Tick tack, Objekt meiner tiefsten Begierde. Die Zeit fliegt. Und deine ist bald zu Ende.
Das schrille Läuten des Weckers riss Liebig aus dem Schlaf. Er hatte heute Nacht wieder von ihm geträumt, von seinen starren, ausdruckslosen Augen. Von seinem mit einer grotesk anmutenden Maske verdeckten Kopf. Sein Körper war von einer schwarzen Kutte umhüllt, die an den Armen großzügig ausgeschnitten war. Die Kapuze verdeckte seinen Hinterkopf. Ein Rabe. Mit der schnabelartigen Maske und der weiten Kutte sah er aus wie ein übergroßer Vogel mit mächtigen Schwingen, den es nach Aas dürstet.
Sein perfides Vorhaben hielt er in Schrift fest. Er hatte an alles gedacht, es schien routiniert. Ein Ledersäcken, das zuvor noch mit einer Kordel umschlossen war, legte er der Länge nach aus. Zum Vorschein kamen ein antiquiert anmutendes Pergament, eine weiße Feder und ein Behälter mit pechschwarzer Tinte. Er öffnete das Behältnis, senkte den Federkiel in die Tinte, hob die Feder mit großer Geste über das Pergament und zeichnete geschwungene Lettern auf das trockene, nach Feuchtigkeit lechzende Pergament. Es schien seine persönliche Liturgie zu sein, ein Zelebrieren, ein festlicher Akt. Das einzige, was noch gefehlt hätte, wäre gewesen, dass ich mit meinem eigenen Blut unterschreiben muss.
Mittlerweile hatte er sich aus seinem Bett aufgerafft und stand bei einem heißen Kräuertee in seiner kleinen Küche. Aus dem Radio schallte “Highway to hell“ von ACDC. „Hey Satan, pay‘ my dues“. Liebig zog selbstironisch die Augenbrauen hoch. Tja , meine Schulden werde ich schon bald beim Teufel höchstpersönlich begleichen müssen. So oder so .
Sein Blick blieb auf einem Bild hängen, das eingerahmt die Fensterbank zierte. Eine glücklich aussehende Frau schaute ihm verträumt in die Augen, neben sich ihr Ebenbild stehend, nur dreißig Jahre jünger. Damals hatte ich sogar noch Haare auf dem Kopf. Lang ist's her. Doch bevor seine Gedanken in die Vergangenheit gezogen wurden, ließ ihn die schrille Stimme der Radiomoderatorin aufhorchen.
„Erneut ein makabrer Fund: Auf einer Toilette am örtlichen Flughafen wurde heute Nacht eine männliche Leiche gefunden“ tönte sie. Mit wenigen, kryptischen Worten schilderte der Wachmann, der die Leiche am frühen Morgen entdeckte hatte, noch seinen grausigen Fund. Die sich überschlagende Stimme berichtete, die zuständigen Polizeibeamten hätten ihn angewiesen, aus ermittlungstaktischen Gründen keine Details zu nennen.
Kalter Schweiß legte sich auf Liebigs Stirn, obwohl die Raumtemperatur keinen Grad höher wurde. Lange Zeit nichts Auffälliges und dann zwei Morde in wenigen Stunden ... und obendrein die komische Botschaft? Die Möglichkeit eines Zufalles schwindet so langsam dahin . Dann ist es wohl wirklich wahr.
Liebig ließ seinen dampfenden Tee stehen, zog seine Daunenjacke über und machte sich gehastet auf den Weg.
Und bist du nicht willig, so gebrauch ich Gewalt-
Wie ich es hasse. Die Menschen sind verdorben, sich selbst das größte Übel. Die Gesellschaft ist ein gesichtsloser, amorpher Organismus, geleitet von Opportunität, Obszönität und zweifelhaften Idealen. Prinzipien kommen und gehen, haben nicht mehr Beständigkeit als ein Wimpernschlag. Die Menschen sind schon lange Geiseln ihrer dekadenten Lebensweise und Laster. Zu fett und zu satt, um das Wesentliche zu begreifen.
Noch niemals habe ich einen Vertrag gebrochen. Ich bin gewissenhaft. Doch dieser kleine, ehrlose Narr denkt, er könne mir entkommen. Welch niederträchtiger Irrglaube?! Lasst mich Euch eines sagen: Ich bin überall. Ich überwache jeden eurer Schritte. Ich habe die Fäden eurer Leben, in der Hand. Und ich durchtrenne sie, wenn es so weit gekommen ist. Es gibt kein Entkommen und ihr habt das Scheitern zu verantworten, ihr alleine.
Ich setze mich in ein Taxi und folge dem seinigen zum Flughafen. Denkt er, ich würde es nicht sehen? Er steigt aus und blickt nervös umher, bevor er einen großen Koffer aus dem Kofferraum des Taxis hievt. Ich bezahle den Fahrer mit einem freundlichen Lächeln und einem großzügigen Trinkgeld. Dann steige ich aus dem Taxi, schließe meinen Mantel und nehme meine Fährte auf. Entspannten Schrittes folge ich dem kleinen Mann, der hastig seinen Koffer hinter sich herzieht. Ich bin mir meines Sieges sicher, ich habe ihn in der Hand. Aus sicherer Entfernung beobachte ich, wie er seinen Koffer aufgibt und eincheckt. Ich kann erkennen, wie seine Hand zittert, als er seinen Pass und sein Ticket vorlegt. Über seine Schulter blickt er sich um. Doch er kann mich nicht erkennen. Niemand kann das. Ich bin ein Geist. Von seiner Nervosität amüsiert, entlockt es mir sogar ein kleines Lächeln. Er schreitet nun zu den Sicherheitskontrollen. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn … Er widert mich an. Nachdem er die Sicherheitskontrollen überwunden hat, schaut er nochmal zum Bereich der Check-In-Schalter. Ich sehe einen Anflug der Erleichterung auf seinem Gesicht, als er nichts Auffälliges bemerkt. Doch wie Falsch: Ich könnte direkt vor dir stehen, du törichter Stümper, und du würdest nicht einen Hauch des Verdachtes haben.
Ich tu‘ es ihm nun gleich, gehe zum Schalter, kaufe mir ein Ticket, lasse das kalte Metall aus meiner Jackentasche unauffällig in einem Mülleimer verschwinden und passiere die Sicherheitskontrollen. Das Messer ist zwar mein Pinsel, aber ich bin auch ohne Werkzeug ein virtuoser Maler, wallende Erregung ist meine Muse.
Ich bin dir so nahe und du bist dir sicherer denn je. Welch gewaltiger Fehler.
Wir sitzen direkt am Gate, Rücken an Rücken, uns trennen keine zwanzig Zentimeter … Auckland, Neuseeland, soso. Schön soll es dort sein. Du wirst allerdings keine Kiwis zu Augen bekommen. Der Fahnenflüchtige steht auf … ich kenne sein Ziel. Auch ich erhebe mich und folge ihm, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Nach wenigen Schritten tritt er aus dem Hauptgang, der alle Gates miteinander verbindet, und kehrt nach einigen weiteren Metern in eine Nische ein. Auch ich passiere die Nische. In der Mitte zwischen Herrentoilette zur linken Seite und Damentoilette zur rechten steht ein Putzwagen vor der gekachelten Mauer. Er wird mir hilfreich sein …
Eilig betrete auch ich die linksseitig gelegene Herrentoilette. Am Waschbecken steht noch ein alter Mann, der sich die Hände wäscht. Ein schneller Blick genügt um festzustellen, dass sich hier keine weitere Menschenseele aufhält … bis auf ihn. Als der Alte die Toilettenräume verlässt, gehe auch ich wieder hinaus. Ich greife mir aus dem Putzkasten das “temporally out of order”-Schild und postiere es vor der Tür der Herrentoilette. Außerdem brauche ich den Wischmobb, oder vielmehr dessen Stiel. Ich öffne erneut die Tür zur Herrentoilette, trete hindurch und zwänge das eine Ende des Holzstückes unter die Klinke, während ich die Gegenseite auf dem Boden verkeile … Jetzt sind wir ungestört.
Ich nehme Kappe und Brille ab, warte geduldig. Da! Ich höre die Klospülung aus einer der Kabinen. Es fühlt sich an, als flöße siedendes Öl durch meine Adern. Dann kommt das Dickerchen endlich heraus. Der Anblick seines Gesichtes ist in Geld nicht aufzuwiegen. Er weiß, wer ich bin, auch wenn er mein Gesicht nicht kennt. Das ist wohl die Intuition, von der die gemeine Bevölkerung so häufig zu sprechen pflegt. Er löst sich aus seiner Schockstarre und schließt sich wieder in der Kabine ein. Ha! Als ob ihn das retten würde!
Sackgasse, mein törichter Freund …
Mittlerweile war die Sonne den Wolken gewichen und ein eisiger Wind strömte durch die verschneiten Straßen. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt und eine Phalanx großer, samtig anmutender Schneeflocken hüllte die Luft in einen weißen Schleier.
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