Da ich ja in keiner festen Beziehung mehr war, konnte ich die Zeit aufbringen, um in diesem Milieu genau zu recherchieren. Die Damen betrachteten mich als Außenstehende, sie haben mit mir nicht geredet. Nach einer Woche hatte ich noch nicht einmal genug Material gesammelt, um ein Blatt Klopapier damit vollzuschreiben. Also fasste ich den Entschluss, eine der ihren zu werden. Ich stellte mich bei der Begleitagentur vor, wurde gebeten mir den Job einmal anzuschauen und mich dann zu entscheiden, ob ich es machen wollte oder nicht. Schon bei meinem ersten Gespräch wurde ich darauf hingewiesen, dass bei den meisten Kundentreffen Sex erwartet wird, und da ich dafür auch entlohnt würde, müsste ich mich als Prostituierte registrieren lassen. Die Dame, die diese einführende Unterhaltung mit mir geführt hatte, war nett gewesen, sie hat nichts beschönigt und nichts weggelassen. Da ich wie gesagt noch tiefere Einblicke in die Arbeit der Agentur gewinnen wollte, und ich noch stinksauer wegen meines Freundes war, habe ich zugestimmt. Ich bin dann zweimal mit einem anderen Mädchen zu einem Treffen gegangen. Ich habe mir angesehen wie diese Stunden, nach denen wir gebucht und bezahlt wurden, ablaufen. Ich habe mir eingeredet, dass ich diesen Job nur wegen der Geschichte machen würde, außerdem war ich alleine und mein Selbstwertgefühl am Boden. So bin ich geblieben, habe alles recherchiert, meine Story abgegeben und bin als Dirne weiterhin tätig gewesen. Es war nicht das Geld, das mich gelockt hat, es war die Macht, die ich über die Männer hatte, ich konnte, bestimmen wo es lang geht, was der Kunde tun durfte oder nicht. Ich war es die so begehrt war, dass der Mann für mich bezahlt hat. Das war hauptsächlich meine Motivation. Diese Sucht nach Überlegenheit hat mich so beherrscht, dass ich die Männer aus Rache an meinem Freund immer tiefer demütigen wollte. Ich bin dann auf eine Domina, die für den Service gearbeitet hat, zugegangen und habe sie gefragt, ob sie mich nicht einschulen könnte. Sie hat mir alles beigebracht was ich als SM-Mädchen wissen musste, mir die Gefahren, die eine Schmerzbehandlung beinhaltet, erklärt und mir soweit Anatomie beigebracht, dass ich die Männer gefahrlos demütigen konnte. Das war es, was ich wollte, ich hatte die Macht die Männer vor mir im Dreck kriechen zu lassen, sie anzubinden, sie zu demütigen, ihnen Schmerzen zuzufügen, so wie mir Schmerz zugefügt wurde. So bin ich das geworden, was ich war, als Du mich kennengelernt hast.“, beendete Eva ihren Bericht.
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Und was hat sich verändert?“, bohrte Wolff nach.
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Schon bevor wir uns das erste Mal trafen, hat sich mein Hass gelegt gehabt, es gab mir keinerlei Befriedigung mehr Macht über Männer ausüben zu können. Ich war tief in meinem Innersten schon bereit, die Dominastiefel an den Nagel zu hängen, und mich aus dem Gewerbe zur Gänze zurückzuziehen, mir fehlte nur der letzte Antrieb, den inneren Schweinehund zu besiegen. Bis Du aufgetaucht bist. Du hast mich voller Respekt behandelt, mir das Gefühl gegeben eine normale Frau zu sein und der wichtigste Punkt, was immer ich auch bei unseren ersten Treffen probiert habe, es ist mir nicht gelungen Kontrolle über Dich zu bekommen, Du warst immun dagegen, im Gegenteil ich habe mich stets unterlegen und verletzlich gefühlt. Schon bei unserem ersten Gespräch wurde mir klar, dass mein Hunger nach Rache gestillt war und ich wieder in ein bürgerliches Leben einsteigen will. Also habe ich mein Studio geschlossen und wieder bei meiner Zeitschrift, für die ich immer wieder unter verschiedenen Pseudonymen Artikel veröffentlicht habe, regulär zu arbeiten begonnen.“
Wolff fühlte sich geschmeichelt, es war ihm nicht möglich, ein Grinsen zu unterdrücken, er war es, der Eva auf den rechten Weg der Tugend geführt hatte, er war stolz auf sich, seine Eitelkeit war gestreichelt worden. In seiner Glückseligkeit merkte er die Verstimmung Evas nicht: „Du brauchst Dich nicht geschmeichelt fühlen, es war nur Zufall. Es hätte auch ein anderer sein können.“, warf sie ihm vor.
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War es aber nicht.“, feixte er und fing sich dafür einen Schlag auf seine Schulter ein, der ihn wieder auf den Boden der Tatsachen holte. Er nahm sie sanft, zog ihren Kopf zu sich und küsste sie zärtlich. Wolff genoss es mit ihrer Zunge zu spielen, ihre Mundhöhle zu erkunden. Als der Augenblick des Kusses vorüber war, wandten sie sich wieder dem Ausblick auf die Stadt zu. Während Evas Erzählung hatten die wärmenden Strahlen der Sonne, die Decke, die das Antlitz der Stadt verborgen hatte, aufgelöst, und gab die Sicht auf die Silhouette Wiens frei. Eine Weile saßen sie noch schweigend auf der Decke und genossen den Anblick des erwachenden Wien, bevor sie begannen, den Picknick-Platz zu säubern, das Geschirr, das sie mitgebracht hatten, wegzuräumen und ihre Wanderung durch den Tiergarten fortzusetzen. Weit waren sie noch nicht gegangen als Wolff sich vor Eva in den Weg stellte: „Eva!“, begann er.
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Ich sehe, wo Dich der Schuh, oder sollte ich besser sagen die Hose drückt.“, unterbrach sie ihn und zerrte ihn in ein schwer einsehbares Stück des Geländes. Als sie wieder auf den Weg zurückkehrten, war zwar das momentane Problem gelöst, aber die Leidenschaft bei beiden noch nicht gestillt. Sie entschlossen sich die Wanderung zu unterbrechen und auf dem schnellsten Wege wieder nach Hause zurückzukehren. So verbrachten sie diesen herrlichen sonnigen Tag des Altweibersommers zu Hause im Bett, nur unterbrochen vom Füttern der beiden Kater, die zu Wolffs Haushalt gehörten. Nach einem langen Tag der Liebe, der Gespräche und der Leidenschaft schliefen sie endlich ein.
Es war wie jeden Tag fünf Uhr in der früh, als Wolff von seinem roten Stubentiger sanft geweckt wurde. Die ganze Nacht über hatte er bei seinen Füssen geschlafen, jetzt trieb ihn der Hunger. Wolff versuchte sich so sanft und unauffällig, wie es ihm möglich war, aus der Umarmung, in der er noch immer mit Eva lag, zu lösen. Er stand auf und erledigte möglichst geräuschlos seine morgendlichen Arbeiten. Als er fertig angezogen war, beugte er sich über eine noch scheinbar schlafende Eva, küsste sie sanft auf die Wange.
Er wollte schon gehen, als sie ihn in eine heftige Umarmung zog. „Du wolltest mich doch nicht ohne Kuss alleine zurücklassen mein Lieber. Vielleicht ist das Deine letzte Gelegenheit, mich zu küssen.“
Wolff, der ihre Worte nicht einordnen konnte, erschrak. Eva hatte einen Schlüssel gefunden, mit dem sie die Geister seiner Vergangenheit aus ihrem Verlies, welches tief in seinem Bewusstsein verborgen war, wieder an die Oberfläche holte. „Was meinst Du?“, herrschte er sie an. Seine Aggression war kein Ausbruch einer latenten Gewaltbereitschaft, welche Eva kontrollieren wollte, sie resultierte aus der Angst sie zu verlieren. Ihre Worte hatten seine Furcht geschürt, hatten ihn glauben gemacht, dass sie sich von ihm zurückziehen wollte, dass sie diese Beziehung, die gerade erst begonnen hatte, wieder lösen würde. Eva erschrak vor seinem Ausbruch, sie erkannte, dass sie einen Teil seiner Seele aufgestöbert hatte, der besser in Ruhe liegen sollte, den erst die Zeit für sie begehbar werden lassen würde. Daher beeilte sie sich sofort ihm zu vergewissern: „Es tut mir leid, ich wollte Dich nicht erschrecken. Zur Wiedergutmachung werde ich heute am Abend in einem sündigen Outfit auf Dich warten. Keine Angst Herbert, so schnell wirst Du mich auch nicht los.“
Wolff, der erkannte, dass sein Ausbruch unangemessen gewesen war, entschuldigte sich bei ihr und verließ sein Domizil. Da er sehr pflichtbewusst und neugierig war, ging er sofort zum gerichtsmedizinischen Institut, um alle Neuigkeiten, die in Zusammenhang mit der gefundenen Leiche standen, aufzusaugen. Er fand den zuständigen Pathologen in seinem Büro vor. Dr. Johannes Seliger zeigte Wolff ein sehr nachdenkliches Gesicht, welches dem Kriminalbeamten verriet, dass die Leiche dem Pathologen noch nicht alle Geheimnisse ihres Todes mitgeteilt hatte.
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