Er überlegte die Sache kaltblütig, wie ein Kaufmann irgendein Geschäft abwägt. Er hatte erfahren, daß Odette in einem Krankenhaus in London lag, er wußte allerdings nicht, welche traurigen Ereignisse sie dorthin gebracht hatten.
Er hatte am Morgen bei der Firma angerufen, um herauszubringen, ob man Nachforschungen nach ihm angestellt hätte. Dabei hatte er gehört, daß mehrere Kleidungsstücke für Odette nach dem Krankenhaus geschickt worden waren, und so hatte er die Adresse erfahren. Er hatte sich zwar gewundert, daß sie zusammengebrochen war, aber er hatte sich das mit den vielen Aufregungen erklärt, die sie in der letzten Zeit, besonders in der vorigen Nacht in Hertford, gehabt hatte.
»Wenn Sie nun Miss Rider treffen würden, was würden Sie dann tun?«
Sam Stay zeigte grinsend die Zähne.
»Sie werden sie in der nächsten Zeit wohl nicht zu sehen bekommen, denn sie liegt in einem Krankenhaus, Cavendish Place 304.«
»Cavendish Place 304«, wiederholte Sam. »Das ist doch in der Nähe der Regent Street, nicht wahr?«
»Ich weiß es nicht genau«, sagte Milburgh. »Sie liegt dort in einem Krankenhaus, und Sie werden sie wahrscheinlich nicht zu sehen bekommen.«
Milburgh stand auf. Er sah, daß der Mann zitterte.
»Cavendish Place 304«, sagte er noch einmal, dann kehrte er Mr. Milburgh den Rücken und entfernte sich.
Der würdige Geistliche schaute ihm nach, schüttelte den Kopf, erhob sich und ging in der anderen Richtung davon. Er überlegte, daß es ebenso leicht war, am Waterloo-Bahnhof eine Fahrkarte nach dem Festlande zu lösen wie in Charing Cross.
32.
Tarling hätte schlafen sollen. Alle Knochen und Muskeln schmerzten ihn, und er brauchte dringend Ruhe. Aber er saß in seiner Wohnung am Tisch, vor ihm lagen Lynes Tagebücher in zwei Haufen. Er hatte nur noch wenige Bände zu prüfen.
Die Hefte waren ohne Vordruck und Linien. Manchmal reichte ein Buch über zwei oder drei Jahre. Manchmal enthielt es nur die Periode von einigen Monaten. Schließlich war nur noch ein Buch übrig, das sich von den anderen dadurch unterschied, daß es durch zwei Bronzeschlösser verschlossen war, die aber von Fachleuten in Scotland Yard geöffnet worden waren.
Tarling nahm diesen Band und wandte Seite für Seite um. Wie er richtig vermutet hatte, war es das letzte der Bücher, in das Thorton Lyne bis zu seiner Ermordung Eintragungen gemacht hatte. Tarling öffnete es, ohne viel davon zu erwarten. Auch in den früheren Bänden hatte er außer unglaublicher Selbstüberhebung nichts gefunden. Er hatte Lynes Berichte über seinen Aufenthalt in Schanghai gelesen, aber das war nichts Neues für ihn gewesen.
Obwohl er auch von diesem letzten Tagebuch nicht viel erwartete, las er es doch aufmerksam durch. Plötzlich nahm er einen Notizblock und begann Auszüge zu machen. Es war der Bericht über den Antrag, den er Odette Rider gemacht und den sie zurückgewiesen hatte. Er war sehr subjektiv und schönfärberisch, aber sonderbar uninteressant geschildert. Dann kam er zu der Stelle, die einen Tag nach der Entlassung Sam Stays aus dem Gefängnis geschrieben war. Hier sprach sich Thorton Lyne eingehender über seine ›Demütigung‹ aus.
Stay ist aus dem Gefängnis entlassen. Es ist ergreifend, wie mich dieser Mann verehrt. Manchmal wünsche ich, daß ich ihn zu einem solchen Lebenswandel bekehren könnte, daß er nicht wieder ins Gefängnis kommt, aber wenn mir das gelänge und ich ihn zu einem anständigen, soliden Menschen machte, würde ich diese wunderbaren Erlebnisse nicht mehr haben, die ich durch seine Verehrung genieße. Es ist doch so angenehm, sich in der hingebenden Anbetung eines anderen Menschen zu sonnen! Ich habe mit ihm über Odette gesprochen. Es ist allerdings merkwürdig, dergleichen mit einem Verbrecher zu bereden, aber er hat mir so hingebungsvoll zugehört! Ich bin weit über das Ziel hinausgegangen, aber die Versuchung war zu groß. Wie leuchtete der Haß aus seinen Augen, als ich mit meinem Bericht fertig war ... Er hatte einen Plan gefaßt, wie er ihr hübsches Gesicht verunzieren könnte. Er hat nämlich im Gefängnis mit einem Mann zusammengearbeitet, der verurteilt wurde, weil er einem Mädchen übel mitgespielt und Vitriol gebraucht hat ... Sam wollte dasselbe tun ... Zuerst war ich entsetzt darüber, aber nachher gab ich ihm recht. Er sagte auch, daß er mir einen Schlüssel geben könne, mit dem alle Türen zu öffnen sind. Wenn ich nun dorthin ginge ... im Dunkeln? Und ich würde irgend etwas Verdächtiges dort zurücklassen ... was könnte es wohl sein ...? Aber das wäre ein Gedanke! Nehmen wir an, ich würde etwas typisch Chinesisches mitbringen. Tarling steht anscheinend mit dem Mädchen sehr gut ... wenn etwas Chinesisches bei ihr gefunden würde, wäre auch er verdächtig ...
Das Tagebuch schloß mit dem Wort ›verdächtig‹. Tarling las die letzten Sätze so lange, bis er sie auswendig wußte. Dann klappte er das Buch zu und schloß es in seinen Schreibtisch ein.
Eine halbe Stunde lang saß er noch da und stützte das Kinn in die Hand. Er vermochte jetzt den merkwürdigen Fall mehr und mehr zu klären und das Rätsel zu lösen, nachdem ihm diese Zeilen Thornton Lynes die Aufgabe bedeutend erleichtert hatten. Thornton Lyne war zu der Wohnung gegangen, nicht auf das Telegramm hin, sondern mit der Absicht, Odette zu kompromittieren und ihren guten Ruf zu untergraben. Er wollte das kleine rote Stückchen Papier mit der chinesischen Inschrift an einer besonderen Stelle lassen, damit andere Leute durch die Infamie in Verruf kamen.
Milburgh war inzwischen aus einem anderen Grund in die Wohnung gegangen. Die beiden hatten sich getroffen, hatten miteinander gestritten, und Milburgh hatte den tödlichen Schuß auf ihn abgefeuert. So erklärte sich auch, warum Thornton Lyne Filzschuhe trug und warum dieses chinesische Papier in seiner Westentasche gefunden wurde, besonders aber, warum er in Odettes Wohnung gekommen war.
Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß Sam Stay die Flasche Vitriol nach ihm geworfen hatte, der Mann, der sich vorgenommen hatte, das Mädchen zu entstellen, das seiner Meinung nach seinen Wohltäter verleumdet und betrogen hatte.
Milburgh mußte unbedingt gefunden werden, er war das letzte fehlende Glied in der Kette.
Tarling hatte Vorkehrungen getroffen, daß der Chef der Cannon-Row-Polizeistation ihn sofort benachrichtigen sollte, wenn neue Meldungen einliefen. Bis jetzt war er noch nicht angerufen worden, so ging er nun persönlich dorthin, um die neuesten Nachrichten aus erster Hand zu bekommen. Er erfuhr allerdings nur wenig. Während er noch mit dem Polizeiinspektor sprach, kam ein aufgeregter Taxichauffeur auf die Station und meldete, daß sein Automobil gestohlen worden sei. Solche Anzeigen kommen in London alle Tage vor. Der Mann hatte einen Herrn und eine Dame zu einem Theater im Westen gebracht und war beauftragt, bis zum Ende der Vorstellung zu warten, um sie dann wieder nach Hause zu fahren. Nachdem er seine Fahrgäste abgesetzt hatte, war er in ein kleines Restaurant gegangen, um etwas zu essen, und als er wieder herauskam, war sein Wagen verschwunden.
»Ich weiß schon, wer es getan hat«, rief er heftig. »Und wenn ich den Kerl erwische, dann werde ich ihn ...«
»Woher wissen Sie denn, wer der Täter war?«
»Er kam in das Restaurant herein, als ich beim Essen saß.«
»Wie sah er denn aus?« fragte der Polizeiinspektor.
»Er war sehr blaß. Ich könnte ihn unter Tausenden wiedererkennen. Und dann habe ich mir noch eins an ihm gemerkt – er hatte ein Paar ganz neue Schuhe an.«
Tarling war während dieser Unterhaltung vom Schreibpult weggetreten, aber jetzt kam er wieder näher.
»Hat er denn mit Ihnen gesprochen?« fragte er.
»Jawohl, Sir«, sagte er. »Ich fragte ihn, ob er nach jemand suche, und er sagte ›nein‹. Dann redete er eine Menge Unsinn von einem Mann, der der beste Freund gewesen sein soll, den ein armer Kerl überhaupt haben könne. Ich saß nahe bei der Tür und so kam ich mit ihm ins Gespräch. Ich glaube, er war nicht ganz richtig im Kopf.«
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