Lisa stieg aus dem Bus. Ein Jammer, dass bei dem schönen Wetter der Schulstress wieder losging, dachte sie. Immerhin sah sie Jasmin heute endlich wieder. Ihre Freundin war erst gestern, am letzten Ferientag, mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern aus dem Urlaub gekommen. Drei Wochen hatten sie sich nicht gesehen.
Am Schwarzener Schulzentrum herrschte schon wieder Hochbetrieb. Das übliche Zusammentreffen aus allen Richtungen der Stadt und der Umgebung hatte begonnen. Lisa überquerte die Straße und grüßte zwei Mädchen aus ihrer Klasse. Aber sie hatte keine Zeit, sich mit ihnen zu unterhalten - bestimmt wartete Jasmin bereits an den der Litfasssäule, die am westlichen Eingang des Schulzentrums lag. Dort war schon seit Jahren ihr Treffpunkt.
Tatsächlich, Lisa sah sie schon von weitem - das lag aber vor allem an Simon, der mit seinen ein Meter fünfundneunzig immer auffiel. Er stand vor Jasmin, die an die Litfasssäule gelehnt war, und streichelte ihr durch die Haare.
"Guten Morgen, ihr Guten!" rief Lisa theatralisch, als sie ihre Freunde sah, und breitete die Arme aus.
Jasmin stieß einen Schrei aus, tauchte unter Simons Arm hindurch und ließ ihn an der Säule stehen. Dann stürmte sie auf ihre Freundin zu und die Mädchen fielen sich kreischend in die Arme.
"Weiber", sagte Simon kopfschüttelnd grinsend.
"Mann, du hast Nerven!" fauchte Lisa Jasmin gespielt böse an. "Einen hier bis zum letzten Tag sitzen zu lassen. Hier war niemand, mit dem ich mich auch nur einigermaßen auf einem anständigen Niveau unterhalten konnte." Sie deutete dabei auf Simon.
"Das hab ich mir gedacht", erwiderte Jasmin. "Darum habe ich auch keine Karte geschrieben. Ich dachte, es wäre besser, wenn dein Gehirn schon mal auf Sparflamme fährt, dann will ich es auch nicht aus der Ruhe bringen."
"Wie war's?" fragte Lisa. "Alles gut gelaufen."
Jasmin nickte. "Bis auf gefühlte hundert Kilometer Stau gestern auf der Rückfahrt."
"Werde ich eigentlich auch irgendwie begrüßt?" fragte Simon dazwischen. "Oder bin ich unsichtbar?"
"Klar, so mickrig, wie du bist", feixte Lisa und gab Simon eine flüchtige Umarmung.
"Du hältst dich daraus", schob Jasmin ihren Freund zurück. "Immerhin habt ihr euch in den letzten drei Wochen mal gesehen, soweit ich weiß." Sie sah Lisa an. "Und? War er brav?"
"Auf der Party von Adrian so einigermaßen", sagte Lisa. "Wobei ich ihn natürlich nicht die ganze Zeit im Auge hatten."
"Ach, die Party von Adrian", seufzte Jasmin. "Dass ich nicht da sein konnte, ärgert mich schwarz."
"Er lässt schön grüßen", sagte Simon. "Wir haben gestern telefoniert. Der arme Kerl hatte eine ganze Woche weniger Ferien als wir. Geht schon seit letzter Woche in seine neue Schule."
"Selbst schuld, wenn man auch gleich in ein anderes Bundesland zieht", sagte Jasmin. "Jedenfalls hätte ich mich gerne von ihm verabschiedet."
Hier am westlichen Eingang des Schulgeländes führte die Straße vorbei. Nach und nach hielten Autos: Eltern brachten ihre Kinder zur Schule. Jetzt hielt ein dunkelblauer Kombi. Die Tür öffnete sich.
"Guck mal da", sagte Jasmin. "König Ödipus."
Es war Marlon Knauer, der bisher in der Stufe über ihnen gewesen war. "König Ödipus" wurde er genannt, weil jeder wusste, dass seine Mutter und er unzertrennlich waren.
"Ja und?" fragte Lisa gleichgültig.
"Der ist sitzengeblieben", sagte Jasmin leise. "Das heißt, der kommt zu uns in die Stufe, wenn nicht sogar in unsere Klasse."
"Da haben wir ja für Adrian einen adäquaten Ersatz", kicherte Lisa mit Seitenblick auf Simon. Sein bester Freund seit Kindertagen war jetzt weggezogen, weil sein Vater eine neue Stelle angenommen hatte.
"Adäquat trifft es wohl nicht so ganz", meinte Simon, als er beobachtete, wie Marlon gebeugt in der offenen Autotür stand, um von seiner Mutter noch etwas mitgeteilt zu bekommen. Marlon sagte nichts, sondern warf die Autotür energisch zu. Dann fuhr der blaue Kombi davon. Marlon ging an den drei Freunden vorbei, aber schenkte ihnen keine Beachtung.
Simon war einen Blick auf seine Armbanduhr. "Wir sollten mal langsam loszischen. Ich habe gehört, dieser Herr Lamp sei bei Verspätungen leicht ungehalten." Herr Lamp war der neue Klassenlehrer. Keiner der drei hatte ihn bisher im Unterricht gehabt, aber ihm eilte ein Ruf voraus, der nicht besonders viel Gutes ahnen ließ.
Lisa blickte auf ihre Uhr. "Nur die Ruhe - wir haben noch gute zehn Minuten."
Robin hatte sich beim Hausmeister noch einen Kakao gekauft, bevor er sich auf die Stufen vor dem Haupteingang setzte und auf Marlon wartete. Die meisten Schüler gingen achtlos an ihm vorbei. Ab und zu liefen auch Leute vorüber, die tuschelten und kicherten, vor allem Mädchen. Robin versuchte, sie so gut wie möglich zu ignorieren. Wirklich daran gewöhnen konnte man sich nicht.
Endlich kam Marlon, den er erwartet hatte.
"Morgen, Alter", grüßte Robin seinen Freund. "Wurde ja auch Zeit."
Marlon schaute auf seine Uhr. "Wieso? Sind doch noch zehn Minuten, bis es klingelt." Er setzte sich neben ihn.
"Mein ich doch gar nicht", sagte Robin. "Ich habe gestern Abend noch 'Entity Universe' gezockt - ich habe so'nem Spinner seine Bazooka abgenommen, der hat mich dann erstmal eine Runde im Chat beschimpft, dann habe ich ihm nochmal Energie abgezogen..."
"Cool", sagte Marlon trocken und setzte sich neben seinen Freund.
"Was ist los?"
Marlon blickte Robin an. "Was soll schon los sein? Ich habe wenig Bock, mich da in die neue Klasse zu setzen."
"Ja, ich weiß. Ich find's auch nicht gerade gut, dass ich da jetzt alleine sitzen muss", gab Robin zu. Dann fragte er: "Was ist denn mit deiner Phantomfrau? Ist die nochmal aufgetaucht?"
Marlon schüttelte den Kopf. "Nee. Merkwürdig. So schnell konnte die überhaupt nicht abhauen."
"Na ja, wenn sie nebenan wohnt, dann wirst du sie ja früher oder später nochmal sehen. Dann kannst du sie ja fragen, ob sie eine Meisterin im Sprint ist. Jedenfalls, dann noch bei 'Entity Universe'... "
„ Ey, Alter, mach mal Platz. “. Eine heisere Stimme unterbrach Robin, wartete aber keine Antwort ab. Zwei Füße in ausgefransten Turnschuhen kickten Robins Rucksack, der neben ihm lag, im Vorbeigehen weg. Robin und Marlon brauchten gar nicht aufzusehen, um zu wissen, wer das gewesen war. Es war dieser Typ aus der Stufe unter ihnen – beziehungsweise aus der Stufe, in die Marlon seit heute gehörte. Seinen richtigen Namen kannten sie überhaupt nicht, er wurde von allen nur „Bomber“ genannt. Bomber war mit Vorsicht zu genießen. Ständig hörte man, dass er wegen einer Prügelei oder wegen Beleidigungen von Schülern, manchmal sogar von Lehrern zu einem Gespräch im Direktorat vortreten musste. Warum er nicht längst von der Schule geflogen war, konnte man nur ahnen – angeblich war Bombers Vater irgendein hohes Tier in der Stadt. Marlon und Robin waren froh, dass bei ihnen nur solche Aktionen wie eben mit dem Rucksack oder ab und zu mal ein paar hämische Kommentare stattfanden.
Marlon stand auf, während Robin wortlos seinen Rucksack wieder an sich heranzog. "Hör zu, ich gehe schon mal hoch. Ich will nicht noch zusätzlich auffallen, dass ich zu spät komme."
"Ich dachte, es wären noch zehn Minuten?" fragte Robin
"Schon... aber ich weiß ja auch noch gar nicht genau, welcher Klassenraum das ist."
"Einer von unseren alten."
"Ist klar, aber... ich muss mal los. Wir sehen uns in der Pause, okay?"
Als Marlon vor der neuen Klasse stand, verließ ihn der Mut. Eigentlich hatte er geplant, ganz locker in den Raum zu gehen, sich einen Platz zu suchen. Aber als er sah, wie seine neuen Mitschüler achtlos an ihm vorbeigingen, sich in der Klasse freudig begrüßten und miteinander Spaß hatten, zog er es vor, lieber draußen zu warten.
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