Er konnte es nicht tun. Er hatte sich vorgestellt, wie seine hintere Kopfhälfte samt Hirn und Schädel an der Decke kleben würde.
Eine halbe Stunde lang war er in sich zusammengesunken und hatte bitterlich geweint.
Schlaftabletten nehmen konnte er ebenfalls nicht. Seine Mutter hatte sich einst mit solchen das Leben genommen. Im Traum sah er sie oft, wie sie ihn davor warnte, so aus dem Leben zu scheiden.
Später kam ihm die Idee, mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren.
Wieder sprach er leise mit sich selbst.
„Wenn man im Blut einen gewissen Alkoholgehalt nachweisen kann, wird man glauben, es sei ein Unfall gewesen. Mich wird dann kein Mensch als Feigling, der seinem Leben ein Ende gesetzt hat, sehen. Das ist gut.“
Er war der aberwitzigen Annahme, dass er ein Feigling sei, wenn er sich seiner Krankheit nicht stelle.
Ernst Theodor zu Falkenstein setzte den Flachmann noch einmal an die Lippen und nahm einen letzten großen Schluck des wärmenden Getränkes. Er warf den Behälter auf den Beifahrersitz, wobei der letzte Rest sich auf das Polster ergoss.
Es wurde kalt im Auto und die Scheiben fingen an, zu beschlagen.
Er wartete noch einen Moment, bis der Schnaps wirkte und ihm etwas leichter ums Herz wurde. Dann startete er den Motor.
Falkenstein legte den Gang ein und fuhr auf die Landesstraße. Er gab Gas. Der Mercedes war immer gut gewartet worden und lief wie ein Uhrwerk. Er beschleunigte sofort von 0 auf 180.
Falkenstein hatte sich keinen Baum für den Aufprall ausgesucht, sondern die Betonmauer der Brücke, die über die Landesstraße führte und fünfhundert Meter weiter unten zu sehen war.
Die Brücke kam rasend schnell näher.
Da fiel ihm ein, dass er ja noch angeschnallt war. Da hätte er womöglich ja überleben können.
Schnell drückte er die rote Taste an der Lasche und der Gurt sprang aus der Verankerung. Im nächsten Moment kam der Brückenpfeiler auf ihn zugerast.
Nur fünf Meter vor der Brücke riss Falkenstein das Lenkrad herum und der Wagen schoss wenige Zentimeter an dem Betonpfeiler vorbei. Er trat das Bremspedal durch, die Reifen quietschten und er kam hundert Meter hinter der Brücke zum Stehen.
Er zitterte am ganzen Körper. Dann weinte er erneut.
Als ein Auto neben ihm hielt und eine Frau ausstieg, an seine Fensterscheibe klopfte und wissen wollte ob er verletzt sei, saß er nur starren Blickes da und weinte.
Die Frau rief mit ihrem Handy die Polizei. Zwanzig Minuten später fuhr ein Streifenwagen mit Wiesbadener Nummernschild vor und der Beamte der Schutzpolizei öffnete die Fahrertür.
Er bemerkte den Alkoholgeruch sofort und war verärgert.
„Hans, bring mal den Alkotester mit. Hier stinkt es wie im Wirtshaus.“
Ernst Theodor zu Falkenstein war jedoch nicht dazu zu bewegen, in das Mundstück des Testers zu pusten. Da half alles Zureden nicht.
Die Beamten hatten inzwischen die Personalien festgestellt und den Führerschein einbehalten.
„Herr Falkenstein, wenn sie nicht blasen wollen, müssen wir Sie ins Präsidium mitnehmen. Dort wird dann eine Blutprobe entnommen. Wollen Sie das?“
Da Ernst Theodor zu Falkenstein nicht darauf antwortete, zog man ihn kurzerhand aus dem Mercedes und setzte ihn in den Polizeiwagen. Es wurde ein Abschleppdienst beauftragt. Der Benz wurde aufgeladen. Dann fuhr man zur Wache, wo schon ein zugelassener Arzt, der die ‚Lizenz zur Blutentnahme’ hatte, wartete.
Der Versuch, mit Falkenstein zu reden, scheiterte. Eine Blutprobe ließ er sich jedoch ohne Gegenwehr abnehmen. Da er sich aber in keiner Weise mit den Beamten unterhalten wollte, verbrachte er die Nacht in einer Ausnüchterungszelle.
Am nächsten Morgen war er wieder ansprechbar, wenn auch noch sehr benommen.
Er konnte aus der Zelle heraustreten und sollte auf dem Flur warten. Eine Beamtin brachte ihm einen Becher Kaffee.
Ernst Theodor zu Falkenstein setzte sich auf einen der wenigen Stühle, nahm einen Schluck aus dem Becher und betrachtete die Plakate an der gegenüber liegenden Wand. Es waren Tipps von Verhaltensmaßnahmen bei Einbruch, Ratschläge wie man seine Wohnung sicherer machen kann, Fahndungsplakate von gesuchten Verbrechern aus der Neonaziszene und vieles andere.
Falkenstein sprang ein DIN-A3 Plakat ins Auge mit einer Pressenotiz und einer Erfolgsmeldung der Kripo Mittelhessen.
‚Täter gefasst! Einen schnellen Fahndungserfolg konnte die Polizei Mittelhessen verbuchen. Ein fünfundzwanzigjähriger Asylbewerber, der sich seit geraumer Zeit in Deutschland aufhält, gab an, die alleinstehende fünfundsechzigjährige Maria M. auf Verlangen getötet zu haben. Da dies ja auf Wunsch der Frau geschehen sei, könne ihm kein Mord vorgeworfen werden. Dies sei nur Tötung auf Verlangen gewesen und er fühle sich unschuldig im Sinne der Anklage. Er habe somit ja sogar ein gutes Werk getan. Dies wurde allerdings vom Gericht anders gesehen und Richter K. verurteilte den Mann zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung, da der Täter bis zuletzt uneinsichtig gewesen war und somit eine Wiederholung einer solchen Tat nicht ausgeschlossen werden konnte‘. Da es sich um einen Asylbewerber handele, sei das Urteil jedoch noch nicht rechtskräftig. Außerdem wurde vom Anwalt des Täters noch im Gerichtssaal Revision angekündigt.
Ernst Theodor zu Falkenstein wurde nachdenklich. Sein Gehirn leistete plötzlich Schwerstarbeit.
Tötung auf Verlangen! Das war es!
Dann lenkten ihn die Beamten von der Zeitungsmeldung ab.
Man erklärte ihm die Sachlage.
„Also, Herr von Falkenstein. Sie sind mit einem Blutalkoholwert von eins Komma fünf Promille gefahren, das ist keine Ordnungswidrigkeit. Da kommt eine Anzeige auf Sie zu. Jetzt können Sie allerdings nach Hause fahren. Vorausgesetzt, Sie lösen Ihr Fahrzeug aus. Den Führerschein bekommen Sie heute wieder, der wird allerdings für einige Zeit weg sein. Das wird Ihnen noch mitgeteilt. Haben Sie das alles verstanden?“
„Ja, den Führerschein können Sie behalten. Im Jenseits brauche ich ihn nicht.“
Der Beamte schüttelte den Kopf, als Falkenstein ging. Sein Kollege tat es ihm gleich.
„Gerade die Alten sind doch immer wieder unverbesserlich! Das sollten doch Vorbilder für die Jugend sein!“
Als Falkenstein wieder in seinem Wagen saß, stellte er sich die Frage: „Wie komme ich an einen ran, der mich auf mein Verlangen hin töten kann?“
Er fuhr los und in seinem Kopf setzte sich bis zu seiner Ankunft in der alten Villa nur dieser eine Gedanken fest.
„Mit unserem Anwalt kann ich darüber nicht reden. Der wird mir das sofort ausreden wollen! Aber wer wäre bereit, mir zu helfen?“
Ernst Theodor zu Falkenstein ging im Lesezimmer seiner Villa aus den sechziger Jahren auf und ab.
Dann rief er einen alten Schulfreund und Jagdgenossen an, mit dem er ab und zu telefonierte.
„Hallo Klaus. Du … sag mal, damals, dieser Anwalt aus Frankfurt, der diese Ostbande verteidigt hat, wie hieß der nochmal?“
„Elberfelde. Warum willst du das wissen? Brauchst du einen Anwalt? Dann nimm doch lieber einen Seriösen, nicht diesen Elberfelde. Der macht doch Geschäfte mit der Unterwelt.“
„Nein, nein. Ich brauche keinen Anwalt. Mir war nur der Name entfallen.“
Sie redeten noch eine Weile und Falkenstein lenkte das Gespräch weit weg von dem Anwalt, dessen Namen er notiert hatte. Doch als die Sprache auf die Gesundheit fiel, brach Falkenstein das Gespräch schnell ab.
„Du, es hat geläutet. Ich muss Schluss machen. Also dann. Waidmanns Dank.“
Er rief die Auskunft an und erkundigte sich, ob es einen Anwalt mit Namen Elberfelde in Frankfurt geben könne.
Die Dame von der Auskunft gab ihm die Nummer und die Adresse durch.
Ernst Theodor zu Falkenstein musste sich setzen. Er brauchte eine halbe Stunde, bis er die Nummer eintippte.
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