Sie gingen ins Büro. Larsson sah auf Maria Halmer und das verstörte Kind, das kaum noch die Augen offen halten konnte. Er stellte die Psychologin vor, schob der Frau einen Block zu und legte einen Kugelschreiber daneben. »Würden Sie mir bitte die Telefonnummer Ihres Mannes aufschreiben?«
Die junge Frau tat, was Larsson von ihr verlangte. Als sie fertig war, fragte Larsson: »Hat Ihr Mann ein Handy?«
Sie nickte.
»Bitte schreiben Sie auch diese Nummer dazu, für den Fall, dass ich ihn nicht erreiche.«
Larsson nahm den Block an sich. »Ich gehe mal telefonieren. Unterhalten Sie sich derweilen ein wenig mit Frau Dr. Endrigkeit.«
Er ging ins Zimmer der Kommissare. Für einen Augenblick setzte er sich an Andresens Schreibtisch. Kriminalkommissar Rolf Andresen hatte es gut. Er hatte drei Tage frei, um Überstunden abzubummeln. Mit seinem Drachen, wie er seine Frau immer zu nennen pflegte, war er mit seinem Jollenkreuzer unterwegs. Irgendwo in Polen. Er wollte die Oder hochfahren bis Szczecin.
Larsson griff zum Telefonhörer und wählte.
»Luan Halmer, guten Tag.«
Deine Stimme klingt nicht unsympathisch, dennoch werde ich dir gleich wehtun müssen.
»Lasse Larsson, Kriminalpolizei Heringsdorf.« Er gab sich Mühe, seiner Stimme einen ruhigen Ton zu geben.
»Kriminalpolizei?«
Jetzt klingt deine Stimme gleich aufgeregt .
»Ja … Es gab einen Unfall.«
»Einen Unfall?«
»Ja. Einen Badeunfall.«
»Einen Badeunfall?« Jetzt überschlug sich die Stimme des Mannes vor Aufregung.
»Ihr Sohn …«
»Magnus?«
»Ja.«
»Ist er …?«
»Wir haben ihn noch nicht gefunden. Aber es besteht kaum noch Hoffnung.« In diesem Augenblick hasste Larsson seinen Job . Derartige Nachrichten zu überbringen, ist deprimierend. Wo immer der Tod auftaucht, bringt er Leid.
Er hörte, wie der Mann aufschrie.
»Es tut mir sehr leid.« Larsson wartete einen Augenblick, bis der Mann sich ein wenig gefangen hatte. »Haben Sie die Möglichkeit, zu Ihrer Frau zukommen? Sie ist mit ihren Nerven völlig fertig, und gemeinsam ist es immer ein wenig leichter, eine so schwere Zeit zu überstehen.«
»Gleich?«
»Vielleicht sollten Sie in diesem aufgeregten Zustand nicht in ein Auto steigen. Außerdem fährt es sich im Hellen sicherer.«
»Ja, da haben Sie recht. Ich muss außerdem erst die Weichen in der Firma stellen. Da kann man nicht einfach verschwinden.«
Das ist gut so . Das lenkt den Mann ab.
»Haben Sie Freunde, bei denen Sie heute übernachten können?« , fragte Larsson.
»Meine Schwiegereltern wohnen in Mariendorf. Ich weiß aber nicht, ob ich es ihnen schon sagen kann.«
»Und sonst? Haben Sie sonst noch jemanden, mit dem Sie reden könnten?«
»Ja, natürlich.«
Larsson gab ihm seine Telefonnummer und sagte, dass er die ganze Nacht anrufen könne, wenn er nicht zurechtkäme.
Als er die Tür zu seinem Büro öffnete, sah er, dass die Psychologin Maria Halmer beruhigt hatte. Sie weinte nicht mehr, während Dr. Endrigkeit mit ihr sprach und ihre Hand streichelte, und sie antwortete leise und unaufgeregt.
Wie hat sie das nur fertiggebracht? Frauen unter sich …
»Ich habe mit Ihrem Mann gesprochen«, sagte Larsson. »Er wird voraussichtlich morgen gegen Mittag kommen.«
»Oh Gott«, entfuhr es ihr.
Larsson sah sie fragend an.
»Davor fürchte ich mich. Er wird mich umbringen.«
»Ist Ihr Mann gewalttätig?« , fragte Larsson.
Maria Halmer schien zu überlegen, war sich nicht schlüssig, was sie antworten sollte. »Nein. Aber beim Verlust seines Sohnes kann ich nicht einschätzen, wie er reagieren wird. Er wird in jedem Fall mir die Schuld geben. Wie er dann reagiert … Ich weiß es nicht.«
Larsson gab ihr seine Visitenkarte. »Speichern Sie die Nummer als Kurzwahl in Ihr Handy ein. Wenn Sie Angst bekommen, rufen Sie mich an. Wollen Sie das so?« Sie nickte. »Können Sie die Nummer speichern, sodass sie mit einem einzigen Druck auf das Zahlenfeld die Verbindung herstellt?«
»Ja.«
»Gut. Dann werden Sie jetzt in Ihr Quartier gehen und versuchen, die Nacht zu schlafen.«
Die Frau lachte hysterisch auf. Nicht laut, aber der Ton war alarmierend genug, dass Dr. Endrigkeit den Kopf leicht schüttelte.
Larsson schaute sie fragend an.
»Ich werde Sie jetzt nach Hause begleiten und Ihnen etwas zur Beruhigung geben«, sagte die Psychologin. »Sie können dann schlafen und wieder Kraft schöpfen. Die werden Sie dringend brauchen.«
In diesem Augenblick machte sich mit einer Musik aus der »West Side Story« das Smartphone von Frau Halmer bemerkbar. Mit zitternden Händen nahm sie es hoch.
»Versuchen Sie ganz ruhig zu bleiben«, sagte Larsson. »Können Sie es laut stellen?« Dann nickte er der Frau zu.
»Ja, Luan.« Ihre Stimme war kaum zu hören.
»Die Polizei hat mich angerufen.«
»Ich weiß.«
»Magnus ist tot?«
»Sie haben ihn noch nicht gefunden.« Sie schluchzte auf.
»Du konntest es nicht verhindern?«
»Ich habe mich nur fünf Sekunden von ihm abgewendet, um Laura beim Anziehen ihrer Hose zu helfen«, sagte sie kleinlaut.
»Du weißt schon, was das bedeutet?«
»Wir haben eins unserer Kinder verloren, Luan, und das ist furchtbar.«
» Du hast eins unserer Kinder verloren. Unsere Familie ist damit zerstört.«
Wieder schluchzte die Frau auf. »Ich weiß.«
»Ich werde versuchen, morgen Mittag auf der Insel zu sein. Dann werden wir über die Angelegenheit reden.«
»Ja, ich weiß das, Luan«, wiederholte sich die Frau.
Sie wollte noch etwas sagen, aber die Leitung war tot.
Was für ein lausiger Armleuchter, dachte Larsson. »Ihr Mann ist aufgeregt«, sagte er. »Das muss man verstehen. Morgen sieht es bestimmt schon wieder ganz anders aus.«
»Sie kennen meinen Mann nicht. Der Junge war alles für ihn.«
Die Psychologin schaute Larsson fragend an.
»Er wird sich wieder beruhigen müssen«, stelle Larsson fest. »Manche Tatsachen, die das Leben schreibt, sind unumstößlich.«
»Der Tod gehört dazu«, sagte Maria Halmer leise.
Larsson widersprach nicht.
*
Am Donnerstag, dem 10. August, kurz vor zwei am Nachmittag, kam Familie Halmer ins Kommissariat in die Seestraße in Heringsdorf. Auf ihrem Weg wurden sie wieder von dem großen Hubschrauber überflogen, der schon am Tag zuvor mehrfach beim Anflug in der Luft über den Kaiserbädern zu sehen war.
Kriminalkommissar Karl Simons wurde über das Kommen der Halmers verständigt und ging, um sie aus der Wache abzuholen.
»Ist das der Kommissar?« , fragte Luan Halmer seine Frau.
»Nein.«
Luan Halmer drehte sich zu Simons herum. »Wo ist der Kommissar von gestern, der mit meiner Frau gesprochen und mich angerufen hat?«
Das ist der Ton, den Machtmenschen anschlagen, wenn ihnen etwas gegen Strich geht,dachte Simons. »Kriminalhauptkommissar Larsson ist außer Haus. Ihre Frau und ich kennen uns schon seit gestern. Bitte kommen Sie mit in unser Büro«, sagte er in ruhigem Ton. »Kriminalhauptkommissar Larsson wird jeden Augenblick da sein. Wir haben vor einer Viertelstunde telefoniert. Da war er auf der Rückfahrt von Wolgast«, fuhr er fort, während sie die Treppe hinaufstiegen.
Sie gingen ins Büro der Kommissare. Simons bot ihnen Stühle an. Maria Halmer nahm ihre Tochter auf den Schoß.
»Ich habe gerade den Hubschrauber gesehen«, stellte Luan Halmer fest. »Hat sich an der Situation etwas geändert?«
»Nein, nichts.«
»Wie kann es sein, dass die Polizei das Kind nicht findet?«
»Das haben wir uns auch gefragt. Deshalb hat ja auch eine Besprechung bei der Wasserschutzpolizei in Wolgast stattgefunden. Aber ich kenne die Antwort auf unsere Fragen schon …«
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