Geschäftiges Treiben überall. Dienstmägde, beladen mit Körben, huschten von einem Gebäude zum nächsten. Bauern brachten Waren durch das Tor in den Hof, und Soldaten patrouillierten auf den Wehrgängen. Und plötzlich sah er ihn. Der Soldat, der ihnen in den Wald gefolgt war, der sich an ihnen vergriffen hatte, er konnte ihm Auskunft über seine Mutter geben. Alle guten Vorsätze waren vergessen. Stephan wollte sich gerade aus dem Wagen schwingen und einen Angriff auf diese schreckliche Kreatur beginnen, als eine schallende Ohrfeige vollkommen unerwartet einschlug.
„Da haben wir wohl ein ganz forsches Bürschchen. Dir werden wir auch noch Manieren beibringen! Ihr Jungs ab in den Stall, dort wird man sich um euch kümmern. Ihr Mädels lauft zur Küche, aber rasch! Es steht ein Fest an, Irmgard kann alle Hilfe brauchen, und jetzt sputet euch, zack zack. Und du, mein forscher Freund, für dich habe ich eine besondere Aufgabe. Du kommst mit mir.“
In diesem Moment musste Stephan hilflos mit ansehen, wie ihre kurz zuvor aus der Not geborene Gemeinschaft wieder zerfiel. Und er konnte nichts dagegen tun. Aus Furcht, ein zweites Mal die Hand dieses Mannes, sie musste aus Stein sein, in seinem Gesicht zu spüren, ließ er sich hinterher zerren.
Der Weg ging quer über den Hof auf einen Verschlag zu, und während Stephan darum bemüht war, nicht zu stolpern, hörte er „Steinfaust“ sagen, dass er den Boden im Geräteverschlag mit Stroh auszulegen habe, da ungewöhnlich viele Gäste für das anstehende Fest erwartet würden.
Ungewöhnlich war die Lautstärke, mit der Stephan auf seine Aufgabe hingewiesen wurde. Er hatte fast den Eindruck, dass der grobe Kerl auffällig darauf bedacht war, andere Leute im Hof über seine Absichten zu informieren. Was sollte es auch für einen Grund geben, einer Kriegsbeute wie ihm diese Absichten, seien sie auch noch so unbedeutend, mitzuteilen? Stephan beschlich eine dunkle Vorahnung.
Als die Holztür des Bretterverschlages hinter ihnen zuschlug, wurde seine dunkle Vorahnung zur bitteren Gewissheit.
Mit den Worten: „So knackiges Frischfleisch ist mir schon lange nicht mehr vor die Flinte gekommen“, versetzte Arnulf Stephan einen gewaltigen Stoß, der ihn quer durch den Raum fliegen und extrem unsanft auf den Lehmboden knallen ließ. Er war noch damit beschäftigt, wieder Luft zu bekommen, da war dieser grobschlächtige Unmensch auch schon über ihm und nestelte an seiner Hose herum. Stephan versuchte, nach Luft schnappend, kriechend, um sich schlagend und in totaler Panik, irgendwie dem nahenden Unheil zu entkommen. Doch seine Fluchtmöglichkeiten wurden auf der einen Seite von der Bretterwand und der anderen Seite von „Steinfaust“ begrenzt. Es half alles nichts, weder der Versuch sich zu entwinden, noch zu beißen, er war hilflos ausgeliefert und versuchte, sich auf das nun kommende Martyrium vorzubereiten. Seine Gegenwehr schien sein Gegenüber noch zu beflügeln, und als das Monster in Stephan eindrang, waren Schmerz, Scham, Wut und Hass so außerordentlich groß, dass er am liebsten an Ort und Stelle gestorben wäre. Doch selbst die Bewusstlosigkeit blieb ihm verwehrt.
Nachdem Steinfaust von ihm abließ, seine Hose hochzog, flüsterte er ihm beim Hinausgehen noch zu: „Danke, junge Dame, ich freue mich schon darauf, dir das nächste Mal den Hof zu machen“, lachte dabei dreckig und rief anschließend wieder übertrieben laut: „Beeil dich mit dem Stroh und melde dich danach im Stall.“ Doch Stephan hörte nicht mehr zu, er lag als Häufchen Elend zusammengekauert, zitternd und blutend auf dem Lehmboden und wünschte sich zu seinem Vater, seiner Schwester und seinem besten Freund.
Nachdem er eine Weile so dalag, polterte die Tür auf und „Steinfaust“ stand im Raum. In Stephan zog sich aus Angst sofort alles zusammen, doch „Steinfaust“ zischte ihn nur an, sich ja nichts anmerken zu lassen. Er wäre nicht der Erste, der „geflohen“ sei und in Wirklichkeit am Grunde des Teiches außerhalb der Burg den Fischen Gesellschaft leistete. Und als er merkte, dass er dieses Kind wohl gebrochen hatte, fügte er hinzu, dass die süße Kleine, die ihm Wagen neben ihm gesessen hätte, auch im Teich an seiner Seite bleiben dürfe.
Und zum Schluss: „Wenn ich zum Morgengrauen diese Hütte nicht mit Stroh ausgelegt und dich einigermaßen vorzeigbar sehe, sehen du und die Kleine die nächsten Sonnenstrahlen nicht mehr, einen Schwur drauf.“
In diesem Moment achtete Stephan nicht auf die Drohung. Doch im Laufe der nun folgenden Nacht, der schlimmsten seines bisherigen kurzen Lebens, erwachten die totgeglaubten Lebensgeister, nicht aus Furcht um sein Leben, sondern aus Furcht um das Leben der kleinen Magdalena und aus Hass auf Steinfaust.
So fand ihn sein Schänder am nächsten Morgen in einem Verschlag mit ausgelegtem Stroh und, wie befohlen, soweit vorzeigbar vor, wie es die Blessuren und die teilweise zerrissene Kleidung zuließen.
„Da hast du aber Glück gehabt“, sagte Steinfaust, „ich hab schon gar nicht mehr damit gerechnet“, und schmiss den vorsorglich mit-gebrachten Leinensack in eine Ecke.
„Ab zu Irmgard in die Küche, dort gibt’s was zu beißen, und denk dran, ein Wort und der Sack hier findet seine Bestimmung.“
Stephan hatte keine Ahnung, wo die Küche war, doch just als er den Bretterverschlag verließ, sah er ein paar junge Burschen, unter ihnen auch die aus seinem Dorf, auf ein Gebäude unmittelbar neben dem Hauptgebäude zutrotten. Er schloss sich an und erntete von den Burschen verwunderte Blicke. Sein apathischer Zustand ließ ihn das jedoch nicht mitbekommen, auch nicht das karge Frühstück, die Küchenmagd Irmgard oder die harte Arbeit an diesem Tag in den Stallungen.
Am späten Abend folgte er dann den Burschen zunächst wieder in die Küche, wo es eine Suppe gab, und anschließend in eine nicht genutzte Box im Stall, wo alle Burschen sich zum Schlafen niederlegten.
So zogen die nächsten Wochen an ihm vorüber, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Er hatte sich in seinen Geist zurückgezogen und ließ nur Befehle durchsickern, die er dann ausführte. Nichts sonst beachtete Stephan.
Als er eines Morgens gerade damit beschäftigt war, Pferdemist im Burghof aufzusammeln, öffnete sich das Tor, und ein kleiner Trupp Reiter ritt in den Hof. Als einer der Berittenen Befehle brüllte, erstarrte Stephan fast zu Stein. Diese Stimme kannte er und verknüpfte sie sofort mit einer der schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Bei dem Mann auf dem Pferd handelte es sich um den Schurken, der ihm und seiner Mutter in den Wald gefolgt, ihn in den Schlaf gehauen, gefangen genommen hatte und bestimmt schlimme Dinge mit seiner Mutter angestellt hatte. Stefan starrte Hauptmann Anno an und konnte seinen Blick nicht abwenden, als ihn ein Schlag auf den Hinterkopf in den soeben zusammengeschobenen Pferdemist beförderte, gefolgt von den barschen Worten: „Steh nicht im Weg, Bursche!“.
Ein Soldat des Reitertrupps schmiss Stephan alsdann die Zügel zu und gab ihm zu verstehen, dass er sich gut um sein Pferd zu kümmern habe. Wenn er drei Stunden vor der Abenddämmerung seinen Gaul nicht in bester Verfassung vorfinden würde, würde es eine Tracht Prügel setzen.
Anno, auf die Szene aufmerksam geworden, kam der Bursche seltsam bekannt vor. War das nicht der Junge, der vor einigen Monaten bei der „Rekrutierung“ zukünftiger Soldaten so kampflustig seine Mutter verteidigt hatte? Ja, das musste er sein. Genützt hatte es seiner Mutter zwar nichts, die Hure dürfte mittlerweile bereits von den Würmern wieder ausgeschissen worden sein, aber er erinnerte sich an die Wut und den Zorn in den Augen des Jungen und daran, dass er sich sicher war, dass das einmal ein guter Soldat werden würde, falls er die ersten Jahre auf den Schlachtfeldern überlebte. Anno nahm sich vor, später mit Arnulf, dem Hofmeister, über die weitere Verwendung des Jungen zu sprechen.
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