«Wo soll das passiert sein?»
«In einem Wald im Zürcher Oberland.»
War es Wut, war er traurig? Er wusste es nicht. Antonio fühlte sich schwermütig und leer.
«Klingt für mich völlig absurd. Woran ist sie gestorben?»
Dazu äußerte sich Kommissar Aemisegger knapp: «Gemäß dem aktuellen Stand der Ermittlungen hat sie sich bei einen Sturz von einem Felsen tödliche Verletzungen zugezogen. Die Rechtsmedizin geht davon aus, dass Emilia Rodriguez nach dem Aufprall maximal noch zehn Minuten gelebt hat, bevor sie ihren Verletzungen erlegen ist.»
«Ersparen Sie mir die weiteren Details.» Antonio hörte, wie seine Stimme zitterte.
«Die Umstände, die zu ihrem Tod geführt haben, sind derzeit noch unklar. Bis jetzt gibt es nur wenig Anhaltspunkte. Wegen der heftigen Regenfälle wurden die Spuren verwischt, so dass wir die Abrutschstelle nicht eindeutig eruieren konnten. Wissen Sie vielleicht, hatte Ihre Schwester Probleme?»
Für Antonio war jedes Wort vergleichbar schmerzhaft mit einem heftigen Faustschlag in den Magen. In seiner Wut kämpfte er dagegen.
«Wenn Sie darauf hinaus wollen, dass meine Schwester Selbstmord verübt hat, dann vergessen Sie das gleich wieder. Meine Schwester hätte sich niemals freiwillig vom Felsen gestürzt. Genauso wenig wie sie sich fahrlässig in die Situation begeben würde, einen Unfall zu verursachen. Jemand muss sie hinuntergestoßen haben.»
«Tatsächlich gibt es einige Ungereimtheiten. Möglicherweise hatte sie eine körperliche Auseinandersetzung oder sie wurde von jemandem festgehalten.»
«Sag ich doch. Es bestehen keine Zweifel: Emilia wurde ermordet!»
«Ihre Theorie können wir zum jetzigen Zeitpunkt weder bestätigen noch ausschließen.»
«Wehe dem, der Emilia das angetan hat. Ich schwöre, dem mache ich das Leben zur Hölle!»
«Sie unternehmen nichts, Herr Rodriguez. Lassen Sie uns unsere Arbeit machen!»
Nach einem Moment unangenehmer Stille nahm Kommissar Aemisegger den Gesprächsfaden wieder auf und fragte: «Hatte Emilia Rodriguez Streit mit jemandem?»
«Hören Sie auf! Sie wollen es nicht verstehen: Emilia war sehr beliebt. Sie hatte alles, wovon andere in ihrem Alter träumen. Emilia war bildschön, intelligent und sie verdiente ihr eigenes Geld. Natürlich gab es solche, die neidisch auf sie waren. Ihre Arbeitskollegin zum Beispiel, die Sophie. Mit ihr lag sie in dauerndem Zickenkrieg. Nicht, dass ich der einen Mord zutrauen würde. Oder würden Sie jemanden töten, nur weil sie neidisch sind?»
«Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand aus Neid getötet wird.»
Rodriguez war reflektiert genug, um sein anfänglich störrisches Verhalten – wenn auch aus einem Leidensdruck heraus entstanden – zu korrigieren, um sich den Ermittlungsarbeiten nicht in die Quere zu stellen. Doch das fiel ihm außerordentlich schwer. Er musste sich Luft verschaffen.
Kommentarlos stand Rodriguez auf und kam sogleich mit drei Flaschen Wasser zurück. Zunächst setzte er sich auf einen Stuhl und strich mit beiden Händen über seine rasierte Glatze, bis zum Hinterkopf, wo er seine Hände verschränkt hielt. Aus dieser Perspektive starrte er auf die blaulackierten Röhren der Wasserleitung an der Industrie-Decke und informierte die Herren der Kriminalpolizei vorausschauend: «Falls Sie wissen wollen, wann ich Emilia das letzte Mal gesehen habe – das war vorletzte Woche, am Freitag, dem 12. August. Sie wollte bei mir übernachten. Um einundzwanzig Uhr bin ich zur Arbeit. Danach habe ich sie nicht mehr gesehen oder von ihr gehört.»
Nach kurzem Besinnen fügte Antonio hinzu: «Was nicht ungewöhnlich ist. Emilia ist eine selbständige, erwachsene Frau. Oder besser gesagt: sie war es.»
«Kam das öfters vor, dass Ihre Schwester bei Ihnen übernachtete?», wollte Köppel wissen.
«Immer dann, wenn es für sie praktisch war. So war es auch am 12. August. Am nächsten Tag fand ein Ausflug statt.»
Das schrille Klingeln von Kommissar Aemiseggers Mobiltelefon unterbrach das Gespräch. Aemisegger hielt sich knapp, so dass nichts aus seinen Worten oder Gebärden abzuleiten war. Anschließend an das Gespräch informierte er Köppel: «Der Kollege aus der Forensik meldet soeben, dass ein roter Damenschuh gefunden wurde. Wir gehen davon aus, dass es sich um den Schuh des Opfers handelt.»
«Man hat nur einen Schuh gefunden?», wollte Köppel wissen.
«Ja. Den linken Schuh. Nach dem rechten wird derzeit gesucht.»
Rodriguez bestätigte: «Ich erinnere mich. Meine Schwester trug am 12. August rote Pumps.»
Konzentriert zupfte Aemisegger die Kringel seines Schnurrbarts spitz: «Sie sagten vorhin: Ausflug?»
Die Antwort kam prompt: «Was weiss ich, das habe ich lediglich aufgeschnappt. Verstehen Sie denn nicht; meine Schwester war erwachsen. Sie tat, was sie für richtig hielt und liess sich von niemandem ins Zeug reden. Auch nicht von mir.»
«Beruhigen Sie sich! Niemand ist Ihr Feind, wir schon gar nicht.»
Auch Kommissar Köppel war nicht empathischer als sein Chef: «Darf ich Sie fragen, wo Sie sich am Samstagabend aufgehalten haben?»
«Das fragen Sie mich aber nicht im Ernst?»
«Doch. Wo waren Sie am Samstagabend?»
«Im Club.»
«Das werden wir überprüfen.»
«Volltrottel!»
Kommissar Aemisegger schritt dazwischen. «Meine Herren, so kommen wir nicht weiter.» Er blickte scharf zu seinem Kollegen, der den Wink sofort verstand – und wandte sich anschließend an Antonio Rodriguez:
«Bitte denken Sie nach, Herr Rodriguez. Jede Information könnte hilfreich sein.»
Rodriguez sah ein, dass er sich kooperativ verhalten musste, alles andere wäre unvernünftig gewesen.
«Ich erinnere mich, dass sie am Samstag, dem 13. August, mit ihren Arbeitskollegen unterwegs war.» Antonio dachte kurz nach: «Ja, genau so war es, sie wollte zum alljährlichen Firmenausflug.»
Sofort wurden die Kommissare hellhörig. Herr Köppel vergewisserte sich motiviert: «Firmenausflug, sagten Sie? Bei welcher Firma hat Ihre Schwester gearbeitet?»
«Im Landgasthof von Sebastian Peckard. Ihm gehört auch der Club.»
«Sebastian Peckard? Der prominente Unternehmer?»
Antonio Rodriguez nickte.
«Der ist uns aus den Medien bekannt.»
«Er ist mein Chef.»
«Wir werden Sebastian Peckard einen Besuch abstatten und Ihre Angaben überprüfen. Halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.»
Nachdem die Kommissare den Club verlassen hatten, fühlte sich Antonio Rodriguez erschlagen. Die Nachricht hatte ihn bis ins Innerste getroffen. Die Erinnerung an die letzte Begegnung mit seiner Schwester schmerzte ihn. Noch hatte er den Kommissaren verschwiegen, dass er sich mit seiner Schwester am 12. August heftig gestritten hatte. Dabei war es wieder um ihr Outfit gegangen. Einmal mehr hatte er seine Schwester auf ihr viel zu knappes Minikleid aufmerksam gemacht. Er wusste, wie sehr er Emilia verletzt hatte, als er sie wegen ihrer Klamotten als nuttig und billig betitelt hatte.
5
Sebastian Peckard stand hinter den Gardinen und spähte durchs Bürofenster auf die Mitarbeiterparkplätze. Haargenau beobachtete er, wie Antonio Rodriguez über den Parkplatz eilte und in den Wagen stieg. Er behielt seinen Mitarbeiter solange im Auge, bis der rote Sportwagen in die Hauptstrasse eingebogen und aus seinem Blickfeld verschwunden war. Mit Blick ins Leere, stiess Sebastian Peckard ein verächtliches Zischen aus.
Von Rodriguez hatte er soeben erfahren, dass Emilia tot aufgefunden worden war. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt, Emilia Rodriguez war tot. Die Nachricht gefiel Peckard überhaupt nicht, denn Emilias Tod brachte nicht nur seinen Plan ins Wanken, hauptsächlich sah er seinen guten Ruf in Gefahr.
Unruhig schritt er durch den Raum, er hüstelte. Die leise Vorahnung, dass etwas ausser Kontrolle geraten war, setzte ihm zu. Er hüstelte und wusste, dass er sich in einer misslichen Lage befand.
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