Doch die Zeiten änderten sich rasch Chiara ging nach dem Abitur nach Kalifornien, studierte mehr oder weniger erfolgreich an der Berkley University und heiratete einen Amerikaner, von dem sie sich jedoch nach ein paar Jahren wieder scheiden ließ. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Genua bei ihren Eltern ging sie danach nach Brasilien und fand dort in der britischen Botschaft – sie hatte immerhin auch die britische Staatsbürgerschaft – einen Job als Assistentin. Das war auch der Grund für seine einzige größere Auslandsreise im Leben. Er, Mia und Jörg besuchten Chiara dann im Jahr 2005 in Brasilien und machten eine vierwöchige Rundreise in diesem wunderbaren Land. Schließlich kam Chiara dann im Jahr 2011 endgültig nach Genua zurück. Er war in all diesen Jahren in einer Art Warteposition geparkt. War sie im Land, waren sie mehr oder weniger zusammen. War sie weg, lebte er nolens volens als Single. Ein Zustand, den seine Mutter natürlich so nicht akzeptieren wollte. Doch dann hatte Chiara, kurz vor ihrem 39. Geburtstag, ihren Kinderwunsch geäußert. Und er hatte eigentlich nichts dagegen bzw. dachte nicht allzu viel darüber nach, was das für ihn bedeuten würde. Ein fataler Fehler! Vielmehr war er damals von der Idee fasziniert, etwas Eigenes zu kreieren, etwas zu tun, was beispielsweise sein Bruder, nicht hatte: ein Kind zu zeugen. Auch seiner Mutter wollte er endlich mal etwas beweisen. Immerhin behauptete sie ständig, dass sie Kinder liebte. Und obendrein lief es mit Chiara mehr oder weniger gut, damals. Kurzum, sie hatten regelmäßig ungeschützten Sex und Chiara wurde ziemlich schnell schwanger. Das war im Sommer 2013. Im Spätsommer dann war Chiara zu ihm endgültig nach Mori zu ihm gezogen, wobei sich ziemlich schnell abgezeichnet hatte, dass das nicht gut gehen konnte. Die beiden Frauen, Chiara und Maria, verstanden sich überhaupt nicht. Ständig gab es Ärger, Streit und Auseinandersetzungen. Und er war immer mittendrin. Eigentlich begann sein Leben damals, sich zu radikal zu verändern. Aus war es mit der Ruhe, seinem lethargischen Tagesablauf, seinen kleinen Freiheiten und Fluchten. Dauernd kommandierten sie ihn herum, entweder die Mutter oder die Freundin. „Luca, mach dies, Luca lass‘ das!“ Den ganzen Tag. Kurz vor Weihnachten 2013 dann fasste Chiara den Entschluss, bestärkt durch ihre Eltern, die ihn ehedem nie leiden konnten und akzeptiert hatten, das Kind in Brasilien zur Welt zu bringen. Chiaras Vater, ein ziemlich wohlhabender Wirtschaftsanwalt aus Genua und die Mutter, ebenfalls eine Anwältin, verfolgten damit nicht zuletzt auch ihre finanziellen Interessen. Mit einem Enkel, der einen brasilianischen Pass aufzuweisen hatte, konnten sie ihr Schwarzgeld künftig nach Brasilien transferieren, um dort in Immobilien und Beteiligungen zu investieren. So hatte sie es bereits bei der Geburt ihrer eigenen Kinder mit Großbritannien gemacht. Chiara und ihre beiden Geschwister wurden in London geboren und haben neben der italienischen Staatsangehörigkeit auch britische Pässe, so dass die Eltern ihr Schwarzgeld an der Steuer vorbei auf den Carman Islands investieren konnten. Nur war dieses Steuerschlupfloch mittlerweile im Zuge der Initiativen der Europäischen Union gestopft und es mussten andere Lösungen her. So war die Idee mit der Geburt des Enkels in Brasilia, in der Privatklinik Hospital São Lucas geboren.
„Ich werde das Kind in Brasilien zur Welt bringen“, hatte ihm Chiara lapidar eines Tages im Dezember eröffnet. „Das ist für alle besser“. Seine Einwände, wie strapaziös ein Langstreckenflug hochschwanger sei, dass die Geburtskliniken in Genua doch top seien und er auch gerne dabei sein würde, zählten nicht. Er, Luca, hatte wieder mal nichts mitzubestimmen und so flog Chiara hochschwanger kurz vor Weihnachten 2013 nach Brasilien und brachte am 5. Februar 2014 Gian-Marino auf die Welt. Er hatte sie damals zum Flughafen gebracht und auch wieder abgeholt, kurz nach der Geburt mit dem Neugeborenen auf dem Arm. Nach ihrer Rückkehr nach Italien, sichtlich gezeichnet von der Geburt, zog sie wieder bei ihren Eltern in der Via Catarina in Genua ein und für Luca begann ein absurder Albtraum, das Hin und Her zwischen Mori und Genua. Seither war sein Leben noch weiter aus den Fugen geraten. „Nella merda fino agli occhi“ viioder „In der Scheiße bis zu den Augen hoch“, wie man so in Ligurien derb sagte. Er machte den Babysitter zu Tag- und Nachtzeiten, musste auf Anruf antanzen oder verschwinden, gerade so, wie es Chiara in den Kram passte. Seinen ehedem rarer gewordenen und unregelmäßigen Jobs konnte und wollte er eigentlich überhaupt nicht mehr nachgehen und nach und nach verließen ihn auch seine teuersten „Stammkunden“ bzw. andere Gelegenheitsarbeiter, vor allem aus Lateinamerika, Osteuropa oder auch Rentner übernahmen seine Aufträge. Die Freunde ebenso. Er begab sich immer mehr in eine Art ungewollte Isolation. Die Pseudo-Vaterschaft auf Abruf führte natürlich auch dazu, dass seine Mutter und seine Schwester an ihm ständig Kritik übten und so befand er sich in einem wahren Teufelskreis, einem Hamsterrad-Effekt. „Schau doch, wie Du runtergekommen bist“, war noch eine freundliche Ansage seiner Schwester Julia.
Gian-Marino selbst war ein äußerst liebenswürdiges und ruhiges Kind, doch auch sehr schwierig. Vielleicht bedingt durch das ständige Hin und Her, durch die ständigen Auslandstrips seiner Mutter, durch das Fehlen einer festen Bezugsperson und die ständigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und Chiara, klammerte sich der Kleine regelrecht an ihn. Chiara flog oft in die USA, um beispielsweise Joga-Kurse zu machen oder zu geben. Wie sie das alles finanzierte, war ihm schleierhaft, aber wahrscheinlich schütteten die Immobilien und Wertpapieranlagen der Eltern genügend aus und außerdem lebte sie extrem sparsam. Der Geiz der Liguren, „tirchi“ viii, im ganzen Land genannt, hatte hier eine ehrwürdige Repräsentantin gefunden. Auf diesen Trips nahm sie immer Gian-Marino mit, der dann wohl irgendwo „zwischengeparkt“ wurde. Auch die langen Flüge taten dem Kleinen nicht gut, war sich Luca sicher. Doch er hatte ja kein Mitspracherecht in Erziehungs- oder Lebensfragen, war er doch nicht rechtlich als Vater anerkannt. Chiara hatte bei seiner Geburt tatsächlich „Vater unbekannt“ in die Geburtsurkunde eintragen lassen, was ihn schmerzte. So galt sie jedoch für den italienischen Staat als ledige Mutter, als „ragazza madre ix“, und konnte über ihren Sohn alleine bestimmen und hatte noch so gewisse Vorteile. So beispielsweise, wenn es um die Zuteilung eines Kita-Platzes ging, um Termine beim Kinderarzt oder weitere Vergünstigungen. Immer gab sie die „Alleinerziehende“. Wenn Gian-Marino sich aber bei ihm, Luca, in Mori aufhielt, hängte ihm Gian-Marino ständig und im wahrsten Sinn des Wortes, am Bein, schrie nach ihm, suchte seinen Kontakt, seine Nähe. Er war wie eine Klette, wie Efeu, der sich an einem Baumstamm hinaufwuchs. Auch wenn er sich noch so sehr bemühte, Ruhe und Geborgenheit auszustrahlen, reichte der kleinste Anlass, um Gian-Marino aus der Fassung zu bringen. Und dann erst das Essen. Da Chiara der Meinung war, das Kind müsse vegetarisch, wenn nicht sogar vegan ernährt werden, war es schwierig, ihn hier bei ihm und seiner Mutter Maria einfach mit mitessen zulassen. Und er, Luca, hatte einfach nicht den Mut, sich über Chiaras Anordnungen hinwegzusetzen und ihm einfach ein paar von Marias Nudelgerichten oder ein Stück „torta“ hinzuschieben. „Kein Käse, keine Eier, bitte“, lautete Chiaras strikte Ernährungsdiktatur, der er sich ohne viel Murren fügte und beugte.
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