An der Baracke angekommen, stieg Irmi über unzählige Kothaufen der umherlaufenden Hühner und Gänse, bis sie endlich den Eingang erreichte. Erst auf kräftiges Klopfen öffnete Emma zögernd die altersschwache Tür. Als sie Irmi erblickte, erschrak sie ein wenig. Gleichzeitig fragte sie sich; Warum allein deren Gegenwart sie verunsicherte, weshalb fiel es ihr schwer, Irmis Blicke zu erwidern? War es wirklich nur das armselige Dasein in dieser Baracke, für das Emma sich schämte? Oder doch Irmis weibliches Aussehen, das nicht nur Männer verwirrte? Während Emma das Empfinden hatte, dass ihre Figur nach der Geburt ihres Kindes aus der Form gelaufen war, sah Irmi immer noch aus, als ob die Jahre spurlos an ihr vorüber gehen würden. Als Irmi Emma freundlich begrüßte, wischte die sich flüchtig mit einem Schürzenzipfel über ihr Gesicht. So, als wolle sie damit die Last der jüngsten Vergangenheit und der jämmerlichen Gegenwart ungeschehen machen, und heraus käme ein stolzer Schwan. So wie Irmi einer war. Als die ihr die Bewilligung der Zuzugsgenehmigung für die Stadt aushändigte, fiel Emma der Überbringerin um den Hals. Endlich konnten sie dieses gottverdammte Nest verlassen, in das es sie und ihren Willi 1945 als Schlesien- Flüchtlinge verschlagen hatte. Keine Träne würde sie dem Leben hier nachtrauern. Nur noch weg, schlimmer konnte es mit der Wohnsituation in der Stadt auch nicht sein, als hier, in dieser halb verfallenen Baracke, deren Dasein nur durch Schielkes Ausbesserungskünste an einem seidenen Faden hing. Schuldbewusst sagte Emma: „Irmi, ich hab dir wohl Unrecht getan, vor allem, wegen deines Kindes. Dass du uns geholfen hast, werde ich nicht vergessen. Nun kann endlich ein neues Leben beginnen“. Emmas Gesicht bekam einen glänzenden Ausdruck, als ob sie es mit Melkfett eingerieben hätte: „In der Stadt gibt es genug Handarbeitsgeschäfte, ich kann ins Kino gehen, oder mich in ein Lokal setzen. Ach, Irmi, du musst uns unbedingt besuchen.“ Irmi wand sich ein wenig unter Emmas überschwänglicher Dankbarkeit. Versprach vorbeizuschauen, wenn das Wohnungsproblem geklärt ist. Das Irmi mit dieser Bescheinigung ein ganz anderes Problem für sich gelöst hatte, konnte oder wollte Emma nicht ahnen.
Willi Schielke hatte längst ein Auge auf Irmi geworfen. Unverhohlen stellte er ihr seit Wochen mit anzüglichen Bemerkungen nach. Erst vor wenigen Tagen war es am Waldrand zu einer bedrohlichen Begegnung zwischen beiden gekommen. Ihr war schnell klar, dass er ihr aufgelauert hatte. Sie rief ihren Hund bei Fuß, damit sie ihn auf Schielke hetzen konnte. Mit seinen Blicken wanderte er über ihren Körper. Nur einen winzigen Augenblick verschwendete sie an die Überlegung, wie es wäre, wieder mit einem Mann zusammen zu sein. Bei diesem Gedanken verzogen sich ihre Mundwinkel angewidert nach unten. Nie mit diesem selbstgefälligen Kerl, der sich für unwiderstehlich hielt, seine Frau schlecht behandelte und zu viel trank. Nun stand er nah, zu nah bei ihr. Sein nach Alkohol riechender Atem verstärkte ihren Ekel. Die Worte: „Du willst es doch auch. Wer weiß, wo du dein Balg aufgesammelt hast“, warf er ihr geradezu entgegen.
Irmis Hund begann zu bellen, verbiss sich gefährlich knurrend in ein Hosenbein von Schielke, während der einen Schritt zurücktrat, als wolle er Anlauf nehmen, dann begann Irmi zu laufen. Der träge Willi hatte keine Chance, sie einzuholen.
Das alles fiel ihr ein, als sie sich von der dankbaren Emma verabschiedet hatte.
Als das Mädchen Olga eingeschult wurde, war ihr russischer Name im Dorf fast vergessen, selbst der einarmige Lehrer Groothe übernahm den Rufnamen Marie.
Groothe hatte in Russland seinen rechten Arm verloren, schnell und schmerzhaft für Leib und Seele. Eine Granate riss ihn aus der Verankerung mit seinem Körper. So, als werde der Arm nicht mehr gebraucht. Seit dieser Zeit flatterte an Groothes rechter Körperseite der inhaltlose Ärmel seines Hemdes. Wie ein vergessenes Stück Wäsche, auf der Leine im Wind. Die Kinder übersahen bald seine Verstümmelung. Nur noch manchmal fanden sie ihn bedauernswert. Es war noch nicht lange her, seit Groothe Emma gebeten hatte, ihm den Haushalt zu führen. Für sie war es eine willkommene Abwechslung, und ab und zu strickte sie einen Pullover für ihn. Dabei tat sie so, als ob es diesen verloren gegangenen Arm nie gegeben hätte. Nicht die kleinste Öffnung ließ sie, durch die sein Hemd hätte nach draußen schlüpfen können.
Hansi war Emma und Willi Schielkes einziges Kind, geboren im Frühling 1945. Gutmütig war er, etwas dicklich, und manchmal konnte man glauben, er sei ein wenig einfältig. So trödelte er in jeder Hinsicht den anderen Kindern des Dorfes hinterher.
Groothe aber mochte das Kind. Vielleicht erinnerte der Junge ihn an seine eigene Versehrtheit, oder es waren der Glanz und die rosige Aufgeregtheit im Gesicht von Hansis Mutter, die er nicht übersehen konnte, wenn sie wieder etwas für ihn gestrickt hatte. Zweimal in der Woche lief Emma zur Schule, um Groothes Stube, die kleine Küchenecke und das Klassenzimmer zu säubern. In dem größten Zimmer der Dorfschule wurden die Kinder unterrichtet. Jedes Mal strich Emma mit ihrem Putzlappen über Hansis Sitzplatz und einen alten Flügel, auf dessen Deckel sich Abdrücke von heißen Kochtöpfen eingebrannt hatten. Groothe hatte mit einem Anflug von Zornesröte berichtet, dass respektlose Russen ihr Kochgeschirr darauf abgestellt hatten, damals in der zweiten Hälfte des Jahres 1945, während Soldaten bei Hermann und Margarete Groothe in Greifswald einquartiert waren. Und Emma putzte geradezu beschwörend, immer in der Hoffnung, dass der Lehrer doch noch etwas aus ihrem Sohn machen würde.
Erst als Irmi sich langsam über die Dorfstrasse entfernt hatte, dämmerte es Emma, dass sie mit dem Umzug in die Stadt, auch die Nähe zu Groothe verlieren würde und Hansi seinen geliebten Lehrer.
Sie mochte Groothes Nähe. Er schien so anders als Willi, der oft übellaunig und grob zu ihr und dem Kind war. Der zu laut lachte, als ob er darauf bestehen würde, gehört zu werden. Groothe dagegen wurde nie laut, vielleicht fürchtete er sich, als Krüppel von den Menschen nicht ernst genommen zu werden? Der Schmerz, den Emma bei diesem Gedanken empfand, war ungewohnt und fremd für sie. Etwas zog an ihr, dass sie nicht einordnen konnte und das sie unsicher machte. Um sich abzulenken, lief sie zum Schulhaus, um in Groothes Privaträumen zu putzen. Jedes Kleidungsstück von ihm nahm sie in ihre Hände, roch daran, wie etwas, dessen Spur man aufnehmen und nicht mehr verlieren möchte. Bis zu diesem Moment war ihr nicht bewusst gewesen, wie sehr sie ihn mochte. Durch dieses Begreifen verging ihr augenblicklich die Freude über den Umzug in die Stadt, und sie fragte sich, würde ich nicht weiterhin jeden Morgen um vier Uhr meinen Mann wecken und seine Brote bereiten wollen, um ihn dann mit einer flüchtigen Umarmung in den Morgen hinauszuschicken? Nun erst wurde ihr klar, dass sie schon lange nicht mehr auf ihn wartete. Irgendwann war Willi am Abend wieder da, wenn sein Fahrrad auf dem Hof stand, und er laut sein Essen einforderte. Oder er kam erst in der Nacht. Auf Emmas Nachfragen antwortete er, wenn überhaupt, dann übellaunig, das es eine Doppelschicht gab. Jetzt fühlte sich Emma hilflos und überfordert. Was sollte sie mit dieser Genehmigung anfangen? Willi hatte den Antrag gestellt, und Emma konnte das Stück Papier nicht spurlos verschwinden lassen. Aber es gab einen Lichtblick. Diese Bewilligung bedeutete nicht, dass sie sofort Wohnraum in der Stadt bekämen, nur weil ihr Name auf der Warteliste stand. Jeder wusste, das konnte dauern, ein bis zwei Jahre, so hoffte sie. Emma fühlte sich bei diesem Gedanken erleichtert. Wer weiß, was dann sein würde. Obwohl sie erst letzte Woche Groothes Bettwäsche gewechselt hatte, tat sie es heute erneut.
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