Sie nimmt nicht mal die Hände vom Gesicht. Auch als sie sagt, sie habe den Tag damit verbracht, herauszufinden, was Tampon auf Litauisch heißt. Montag, Dienstag, Mittwoch, Tampontag.
Warum hat sie denn keine dieser Dinger eingepackt? Nehmen Frauen, die verreisen, so was nicht selbstverständlich mit wie eine Identitätskarte? An solches Blut hat er heute morgen nicht gedacht, als er die Folterzellen im ehemaligen KGB-Gebäude besucht hat. Lief es den gefangenen Frauen einfach die Beine runter? Und färbte das eisige Wasser rot, in dem sie knietief zu stehen hatten?
Er wickelt sich aus dem Badetuch und legt sich neben Jele, Rücken an Rücken, Wenn er sie mit seinem Buckel anschubst, buckelt sie sanft zurück.
Sie will wissen, was KGB heißt. Er weiß es nicht. So stockbetrunken kann sie nicht sein, wenn sie das wissen will. Soll er sie fragen, was sie getrunken hat? Erst jetzt fällt ihm ein, dass sie bei dieser Trinkerei womöglich gar nicht alleine war.
Jele wartet in der Schlange nebenan. Sie ist um etwa drei Personen im Rückstand. Er muss seinen Kopf bis zum Anschlag drehen, wenn er zu ihr zurückschaut. Dann macht sie ein Hasenmäulchen oder schielt. Oder berührt mit der Zungenspitze die Nase. Das kann er nicht.
Jele war dafür, die Fahrkarten schon heute zu holen. Der Zug fährt morgen in aller Früh. Für ein paar Tage werden sie nicht mehr eigene Wege gehen.
Er weiß immer noch nicht, warum die Kirche, in die er heute geraten ist, so voll war. Er stand seitlich an der Wand und wunderte sich, mit welcher Inbrunst ausgewachsene Menschen die Zunge nach einer Hostie ausstreckten. Lamm Gottes, Leib Christi, Jungfrau Maria und das ganze barocke Geflügel, was für ein Betrug, dachte er wütend. Und merkte aber auch, dass er weit hinten im Kopf immer noch genügend Tränen hatte, als der Chor »Näher, mein Gott, zu dir« anstimmte.
Jetzt ist Jele auf gleicher Höhe. Würden sie die Arme ausstrecken, würden sie sich berühren.
Er könnte jetzt zu ihr hingehen und ihr diesen dreiwortigen Satz sagen. Jetzt, wo sie auf gleicher Höhe sind, hat er nichts mehr zu verlieren.
Das Kielwasser schäumt so weiß wie die Wolken, sodass Himmel und Fluss ineinanderfließen. Aus den großgeschweiften Buchten fliegt ab und zu ein Trupp Reiher auf. Es sieht so aus, als wären hinter diesen endlosen Erlenketten keine Menschen mehr. Als wären die Kühe nicht Kühe und somit jemandes Besitz, der vielleicht schlafend im Sand liegt. Als wären es Büffel, und das Land wäre Afrika.
Jeles Füße sind nass von der Gischt.
Die Erinnerung, dass er diese Füße, die meistens kühl sind, geküsst hat, und die Vorstellung, er könnte sie nicht mehr spüren in der Nacht, weil sie einfach weggelaufen wären... das macht ihn leicht schwindlig.
Jele in seiner Jacke, er hält sie fest, Jele in seinen Armen, in seinem Mund, ihr Zittern in seinem Zittern, das Boot stampft lauter und lauter, und der Fluss steht still.
Jele hat Brombeerflecken im Gesicht. Das weiß nur er. Und Sand im Nabel.
Er hat sich die Dünen nicht so hoch vorgestellt. Da hat sich eine weiße Riesin auf die Nehrung gelegt, sammelt Wärme in ihren Körperfalten, hält den Wald zwischen den Schenkeln, riecht nach Kiefernadel-Deo.
Es ist gut, dass sie wieder einen Weg unter den Füßen haben.
»Jele, nicht so rasch, da vorne ist irgendwo Russland.«
Der Rucksack klebt ihm auf der Haut. Der Himmel ist inzwischen grau geworden, aber die Wärme ist immer noch da. Trotzdem, so weitab vom Meer sollten sie sich was anziehen. Von hinten sieht es beinahe aus, als stecke Jele nackt in ihren Shorts, das kleine Bikini-Oberteil ist so hell wie ihre Haut. Wenn der Weg steiler wird, streckt sie ihre Kniekehlen durch, warum rührt ihn das? So wie er den Ortsplan in der Hotelhalle in Erinnerung hat, sind es bis zur russischen Grenze nur ein paar Kilometer. Jetzt sind sie schon etwa eine Stunde gelaufen, wobei das im Wald kein Laufen, sondern eher ein Kriechen war.
Vielleicht wär’s besser umzukehren. Es ist so verdammt still hier.
Jele, so wart doch mal.
»Jele?«
»Ja?«
»Es ist schöner zu zweit.«
»Was?«
»Auf einem kratzigen Kraut zu sitzen, während man schwitzt und ein graues Meer sieht, nämlich das Baltische, und es grollen hört und zwei Wildgänse über einen hinwegfliegen und man weiß, dass man jederzeit aufstehen und über eine umgestürzte Kiefer hinweg seine Blase erleichtern und das vorher erwähnen kann.«
»Auch Schweigen ist schöner zu zweit.«
»Und die Konfitüre aussuchen, beim Frühstück im Hotel.«
»Oder jemanden blöd finden.«
»Und nach dem Blitz das Donnern abwarten.«
»In einem Museum nicht stehenbleiben wollen.«
»Nicht das Aufatmen auf dem Berggipfel, aber das Absteigen.«
»Eine Sternschnuppe sehen oder wie bei einer Kuh die Kacke rausflättert.«
»Aufwachen.«
»In einen See steigen, wenn das Wasser kalt ist.«
»Aus einer kühlen Kirche in die Welt hinaustreten.«
»Die Pause im Kino.«
»Beerenflecken im Gesicht, weil sie sich wegschlecken lassen.«
»Ich weiß nichts mehr.«
»Nichts mehr wissen.«
Es ist nichts Freundliches, was der Uniformierte gerufen hat. Und die Art, wie er jetzt auf sie zukommt, ist eine schrittweise Drohung.
Womöglich ist es ein Wichtigtuer. So oder so wird Nicken und Lächeln das Beste sein. Vielleicht haben sie eine Verbotstafel übersehen. Vielleicht haben sie die Grenze bereits übertreten, dahinten im Walddickicht.
Diese Laute, die irgendwie zu dick sind für den Mund, das ist Russisch. Alles, was der Mann sagt, hat ein Ausrufezeichen. Jele kreuzt die Arme vor ihrer Bikini-Brust.
Er könnte »sa-wásche sdarówje« sagen. Das ist ungefähr alles, was er an Russisch noch weiß. Aber der Typ sieht nicht so aus, als wenn er Spaß verstünde. Er hat die Hand an der Pistole.
Umdrehen, zurückgehen, nicht mehr aufblicken. Nichts sagen, Jele! Ich mag ihn nicht, den Mann.
Was er jetzt wie mit Schalldämpfer geschrieen hat, war ein Befehl.
Er hat rein gar nichts dabei, womit er sich ausweisen könnte, er hat heute morgen bloß Geld eingesteckt, Meer, Strand, Dünen waren angesagt. Und Lesen im Lichtenberg, endlich mal.
Jele bei der Hand nehmen und rennen, das wär’s. Aber der Mann hat eine Pistole. Und dreht vielleicht durch.
Pro forma wühlt er ein wenig im Rucksack. Auf der Wasserflasche steht swiss . Soll er ihm die zeigen? Oder wirkt das, als wollte er ihm kumpelhaft einen Trunk anbieten? Der Mann will Respekt. Wichtig ist, dass Jele etwas anzieht. Hier, ihr Shirt, ganz warm, als hätte es über einem Ofen gehangen. Da, Jele, nimm – ein Schmerz reißt ihm den Arm hoch, und die Angst sticht zu: Der Typ hat ihn geschlagen!
Er ist gefährlich.
Dieses Milchgesicht ist gefährlich. Jele und er sind sein Spielzeug. Das Handgelenk brennt, und wenn er es beugt, jagt der Schmerz hoch bis zur Schulter. Warum streckt Jele den Arm aus? Hat sie der Hieb auch getroffen? Nein, sie hat eine Karte in den Fingern. O Gott oder wer, mach, dass der Kerl die Karte nimmt. Lass Jele nicht derart zittern.
Endlich.
Statt die Karte anzuschauen, fährt der Mann mit der Kartenkante zwischen seinen Zähnen auf und ab. Er hat makellose Zähne.
Mit einer unverschämten Langsamkeit hat der Typ die Pistole gezogen und wegaufwärts geschwenkt. Jele hat sich bereits in Bewegung gesetzt. Sie hat die Hände in den Taschen. Der Typ schaut ihn an und hebt das Kinn. O Gott oder wer, steh uns bei.
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