„Du dich jetzt verabschieden von Herrn“, sagte der Anführer in schlechtem Französisch. „Wir schnell ihn begraben in Meer, bevor Unheil an Bord“. Nicolas war zu verstört, um Einspruch erheben zu können. Stumm ließ er sich neben dem Ritter auf die Knie sinken. Als er sich nicht rührte, stieß ihn der Kapitän unsanft mit dem Fuß in die Seite. „Los du“, stieß er rau hervor. „Wir hier nicht ewig Zeit.“
Leise begann Nicolas das Vaterunser zu beten, wie ganz von selbst bewegten sich seine Lippen, konnte sein Gehirn das Unfassbare noch gar nicht verarbeiten. Als er verstummte, packten die Gehilfen des Kapitäns den Ritter und wuchteten ihn unsanft wie einen Sack Lumpen über die Schiffswand. Ein lautes Klatschen, dann war Wolfram für immer in seinem nassen Grab versunken.
„Du gehen unter Deck. Ich dich holen, wenn da.“ Die Worte des Kapitäns drangen nur mühsam zu Nicolas vor. Wie in Trance bewegte er sich auf die Luke zu und stieg die Leiter hinunter. Über ihm wurde die Tür zugeworfen und Dunkelheit hüllte ihn ein. Was sollte jetzt bloß werden? Die Reisepläne waren im Kopf von Wolfram gewesen. Er hatte ihm nur wenig erzählt, da er Nicolas immer als eine Belastung empfand, die ihm aufgebürdet worden war. Ob Dietrich noch in Jerusalem weilte? Er musste unbedingt dorthin gelangen, koste es was es wolle.
Im Finstern begann er um sich her den Boden abzutasten. Dann stieß seine Hand an das Bündel, das er hier unten gelassen hatte. Sich daran orientierend kroch er an der Wand entlang bis er auf ein neues Hindernis stieß. Etwas Feuchtes war unter seinen Händen zu spüren, und mit Entsetzen ging ihm auf, dass dies das Blut von Wolfram sein musste. Den Gedanken verdrängend, tastete er weiter. Irgendwo hier mussten noch die Sachen Wolframs liegen. Die Rüstung und das Schwert hatten die Kerle an sich genommen, doch den Sack mit den wenigen Kleidern des Ritters und dem Proviant liegen gelassen. Und da, es fühlte sich wie derbes Leinen an. Er strich mit den Händen darüber. Jetzt fand er die Öffnung und langte hinein. Und in der Tat war es Wolframs Habe, die sich darin befand. Doch noch etwas ertastete er: einen Dolch und, was noch viel schwerer wog, einen kleinen Beutel mit Münzen. Schnell nahm er die Sachen an sich und robbte zurück, bis zu seinem eigenen Bündel. Er schnürte es mit Wolframs zusammen, die Münzen steckte er in sein Wams. Was gäbe er jetzt darum, das Schwert und das Kettenhemd seines Ritters zu besitzen.
Nach schier endloser Zeit wurde die Luke über ihm wieder geöffnet. Einer der Gesellen, die ihn zuvor festgehalten hatten, erschien auf der Leiter und warf ihm ein kleines Päckchen zu. Im schwachen Schein des hereinfallenden Tageslichtes wickelte Nicolas es aus. Darin fand er einen Kanten helles Brot und ein kleines Stück weißen Käses zusammen mit einigen Früchten, die ihm völlig unbekannt waren, aber einen köstlichen Duft verströmten. Der Kerl erschien wieder in der Luke. Diesmal stieg er einige Sprossen herab und hielt Nicolas einen Krug hin. Als der ihn entgegennahm, stieg ihm der Geruch sauren Weins in die Nase. Doch war das besser als nichts, hatte er doch schon seit fast anderthalb Tagen nichts gegessen und kaum etwas getrunken. Erst jetzt merkte er, wie taumelig ihm schon war vor Hunger und vor allem vor Durst.
Die Luke wurde wieder geschlossen und von neuem hüllte Nicolas Finsternis ein. Er wickelte sich in seinen Umhang und umklammerte sein Gepäck. Nicht noch einmal wollte er unvorbereitet irgendwohin gezerrt werden, ohne seine Sachen bei sich zu haben.
So verging der Tag. Nicolas hörte hin und wieder Gemurmel. Die barsche Stimme des Schiffseigners rief Befehle, dann war wieder vollkommene Stille. Wahrscheinlich war es inzwischen Nacht geworden. Nicolas döste stundenlang vor sich hin, bis ihn der Schlaf übermannte. Ein heller Lichtstrahl weckte ihn. Jemand hatte die Luke erneut geöffnet und die Sonne, die hoch am Himmel stand, schien ihm direkt ins Gesicht. Laute Geräusche drangen in den Schiffsbauch herunter. „Komm“, sagte eine barsche Stimme, das Gesicht des Kapitäns erschien daraufhin in der Luke. „Wir in Aslan Limani .“ Dann verschwand das Gesicht wieder, worüber Nicolas nicht unbedingt betrübt war. Langsam stieg er die Leiter herauf, das grelle Licht der Sonne blendete ihn zunächst. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an die Helligkeit. Sie waren in den Hafen von Aslan Limani eingefahren. Es herrschte bereits reges Treiben auf der Dau, Waren wurden heruntergeschafft und neue heraufgeladen. Niemand beachtete Nicolas. Vollkommen unbehelligt verließ er das Schiff. Am Kai schaute er um sich. Es war zwar ein recht weites Hafenbecken. Auch lagen noch andere Schiffe vor Anker, aber nur kleinere Handelsboote und Schiffe, die an der Küste entlangfuhren. Keine größere Brigg oder Galeere waren zu sehen. Kein Schiff, das ihn hätte weiter bringen können an die syrische Küste.
Griechenland
Sommer 1195
Wochen waren vergangen, seit Nicolas in Aslan Limani gelandet war. Die erste Nacht hatte er sich in der Hafengegend herumgetrieben. Aber wie in allen Häfen auf der Welt, schien auch hier sich alles gemeine Gesindel der Gegend aufzuhalten. So bangte Nicolas um seine Habe und um Leib und Leben. Im tiefsten Schatten in eine kleine Mauernische gedrückt, harrte er stundenlang aus und sehnte sich die Morgendämmerung herbei. Als es hell wurde, ging er in die obere Stadt. Geschäftiges Treiben auf den Straßen und Plätzen empfing Nicolas und die vielen neuen Eindrücke ließen ihn für einen Moment sein Elend vergessen. An einem Stand mit heißen Pasteten blieb er stehen. Sein Magen knurrte und ihm wurde bewusst, wie lange er nichts gegessen hatte. Verstohlen kramte er in dem Beutel in seinem Wams und fischte eine kleine silberne Münze hervor. In der Hoffnung, dass der Pastetenbäcker diese nehmen würde, reichte er sie ihm und zeigt auf ein heißes Küchlein. Der Bäcker schaute einen Moment verdutzt auf die Münze, dann nahm er das große Blatt eines Nicolas völlig unbekannten Baumes, um zwei heiße Pasteten darauf zu legen. Mit mehreren tiefen Verneigungen reichte er ihm das Gebäck. Nicolas nahm es verwundert, aber mit Dank, entgegen und schlenderte mit seinem Leckerbissen zu einem nahegelegenen Brunnen. Hier ließ er sich im Schatten nieder und verspeiste genüsslich die Pasteten. Sie waren mit Fleisch gefüllt und schmeckten würzig. So etwas hatte er noch nie gegessen.
Durch die Schärfe der Speise durstig geworden, beugte er sich über den Brunnen, um mit der Hand Wasser zu schöpfen und zu trinken. „Halt ein!“ rief eine Stimme in der Sprache der Franken. Erschrocken fuhr Nicolas herum. Ein älterer Mann mit einer flachen Kappe auf dem Kopf starrte ihn entsetzt an. „Das Wasser des Brunnens ist nicht zum Trinken gedacht. Er soll die Menschen nur mit seinem Wasserspiel erfreuen. Hast du kein Geld, um dir in einer Schenke Wein zu kaufen?“ Nicolas schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin erst mit dem Schiff hier angekommen. Von Sizilien. Sagt mir, guter Mann, wo ich eine solche Schenke finde.“ Nicolas packte sein Bündel noch etwas fester. Doch der Alte schien ihm wohlgesonnen. Ein weißer Bart bedeckte seine Wangen und sein Kinn, seine dunklen Augen blickten lebhaft und warmherzig. „Du kennst hier niemanden, stimmt`s?“ sagte er. Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Nochmals schüttelte Nicolas zaghaft den Kopf.
„Könnt Ihr mir sagen, ob ich hier ein Schiff finde, dass mich nach Jerusalem bringt?“, fragte er in seinem schlechten Französisch. Aber der Alte schien ihn trotzdem zu verstehen. „Es kommen und gehen hier viele Schiffe, aber du musst Geduld haben. Große Schiffe, die Pilger mit sich nehmen, gibt es eher selten.“ Der Funken Hoffnung, der in Nicolas erwacht war, wurde im Keim erstickt. Enttäuschung machte sich auf seinem Gesicht breit. Der Alte schien Mitleid zu haben. Auch erkannte er, dass Nicolas wohl kein diebischer Geselle war, sondern nur ein Junge, dem das Schicksal offenbar übel mitgespielt hatte.
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