Allgemein war Sebastian Peckard ein eleganter Mann und bekannt für tadellose Umgangsformen. Er pflegte die Details aufeinander abzustimmen. Heute trug er die dunkelblauen Bundfaltenhosen – wie alle seine Hosen mit hohem Bund – und einen schmalen Gürtel aus mittelbraunem Wildleder, demselben, aus dem auch seine Halbschuhe verarbeitet waren. Auffällig schick war das leuchtende Königsblau seines Seidenfoulards, das mit goldenem Tropfenmuster bedruckt war, genau wie das Taschentuch in seiner Westentasche.
Erneut schob er die Gardinen zur Seite und nahm den Eingangsbereich und die Terrasse ins Visier, so als wollte er sich nochmals vergewissern. Als ein Mann mit klarer Linie und Prinzipien, hätte Peckard seinen Sicherheitsmann eigentlich auf der Stelle entlassen. Jetzt aber galt es, kühlen Kopf zu bewahren, denn Peckard wusste: in dieser kritischen Situation die Nerven zu verlieren, wäre unprofessionell. Die Art des Zwiespalts behagte ihm in keiner Weise. Zu gut kannte er seinen Mitarbeiter: Antonio Rodriguez konnte ungemütlich werden, wenn ihm Unrecht geschah oder er sich gar bedroht fühlte. Allfällige Schritte gegen ihn mussten säuberlich überlegt sein. Rodriguez war sein Frontmann und hatte dadurch alle einflussreichen Kontakte. Vor ihm kuschen zu müssen, war Peckard gänzlich zuwider. Seit Erreichen des Erwachsenenalters hatte sich Peckard nie mehr vor jemandem beugen müssen. Doch er liess Nachsicht walten, denn das eigentliche Problem war ein viel Grösseres: Rodriguez hatte ihn soeben auch darüber informiert, dass ihn die Kriminalpolizei sprechen wollte.
Peckard hüstelte wieder. Unruhig ging er auf dem Eichenparkett hin und her, zum Fenster und wieder zurück zur Bürotür. Die Wanduhr schlug halb zwölf Uhr.
Aus dem Flur vernahm er Schritte. Er hörte Männerstimmen – dann klopfte es drei Mal laut an seine Bürotür.
«Sebastian, für dich!» Peckard erkannte sogleich die Stimme seines Geschäftspartners.
Galant öffnete er die Tür und setzte ein einladendes Lächeln auf.
«Ich habe Sie bereits erwartet», grüßte Sebastian Peckard.
Den zwei Polizisten folgend, betrat Konrad Bischofberger als Letzter das Büro.
Sein langjähriger Geschäftspartner war hager geworden, sein Gesicht kantig. Trotzdem strotzte er vor Energie. Peckard beschloss, Konrad Bischofberger im Auge zu behalten.
Bischofberger – seines Zeichens Profikoch – genoss ebenfalls hohes Ansehen in der Branche. Mit dem Unterschied, dass ihm das Geld buchstäblich in die Wiege gelegt worden war. Sein Vater, ein bekannter Hotelier und Besitzer von mehreren Immobilien, hatte genaue Vorstellungen gehabt, wie der berufliche Weg seines Sohnes verlaufen sollte. Jeder wusste, dass das Einzelkind Konrad in Hotelier Bischofbergers Fußstapfen treten würde. So absolvierte der Junior die Hotelfachschule, anschließend begann er als Koch in einem der väterlichen Hotels zu arbeiten. Das lag ihm, er hatte Talent und war ein Workaholic.
Dann aber musste etwas schief gelaufen sein. Kurz vor seinem Tod hatte Vater Bischofberger seine Hotelkette an einen unbekannten Geschäftsmann verkauft. Ein großer Teil seines Vermögens war an Konrads Mutter übergegangen; Frau Annalis Bischofberger war fortan eine der reichsten Witwen der Stadt. Konrad hatte lediglich seinen Pflichtteil zugewiesen bekommen.
Mit dem Erbe hatte er seine horrenden Steuerschulden bei der Stadt Zürich bezahlt und den Rest im Spielcasino und während zahlreicher exzessiver Partynächte verprasst - bis er pleite war. Als er seine Mutter um Geld gebeten hatte, hatte sie den Kontakt zu ihm vollständig abgebrochen. Seither hatte sich Bischofberger kontinuierlich verändert. Und genau das störte Peckard an der Sache. Charakterlich passte es schon lange nicht mehr zusammen. Da gab es nichts schönzureden.
Von all diesen Gedanken ahnte sein Geschäftspartner nichts. Bischofberger stand neben Kommissar Aemisegger am Fenster und rühmte den fantastischen Ausblick auf den Zürichsee. Weder Kommissar Aemisegger noch Köppel hatten ein Auge dafür. Der Polizeioberkommissar übernahm das Wort: «Wir haben Ihre Mitarbeiterin, Frau Emilia Rodriguez, tot aufgefunden.»
Noch bevor der verdatterte Bischofberger denken konnte, antwortete Sebastian Peckard: «Ich bin informiert. Emilias Bruder war bereits vor Ihnen da.»
Während er sprach, drehte er langsam den Kopf und sah Bischofberger mahnend an. Es war für ihn nicht zu übersehen, was in diesem Moment in Bischofberger vorging. Dafür kannte er ihn viel zu gut.
Diesmal war es Kommissar Aemisegger, der Bischofberger zuvor kam.
«Mit dem Bruder des Opfers haben wir gesprochen. Von ihm haben wir vom Firmenausflug erfahren. Das ist mit ein Grund, weshalb wir hier sind.»
Bischofberger wirkte steif und in sich gekehrt. Peckard antwortete stellvertretend für beide: «Richtig, unser Firmenausflug … Allerdings sehe ich den Zusammenhang nicht. Es war ein toller Tag, alles bestens, alle bester Laune, Emilia Rodriguez inklusive.»
Für Bischofberger kam diese Antwort wie ein Stichwort. Ausführlich führte er gedanklich durch den Ausflug, berichtete über die Details, von angefangen morgens um sieben Uhr, als die Mitarbeiter von zehn Ferraris abgeholt worden waren, für jeden ein Ferrari mit Chauffeur. Sebastian Peckard hatte sich für seine Mitarbeiter etwas einfallen und den Spaß was kosten lassen.
Bischofberger: «Es war gigantisch!»
Während er mit einem gewissen Funkeln in den Augen weitererzählte, hörten ihm die Kommissare aufmerksam zu und unterbrachen ihn erst, als sich die Schilderungen wiederholten.
«Ist Ihnen an Emilia Rodriguez etwas aufgefallen: hat sie sich während des Ausfluges merkwürdig verhalten?»
Sofort mischte sich Peckard ein: «Alle Beteiligten hatten sichtlich Spaß.»
Die Kommissare erfuhren, dass der offizielle Ausflug gegen sechzehn Uhr beendet gewesen war; am Grillabend in einem Wald des Zürcher Oberlands hatten nur mehr wenige Mitarbeiter teilgenommen.
Was sich am Abend so alles ereignet hatte, daran konnte sich Bischofberger weniger erinnern. Jedenfalls nicht an alle Einzelheiten. Er gab an, viel getrunken zu haben.
«Trinken Sie öfters viel?»
Erneut schritt Sebastian Peckard dazwischen, wohl um sich und seinem Partner weitere Peinlichkeiten zu ersparen und noch mehr, um den Informationsgehalt der Aussage unter Kontrolle zu halten.
«Die Kommissare mögen verstehen, dass ihn der Tod von Emilia Rodriguez aufwühlt. Wichtig ist jetzt, dass wir das Team informieren. Zuvor aber besprechen wir die Formulierungen. Ich will in jedem Fall verhindern, dass die Leute in Panik ausbrechen. Der Betrieb muss ganz normal weiter gehen. Die Gäste dürfen auf keinen Fall etwas mitbekommen.»
Es war anzunehmen: Kommissar Aemisegger hatte zuvor gründlich über Sebastian Peckard und Konrad Bischofberger recherchiert und erste Erkundungen eingezogen. Sebastian Peckards Weste war frei von jeglicher Beschmutzung. Jedenfalls war er noch nie unter polizeilicher Ermittlung gestanden. Anders stand es um Konrad Bischofberger. Er hatte drei Vorstrafen wegen Trunkenheit am Steuer und hatte einige Monate seinen Führerschein abgeben müssen.
Da gab es jedoch noch etwas, was Aemisegger in diesem Augenblick vordringlicher erschien. Die Akte «Annalis Bischofberger» lag seit zwei Wochen auf seinem Tisch. Auch der Mord an der Seniorin war sein Fall.
Also wandte sich Kommissar Aemisegger direkt Konrad Bischofberger zu und fragte ihn unverblümt: «Kam nicht neulich Ihre Mutter zu Tode?»
Nun reagierte selbst Sebastian Peckard angespannt: «Zum Tod von Frau Annalis Bischofberger wird sich Herr Bischofberger nicht äußern. So wie ich informiert bin, sind Sie wegen Emilia Rodriguez hier. Wie erwähnt, habe ich sie nicht anders als quickfidel gesehen, und es hat sich auch an unserem Firmenausflug absolut nichts Außergewöhnliches ereignet. Bischofberger hat Ihnen ausführlich berichtet, was er weiss. Das muss reichen.»
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