»Erzählen Sie weiter«, sagte Tarling ungeduldig.
»Er ging wieder hinaus, und ich hörte gleich darauf, wie ein Auto angelassen wurde. Ich dachte, es wäre einer meiner Kollegen; es standen nämlich noch mehrere Wagen draußen. Das Restaurant wird hauptsächlich von Chauffeuren besucht, und ich habe nicht weiter darauf geachtet. Erst als ich wieder hinauskam, entdeckte ich, daß mein Auto verschwunden war. Der Kerl, dem ich den Auftrag gegeben hatte, nach meinem Auto zu sehen, war in eine Stehbierhalle gegangen und vertrank dort das Geld, das ihm der Bursche gegeben hatte.«
»Sieht ganz so aus, als ob er der Mann wäre, den wir suchen«, sagte der Polizeiinspektor zu Tarling.
»Ja, es muß Sam Stay sein, aber ich wußte nicht, daß er fahren kann.«
»Ich kenne Sam Stay sehr gut. Wir haben ihn hier schon dreimal festgenommen. Eine Zeitlang ist er sogar Chauffeur gewesen – wußten Sie das nicht?«
Tarling hatte allerdings am Morgen vorgehabt, Sams Personalakten durchzulesen, aber es war etwas dazwischengekommen, und er hatte es vergessen.
»Er kann nicht weit kommen – geben Sie die Beschreibung des Wagens sofort bekannt. Jetzt können wir ihn sogar noch leichter fangen. Das Auto kann er nicht irgendwie verstecken, und wenn er glaubt, daß er im Wagen fliehen kann, so irrt er sich.«
Tarling wollte am Abend nach Hertford zurück und hatte Ling Chu von seiner Absicht verständigt. Er ging aber von der Cannon-Row-Polizeistation zunächst nach Scotland Yard, um noch mit Whiteside zu sprechen, der ihn dort erwarten wollte. Er hatte unabhängig von ihm Nachforschungen wegen des Verbrechens in Hertford angestellt und allerhand Nachrichten und Einzelheiten hierüber gesammelt.
Whiteside war noch nicht im Büro, als Tarling nach Scotland Yard kam, der wachhabende Sergeant kam eilig herbei.
»Dies wurde vor zwei Stunden für Sie abgegeben«, sagte er. »Wir dachten, Sie wären in Hertford.«
Es war ein Brief, der mit Bleistift geschrieben war. Er stammte von Milburgh, der sich keine Mühe gegeben hatte, seine Handschrift zu verstellen.
Verehrter Mr. Tarling,
ich habe soeben zu meiner tiefsten Trauer und Verzweiflung in der ›Evening Press‹ gelesen, daß meine geliebte Frau, Catherine Rider, auf schreckliche Art ermordet wurde. Wie furchtbar ist der Gedanke für mich, da ich erst vor einigen Stunden noch mit ihrem Mörder sprach. Denn ich glaube bestimmt, daß es Sam Stay war. Ich hatte ihm, ohne etwas Böses zu denken, mitgeteilt, wo Miss Rider sich zur Zeit aufhält. Ich bitte Sie, keine Zeit zu verlieren, sie vor diesem grausamen, gefährlichen Irren zu schützen. Er scheint nur noch die eine Idee zu haben, den Tod des verstorbenen Thornton Lyne zu rächen. Wenn diese Zeilen Sie erreichen, werde ich mich dem Arm der menschlichen Gerechtigkeit entzogen haben, denn ich habe beschlossen, aus dem Leben zu gehen, das mir so viel Kummer und Enttäuschungen gebracht hat. M
Tarling war fest davon überzeugt, daß Mr. Milburgh keinen Selbstmord begehen würde. Die Nachricht, daß Sam Stay Mrs. Rider ermordet hatte, war jetzt für ihn uninteressant, aber das Bewußtsein, daß dieser rachsüchtige Geisteskranke den Aufenthalt Odettes wußte, beunruhigte ihn aufs höchste. »Wo ist Mr. Whiteside?« fragte er.
»Er ist in Cambours Restaurant gegangen, um dort jemand zu treffen«, sagte der Sergeant.
Tarling mußte Whiteside erst persönlich sprechen, bevor er Detektivbeamte nach dem Krankenhaus am Cavendish Place schicken konnte.
In einem Taxi fuhr er zu dem Restaurant und traf den Polizeiinspektor glücklicherweise gerade in dem Augenblick, als er das Lokal verließ.
Tarling gab ihm sofort den Brief, und Whiteside las das Schreiben durch.
»Der hat keinen Selbstmord begangen. Das ist das letzte, was ein Mann von Milburghs Schlag tun würde. Er ist ein kaltblütiger Schuft. Ich kann mir ihn schon vorstellen, wie er sich in aller Seelenruhe hinsetzte und diesen Brief über den Mörder seiner Frau schrieb!«
»Was halten Sie denn von der anderen Sache – der Drohung gegen Odette?«
»Da mag was dahinterstecken. Wir dürfen jedenfalls keine Schutzmaßnahmen unterlassen. Hat man irgend etwas über den Verbleib von Stay gehört?«
Tarling erzählte ihm die Geschichte von dem gestohlenen Mietauto.
»Dann werden wir ihn ja bald haben«, meinte Whiteside zufrieden. »Er hat keine Komplicen, und ohne Spießgesellen ist es in der Autobranche praktisch einfach unmöglich, in einem Wagen aus London zu entkommen.«
Whiteside stieg in Tarlings Wagen ein, und ein paar Minuten später waren sie am Krankenhaus. Die Oberin empfing sie.
»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie noch zu dieser späten Stunde stören muß«, sagte Tarling, der deutlich ein Mißfallen in ihrem Gesicht las. »Aber ich habe heute abend eine wichtige Nachricht erhalten, die es nötig macht, Miss Rider unter Schutz zu stellen.«
»Sie wollen sie unter Schutz stellen?« fragte die Dame erstaunt.
»Ich verstehe Sie nicht recht, Mr. Tarling. Ich bin eben heruntergekommen in der Absicht, Ihnen eine Strafpredigt wegen Miss Rider zu halten. Sie wußten doch, daß sie absolut unfähig war, auszugehen. Ich dachte, ich hätte Ihnen das heute morgen ganz deutlich gesagt.«
»Sie soll doch auch gar nicht ausgehen«, sagte Tarling aufs höchste verwundert. »Sie wollen doch damit nicht sagen, daß sie ausgegangen ist?«
»Aber Sie haben doch selber vor einer halben Stunde nach ihr geschickt!«
»Ich hätte nach ihr geschickt?« fragte Tarling. Er erblaßte. »Bitte, sagen Sie mir schnell, was vorgefallen ist.«
»Ungefähr vor einer halben Stunde, es mag vielleicht auch schon etwas länger sein, kam ein Chauffeur und sagte mir, daß er von Scotland Yard geschickt worden sei, um Miss Rider sofort abzuholen. Man müßte sie dringend wegen des Mordes ihrer Mutter vernehmen.«
Tarlings Gesicht zuckte nervös. Er konnte seine Aufregung nicht länger verbergen.
»Haben Sie denn nicht nach ihr geschickt?« fragte die Oberin verstört.
Tarling schüttelte den Kopf.
»Wie sah der Mann aus, der hierherkam?«
»Recht gewöhnlich. Er war etwas weniger als mittelgroß und machte keinen gesunden Eindruck – es war ein Chauffeur.«
»Haben Sie gesehen, in welcher Richtung er davonfuhr?«
»Nein, ich habe nur sehr dagegen protestiert, daß Miss Rider überhaupt ausgehen sollte, aber als ich ihr die Nachricht überbrachte, die doch anscheinend von Ihnen kam, bestand sie darauf, sofort das Haus zu verlassen.«
Tarling war entsetzt. Odette war in der Gewalt eines Geisteskranken, der sie haßte, der ihre Mutter ermordet hatte, der sich fest vorgenommen hatte, sie zu entstellen und ihre Schönheit zu zerstören! Er glaubte ja in seinem Wahnsinn, daß sie seinen geliebten Freund und Wohltäter betrogen und mit schändlichem Undank behandelt hatte.
Ohne ein weiteres Wort verließ er mit Whiteside das Krankenhaus.
»Der Fall ist hoffnungslos«, sagte er, als sie auf der Straße waren. »Mein Gott, wie schrecklich ist dieser Gedanke! Aber wenn wir Milburgh lebend fangen, dann soll er es büßen!«
Er gab dem Chauffeur Anweisung und stieg schnell hinter Whiteside in den Wagen ein.
»Wir werden jetzt erst zu meiner Wohnung fahren, um Ling Chu dort abzuholen. Der kann uns von größtem Nutzen sein.«
Als sie in Tarlings Wohnung in der Bond Street ankamen, eilten sie schnell die Treppe hinauf. Es war alles dunkel – ein außergewöhnlicher Umstand, denn Ling Chu hatte ein für allemal den Auftrag, die Wohnung nicht zu verlassen, während sein Herr ausgegangen war. Das Speisezimmer war leer. Nachdem Tarling das Licht eingeschaltet hatte, fiel sein Blick auf ein beschriebenes Stück Reispapier. Die Schrift war noch nicht trocken. Es standen nur ein paar chinesische Schriftzeichen darauf, sonst nichts.
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