Er glaubte dass er fantasierte.
»Kai, Menschenkind!«
Aber er hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil er das Buch ins Wasser geworfen hatte.
»Komm, komm!«
Und tatsächlich. Jetzt sah er ein paar Meter entfernt etwas Aufgetauchtes. Das Wasser bewegte sich und noch etwas tauchte auf und noch etwas.
»Hilf uns hilf!«, ertönten jetzt viele Stimmen auf einmal. Immer mehr tauchten auf.
»Hilf, hilf!«
Schließlich war es ein ganzer Club.
»Wer seid ihr?«
Eine Gestalt kam jetzt näher.
»Du weißt es.«
Kai glaubte zu träumen. Sicher war er über seinen Fantasien eingeschlafen. Gleich würde er aufwachen. Aber der Traum ging weiter.
»Wir sind der Rat der dreizehn Weisen. Ich bin Mubus - Sprecher und Haupt der dreizehn.«
»Ich glaubs einfach nicht!«
»Du bist der Auserwählte und nur du kannst uns helfen.«
»Ich, wie soll ich euch helfen können. Ich bin doch nur ein kleiner Junge!«
»Es kommt nicht darauf an, ob du groß oder klein bist, es kommt nicht auf Kraft an, sondern auf die Fantasie - auch
wir sind nur kleine Leute, aber man sollte uns nicht unterschätzen.«
»Aber was kann ich tun?«
»Willst du uns wirklich helfen?«
»Wenn ich kann - was soll ich tun?«
»Zuerst einmal musst du mir vertrauen - uns vertrauen!«
»Ok.«
»Ich meine wirklich und vorbehaltlos vertrauen!«
»Na gut.«
»Aber wie willst du mir vertrauen, wenn du mich gar nicht kennst?«
»Na hör mal, erst forderst du mich auf euch zu vertrauen und dann traust du mir nicht!«
»Schon gut! Also, vertraue mir, komm näher, mach die Augen zu und tauche deinen Kopf unter Wasser!«
»Was?«
»Frag nicht. Tue es einfach!«
»Warum soll ich das tun?«
»Siehst du, du vertraust mir nicht!«
»Also gut, ich tauche meinen Kopf unter Wasser.«
In diesem Moment spürte er eine Berührung an den Lippen. Dann wurde er auch schon von einem starken Sog ins Wasser gezogen und verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, merkte er, dass sich alles seltsam verändert hat. Alles war undeutlich, verschwommen.
»Wo bin ich?«
»Bei den Doonies.«
»Mubus?«
»Ja, ich bins.«
»Bin ich ... im See?«
»Ja wir sind am Grunde des Sees. Aber mach dir keine Sorgen.«
»Aber wieso kann ich atmen?«
»Als du mit dem Kopf ins Wasser getaucht bist hat dir Kuno, unser alter Zauberer etwas gegeben, was dich befähigt hier zu atmen. Er bewirkte, dass sich hier unten eine Schicht gebildet hat, in der beide existieren können. Doonies und Menschen. Wir nennen es den Spiegel der Fontäne. Weil sich eine Art Atmosphäre bildet, die nicht Luft und nicht Wasser ist, sondern etwas dazwischen.«
»Und macht ihr sowas oft?«
»Ja manchmal schon haben wir es getan, wenn einer von euch Menschen in den See fiel und zu ertrinken drohte. Wir ziehen ihn dann an Land und später kann er sich an nichts mehr erinnern.«
»Aha, so sind also die alten Sagen entstanden.«
»Aber sag, wieso bist du plötzlich so groß wie ich?«
»Nicht ich bin gewachsen, sondern du bist klein geworden. Auch eine Wirkung des Mittels. Sonst könntest du dich hier in den Höhlen nicht bewegen.«
»Welche Höhlen?«
»Die Höhlen, in denen wir wohnen. Aber komm, ich zeige dir alles.«
4. Das Reich unter dem See
Vom Seegrund gingen sie jetzt in Gänge hinein, die in den Untergrund führten zu den Höhlen - an Lehmtürmen und Algenbäumen vorbei.
»Was ist denn das?«
»Die Algenbäume sind unsere Hauptnahrungsquelle. Aus ihrem Mark wird ein honigähnlicher, milchiger Saft gewonnen aus dem eine Art Kekse gemacht wird, Kabuma genannt. Hier probier!«
»Mmmh, schmeckt gut.«
»Gleich gibts mehr davon. Wir wollen nämlich ein großes Fest feiern. Zu deinen Ehren. Auf deine Ankunft und damit wir uns alle näher kennenlernen. Komm!«
Mubus führte Kai nun in einen großen Saal, in dem Essen und Trinken bereit gestellt war und ein großer Tisch, an dem die anderen Doonies saßen, die Kai mit großem Jubel begrüßten. Während des Gastmals wurde ein großer Freudentanz zu Kais Ehren aufgeführt. Alle waren lustig und vergnügt, als plötzlich ein Doonie in einer schimmernden Rüstung in den Saal schepperte und das Fest jäh unterbrach.
»Wie lange wollt ihr noch warten. Wieviel Zeit wollt ihr noch verschwenden. Wir müssen endlich handeln. Die Zeit zerrinnt uns zwischen den Händen.«
»Ruhig Blut Spunto. Es ist wichtig, dass wir zunächst alles erklären. Wir sollten nichts Unbesonnenes tun. Kai das ist Spunto. Ein großer Krieger. Spunto, das ist der Auserwählte.«
»Ha, du willst der Auserwählte sein.
Spunto schlug auf den Tisch.
»Du bist ja nicht größer als ich.«
»Beruhige dich Spunto - er weiß doch noch von gar nichts.«
Der meldete sich nun: »Jetzt möchte ich aber auch langsam wissen, um was es eigentlich geht und was ich mit alldem zu tun habe!«
Mubus räusperte sich. »Also gut ... Unser Problem heißt Schido. Schido der Wolkenmelker. Die saure Wolke. Schido lebt in einer Wolke über dem See. Er entzieht dem See Wasser. Das Wasser steigt auf und vergrößert die Wolke. Schido melkt die Wolke und kristallisiert das Wasser mit seinem Blick zu Eis und versauert es. Das Kristalleis wirft er wieder in den See zurück, wo es sich auflöst und die Säure freigibt. Sein Ziel ist es den See zu versauern und die Wolke so groß zu machen bis sie alles verdunkelt und nichts mehr leben kann.«
»Aber wieso macht er das?«
»Weil er böse ist.«
»Aber niemand ist einfach so böse. Er muss doch einen Grund haben.«
»Schido hasst die Doonies, weil er schon einmal gegen uns gekämpft hat und dabei ein Auge verloren hat. Deshalb heißt er auch jetzt der einäugige Kristall. Sein Auge ist seine stärkste Waffe. Mit ihm zieht er das Wasser nach oben, versauert es und macht es zu Kristall. Damals als er noch beide Augen hatte, kämpfte auch ein Junge wie du auf unserer Seite. Aber er konnte nur das eine Auge besiegen und unterlag. Seitdem will Schido uns vernichten, weil wir die einzigen sind, die etwas gegen ihn unternehmen können, weil wir wissen, was geschieht, weil wir sein Geheimnis und sein Treiben kennen.«
»Und das alles geht vor sich und die Menschen wissen nichts davon?«
»Das ist ja gerade das Schlimme. Niemand weiß etwas und so kann Schido ungehindert wirken. Dabei geht es alle etwas an. Denn wenn der See einst versauert sein sollte, wird auch die übrige Welt langsam versauern. Alles Wasser wird sauer werden und alle Luft. Die Wolke wird größer und größer und verdunkelt die Welt. Und es wird nur noch Schido geben und die Wolke und die Dunkelheit.«
»Furchtbar. Aber was treibt ihn an den Schido. Es muss doch irgendetwas geben, weswegen er so geworden ist.«
»Bringt den Schwätzer doch zum Schweigen. Was interessiert es, warum der Wolkenmelker so handelt. Er tuts jedenfalls. Ist es nicht genug, dass er uns vernichten will, dass er schon einmal Krieg gegen uns führte?«
»Halte dich zurück Spunto. Er hat ein Recht zu fragen. Alles zu fragen und alles zu erfahren, was wir wissen. Er muss wissen, auf was er sich einlässt. So ist das Gesetz. - Nun die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, warum Schido so ist. Aber weiter: Schido ist nicht allein. Er hat Helfer - die Schokas. Fliegende Soldaten mit zackigen Rücken, gepanzert und einem Maul wie ein Krokodil. Ausgerüstet mit dem Atem der Kälte werden sie von Schido ausgeschickt, um Zwietracht zu sähen. Auch im See tauchen sie auf und verleiten vor allem die Sogfische.«
»Sogfische?«
»Ja. Die Sogfische sind unsere natürlichen Feinde. Aber der Einfluss des Schido bringt sie dazu, dass sie nicht nur auf Nahrungssuche angreifen, sondern uns aus reiner Böswilligkeit heimsuchen.«
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