Kurz nach dem Klingeln kam Herr Lamp. Marlon kannte ihn schon, er hatte in der achten Klasse Englisch und Mathe bei ihm gehabt. Geglänzt hatte Marlon damals schon nicht, Lamp hatte ihn insbesondere in Englisch häufig vor der Klasse wegen seiner "unzureichenden Ausdrucksweise" aufgezogen. Dass Marlon jetzt die zehnte Klasse wiederholen musste, gab Lamp bestimmt neuen Anlass zu Sticheleien.
"Guten Morgen", sagte Marlon leise.
"Guten Morgen, Herr Knauer", antwortete Lamp mit seiner dunklen, rauen Stimme. Er hatte die Angewohnheit, seine Schüler ab der Mittelstufe zu siezen. Als Marlon nichts zu antworten wusste, sagte Lamp: "Kommen Sie rein, alles halb so wild." Offenbar verstand er, was in Marlon vorging.
Hauptgesprächsstoff in der Klasse war das Verschwinden eines Mädchens, das in der Stufe über ihnen gewesen war. Man nahm an, dass sie mit ihrem Freund, einem Oberstufenschüler, zusammen abgehauen war. Als Lamp die Klasse betrat, wurde es schlagartig still. Doch das hielt nur einen kurzen Augenblick an, denn Marlon betrat die Klasse hinter dem Lehrer. Ein leichtes Raunen ging durch die Klasse. Marlon ließ seinen Blick kurz über die Klasse schweifen. Auf dem Weg nach oben hatte er befürchtet, dass „Bomber“ eventuell einer seiner neuen Mitschüler sein konnte. Aber das schien glücklicherweise nicht der Fall zu sein.
Jasmin, die mit Lisa am Tisch hinter Simon saß, stieß ihrem Freund mit einem Stift in den Rücken. "Da hast du den Adrian-Ersatz tatsächlich."
"Na toll", zischte Simon zurück und stellte seine geöffnete Colaflasche vor sich auf den Tisch.
"Guten Morgen", sagte Lamp durchdringend. Er ließ seinen Blick über die Tische streifen.
"Setzen Sie sich dorthin", ordnete der Lehrer an und wies auf den freien Platz neben Simon.
Jasmin kicherte leicht.
Marlon ging durch die Tischreihen zwischen seinen neuen Klassenkameraden. Er hörte flüsterndes Getuschel. Er war nervös. Seinen Rucksack legte er neben den Tisch, dann setzte er sich neben Simon.
"Ihr neuer Mitschüler Marlon Knauer", stellte Lamp Marlon vor. Dann fuhr er direkt mit der Tagesordnung fort. "Um ihre Namen zu lernen, bitte ich Sie, für die ersten Tage Schilder auf Ihren Tischen aufzustellen. Am besten erledigen wir das gleich."
Alles Schüler der Klasse holten Zettel und Stift hervor, um ihren Namen darauf zu schreiben. Unsicher sah Marlon sich um, aber er machte das gleiche, um nicht aufzufallen.
"König Ödipus", kicherte von einem Mädchen vom Nachbartisch leise.
Lamp hatte das gehört. ""König Ödipus" ist eine Tragödie des griechischen Dichters Sophokles", sagte er zu dem Mädchen und blieb vor ihrem Tisch stehen. "Haben Sie dazu irgendwelche Anmerkungen zu machen?"
"Nein", sagte das Mädchen und wurde rot. "Entschuldigung."
Lamp wanderte zurück zum Lehrerpult und setzte sich auf die Kante. "Muss ich annehmen, dass einige von Ihnen über die Schreibweise Ihres Namens erst einmal nachdenken müssen oder wie darf ich mir sonst die Dauer dieses Vorgangs erklären?"
Ein paar Schüler lachten zurückhaltend.
Marlon sah aus dem Augenwinkel, wie sein Sitznachbar den Zettel mit seinem Namen faltete und ihn, zu einem dreieckigen Aufsteller geknickt, an die vordere Tischkante platzierte. Marlon faltete seinen Zettel ebenfalls und streckte seine Hand aus, um das Namensschild aufzustellen. Dabei stieß er mit dem Ellbogen an die geöffnete Colaflasche, die sein Nachbar auf den Tisch gestellt hatte. Die Flasche fiel um und die dunkelbraune Limonade ergoss sich schäumend über den Tisch.
"Pass doch auf, Mann!" schrie Simon und stand reflexartig auf, als die Cola über die Kante auf seine Jeans tropfte.
"Es... es tut mir leid", stammelte Marlon.
"Na, super!" knurrte Simon. Jasmin hielt ihm von hinten bereits ein Taschentuch hin, um die Bescherung aufzuwischen.
"Ganz abgesehen davon, dass Getränkeflaschen auf dem Schulpult nichts verloren haben, bestünde immer noch die Gelegenheit, einen Deckel auf die Flasche zu setzen, Herr--" Lamp unterbrach kurz, um den Namen zu lesen. "Herr Simon Westerhausen."
Die Klasse lachte.
Simon warf Marlon einen wütenden Blick zu. Und obwohl es sich so anfühlte, als ob Lamp für ihn Partei ergriffen hatte, seufzte Marlon trotzdem. Das war ja ein hervorragender Einstand.
Der erste Tag war überstanden. In der Pause hatte Marlon sich mit Robin auf dem Schulhof getroffen, obwohl Robin seit heute die Berechtigung hatte, sich auf dem Oberstufenschulhof aufzuhalten. Nach der Schule trafen sie sich am westlichen Ausgang, wo Marlon darauf wartete, dass seine Mutter ihn abholen würde.
Robin war mit seinem Handy beschäftigt. Er spielte dort irgendein Spiel.
"Machen wir heute Nachmittag irgendwas?" fragte er, ohne aufzusehen. "Zocken?"
Marlon verdrehte die Augen. "Wollen wir nicht mal was anderes machen? Irgendwie mal rausgehen oder so?"
Überrascht sah Robin auf. "Was denn?"
"Na, bei dem guten Wetter... Wollen wir nicht mal an den See? Wer weiß, wie viele Sommertage noch übrig bleiben, wir waren in den Ferien höchstens dreimal dort."
Robin überlegte kurz. "Gut, einverstanden. Fahren wir mit dem Rad hin?"
"Alles klar, ich hole dich gegen drei ab."
"Gut." Robin wandte sich wieder seinem Handy zu.
Marlon sah auf die Uhr. Seine Mutter verspätete sich, das war ungewöhnlich. Er sah, wie andere Schüler von ihren Eltern abgeholt wurden oder über die Straße zu den Bushaltestellen gingen. Und da sah er sie. Ja, kein Zweifel, es war das Mädchen von gestern Abend. Er erkannte sie an ihren welligen Haaren, außerdem trug sie das gleiche Kleid. Sie stand regungslos zwischen den Schülern, die an ihr vorbei hasteten und sah ihn an. Dann nickte sie ihm freundlich zu.
"Guck mal, da drüben!" sagte Marlon.
"Hm?" machte Robin.
"Das Mädchen, das gestern Abend bei uns am Gartentor stand."
Robin sah auf. "Ja, und? Dann geht sie halt auch hier zur Schule. Vielleicht auf die Real- oder Gesamtschule. In meiner Stufe ist die nicht."
Er wandte den Blick wieder auf das Telefon. Marlon blickte ihn an und nahm ihm das Handy aus der Hand.
"Hey", protestierte Robin.
Marlon schaute wieder über die Straße. Das Mädchen war nicht mehr da. Er sah nach rechts und nach links, konnte sie aber nirgends entdecken.
"Jetzt ist sie weg", sagte er.
Robin schnappte ihm das Handy wieder aus der Hand. "Du wirst sie schon wieder sehen. Was interessiert dich denn an der?"
"Ich finde... sie sieht irgendwie nett aus. Sympathisch."
"Junge, bisher hat sich noch nicht wirklich ein Mädchen für uns interessiert, oder?"
"Und sie sieht so anders aus", sagte Marlon. "Ein bisschen... merkwürdig, findest du nicht?"
"Merkwürdig? Hm. Wieso?"
"Na, diese Haare... und dann dieses Kleid. Wer geht denn mit einem weißen Kleid in die Schule?"
Robin war überrascht. "Was für ein weißes Kleid?"
"Mensch, hast du nicht gesehen, was sie anhat?"
Robin schüttelte den Kopf. "Dann meintest du eine andere. Ich hab kein Mädchen in einem weißen Kleid gesehen."
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