dass Sie so abscheuliche Dinge tun müssen?“, fragte sie stattdessen.
„Stelze, mein richtiger Name tut nichts zur Sache. Stelze, hat man mich als Kind genannt, weil ich so dünne lange Beine hatte. Die anderen Kinder haben mich deswegen gehänselt und beleidigt. Man hat mir sogar gedroht, die Stelzen eines Tages abzusägen. Wie Sie sehen, habe ich meine Beine noch, doch die Kindheit wurde mir verdorben. Man kann nicht sagen, dass ich zu der Zeit glücklich gewesen bin. Es gab nicht viele erfreuliche Momente in meinem Leben. Wenn ich besonders unglücklich bin, kehrt der gedemütigte Stelze wieder zurück und sorgt für Wiedergutmachung. Jetzt fordert er von Ihnen ein Opfer, damit mein Leben wieder lebenswert wird. Außerdem geht Sie das gar nichts an. Was ist nun mit der Hand, spüren Sie sie noch?“
Nora schüttelte mit dem Kopf. Das Einzige, was sie spürte, waren die warmen Tränen, die über ihre Wangen flossen. Ein leichter Luftzug strich über die Tränen. Wenige Meter vor ihr, oben an der Wand, befand sich ein großes Lüftungsgitter. Für Nora sah es aus wie das Gitter eines Folterkellers.
Der Mann, der sich Stelze nannte, streifte sich durchsichtige Handschuhe über und griff nach dem Skalpell. Er fasste nach Noras Mittelfinger und setzte das scharfe Messer an. Als er anfing zu schneiden und erste Blutstropfen aus der Wunde traten, drehte Nora sich ab. Sie verfiel in eine Art Wachtrauma, schreckliche Fantasien kreisten in ihrem Kopf. Sie hatte keine Schmerzen, alles schien taub zu sein. Dennoch vernahm sie das kratzende Geräusch der Säge. Irgendwann spürte sie einen dumpfen Druck an ihrer Hand, woraufhin ein kurzes, entsetzliches Knacken folgte. Danach fühlte sie sich in gewisser Weise erleichtert, als wäre eine Last von ihr abgefallen. Sie bemerkte, wie der Mann von ihr abließ und anschließend durch den Raum wanderte. Er ging um den Tisch, immer wieder. Wenn er in Noras Blickfeld kam, schlug er mit der offenen Handfläche gegen seine Stirn und sprach unverständliche Worte. Er schien einen Kampf mit sich selbst auszufechten. Nach unendlichen Minuten beruhigte er sich wieder und setzte sich zurück auf den Hocker. Nora sah ihn mit weinerlichen Augen an, unfähig ein Wort zu sagen. Als ihr Blick abschweifte, entdeckte sie im Hintergrund neben der Spüle einen Teddy, der auf einem Stuhl saß. Das beigefarbene Plüschtier hatte nur einen Arm. Der Mann griff erneut zum Skalpell. Dann fiel ein dunkler Vorhang, der Nora mit ins Nirgendwo zog.
Als Nora wieder aufwachte, war ihr kalt. Sie blinzelte in die aufgehende Sonne, die sich zwischen den Bäumen zeigte. Sie lag auf einer harten Holzbank. Nora richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Ringsum standen Bäume. Vor der Bank führte ein schmaler Weg tiefer in den Wald hinein. Ihre Hand pochte. Nora blickte auf den sorgfältig angebrachten Verband. Unter der weißen Mullbinde fehlten ihr zwei Finger.
Wir wohnten in einer beschaulichen Bauernschaft, nahe einer kleinen Stadt mit etwa zehntausend Einwohnern. Das Grundstück lag abseits des kleinen Dorfes und wurde von uralten Eichen umgeben. Direkte Nachbarn hatten wir keine. Die Ruhe, die wir hier gefunden hatten, war uns wichtig. Anja hatte darauf bestanden, unser damaliges Haus in der Stadt zu verkaufen. Zu viele Erinnerungen beherbergten das Gebäude und dessen Einrichtung. Schöne Erinnerungen, die wir abzuschütteln versuchten, um ein neues Leben beginnen zu können. Auch wenn der Tod unserer Tochter nie bestätigt wurde, suchten wir einen Neuanfang. Wir kauften das Haus im Jahr 2008, zwei Jahre nach der Tragödie, die unser Leben verändert hatte. Zuvor stand der Bungalow über Jahre hinweg leer. Die Nachlassgemeinschaft des verstorbenen Besitzers konnte sich über das Erbe nicht einig werden. Ich hatte damals für die Bank ein Gutachten erstellt, somit wusste ich von dem Zustand des Gebäudes. Nach dem Ende des Erbstreits konnten wir das Haus weit unter Wert erwerben. Das ersparte Geld mussten wir in die Renovierung investieren. Wenn ein Gebäude über lange Zeit nicht bewohnt wird, schreitet der Verfall schneller voran, als man ahnt. Der Schimmelbefall erwies sich als problematisch. Wir ließen das Haus neu dämmen und verputzen. Die ebenerdigen Räumlichkeiten waren ideal für meine Behinderung. Den zweitgrößten Raum richtete ich mir als Arbeitszimmer ein. Ich hatte mich im Jahre 2001 als Architekt selbstständig gemacht und mir inzwischen einen guten Ruf erarbeitet. Den Betrieb führte ich zusammen mit meiner Frau, Angestellte hatten wir keine. Anja übernahm die Büroarbeit, derweilen ich mich um die Kunden und Zeichnungen kümmerte. Nach dem schweren Schicksalsschlag verloren wir den Boden unter den Füßen, was sich auch auf die Belange des Betriebes auswirkte. Meine Frau kehrte in ihren erlernten Beruf als Krankenschwester zurück. Da sie seit dem Verschwinden unserer Tochter Silke unter Schlafstörungen litt, ließ sie sich freiwillig für den Nachtdienst einteilen. Noch heute fuhr sie dreimal die Woche zum Krankenhaus in die Stadt und verbrachte dort die Nächte. Die anderen Tage unterstützte sie mich im Büro. Die Wunden der Vergangenheit hatten auch in unserer Ehe tiefe Narben hinterlassen.
Nach knapp einer Stunde Fahrzeit erreichte ich unser beschauliches Eigenheim. Anja war bei der Arbeit. Der Bungalow lag im Dunkeln, nur die Edelstahlplatte mit der Aufschrift „Edgar Focke - Architekt“, die ich an der Hauswand angebracht hatte, wurde von der Außenbeleuchtung angestrahlt. Ich fuhr auf die Auffahrt und öffnete mit der Fernbedienung das Garagentor. Das Tor schloss sich und die Innenbeleuchtung sprang an. Ich ging zum Kofferraum, nahm den Handstock und die große Tüte mit meinen neusten Errungenschaften heraus und schritt durch die Verbindungstür ins Haus. Eine angenehme Wärme strömte mir entgegen. Ich legte die dicke Jacke ab und hängte den Stock an seinen gewohnten Platz. Im Haus benötigte ich ihn nicht. Die Tasche entleerte ich im Wohnzimmer. Die Lampe gefiel mir immer besser, Anja würde sich darüber bestimmt sehr freuen. Ich raffte mich dazu auf, das gute Stück gleich in den Keller zu bringen. Ich verstaute die Lampe hinter diversen Kartons, deren Inhalt mir unbekannt war. Wahrscheinlich befanden sich darin irgendwelche Dekorationsgegenstände, die Anja nicht mehr für angemessen hielt und ausrangiert hatte. Wieder oben angekommen, widmete ich meine ganze Aufmerksamkeit dem Wecker. Ich nahm ihn in die Hand, beäugte ihn von allen Seiten, stellte ihn zurück auf den Tisch, musste ihn aber gleich wieder berühren. Er übte auf mich eine besondere Anziehungskraft aus. Ich fühlte, dass ihm ein besonderer Zauber innewohnte. Diese Magie hatte ich schon im Antiquitätengeschäft gespürt. Sie ging nicht unbedingt nur von den rückwärtslaufenden Zeigern aus, sondern stammte vielmehr aus dem Inneren. Nicht die Zahnräder, nicht die Federn, es musste sich um etwas handeln, das ich nicht sehen konnte. Auch dann nicht, wenn ich das Gehäuse öffnen würde. Den Wecker umgab eine Aura, der ich mich nicht entziehen konnte. In ihm lag ein Geheimnis verborgen und ich war dazu auserkoren, es zu lüften. Warum sonst hätte ich ihn unbedingt haben wollen, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Ich bin dem stummen Ruf des Weckers gefolgt und in den Laden gegangen. Ich soll ihn sogar vor Jahren dort abgelegt haben. Je länger ich den messingfarbenen Glockenwecker betrachtete, umso mehr ging meine Fantasie mit mir durch. Man bräuchte den Wecker nicht mehr aufziehen, die Zahnräder des Uhrwerks liefen trotzdem, hatte der Verkäufer gemeint. Ich nahm das antike Stück wieder in die Hand und sah mir die Rückseite genauer an. Ein flügelartiger - und zwei gerippte Stellknöpfe waren in der runden Messingabdeckung eingelassen. Ich legte Daumen und Zeigefinger an die Flügelmutter, mit der man das Uhrwerk aufzog. Zaghaft versuchte ich, die Vorrichtung nach rechts zu drehen. Der Knopf bewegte sich keinen Millimeter, die Feder war bis zum Anschlag gespannt. Mit den gerippten Knöpfen konnte man die Uhr - und Weckzeit einstellen. Ich traute mich nicht, die Uhrzeit zu verstellen, von daher versuchte ich es mit dem Knopf, unter dem eine winzige Glocke eingraviert war. Doch auch dieser Drehknopf ließ sich nicht bewegen. Ich wendete das Gehäuse, um das Zifferblatt zu betrachten. Der etwa zwei Zentimeter lange Zeiger für die Weckfunktion zeigte genau auf zwölf Uhr. Nun ja, da der Wecker keine korrekte Zeit anzeigte, konnte man ihn als solchen sowieso nicht nutzen. Doch warum lief er nahezu geräuschlos rückwärts? Ich legte das Gehäuse an mein Ohr, lauschte, und vernahm ein leises Ticken im Sekundentakt, was auf mich unheimlich beruhigend wirkte. Beunruhigend fand ich nur die Richtung, die die Zeiger eingeschlagen hatten, und das Datum, an dem dies geschehen sein sollte. Der 4. Juli 2006. Der Tag, der alles verändert hatte. Der Tag, an dem wir unsere Tochter das letzte Mal gesehen hatten. Sie saß neben mir im Auto, dann geschah dieser Unfall, dessen Auswirkungen so schwer wogen, dass wir sie bis heute nicht abschütteln konnten. Die Erinnerungen kehrten immer wieder zurück, am Tag, in der Nacht und wenn mein Stumpf zu jucken begann.
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