Doch als Raffaele damals von der Mutter verlangt hatte, im Grundbuch selbst als Besitzer eingetragen zu werden, war Schluss mit lustig. Mutter Maria hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es kam zum Streit und Maria baute die Scheue selbst aus respektive ließ sie ausbauen, was bedeutete, dass er, Luca, den Hinlanger für die Maurer geben und das gesamte Baumaterial die „Crosa ivdel Pino“, die steinerne Treppe, die immerhin 80 unendlich lange Stufen zählt, mit dem alten Motor-Karren hoch transportieren musste. Sieben, acht oder mehr Transportfuhren täglich hatte er damals hinter diesem Kastenwagen, der auf zwei Kettenrädern montiert war und von einem 4-Takt-Honda-Motor betrieben wurde, täglich absolviert. Und natürlich musste er den Bauerbeitern zur Hand gehen bzw. Baumaterial besorgen, Material zubringen, Auf- und Abladen, Handreichungen – das ganze Programm eben. Ein wahrer Knochen-Job. Doch auf diese Weise war immerhin ein zweigeschossiges „landwirtschaftlich genutztes Gebäude“ entstanden, dessen obere Etage, rund 35 qm, er sich ausgebaut hatte. Mit der Erlaubnis seiner Mutter und mit Bordmitteln sowie der Hilfe von Freunden und Verwandten. Das war nun sein Reich. Besser als vormals in seinem Zimmer, im Zelt oder in dem winzigen 4-Quadratmeter-Gartenhaus, das er sich ans hinterste Ende des Gartens, auf eine Terrasse nahe des Begrenzungsgrabens, gestellt hatte.
Hier oben bei seiner Mutter, im Haupthaus, reichte die Aussicht weit. Über den Wipfeln der uralten und viel zu hohen Olivenbäume der Sorte „Taggiasca“, erstreckte sich das Tyrrhenische Meer, der Golfo Paradiso, und an klaren Wintertagen konnte man frühmorgens, wenn er, Luca, gewöhnlich noch schlief, die Nordküste Korsikas sehen oder Delphine. Ein halber Hektar Land, terrassiert, mit Olivenbäumen, Zitruspflanzen und noch ein paar anderen Obstbäumen, Mori, Ortsteil „Contra“ auf rund 80 m Meereshöhe. Oberhalb lag die Eingemeindung Sant’Apolinare. Maria war stolz auf ihr Lebenswerk, sie war die unangefochtene Herrscherin hier. „Hier bestimme ich“, lautete das Motto ihrer „Basta-Politik“, wenn es mal Diskussionen gab. Und die gab es eigentlich ständig.
Die „focaccia“ würde bestimmt gummiartig schmecken. War eh klar, dass für ihn nicht vorgesorgt war. Er würde wohl später zum Einkaufen müssen. Seine Schwester Julia und seine jüngere Nichte Claudia, beide hochqualifizierte Krankenschwestern in der Genueser Uniklinik San Martino – die eine unterrichtete als Dozentin an der Schwesternschule, die andere arbeitete in der Notaufnahme – hatten keine Zeit für so etwas. Seine Schwester hatte in den 80-er Jahren mit ihrem Ex-Mann Bruno den hinteren Teil des Hauses, nach Bitten und Betteln, ausgebaut und in den 2000-er Jahren auf diese Bausünde noch eine hässliche Veranda draufgesetzt, Schwarzbau, versteht sich. Nun bewohnte sie und gelegentlich Claudia diese hinteren angebauten, hässlichen Hausteile. Oft zogen sie ihn mit „mammone v“ auf oder noch schlimmer mit „cagai nido“ vi.
Was würde aus all dem hier werden, was würde aus ihm werden, wenn die Mutter einmal nicht mehr wäre? Alle würden ihn fertigmachen und über den Tisch ziehen. Ganz bestimmt. Seine beiden Geschwister und seine Nichten und überhaupt alle. Männer hatten hier seit jeher den Kürzeren gezogen. Sein Vater Franco, Pietro, der Ex der Schwester, und auch Daniele, der Ex seiner größeren Nichte Elisabetta. Doch auch mit seinem Bruder im fernen München war nicht zu spaßen. Sie hielten ihn hier alle für den Familienidioten. Gerade gut genug, um ein paar „niedere“ Dienste zu verrichten, wie Holz zu hacken, Lasten hoch zu schleppen, die Olivenernte einzubringen oder auch kleinere handwerkliche Jobs zu erledigen. Nie konnte er jedoch ihren Ansprüchen genügen, zu ihrer Zufriedenheit arbeiten. Immer war er ungeschickt, schlampig, langsam, hatte nicht den passenden Ehrgeiz oder die richtige Initiative.
Doch das alles war nichts im Vergleich mit den Problemen, die ihm sein Sohn Gian-Marino und dessen Mutter Chiara Maggi bereiteten. „Was für ein Scheiß-Leben“, bemitleidete er sich selbst ein wenig. Gian-Marino war sein vierjähriger Sohn und Chiara die Mutter. Ersteres wollte er zumindest glauben. Für einen heimlichen, nicht legal belastbaren DNA-Test fehlte ihm der Mut. Chiara verweigerte ihm die Anerkennung der legalen Vaterschaft, was seiner Mutter Maria aber gerade recht kam, wiederholte sie doch schon fast verschwörerisch „Unterschreib‘ ja Nichts!“ Mit Chiara war es schon seit gut einem halben Jahr endgültig aus. Sie schrien sich nur noch an, stritten wegen des Gelds oder Erziehungsfragen oder Nichtigkeiten. Er kam sich verarscht vor – von vorne bis hinten. Vielleicht war es ja das Beste so. Seit über 20 Jahren unterhielt er mit dieser Frau eine sogenannte „Drop-on-drop-off-Beziehung“. Kennengelernt hatte er sie über eine deutsche Freundin, Daniela Poth, die seit ihren Kindertagen hier in Mori lebte. Ihre Eltern arbeiteten damals in leitender Stelle am Goethe-Institut in Genua, das es heute gar nicht mehr gibt. Daniela besuchte die Deutsche Schule in Genua, die auch Chiara frequentierte. Es war nichts Ungewöhnliches, dass italienische Kinder aus bürgerlichem Elternhaus die deutsche Schule besuchten, galt sie doch als eine der besten Schulen in der Region. Auch sein Freund Dario, der eine österreichische Mutter aufzuweisen hatte, besuchte die Schule, zu der er täglich von Lavagna anreiste. Auch Jörg, einer seiner weiteren Freunde, hatte er über die „deutsche Clique“ kennen gelernt. Seine Eltern waren beide Norddeutsche, die in Ligurien aus- oder besser umgestiegen waren. Weg aus Bremen – Leben am Mittelmeer, eben. Der Teutonen-Traum. Die magere und quirlige Chiara hatte ihn sofort fasziniert. Nicht nur, dass sie mehrere Sprachen beherrschte, nein sie war so voller Energie und Tatendrang. Und sie kritisierte ihn nie oder schickte ihn zur Arbeit, wie andere. Vielmehr fand sie es toll, dass er immer Zeit für sie hatte, mit ihr endlose Stunden am Meer verbrachte, spazieren ging oder einfach abhing. Obendrein war sie im Bett eine Wucht – und so viele sexuelle Erfahrungen hatte er auch wieder nicht aufweisen können. Sie ermunterte ihn, mit ihr in allen denkbaren und undenkbaren Stellungen zu schlafen und es war sie, die die Initiative ergriff und ihn anfeuerte „mach‘ so oder mach nicht so!“ Und klar, er konnte mithalten – das gefiel ihr, das beeindruckte sie wohl am meisten an ihm. Als Jörg dann sich mit der schönen Mia, einer Brasilianerin, zusammentat, die sich auch anfangs mit Chiara sehr gut verstand, hatten sie einen wunderbaren Sommer, voller Lust, Liebe und Leidenschaft verlebt. Sie machten, was sie wollten – meistens nichts – und jobbten ein wenig, um das nötige Kleingeld zu haben. Da die Eltern seiner Freunde dieses Leben ihrer halberwachsenen Kinder klaglos zu finanzieren schienen, fand auch er es ganz normal, so in den Tag zu leben. Vielmehr fanden seine Freunde es ungerecht, dass er, Luca, zu Hause mitarbeiten musste. Lastentransport, Gartenarbeit, Handwerkerjobs und solche Dinge, die ihm seine Mutter vermittelte. So kam auch er mit der Zeit zur Überzeugung, dass Eltern das Leben der Kinder finanzieren müssten, sie unterhalten müssten, denn schließlich haben sie sie ja auf die Welt gesetzt. In seinem Fall bedeutete dies, dass Maria ihn zu finanzieren hatte. Ganz egal in welchem Alter. Was konnte er schon dafür, dass in Italien die Wirtschaftskrise herrschte und eine hohe Arbeitslosenquote? Pah! Außerdem hatte gerade er am meisten darunter gelitten, dass seine Eltern in den 70er-Jahren dieses Riesen-Anwesen mit dem alten Bauernhaus gekauft hatten. Keiner hatte sich so richtig um ihn gekümmert. Nicht die Mutter, die bei der steinreichen Industriellen-Familie Boggiani die Hauswirtschafterin in deren Sommerresidenz in Mori gab, nicht der Vater, der als Gärtner dort geduldet war – auch aufgrund seines Alkoholproblems und seines störrischen Wesens – und auch nicht seine beiden älteren Geschwister, von denen jeder seiner Wege ging. Julia absolvierte damals eine Berufsausbildung zur Kinder-Krankenschwester in Genua und Raffaele besuchte das Istituto Tecnico Agrario in S. Illario, ebenfalls in Genua. Beide hatten ihre Freunde bzw. Freundinnen, waren ständig unterwegs und hatten bestimmt keine Zeit für ihren kleinen Bruder.
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