Spinnen, erkannte er, hunderte, ja tausende von Spinnen in allen Größen kletterten an ihm hoch. Wieder stieß er einen Schrei aus, der aber sofort erstickt wurde. Nacktes Entsetzen packte ihn, als sein Mund sich füllte. Chitinige, kratzige, winzige Klauen hakten sich in der Mundschleimhaut fest und drängten sich nach innen, tief in den Rachen.
Arno Stadtfeld röchelte in Todespanik. Ein flammender Schmerz durchfuhr seine Brust und ließ den Atem stocken. Wimmernde Laute drangen aus seinem Mund und die Hände fuhren hoch, schlugen panisch um sich. Dann senkte sich die Dunkelheit vor seine Augen und er sackte in sich zusammen.
Die schwarze Flut an Spinnenleibern zog sich zurück und verteilte sich, drängte durch jede Ritze und jeden Spalt nach draußen. Keine Minute später war nichts mehr von ihnen zu sehen. Nur Arno Stadtfeld lag mit weit aufgerissen Augen und geöffnetem Mund zusammengesunken auf seinem Bett.
Sie fanden ihn am frühen Vormittag, und der eilends herbeigerufene Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.
„Verdacht auf Herzinfarkt“ schrieb der Arzt in sein Formular und niemand zweifelte es an. Arno Stadtfeld war mit zweiundfünfzig Jahren zwar nicht alt, doch sein Beruf war anstrengend. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen forderte einem Erzieher so einiges ab, das wusste jeder. Keiner hielt es für nötig, näher hinzusehen und so fand auch niemand die chitinigen Leiber in seinem Hals, die es nicht mehr nach draußen geschafft hatten.
Ihr Tod wurde betrauert, doch sie waren gerne gefolgt.
Mathilde Löw und ihre Kolleginnen trauerten ihrem freundlichen Kollegen noch lange nach. Die Botschaft in den Augen einiger Mädchen entging ihnen. Diese glitzerten erleichtert, und in den nächsten Wochen wirkten sie gelöster und entspannter als sonst.
Bornefeld, nahe Stuttgart
Das Insektarium der kleinen Stadt Bornefeld war groß und gut besucht. Überall standen neugierige Menschen herum, flitzten Kinder hin und her und stießen begeisterte Schreie aus. Manche Gesichter blickten fasziniert, viele eher angeekelt. Doch die wenigsten Besucher schienen uninteressiert zu sein.
Vor einigen Glasscheiben standen kaum Leute. Andere wiederum waren belagert, und man musste schon rücksichtslos sein, um etwas sehen zu können.
Selina blieb vor jedem Fenster stehen. Seit zwei Stunden wanderten sie und die anderen Heimkinder durch die Räume.
Es war Sonntag und Ausflugstag.
Normalerweise mochte Selina diese Tage nicht, doch das Insektarium gefiel ihr. Zumindest teilweise. Was sie traurig machte, waren die Glasscheiben.
Eingesperrt zu sein für den Rest eines kurzen Lebens kam ihr unfair vor. Immerhin wusste sie inzwischen mehr über Biologie und das Verhalten von Tieren. Mit zwölf Jahren war sie in der Lage, sich durch die entsprechende Literatur zu arbeiten, und so war ihr bekannt, dass Insekten und andere Gliedertiere nicht unbedingt den Bedarf an Freiraum hatten wie zum Beispiel Säugetiere. Doch sie waren abhängig und es gab keinerlei Abwechslung. Keine Herausforderung, kein echtes Leben.
Immerhin musste hier niemand hungern, und so beschloss Selina, die Gefangenen einzeln zu würdigen. Sie versuchte, jedem einen Blick zu gönnen, und tatsächlich kamen ihr die kleinen Bewohner entgegen. Sie musste nie lange warten oder suchen. Im Gegenteil. Chitinige Glieder schoben sich in ihre Richtung und zeigten sich in all ihrer Pracht und Farbe.
Die Spinnen hob sie sich für den Schluss auf. Sie bewunderte ihre Vielfalt und grazilen Bewegungen, wenn sie hinter den Blättern hervorlugten oder aus ihren Höhlen krabbelten, um an der Scheibe zu verharren. Es fiel ihr schwer, ihnen nicht die Hand entgegen zu strecken. Körperkontakt war unmöglich und sie wollte nicht unnötig auffallen.
Eine Durchsage ließ sie aufhorchen. Es sollte eine Demonstration stattfinden, in einem der Nebenräume. Das Thema: Spinnen.
Neugierig suchte sie den Raum. Er war nicht weit entfernt und sie hatte Glück. Als eine der Ersten fand sie einen der vorderen Plätze und wartete gespannt auf das Geschehen.
Ein junger Mann trat herein und stellte sich als Biologe vor. Auf einem Rollwagen schob er mehrere Plastikboxen vor sich her.
Und dann lächelte Selina zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.
Der Biologe öffnete eine der Boxen und hob vorsichtig eine riesige Spinne heraus. Ein Raunen ging durch die Menge, als er das Tier auf einem der Tische absetzte, wo es ruhig hocken blieb.
Selina erfuhr nichts Neues, was die Spinne anging. Dass es sich um eine Vogelspinne handelte, war deutlich und selbst die Art hatte sie schon in vielen Büchern abgebildet gesehen. Es handelte sich um die mexikanische Rotknie-Spinne Brachypelma smithi. Sie war nicht aggressiv, doch durch ihre Größe sehr beeindruckend. Noch viel mehr gefiel es Selina, dass zum ersten Mal kein Glas zwischen ihr und einem solchen Tier war. Gespannt beugte sie sich vor und die Spinne drehte sich sofort in ihre Richtung.
Der Mann bemerkte diese Reaktion nicht, sondern erzählte ruhig etwas über die Lebensweise der Tiere. Dann sah er auffordernd in die Runde.
„Gibt es jemanden, der sich traut, sie auf die Hand zu nehmen?“
Wieder ging ein Raunen durch die Menge.
Tatsächlich streckte ein größerer Junge den Arm in die Höhe und drängte sich auch gleich nach vorne. Der Biologe setzte ihm langsam die Spinne auf die Hand. Diese blieb ruhig sitzen, nachdem sie sich wieder in Richtung Selina gedreht hatte.
Der Junge sah triumphierend zu seinen Freunden, die sofort laut klatschten und dumme Kommentare von sich gaben.
Schließlich nahm der Biologe die Spinne wieder an sich und sah noch einmal in die Runde.
„Noch jemand?“
Selina konnte nicht anders. Dies war eine Gelegenheit, die sich ihr so schnell nicht wieder bieten würde. Sie stand auf und ging ruhigen Schrittes auf den Mann zu. Kaum hatte sie die Hand in Höhe der Spinne, da machte diese einen Satz und landete sicher auf ihrer Handfläche. Sofort kletterte sie den Arm entlang bis auf Selinas Schulter, wo sie hocken blieb und ihre Taster nach oben stellte.
Selina drehte den Kopf und ignorierte die erschrockenen Schreie. Lächelnd hob sie die Hand und berührte die vorderen Taster.
„Hallo, meine Hübsche“, sagte sie leise.
Der Biologe starrte sie fassungslos an. Noch nie war seine Spinne so schnell einen Kinderarm entlang geklettert. Eigentlich blieb sie immer auf den fremden Händen sitzen.
Doch die Reaktion dieses Mädchens war noch viel seltsamer. Keine Panik, nicht der Hauch von Angst ging von ihr aus. Im Gegenteil, sie wirkte beglückt und zufrieden.
„Ich nehme sie dir wohl besser von der Schulter“, stieß er leise heraus und hob langsam seine Hand.
„Nicht nötig.“
Selina ergriff vorsichtig den Spinnenkörper, um ihn dem Mann auf die Handfläche zu setzen.
„Danke“, meinte sie dann und verließ den Raum. Die Blicke, die ihr folgten, störten sie nicht weiter. In ihr blühten Glück und Zufriedenheit. Sie hatte die Gelegenheit genutzt und konnte nun wieder warten.
Die letzten Minuten verbrachte sie natürlich in der Nähe der Spinnen. Still stand sie etwas abseits im Schatten einer Zimmerpalme und beobachtete die Besucher.
Eine Gruppe Jugendlicher lärmte vor den Scheiben der Vogelspinnen. Selina erkannte unter ihnen den Jungen, der vor ihr die Spinne berührt hatte. Seine prahlerischen Worte drangen laut und aufdringlich zu ihr herüber.
In Selina stieg leichter Ärger auf. Was, bitte schön, war denn so Besonderes daran, eine Spinne anzufassen? Sie waren harmlos und die Allermeisten auch friedlich. Als er dann auch noch die flache Hand gegen eine der Scheiben schlug, reichte es ihr.
Sein erschrockener Schrei ließ sämtliche Köpfe in seine Richtung schnellen. Er war zurückgesprungen und starrte auf die Scheibe, an der eine riesige Vogelspinne klebte. Wieder ertönten Schreie und die ganze Gruppe der Jugendliche wich von den Fenstern zurück. Klatsch, klatsch, klatsch. Immer mehr der großen Tiere sprangen gegen die Scheiben und drohten in die Richtung der Jugendlichen.
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