Damit war die Sache für Haas erledigt. Er kam zu mir, legte seinen Arm auf meine Schulter und tätschelte Vittorias Hand. Dann schob uns sanft zur Tür hinaus, zwinkerte vertraulich und winkte sogar.
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Statt ins Restaurant zu gehen, waren wir beide uns einig, ein wenig zu spazieren.
Das Licht auf der Straße war ungemein selbstgefällig. Farbtupfer der verschiedensten Quellen schmeichelten dem Auge und einmal roch es nach Staub und dann wieder nach Sommer. Ich war aufgeregt und verwirrt und brachte eine ganze Weile kein Wort hervor. Vittoria lief neben mir und schwieg ebenfalls. Erst als das Verlagsgebäude hinter uns lag, wagte ich wieder zu sprechen.
„Haas spielt gern. Kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Aber eigentlich meint er es gut.“ Vittoria lächelte belustigt und betrachtete mich dann abfällig von der Seite. Ich plapperte weiter. „Seine forsche Art, mit Leuten umzugehen, empfinden viele als verletzend, wissen Sie. Ist nicht jedermanns Sache. Habe schön öfters erlebt, wie Mitarbeiter heulend aus seinem Büro gerannt kamen. Wie gesagt, eigentlich meint er es nicht so. Entschuldigt sich auch gleich. Im Grunde ist er ein gutmütiger Mensch. Gutmütig, aber auch clever. Sehr clever sogar.“
„Ich finde ihn arrogant. Er behandelt Sie wie einen kleinen Jungen. Merken Sie das nicht?“
„Ich, ich bin Volontär“, stammelte ich und verfluchte gleichzeitig meine verdammte Plapperei.
„Nun“, sagte sie weiter. „Ihr Haas möchte, dass wir uns kennen lernen. Tun wir ihm also den Gefallen. Fangen Sie an! Wie war Ihre Kindheit?“
Wir hatten inzwischen den Gimitzer Park erreicht und schlenderten am Ufer der wilden Saale entlang. Um diese Zeit gab es hier nicht viele Spaziergänger. Die einzigen Menschen, denen wir begegneten, waren eine blasse, junge Mutter, die ihren Nachwuchs vor sich herschob, zwei Schüler, die ihre Turnstunde verbummelten und ein Mann mit einem adipösen Pudel. Die Wipfel der Kastanien raunten sich Vertraulichkeiten zu und dazwischen lärmten ganze Heerscharen Spatzen.
„Darf ich Sie etwas fragen?“, sagte ich vorsichtig.
„Bitte!“
„Warum fahren Sie dorthin? Was wollen Sie von Hapke?“
„Ich denke, das geht Sie nichts an.“
„Denken Sie nicht, dass es uns gut täte, wenn wir uns gegenseitig einen kleinen Vorschuss Vertrauen schenken? Schließlich müssen wir eine Weile miteinander auskommen.“
„Tun Sie meinetwegen das, wonach es Sie drängt, aber lassen Sie mich dabei aus dem Spiel.“
„Ich fürchte, dass dies schwierig werden wird. Was ist, wenn Hapke den Bluff merkt? Haben Sie keine Angst, dass er dann beleidigt sein könnte und seinen Hund auf uns hetzt.“
Seltsame Vorstellung, aber mir fiel nichts Besseres ein.
„Vor was sollte ich Angst haben, er hat mir geschrieben.“
„Warum sind Sie nicht bereit, mit mir zu kooperieren?“ erwiderte ich. Glauben Sie mir, ich bin ebenso überrascht worden wie Sie.“
„Ich bin nicht überrascht worden. Jedenfalls nicht von diesem Haas.“ Vittoria blieb plötzlich voller Entrüstung stehen.
„Denken Sie etwa, dass ich mit Ihnen zwei Tage lang herumturtele, nur damit Sie Ihren gottverdammten Artikel schreiben können. Was bilden Sie sich eigentlich ein?“
„So meine ich das doch nicht!“
„ Ich würde vorschlagen, dass ihr beide euch erst einmal alleine unterhaltet“, äffte sie Haas nach und saugte die Oberlippe zwischen den Zähnen fest.
„Was glauben Sie denn, was die schlüpfrigen Bemerkungen von Haas bedeuten sollten?“
„Ich denke, wir sollten Haas einmal aus dem Spiel lassen und uns darauf konzentrieren, wie wir das Beste aus dieser Geschichte machen.“
„Dann betrachten Sie mich einfach als so etwas wie eine Fahrkarte! Eine Fahrkarte, die Sie zu Ihrem Bestimmungsort bringt. Das Hotel müssen Sie sich selber suchen.“
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Etwa zur selben Zeit verließ Haas überaus glücklich das kleine Büro. Unten am Empfang saß Frau Siewert über Papiere gebeugt und kehrte ihm den Rücken zu. Leise ging Haas über den dicken Teppich auf sie zu und packte die nichtsahnende Sekretärin überschwänglich an den Schultern.
„Na, Frau Siewert?!“
Die Arme fuhr vor Schreck zusammen.
„Herr Haas“, schimpfte sie, „wenn Sie noch einmal machen, kündige ich!“
„Vergeben Sie mir“, flötete Haas, „Sie kennen mich doch. Läuft eine Sache einmal zufriedenstellend, neige ich immer zu Albernheiten. Und weil das Haus heute ja geradezu leergefegt ist, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als Sie zu meinem Opfer zu machen.“
„Herrgott, ich spüre den Schreck noch bis in die Zehenspitzen!“
„Darf ich Sie zu einem Cognac einladen?“
„Nein, danke! Sie sollten sich vielleicht auch mal ein bisschen zurückhalten, Herr Haas. Wenn Sie weiter so trinken, wird ihre Leber bald aussehen wie die, die ich neulich im pathologischen Museum der Charite´ gesehen habe.“
„Sie fahren nach Berlin und gehen ins pathologische Museum. Wie grauenhaft. Und ich habe Sie immer für eine sensible Frau gehalten.“
„Das sollten Sie sich ruhig auch mal ansehen. Vielleicht gehen Sie dann verantwortungsbewusster mit ihrem Körper um.“ Haas schnitt eine Grimasse, die Frau Siewert nicht sehen konnte, weil er mit dem Rücken zu ihr stand, während er sich den Cognac einschenkte. Mit dem Glas in der Hand drehte er sich zu ihr um und breitete die Arme aus, als wollte er die Empfangsdame umarmen.
„Seien Sie nicht so streng mit mir, dieser Tag heute schreit nämlich förmlich nach ein bisschen Leichtigkeit im Kopf. Sie sind mir doch nicht mehr böse, weil ich Sie vorhin so angeschnauzt habe!“ Frau Siewert kramte geräuschvoll mit einem Haufen Papier und zuckte mit den Schultern.
„Wenn ich Sie nicht schon so lange kennen würde, wäre ich längst über alle Berge!“
„Mea culpa... Morgen werde ich Sie auf Händen tragen!“
„Das sagen Sie jedes Mal!“
Haas betrachtete das leuchtende, blondierte Haar seiner Sekretärin und lächelte wohlwollend. Trotz ihrer merkwürdigen Art sich zu frisieren und dem ewig gleichen Geruch nach Rosenöl, mochte er diese Frau. Eines Tages, dachte er, werde ich ihr bestimmt noch einen Heiratsantrag machen.
„Weil wir gerade bei Bekenntnissen sind, Frau Siewert. Ich gestehe, dass Sie heute umwerfend aussehen.“ Ihre feurigrote Bluse mit den grauenvoll schwarzen Blümchen begann zu beben und obgleich Frau Siewert sich die allergrößte Mühe gab, weiter ungerührt mit ihren Papieren zu rascheln, sah er, dass sein kleines Kompliment gefruchtet hatte. Sie errötete wie ein Schulmädchen.
„Und nun machen Sie mir doch bitte schnell eine Leitung zu Voßkuhl in mein Zimmer. Es ist äußerst wichtig.“ Trotz des Zeitalters des mobilen Telefonierens, Internet und der immer raffinierter werdenden Telefone liebte es Haas, sich auf vollkommen archaische Weise einen Anruf in sein Büro vermitteln zu lassen.
Er ging in sein Büro, trat ans Fenster und beobachtete eine Weile die Straße. Er war äußerst zufrieden, roch an seinem Cognac nahm noch einen letzten kleinen Schluck und schüttete den Rest in die Spüle. Schluss damit für heute, die gute Frau hat ja recht.
Kurze Zeit später streckte Frau Siewert ihren Kopf durch die Tür und sagte wie immer bedingungslos loyal. „Herr Voßkuhl ist zurzeit nicht erreichbar. Aber ich habe ihm auf dem Anrufbeantworter gesagt, dass er Sie dringend zurück rufen soll.“
Aber in dem Moment klingelte das Telefon und Haas´ stürzte zu seinem Schreibtisch. Frau Siewert schloss die Tür, horchte kurz bei einem Niesen von Haas auf, wie man besorgt dem nächtlichen Husten eines kranken Kindes lauscht und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit.
„Der hat sie doch nicht alle!“, schimpfte Tanja Grahlmann und warf den Brief mit einiger Verachtung zurück auf den Tisch. „Dieser Hapke ist wahnsinnig. Merkst du das nicht?“ Das einzige, was dies bei dir bewirkte, war ein verständnisloses Achselzucken.
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