Ich war nicht unbedingt der Sportlichste und kam auch längst nicht an das Gewicht von Bobby heran, aber ich hatte in meiner Polizeiausbildung ein paar Tricks gelernt.
Bevor Ferdi überhaupt wusste, wie ihm geschah, küsste er mit seiner Wange bereits den Betonboden. Ich hatte ihn mit meinem rechten Bein ausgehebelt und bäuchlings zu Boden geworfen. Mein rechtes Knie bohrte sich von hinten in seine Nieren, während meine linke Hand seinen linken Arm schmerzhaft nach hinten bog. Aus dieser Lage würde er sich ohne fremde Hilfe nicht befreien können.
Ferdi fing an zu kreischen wie ein kleines Mädchen, aber ich lockerte meinen Griff keinen Millimeter. Seine Freunde taten so, als würden sie ihn auf einmal nicht mehr kennen. Sie blickten demonstrativ in eine andere Richtung und unterhielten sich angeregt über das Wetter.
„So, mein Freund“, sprach ich in gebührendem Abstand in sein Ohr, um bei seinem Gestank nicht ohnmächtig zu werden. „Jetzt werden wir uns ein bisschen unterhalten.”
Ferdi wimmerte etwas Unverständliches. Routiniert suchte ich mit meiner freien Hand seine Taschen ab, um zu meiner eigenen Sicherheit unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Sicher ist sicher.
Zu meiner Verblüffung förderte ich ein braunes Arzneimittelfläschchen, Aspirin, eine Handvoll unbenutzter Einwegspritzen sowie ein paar Packungen Kaugummis zu Tage. Es sah aus, als hätte er vor kurzem eine Apotheke, oder zumindest einen mittelgroßen Medizinschrank ausgeräumt.
Seine rechte Tasche hingegen hielt etwas bereit, das ich eindeutig als ‚unangenehme Überraschung’ bezeichnen würde. Tief im Innenfutter vergraben fand ich ein großes Springmesser, das beunruhigend schwer in meiner Hand lag. Das Messer war nicht ganz billig, gut gearbeitet und eindeutig gefährlich, zumindest in den Händen eines unberechenbaren Drogensüchtigen.
Die Umstände betrachtet, war es wahrscheinlich ebenfalls geklaut. Ich stopfte alles in die ausgebeulten Taschen meiner Jacke. Diese Dinge gehörten eindeutig nicht in die Hände eines Straßenjunkies. „Das gehört mir“, schniefte Ferdi und versuchte vergeblich, sich unter mir herauszuwinden. Ich erhöhte den Druck auf seinen Arm. „Ehrlich Ferdi, für wie dumm hältst du mich eigentlich?“, fragte ich, ohne eine Antwort abzuwarten. „Dir ist doch schon bewusst, dass der Besitz von Springmessern verboten ist, oder nicht? Willst du wirklich so sehnsüchtig in den Knast?“
Ferdi heulte: „Das gehört nicht mir! Das bewahre ich nur für einen Freund auf!“
„Soeben hast du noch behauptet, das würde alles dir gehören“, warf ich spitzfindig ein. „Pass auf. Ich schlage dir einen Deal vor: Du beantwortest meine Fragen, und ich werde im Gegenzug vergessen, was ich in deiner Tasche gefunden habe. Einverstanden?“
„Ja, JA !“, wimmerte Ferdi, vermutlich auch, weil ich den Druck auf seinen linken Arm erhöhte.
„Gut“, murmelte ich besänftigt. „Ich suche Tommy; weißt du, wo er ist?”
„Tommy?“, fragte Ferdi und versuchte, möglichst unwissend zu klingen, was in seiner misslichen Lage nur bedingt gelang.
„Du wirst doch noch deinen besten Freund kennen, oder?” Ich wechselte die Strategie und versuchte es auf die sanfte Tour. „Ich fürchte, er steckt in üblen Schwierigkeiten. Ich kann ihm helfen“, bot ich an. „Ich muss nur wissen, wo er steckt.“
Ich bezweifelte, dass Ferdi mir meine geheuchelten Worte tatsächlich abnahm, aber wahrscheinlich halfen sie ihm, sein Gewissen zu beruhigen. Jedenfalls fing er plötzlich an zu plaudern, schnell und hastig wie ein Wasserfall. „Ich habe Tommy schon lange nicht mehr gesehen“, brabbelte Ferdi erstickt in den Asphalt. „Er nimmt an einem Resozialisierungsprogramm teil. Er hat eine Wohnung gestellt bekommen, und einen Sozialarbeiter, der ihm unter die Arme greifen soll.“
„Ach ja?“, fragte ich ehrlich verblüfft. Es war selten, dass einer unserer Spezis tatsächlich den Absprung versuchte. Noch seltener war es allerdings, dass sie es auch schafften. Gerade bei Thomas Becher hätte ich nicht damit gerechnet.
„Weißt du auch wo?“
„Ja! Irgendwo in Bilk!“
Ich stand auf und ließ von Ferdi ab. Lässig klopfte ich mir den Staub von der Jacke.
Ferdi rollte sich wimmernd auf den Rücken und rieb seinen Arm.
„Danke, warum nicht gleich so“, sagte ich freundlich und nickte Ferdis Minigang zum Abschied zu. Sie blickten immer noch angestrengt in eine andere Richtung.
Ferdi schrie mir irgendetwas Unanständiges hinterher, während ich langsam über die großen Vorplatz zur Straßenbahn schlenderte. Es war mir egal, ich hatte meine Antworten von ihm bekommen, mehr Ärger war Ferdi nicht wert.
Thomas Becher versuchte also den Ausstieg. Sehr interessant . Aber irgendwie passte das nicht zusammen. Wenn er wirklich den ehrlichen Weg einschlagen wollte, was hatte er dann in Merkmanns Wohnung zu suchen gehabt? Das war jedoch eine Frage, die nur er beantworten konnte. Ich musste mit ihm sprechen. Als erstes würde ich versuchen müssen, seinen Sozialarbeiter ausfindig zu machen. Der würde mir genau sagen können, wo Thomas Becher untergekommen war. Das Sozialamt sollte mir diese Auskunft geben können, wenn Steinmann sie nicht sogar inzwischen schon erhalten hatte.
In diesem Moment klingelte mein Handy und riss mich aus meinen Gedanken. Die Nummer auf dem Display gehörte Bobby.
„Hey, Alter!“, begrüßte er mich lachend. Offensichtlich hatte er im Laufe des Tages doch noch seinen Kater überwunden und seine gute Laune wiedergefunden. „Lust auf ein Feierabendbier? Wenn ich noch eine Akte lesen muss, dann drehe ich bald durch!“
„Und? Erfolg gehabt?“
„Nee, bislang nicht“, verneinte er mit mürrischem Unterton. „Es gab zwar ein paar Fälle, in denen Frauen vor Gericht standen, aber in allen Fällen sind sie auch verurteilt worden. Also kein potenzielles Opfer unseres Serienmörders.” Er seufzte laut. „Und bei dir?“
„Tja, ich war ein bisschen erfolgreicher“, prahlte ich. „Offensichtlich nimmt unser Zeuge an einem Sozialprogramm zur Wiedereingliederung teil. Wer hätte das gedacht? Aber heute ist es sowieso zu spät; sein Sozialarbeiter dürfte inzwischen längst Feierabend gemacht haben. Deswegen steht unserem Bier nichts mehr im Wege.“
„Das wollte ich hören, mein Freund! Es warten gefühlt noch ein paar hundert Akten auf mich, die ich durchgehen muss. Du musst mich unbedingt hier rausholen!“, flehte er. „Besser jetzt als später!“
„Geht klar. Treffen wir uns bei Mike?“
„Das ist Musik in meinen Ohren.” Er lachte. „Bis gleich.“
„Oh, einen Moment noch!“, brüllte ich ins Telefon, bevor er auflegen konnte. „Kannst du Steinmann Meldung machen?”
„Kann ich machen. Aber dafür schuldest du mir was. Ein Bier, nein, warte, zwei!“
„Ja, schon gut. Beeil dich lieber.“
Ich seufzte, als ich auflegte. Eigentlich hatte ich mir den Abend anders vorgestellt, aber Sandra hatte mir vorhin per SMS mitgeteilt, dass sie später nach Hause kommen würde. Recherchen zu ihrem ‚Artikel’, wie sie mir in aller Kürze mitgeteilt hatte. Sie nahm das ‚Short’ in ‚Short Message Service’ sehr wörtlich.
Ich steckte mein Handy wieder ein. Ein Abend alleine Zuhause erschien mir wenig attraktiv zu sein. Ein Abend mit einem guten Freund hingegen bot zumindest etwas Ablenkung. Vor allem, da mich Morgen mit Sicherheit ein anstrengender Tag erwarten würde. Thomas Becher war ein etwas härterer Knochen als Ferdi, bei dem gute alte Überzeugungsarbeit und ein gerütteltes Maß an Diplomatie mehr Erfolg versprachen als die bewährte Verhörmethode, die ich bei Ferdi ein paar Minuten zuvor anwenden durfte.
Zu dem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass weder gezielte Gewalt, noch diplomatisches Geschick aus Tommy neue Informationen herauspressen würden. Tommys Uhr hatte bereits zu seiner letzten Stunde geschlagen.
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