So verstrichen einige Minuten, bis Jakob sich wieder auf seine Mission besann und ungeduldig in seiner Hosentasche zu kramen anfing. Er zauberte einen beschmierten Zettel hervor. Neben Vermerken und Skizzen standen darauf auch die Namen der Berge, zwischen denen die Morgensonne gerade am Horizont aufging. Beeindruckt vom Anblick der beiden Riesen, vergaß er schnell all seine in den letzten Tagen erlittenen Entbehrungen. Genau dieses Bild war Grund und Antrieb für seine vielen Bemühungen, ja es war selbst notwendig, um den weiteren Wegverlauf klar bestimmen zu können. Endlich begannen die vielen Rädchen ineinanderzugreifen und Jakob spürte zum allerersten Mal ein Gefühl des Triumphes aufkommen.
Der Dealul Negro er schien ihm etwas kleiner zu sein als dessen Zwillingsbruder, der Gajei. Professor Friedmanns Empfehlung war, die Anstrengungen des unzugänglichen Gebirges auf sich zu nehmen und direkt zwischen den beiden Höhenzügen hindurchzumarschieren. Zum einen würde das Zeit sparen, weil so kilometerlange Umwege vermieden werden könnten, und zum anderen würde Jakob dadurch unentdeckt bleiben. Er entschied sich, den Rat des Professors zu befolgen, denn auch nach seinem pfadfinderischen Verständnis war jede Abweichung vom rechten Weg mit Selbstmord vergleichbar.
Jakob lief los, mitten durchs Dickicht und geradewegs der Sonne entgegen. Es roch nach Frühling. Das Gebirge war vom Schnee des vergangenen Winters nahezu vollständig befreit und wechselte wie immer um diese Jahreszeit, hervorgerufen durch junge Pflanzentriebe, das Kleid. Ein wenig verwundert über die Schwierigkeit des Wegs, kämpfte sich Jakob in Richtung Tal vor. Der sowieso schon nasse Boden war durch die Regenfälle der vergangenen Stunden vollkommen aufgeweicht und machte ein zügiges Vorankommen zu einem schweren Unterfangen. Je weiter er sich bergab durcharbeitete, desto kleiner wurde sein Blickwinkel, bis er die Schneise zwischen den Kuppen ganz aus seinen Augen verlor. Die dichte Waldgrenze, der Wechsel zwischen Hoch- und Mittellage des Gebirges, war nun erreicht. Er war umgeben von Laub- und Nadelbäumen, die ihm den Weitblick raubten.
Er hielt kurz inne, um zu verschnaufen. Dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, knöcheltief im Morast zu stecken, und allmählich wandelten sich auch seine täppischen, unkontrollierten Schritte zu einem sicheren, mechanischen Gang. Da er immer wieder ins Rutschen geriet, nutzte er seine Körpermasse, um zügiger nach unten zu kommen. Im Laufschritt legte er ein, zwei Meter zurück, sprang über ein Hindernis und ließ sich dann bergab über den schmierig glatten Boden gleiten. Manchmal rutschte er auch über die nassmodrige Rinde umgestürzter Bäume und musste aufpassen, dass er sein Gleichgewicht bewahrte. In diesem Rhythmus gelangte Jakob an eine mächtige Schlucht. Er blieb am Rande des Abgrunds stehen, seine Blicke senkten sich und er schaute hilflos in die Bodenlosigkeit.
Diesen höllischen Spalt hatte er nicht voraussehen können. Der dichte Wald hatte ihm den Ausblick auf diesen Graben von oben herab verweigert. Jakob zögerte. Die steile Schlucht zu umlaufen, würde ihn gewiss viel Zeit kosten und der Weg könnte sich kilometerweit in die Länge ziehen. Überdies hatte er keinen Bock, den eingeschlagenen Pfad zu verlassen und sich dann neu ausrichten zu müssen. Er schaute auf, in die Kronen zweier Bäume und verweilte regungslos für einige Sekunden in dieser Stellung. Er fühlte sich genauso unentschlossen wie diese, die, vom Winde hin und her gerissen, völlig unfähig schienen, irgendeine Richtung einzuschlagen. Sein Blick senkte sich und er betrachtete wieder den dunklen Graben vor seinen Füßen.
Gut siebzig Meter in den tiefen Rachen des Monsters hinunterschauend, erspähte Jakob die Sohle des Tales. Ein Flusslauf, welcher jetzt im Frühjahr aufgrund der einsetzenden Schmelze in den Bergen reichlich mit Gebirgswasser gefüllt war, toste dort unaufhaltsam und ohne Rücksicht vor sich hin, massivstes Gestein und tonnenschwere Felsbrocken konnten ihn nicht aufhalten. Jakob überkam das schleichende Gefühl, die steilen Hänge und das wild tobende Wasser nicht überwinden zu können.
„Mist“, knurrte er, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die es ihm gestatten würde, einen Umweg um die tiefe Schlucht herum zu nehmen. Ein allerletztes Mal schaute er die Abgrundkante entlang und entdeckte plötzlich unweit von sich, einige Meter tiefer auf der gegenüberliegenden Wand gelegen, einen kleinen Vorsprung. Dieser ragte, wie das Gesims eines alten Bauwerks liebevoll verschnörkelt, weit über das Flussbett hinaus. Jakob war besänftigt.
Parallel gegenüber dem Felsausläufer begann er mit dem Abstieg. Die Wand war glitschig und feucht und lud nicht gerade zu einer Kletterpartie ein. Sie verlief extrem steil und immer schmaler werdend wie ein Kegel nach unten, gesäumt von etlichen Furchen, die es Jakob einfacher machten, Halt zu bewahren. Er hatte weder ein Seil noch irgendwelche Karabiner dabei, um sich damit abzusichern, geschweige denn die Möglichkeit, diese an Haken in der schroffen Felswand zu befestigen. Daher prüfte er jedes Mal doppelseitig seinen Stand und krallte sich mit seinen Fingern in winzigen Ritzen fest, die ihm als Stütze dienten. Erst wenn er sich ganz sicher war, verlagerte er sein Gewicht, schob, suchend nach neuer Balance, ein Bein nach unten und fasste gleichzeitig mit der Gegenhand um. Ein Profi war er sicherlich nicht auf diesem Gebiet, aber auch kein blutiger Anfänger, und so kraxelte er relativ professionell die Schlucht hinunter. Nun zahlten sich die einstigen Bergtouren mit seinem besten Kumpel Rafael in den Wänden der Tiroler Alpen aus.
Als Jakob Rafael Angeletti kennen lernte, war der gerade zwei Tage in der Stadt. Verloren in den weiten Straßen Berlins und mit Heimweh im Bauch, hatte er ihn vor dem schwarzen Brett an der Uni getroffen. Sie gehörten beide zum gleichen Jahrgang, gingen zumeist in dieselben Vorlesungen und hatten ähnliche Interessen. Und so kam es, dass sie sich anfreundeten und über die Monate allerbeste Gefährten wurden. Jakob zeigte Rafael die liebsten Orte seiner Stadt und Rafael wiederum nahm ihn in den Semesterferien mit in die Berge. Dort, in der Heimat seines besten Freundes, sammelte er seine ersten Erfahrungen mit dem Bergsteigen und der unberührten Natur. Es war eine tolle Zeit und eine außerordentliche Freundschaft, die von Ehrlichkeit und wahrem Interesse lebte. Sie konnten sich immer aufeinander verlassen, bis zu jenem regnerischen Montag, als Helena aufkreuzte und ihre Männerfreundschaft einer harten Bewährungsprobe unterzogen wurde. Rafael und er standen danach zwar noch in Kontakt, aber mit früheren Zeiten war es nicht mehr zu vergleichen. Sein Kumpel heiratete im Frühling darauf und gründete eine Familie, die in wenigen Tagen Zuwachs bekommen sollte.
Wie versteinert, brütete Jakob vor sich hin. Er war ein Egoist. Wie konnte er von seinem besten Freund verlangen, ihn weiterhin in den Mittelpunkt zu stellen? Er sollte sich viel lieber mit ihm freuen, ihm zu seinem Glück gratulieren, anstelle der Frau den Schwarzen Peter zuzuschieben. Helena hatte fair um Rafael gestritten, ihre weiblichen Reize ausgespielt und schließlich den Kampf für sich entschieden. Jakob hielt kurz inne. Stillschweigend beneidete er seinen Freund, denn dieser schien gereifter, verantwortungsbewusster zu sein als er, er war zu einem Ehemann geworden, der seinem Leben durch die Liebe einen Sinn gab, ganz im Gegensatz zu ihm, von dem man nicht behaupten konnte, dass er mit Bodenständigkeit gesegnet war. Jakob fragte sich, wem es wohl besser ginge: dem Junggesellen oder dem Ehegatten. Aber diese Frage wollte er in Wirklichkeit gar nicht beantworten. Die Wahrheit schien ihm unangenehm und zudem rückte der Felsvorsprung jetzt in erreichbare Nähe.
Gequält schob er sich das letzte Stückchen nach unten und schaute erwartungsvoll an der benachbarten Felswand entlang. Auf gleicher Höhe angelangt, hielt sich seine Freude jedoch in Grenzen, denn der Spalt zwischen ihm und dem Vorsprung schien immer noch riesig zu sein.
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