»Was wollen Sie denn hier überhaupt?« Der Pförtner war davon überzeugt, daß das kindische junge Ding die Tür seiner ehrfurchtgebietenden Bank lediglich als Karussell benutzte. »Hunde haben hier überhaupt keinen Zutritt nich«, versuchte er den immer noch herzbrechend jaulenden Cäsar zu übertönen.
»Ich möchte zu Herrn Bankdirektor Hildebrandt, er erwartet mich«, sagte Ursel, ihr schlankes Figürchen respektheischend emporreckend.
Der Name wirkte wie ein Zauberschlüssel. »Zum Herrn Bankdirektor« – ein Bückling erfolgte – »aber natürlich« – wieder ein Bückling – »bloß – –« der Mann kratzte sich seinen graumelierten Kopf – »erwartet der Herr Bankdirektor denn auch den Köter?«
»Nein.« Als wahrheitsliebendes Mädchen konnte Ursel diese Frage unmöglich bejahen.
»Na, denn jeben Sie'n doch inzwischen bei mir in der Garderobe ab, den Köter; du bist ein braver Kerl, du bist ein schöner Kerl, jawohl – –« Selbst für Cäsar erweckte der Name des Direktors Sympathien.
Dieselben waren leider nicht gegenseitig. Cäsar knurrte den fremden Mann an und schnappte nach seiner streichelnden Rechten.
»Ih, du bist ja ein ganz – –« Weitere Gemütsausbrüche ließen die Beziehungen, welche den Hund oder vielmehr seine Besitzerin mit dem König im Reiche der Zahlen verband, nicht zu.
»Kusch dich, Cäsar!« Ursel befestigte ihren vierfüßigen Begleiter an einen Haken und folgte dem Pförtner über das vornehm ausgestattete Vestibül zum Fahrstuhl. Noch in der zweiten Etage hörte sie Cäsars Jammern hinter sich her. Treppe, Gänge, Türen – ein vielverzweigtes Labyrinth. Schließlich blieb ihr Führer vor einer der Eichentüren, welche den Namen Hildebrandt trug, stehen. »Wen darf ich melden?« fragte er.
»Fräulein Ursula Hartenstein.«
Gleich darauf stand Ursel in einem eleganten, mit dunkelgrauem Plüschteppich ausgelegten Arbeitsraum. Sie empfand keine Spur von Beklommenheit. Mit großen Augen musterte sie den bereits kahlköpfigen Herrn, der ihr entgegentrat.
»Ah, also da wären Sie ja. Hildebrandt – freue mich, die Tochter meines lieben Professors kennenzulernen.« Ursels Hand wurde wohlwollend gedrückt. »Also Sie wollen bei uns als Banklehrling eintreten.« Ursel hatte keine Zeit zu widersprechen, denn der Direktor fuhr bereits fort: »Schönchen. Sie sollen Gelegenheit haben, sich in allem, was zum Bankfach gehört, gründlich auszubilden. Soll mich freuen, wenn Sie sich bei uns wohlfühlen werden.«
»Sicher nicht«, dachte die unverbesserliche Ursel, trotz des freundlichen Empfangs.
»Vielleicht kann ich Sie später, wenn Sie erst mal das Abc des Bankwesens intus haben, zu meiner Sekretärin heranbilden. Aber vorläufig heißt es lernen – lernen – wofür interessieren Sie sich denn am meisten?«
»Für Gesang, besonders für die Oper«, gab Ursel, ohne zu überlegen, zur Antwort.
»Hahaha – na, das kommt für uns hier weniger in Betracht. Ich glaube, Sie hätten vielleicht den Wunsch, in eine bestimmte Abteilung unserer Bank einzutreten. Also kommen Sie, ich werde Sie bekannt machen und in Ihren neuen Wirkungskreis einführen.« Der Direktor sprach schnell in nervöser Hast. Ursel kam, was ihr nicht oft passierte, gar nicht zu Wort.
Der Fahrstuhl brachte sie wieder in die untere Etage, in welcher die Bureaus lagen. Zu einem großen hellen Raum mit vielen Pulten, Tischen, Büchern und schreibenden Händen öffnete Direktor Hildebrandt die Tür.
»Herr Müller« – ein Herr erhob sich von einem Pult, rückte die Brille zurecht und dienerte – »ich stelle Ihnen hier unseren jüngsten Banklehrling, Fräulein Ursula Hartenstein, vor. Ein unbeschriebenes Blatt ohne jede Vorkenntnisse. Ihren bewährten Händen vertraue ich sie an – Sie werden sicher eine tüchtige Bankbeamtin aus der jungen Dame machen.«
Die junge Dame schüttelte sich innerlich bei dem Wort »Bankbeamtin«, während Herr Müller dem neuen Banklehrling die Hand reichte und versprach, sein möglichstes zu tun.
»Hoffe, Gutes von Ihnen zu hören, Morjen!« Der Bankdirektor verabschiedete sich. Herr Müller übernahm die Vorstellung der übrigen Damen und Herren, wohl zwanzig an der Zahl. Manch bewundernder Blick streifte die reizende neue Kollegin. Das war für die junge Evastochter immerhin eine kleine Aufmunterung. Während sie ihre Sachen ablegte, machte Herr Müller einen Tisch neben sich frei. »So, Fräulein Hartenstein, hier ist Ihr Reich, wenn ich bitten darf. Alle notwendigen Schreibutensilien finden Sie in den Kästen vor. Sie können erst mal Adressen ausschreiben und die Briefe hier kuvertieren, wenn ich bitten darf. Die Namen stehen auf diesen bereits fertigen Formularen. Adressen finden Sie in dem Register, nach Buchstaben geordnet. Lassen Sie die Umschläge offen, wenn ich bitten darf, daß sie noch einmal nachgeprüft werden können.«
Da saß er nun, der jüngste Banklehrling, blickte von dem Stoß Briefumschlägen vor sich auf all die gesenkten Köpfe und emsig schreibenden Finger ringsum und seufzte zentnerschwer.
O Gott – Stunden, Tage, Monate, Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben sollte sie hier unter all den rechnenden und schreibenden Menschen zubringen? Schließlich auch solch eine lebendige Arbeitsmaschine werden wie die da alle – nein – nein – das hielt sie nicht aus.
War es nicht das Richtigste, sie fing gar nicht erst an, sondern ging gleich wieder davon? Es war ja nur unnütze Zeitverschwendung, führte ja doch zu nichts. Aber hatte sie nicht ihrer kleinen Muzi zu Hause versprochen, des Vaters Wünsche nach bestem Willen zu erfüllen? Na also – los!
Ursel zückte die Feder und tauchte sie in das Tintenfass: »Herrn Oskar Futter«, begann sie auf den Briefumschlag mit ihrer genial ungleichmäßigen Schrift hinzuwerfen. Wo wohnte er denn nun bloß, dieser Herr Oskar Futter, der sie in der ganzen Welt doch wirklich nichts anging? Er kümmerte sich auch nicht darum, wo sie wohnte. Rankestraße 9 – hm, elegante Gegend. Wer kam nun dran? Frau Emilie Binder – Herrgott, war das zum Auswachsen mopsig. Adresse um Adresse, Brief um Brief. Endlos. Stille ringsum – nur Federgekritzel, gedämpftes Schreibmaschinengerassel aus dem Nebenraum. Und draußen goldener Maisonnenschein, blühende Sträucher, Vogelsang – war sie nicht wirklich hier hinter Mauern eingesperrt, lebendig begraben? Wie hielten es die andern Damen und Herren nur aus? Waren sie schon so abgestumpft, daß sie das Trostlose ihrer maschinellen Tätigkeit gar nicht mehr fühlten? Sahen doch eigentlich ganz nett aus, besonders die jungen Mädel. Hübsch und schick angezogen, Ursel hatte das mit einem Blick heraus. Und der Herr da vor ihr – wo hatte sie den bloß schon gesehen? Er hatte einen Leberfleck an der Schläfe. Ursel wußte genau, daß sie besagten Leberfleck in ärgerlicher Gemütsstimmung schon mal betrachtet hatte. Richtig – in der Bahn heute morgen, als sie wegen Cäsar mit dem griesgrämigen Herrn den Wortwechsel gehabt hatte. Also der war Zeuge ihrer dreisten Antwort gewesen. Hoffentlich hatte er sie nicht wiedererkannt. Immer neue Namen – gleichmäßig wie Wellen überschwemmten sie Ursels Denkvermögen, ebenso einschläfernd wirkend wie diese. »Hu–ah–hu–u–uh – – –« durch die Stille klang es in herzbrechendem Gähnen.
»Nanu?« Herr Müller schob die Brille zurecht. Lachende Gesichter wandten sich dem Pult zu, wo der goldhaarige Lehrling den Mund so weit aufriß, wie es nur anging.
»Hu–ah–« es war ein reiner Krampf, der Ursel befallen. Obgleich sie sich Mühe gab, das ungehörige Gähnen zu unterdrücken, es ließ sich nicht bekämpfen. In allen Tonarten stieß sie ihr »Hu–ah–uh–« aus. Die Heiterkeit war nicht länger zu bändigen. Alles lachte. Die würdigen alten Beamten sowohl mit den zerknitterten Pergamentgesichtern, wie die jungen.
Auch Ursel lachte mit, sobald ihr der Gähnkrampf die Möglichkeit dazu ließ. Glockenhell klang es durch den Raum, der plötzlich gar nicht mehr so ernsthaft ausschaute.
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