»Jelefrau, sag mal, ganz ehrlich...«
»Ganz ehrlich.«
»Was wärst du lieber, eine Fledermaus oder ein Unau?«
»Ein Unau.«
»Warum?«
»Weil ich nicht weiß, was das ist.«
»Weißt du nicht gerne, was du bist?«
»Ich weiß, was ich nicht gerne bin.«
»Was wärst du lieber, ein Unau oder eine Jele?«
»Was wärst du denn lieber?«
»Ganz klar ein Unau.«
»Warum?«
»Dann könnte ich mich stundenlang an eine Jele hängen.«
»Unau, ich liebe dich.«
»Ohne, dass du weißt, was ich bin?«
Wird er alt, oder was? Warum erschrickt er, weil die Zeit so schnell vergangen ist? Sommer – der Ahorn vor dem Fenster macht im Klassenzimmer grünes Licht. Auf der Tafel steht HAPPY HOLINIGHTS!, das war bestimmt der kleine Fähmann.
Wenn er die Schüler nach den »Holinights« wiedersieht, werden sie verändert sein, um fünf Wochen Leben beschwerter.
Übermorgen fliegen sie ab, Jele hat bereits gepackt.
»Zwei Gepäckstücke, ohne Hilfe tragbar«, das haben sie abgemacht. Jele hat mit ihrer großen, steilen Schrift die Abmachungen festgehalten. »Allein flanieren dürfen. Keine Fotos.«
Und wenn Jele enttäuscht ist? Wenn sie sich überfreut hat? Dazu haben sie nichts abgemacht.
Er scheut sich, seine Reisetaschen hervorzuholen. Wenn er die Reißverschlüsse aufzieht, steigen Erinnerungen hoch, ein stechender Geruch nach Unwiederbringlichem.
Er würde gerne in diesem grünen, kühlen Licht sitzen bleiben, sich nicht mehr rühren, die Augen schließen.
Wie bleich sie ist! Wenn sie lächelt, wirkt sie noch bleicher. Schön sieht sie aus in ihrem hellen Kleid. An diese Jele will er denken, wenn er an sie denkt.
Vielleicht kann er am Kiosk in der Abflughalle noch Dörrpflaumen kaufen, er hat für seine Verdauung nichts eingepackt, und die wird überhaupt nicht funktionieren in einer Hotelzimmertoilette, mit einer wartenden, horchenden Jele nebenan. Vielleicht sollte er sich auch ein paar Zeitschriften kaufen. Er hat nur den Aphorismenband von Lichtenberg dabei. Leicht, aber gewichtig, könnte er zu Jele sagen, ach was, das wirkt zu einstudiert.
Nein, Pflaumen gibt es nicht. Schade, es wäre einfach gewesen, sie abends einzuweichen. Am Abend, da wird er nun neben Jele unter einer grellen Deckenlampe liegen, und der Tag wird gut oder schlecht gewesen sein, und er wird im Lichtenberg blättern und an seine steinharten Gedärme denken. Und später im Dunkeln wird er sich wundern, dass sein Hinterteil wie angegossen in Jeles Schoß passt. So wie sich Lichtenberg wunderte, dass den Katzen gerade an der Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären, wo sie die Augen haben.
Einmal hatte er die Idee, seiner Mutter eine Reise nach Linz zu schenken. »Der besten Linzertortebäckerin.« Er hat es nie gemacht, wie vieles, was er sich für seine Mutter vorgenommen hat. So wie er jetzt Linz überfliegt, mit einem Schattenhusch von Bedauern, so überfliegt er auch andere Punkte in seinem Leben. Rasch, rasch darüber hinweg.
Es soll für beide eine schöne Reise werden, das hat er sich vorgenommen.
Seine Bedenken sind weg. Es ist, als hätte er sie beim Abflug liegen lassen. Dass Jele neben ihm sitzt, blass, schön, mit geschlossenen Augen, das kommt ihm plötzlich vor wie ein Geschenk. Wenn er will, kann er sie sofort umarmen. Wenn er will, kann er ihr Haar hinters Ohr streichen und an ihrem Ohrläppchen saugen, kann mit der Fingerspitze ihr Profil entlangstreichen oder ihre Brustwarzen drücken wie einen Klingelknopf.
In Wien werden sie zwanzig Minuten Zeit haben umzusteigen, das ist eher knapp, vielleicht werden sie rennen müssen, kein Problem, sie haben ja bloß die Rucksäcke.
Wenn er will, kann er sagen, Jele, ich liebe dich.
Die Blinis waren zu fett. Überhaupt war das Essen enttäuschend schlecht und teuer. Alles in diesem Lokal, das sich vornehm gab, reizte Jele zum Lachen. Einmal, als sie losplatzte, spritzte Suppe aus ihrem Mund. Er duckte sich. »Angriff«, sagte sie, und ließ unter dem Tisch die Füße an seinen Beinen hochklettern.
Er streckt den Arm hinüber auf ihre Bettseite. Sie ist nicht mehr da.
Sie steht am Fenster und schaut hinaus. Sie ist nackt, er kann im Dunkeln ihre Schulterblätter erahnen. Morgen wollen sie zusammen auf den Markt. Möchtest du lieber allein losziehen?, hat Jele gefragt. Sie will sich an die Abmachungen halten. Aber er will sich jetzt gerade an nichts anderes als an Jele halten. An ihren weichen Schultern will er sich festhalten und sie mit einem Ruck in sich hineinziehen.
Er will dieses Zimmer in Vilnius nicht vergessen, Nummer achtundzwanzig mit einer Bibel auf dem Nachttisch und mit Jele am Fenster, er will aufstehen und sich neben Jele stellen und mit ihr hinaus auf die Blutbuche schauen. Wenn er will, kann er sagen, Jele, ich liebe dich.
Es ist lange her, dass er sich vorgenommen hat, diese drei Worte nie mehr zu sagen.
Er ist froh zu wissen, dass draußen ein wunderbarer, warmer Tag ist.
Er stellt sich vor, er würde nach dem Rundgang durch das verdunkelte Jüdische Museum die Haustüre aufstoßen und draußen wäre das schwarze Nichts.
Was ihn am meisten beeindruckt, ist ein altes Familienfoto, zwei von sechzehn Köpfen sind eingerahmt, die haben überlebt.
Er stellt sich vor, das wären Jele und er. Sie würden zusammen in das schwarze Nichts tauchen und sich ans Licht strampeln. Und dann?
Jele ist immer ein Zimmer voraus. Wenn er ihr etwas zeigen will, ist sie schon nicht mehr da. Zum Beispiel die Verordnung, dass Juden nicht auf dem Gehsteig gehen, nicht nebeneinander laufen, niemanden grüßen, erst gegen Abend einkaufen durften. Der Markt heute Morgen wäre ihnen also verwehrt gewesen. Sie hätten den Kofferraum voller knallgrüner Gurken nicht gesehen. Er wundert sich, dass Jele sich auf dem Markt hat wiegen lassen. Ist ihr so wichtig, wie schwer sie ist?
Er stutzt, als er im Gästebuch, das neben dem Ausgang ausliegt, von rechts nach links blättern muss. Jele hat sich schon eingetragen, sie wird bereits draußen sein.
Wenn er nicht erst um fünf ins Hotel zurückkehrt, wie mit Jele abgemacht, kann er sich ungestört auf die Toilette setzen. Und sich dann flach legen. Das stundenlange Herumlaufen in dieser Hitze hat ihn ganz schön geschafft, und doch kann er kaum genug kriegen von den schmalen Sträßchen, in denen er nicht viel mehr als seine eigenen Schritte hört, von den üppigen Fassaden, die wie alte Kuchen zerbröseln, von der Schönheit, die bereits hinüber ist. Und wie ein Nichtraucher vor Qualm flieht er vor der Musik aus den Cafés, weil sie dasselbe stampfende Gehabe hat wie zu Hause. Bleibt dann wieder stehen in einem stillen Winkel, in dem er Stummes zu hören glaubt, die Mauersteine, die Hitze, seine Haut.
Was will er Jele erzählen? Dass er einen Ring aus Bernstein gesehen hat, den er ihr schenken möchte. Dass er zwei junge Frauen beobachtet hat, die an einer Bushaltestelle mit den Händen aufeinander eingeredet haben. Wie ihm einfiel, dass er sie auch dann nicht verstehen würde, wenn sie nicht taubstumm wären. In diesem Land, wo ja »taip« heißt.
Das Hotelzimmer ist nicht abgeschlossen. Er stößt die Tür auf und erschrickt. Ist Jele abgereist? Kein Koffer mehr da, kein Kleinkram mehr auf dem Tisch. Sein Herz schlägt jetzt hörbar. Jele? Fassungslos schaut er sich um. Dann sieht er die Zimmernummer, die falsche.
Wieder ein Tag, der ihn aufgeheizt hat mit einer diffusen Lust. Pulsierende Wehmut oder so was. Dass Jele betrunken ist, stört ihn, weil er ihr nichts erzählen kann.
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