Wir hatten mittlerweile schon den 23. Dezember, Weihnachten stand direkt vor der Tür. Tina war am Abend davor, angeblich nur mit einer Freundin, in den Winterurlaub gefahren. Sie wollten Snowboard fahren, irgendwo, weit weg in den Bergen. Dieser halsbrecherische Sport war geeignet für 20 Jahre jüngere Frauen, aber definitiv nichts mehr für meine alten Knochen.
Ich hatte ihr gesagt, sie solle ruhig fahren!
Das würde mir nichts ausmachen.
Ich würde schon klar kommen.
Das Gegenteil war richtig, doch das behielt ich für mich. Ich vermisste sie und wenn ich schon mal dabei bin, ehrlich zu sein: ich kam überhaupt nicht damit klar, so alleine und verlassen zu sein.
Den Gutschein, wie einen Rettungsring umklammernd, machte ich mich entschlossen auf den Weg zum Reisebüro. Da das Reisebüro nur einen Katzensprung entfernt war, verzichtete ich auf einen warmen Mantel. Ich beschleunigte meine Schritte, erreichte atemlos mein Ziel und stieß die Türe zum Reisebüro auf. Als Mann der Tat war ich auf die Flucht nach vorne programmiert!
„Können sie auch beamen?“ sagte ich, nach Atem ringend.
Die blutjunge Dame am Schreibtisch, direkt bei der Eingangstür, schaute mich erschrocken an.
„Thailand?“ hauchte sie schüchtern, als ich mich auf den Stuhl setzte, auf den sie vor sich gedeutet hatte.
Mein Arzt hatte mir neben einer unübersichtlich langen Liste von Verboten nur eines erlaubt: Sex.
„Thailand, ja! War ich noch nie! Warum eigentlich nicht?“ dachte ich, sprach es aber nicht aus. Denn wenn ich etwas auf den Tod nicht ausstehen kann, dann sind das fader Kaffee, Nazis und alte, geile Säcke.
Der Inhaber des Reisebüros unterbrach sein Gespräch am Nebentisch, entschuldigte sich höflich bei seinen doch sehr betuchten Kunden, die eifrig dabei waren eine luxuriöse Kreuzfahrt zu buchen, erhob sich und setzte sich kurz auf den freien Stuhl neben mir.
Er raunte mir zu:
„Guten Tag, Herr Meyer, es ist mir eine Ehre, dass Sie uns als Reisebüro Ihres Vertrauens ausgewählt haben. Mein Name ist Frank Stein. Ich bin der Inhaber dieses Reisebüros. Und das ist meine Tochter Lisa.“ Er deutete mit einer sanften Handbewegung auf das Mädchen hinter dem Schreibtisch.
„Entschuldigen Sie bitte, meine Tochter ist erst fünfzehn, geht noch zur Schule und hilft heute nur aus. Vor ungefähr einer Stunde war ein, sagen wir mal, etwas ungehobelter Kunde da, der kein Blatt vor den Mund nahm und sich nicht schämte, offen seinen Wunsch nach geilen Pussys in Thailand meiner Tochter gegenüber zu äußern.“
Ich schaute von ihm zu seiner Tochter, die sich mit Ekel daran zu erinnern schien. Sie zog das Gesicht kraus und schüttelte sich. Ihr Vater fuhr fort:
„Er war ein Mann ihres Alters. Ich habe ihn natürlich sofort hinauskomplimentiert und ihn gebeten, sich ein anderes Reisebüro zu suchen!“ Er wandte sich an seine Tochter.
„Schatz, das ist Herr Stefan Meyer. Er ist bei der Polizei und hat mit Sicherheit ganz andere Urlaubspläne!“
Er kannte mich also. Wahrscheinlich aus der Zeitung. Später würde er seinem reizenden Kind erklären, dass ich leitender Fallanalytiker bei der Polizei sei. Das stimmte nur beinahe. Bis vor einem Monat war ich das ja auch noch.
Ich erhob mich, beugte mich über den Schreibtisch und schüttelte der jungen Dame höflich die Hand. Sie war weich und angenehm warm. Ein angenehmer, frischer Duft ging von der Kleinen aus.
Na gut! Nun war es also besiegelt. Ich würde mich für ein seriöseres Ziel entscheiden müssen. Da ich sowieso nicht ernsthaft Asien in Erwägung gezogen hatte, nickte ich und schüttelte auch dem Herrn Stein freundlich die ausgestreckte Hand.
„Alles klar!“ meinte ich verständnisvoll. Wir Männer verstanden uns auf Anhieb.
Der Chef bat mich, kurz zu warten, er sei gleich wieder für mich da. Mein Smartphone meldete den Empfang einer Nachricht. Konditioniert, wie ein Pawlowscher Hund, schaute ich nach. Ein fescher Schneehase, für meinen Geschmack etwas zu fesch, namens Tina, lachte mich an und teilte mir mit, dass alles supercool hier oben sei. Offensichtlich war es eher heiß und sonnig. Hätte sie sonst ein knappes, knallrotes Bikini-Oberteil an? Ich musste zugeben, sie sah supercool aus in ihrer dick gepolsterten schwarzen Snowboard-Hose und der kessen Weihnachtsmann-Mütze.
Ich schaltete den Störenfried aus und plauderte mit dem Töchterchen meines neuen Freundes, interessierte mich für ihre Schule, ihren Berufswunsch und ihre Lieblingsreiseziele. Wir unterhielten uns prächtig, bis der Papa für die Kreuzfahrer die luxuriöse Außenkabine und alle Flüge gebucht hatte. Die Kreuzfahrer nahmen glücklich und zufrieden ihre Reiseunterlagen entgegen und erhoben sich. In Kürze würden die Herrschaften in die Karibik fliegen und von dort aus eine Rundtour von Insel zu Insel starten. Das klang verlockend. Doch verspürte ich keine Lust, diesem durchaus freundlichen, aber ziemlich langweiligen Paar, ständig auf diesem Schiff zu begegnen. Sie würden mich bestimmt immer an ihren Tisch bitten und meinen, sich um mich, diesen netten alleinstehenden Herrn, kümmern zu müssen.
Frank Stein bat mich, an seinen Schreibtisch zu kommen. Ich konzentrierte mich wieder auf die Zukunft, auf meinen Urlaub und war gespannt auf seinen Reisetipp.
„Keine Kreuzfahrt!“ stellte ich als erstes klar.
Er nickte.
„Seit Dezember bin ich nicht mehr im Dienst und will mich einfach nur erholen“, ergänzte ich meinen Wunsch.
Er nickte erneut freundlich und beglückwünschte mich zum Ruhestand.
Doch genau das hatte ich ja nicht vor: Ruhestand, Stillstand, rasten und rosten.
„Ich möchte wandern und viel Sonne tanken“, konkretisierte ich meinen Reisewunsch.
„Wann?“
„Jetzt!“
„Verstehe!“
Er war wohl auch ein Mann der klaren Worte.
Ich schaute ihn fragend an.
„Kanarische Inseln!“ lautete sein fachmännisches Urteil.
Zufrieden lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.
„Wie fit sind Sie, Herr Meyer?“
„Topfit!“ log ich. Mein Körper hatte genug Pause gemacht. Jetzt war ich wieder an der Reihe: der dynamische, sportliche und charmante Stefan Meyer.
Der freundliche Herr Stein lächelte mich an. Wir waren uns schnell einig. Es gab natürlich nur noch ein paar wenige Restplätze. Ich sollte mich zeitnah entscheiden. Er könne den Flug nur noch bis morgen reservieren – es täte ihm sehr leid. Ermutigend blickte er mich über seine schmale Lesebrille mit Goldrand an. Ich schaute aus dem Schaufenster, vorbei an den bunten Werbeplakaten, nach draußen. Der Wind peitschte den Regen gegen das Fenster und obwohl es erst kurz nach halb fünf Uhr nachmittags war, war es unheilvoll düster da draußen.
Mein Blick fiel auf Lisa, die mich gespannt anstarrte.
Ich nickte und stimmte zu, am 2. Weihnachtsfeiertag nach Teneriffa zu fliegen und anschließend auf eine der kleinen Nachbarinseln zu schippern. Mein Herz hüpfte, dieses Mal vor Freude, als ich Lisa die Hand zum Abschied reichte.
„Wie ist denn dort die ärztliche Versorgung?“ fragte ich beiläufig auf dem Weg zur Türe. Ich wollte keinen Verdacht aufkommen lassen und fügte lapidar hinzu: „In meinem Alter kann man ja nie wissen …“
Herr Stein war aufgesprungen, um für mich die Türe auf zu halten.
„Hervorragend – machen Sie sich keine Sorgen. Mittlerweile ist die medizinische Versorgung auf der Insel sehr gut. Die Hippies werden ja auch nicht jünger!“ Er lachte fröhlich. „Ich selbst war dort noch letztes Jahr in der Klinik, weil ich einen kleinen Schwächeanfall hatte. Hitzschlag – weißt du noch, Lisa?“ Er hatte sich an seine aufmerksam zuhörende Tochter gewandt. Sie nickte grinsend, offensichtlich fiel ihr eine äußerst lustige Szene dazu ein.
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