Roger nickte grinsend. >>Mit Vergnügen ... <<
Chong war sich darüber im Klaren, dass der Typ mit der Pumpgun eiskalt abdrücken würde, falls er sich bewegte, wodurch sich sein Gehirn hässlich an den Wand verteilen würde, da kam ihm beim Anblick der Petroleumlampen die rettende Idee.
>>Einverstanden ... ich werde jetzt öffnen<<, schrie der bewaffnete Junkie, der Stahltür zugewandt.
>>In Ordnung wir werden nicht schießen. Wir schicken euch zuerst die Nutte rein. Wenn sie drin ist, gebt ihr uns den Chinesen. Kommt bloß nicht auf die Idee, uns zu verarschen ... <<
Chong musste mit ansehen, wie die Tür langsam aufschwang und den Blick auf eine verschüchterte, junge Thailänderin freigab. Langsam und zögernd trat sie näher ...
Hinter ihr standen drei massige Kerle, groß und breitschultrig, die Finger am Abzug ihrer Maschinenpistolen, bereit, alles, was sich bewegte, auszulöschen. Sie würden hier unten niemanden am Leben lassen, davon war Chong felsenfest überzeugt. Jetzt trat die junge Frau durch die Tür und Chong verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als er einen Stoß zwischen die Rippen erhielt.
>>Beweg dich, du chinesische Missgeburt!<<
Als sicher war, dass sich die junge Frau außerhalb der Schusslinie befand, blinzelte Chong dem Kerl, der ihm die Pumpgun in die Rippen geknallt hatte, lächelnd zu. Der glotzte ihm dummerweise aus nächster Nähe ins Gesicht. Als ihm klar wurde, dass er sich hatte ablenken lassen, war es bereits zu spät, denn Chong hatte blitzschnell eine der Petroleumlampen umgetreten. Der Effekt war fatal, die austretende Flüssigkeit entzündete stichflammenartig die schmutzige Stoffdecke. Roger stöhnte und schrie verzweifelt, als die Flammen erbarmungslos seine Kleidung auffraßen. Die Pumpgun war ihm längst aus den Fingern geglitten. Ein widerlicher Geruch nach verbrannter Haut und angesengten Haaren erfüllte bald darauf den Raum. Alles war rasend schnell über die Bühne gegangen, so schnell, dass der Junkie, welcher Chong kurz zuvor noch mit seiner Pistole bedroht hatte, bereits, von Dutzenden MP-Salven durchsiebt, tot zusammengebrochen war, ehe er überhaupt begreifen konnte, was vor sich ging. Er hatte sich genau im Schussfeld der Maschinenpistolen befunden, als diese ihren Todesgesang anstimmten.
>>Laaaaaauuuuuffffff<<, schrie Chong der Thailänderin, die ihn aus einer Ecke heraus ungläubig anstarrte, über das infernalische MP-Feuer hinweg zu, während er selbst zur Seite sprang, sich abrollte und — Haken schlagend — eine weitere Tür im rechten, hinteren Bereich der Kammer entdeckte, durch die nun auch die restlichen Drogenfreaks zu entkommen versuchten. >>Mach schon, komm endlich!<<
Mina nahm die Beine in die Hand und spurtete los, gerade noch rechtzeitig, denn hinter ihr breitete sich das Feuer rasch im gesamten Raum aus. Eine Petroleumlampe explodierte in den Flammen und jagte feine Glassplitter durch die Luft.
>>Das wird die Typen eine Weile aufhalten.<<
>>Hoffentlich<<, keuchte Mina, als sie Chong erreicht hatte.
Die Tür mündete in einen düsteren Gang. Chong und seine Begleiterin zwängten sich an den verbliebenen neun Frauen und Männern vorbei, ohne sonderlich auf sie zu achten, denn die Drogensüchtigen machten auf sie den Eindruck einer hilf-und orientierungslosen Schafherde, was nicht zuletzt auf ihren Rauschgiftkonsum zurückzuführen war. Chong staunte nicht wenig als er erkannte, was die hübsche Asiatin in ihren Händen hielt: eine geladene Beretta ... sowie eine schwere, schwarze Maglite-Taschenlampe, mit der man ohne Weiteres einem erwachsenen Mann den Schädel einschlagen konnte.
>>Alles, was eine moderne, junge Frau so braucht<<, verteidigte sie sich mit gespielter Unschuldsmiene.
>>Nicht schlecht. Ich nehme an, dass der Kerl, dem die Knarre gehörte, sie jetzt sowieso nicht mehr brauchen wird, oder?<<
Mina nickte lächelnd.
>>Gut, dann sollten wir uns auf den Weg machen.<<
>>Du könntest übrigens eine Dusche vertragen. Es mieft in deiner Nähe, als hättest du drei Tage in einer Jauchegrube gelegen.<<
Chong dachte an sein kürzliches Bad in der schwarzen Brühe und grinste. >>Da liegst du gar nicht so verkehrt ... aber besser lebend stinken als stinkend tot ... findest du nicht auch?<<
Bald hatten die Flüchtenden die Gruppe der Nebelhirne , wie Chong sie scherzhaft taufte, hinter sich gelassen, als im Schein der Taschenlampe ein weiterer Gang auftauchte.
>>Halt' mal die Leuchte etwas höher ... ja ... genau so ... über den steinernen Bogen ... da ist irgendetwas angebracht ... sieht aus wie ein Schild ... mal sehen, was da draufsteht ... <<
Mina tat wie gewünscht und zielte mit ihrer Taschenlampe auf das rechteckige Schild über dem Durchlass, während Chong nähertrat.
>>Was steht dort? Irgendwas von Bedeutung?<<
>>Wie man's nimmt. Ich fürchte nur, wenn wir weitergehen wird's ein bisschen gruselig werden ... << Chong drehte sich unvermittelt zu ihr um. >>Hier steht: Halt, dies ist der Ort der Toten .<<
>>Die Katakomben<<, flüsterte Mina erschrocken.
Chong nickte langsam. >>Früher haben die Menschen ihre Toten hier heruntergebracht ... sieh mal ... << Er trat ein paar Schritte in den Gang hinein und deutete auf unzählige Mulden in den Wänden, in welchen mühelos ein erwachsener Mann liegen konnte.
Der Lichtkegel der Taschenlampe scheuchte schlagartig ganze Scharen von Ratten auf, die nun kreischend und fiepend auseinanderstoben.
>>Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge wurden hier unten — vor allem nach den Kriegen — etwa drei Millionen Leichen entsorgt, vielfach auch um der Seuchengefahr zu entgehen ... als damals die ... << Chong hielt abrupt inne, als seine Begleiterin plötzlich einen grellen Schrei ausstieß — sie hatte sich an irgendetwas schmerzhaft den Fuß gestoßen. Der Chinese bückte sich lachend, ergriff den bleichen Totenschädel, tätschelte ihn liebevoll und platzierte ihn schließlich in einer der Mulden. >>Der Arme tut dir doch nichts.<<
>>Mistkerl<<, schnaubte Mina, während sie ihren malträtierten Knöchel massierte.
>>Wenn man's genau nimmt, bin ich ebenfalls schon lange tot<<, fügte Chong sanft hinzu, doch erntete nur Verwirrung.
Mina blickte Chong nun ziemlich entgeistert an und fragte sich, ob der seltsame Chinese sie einfach nur auf den Arm nahm, oder womöglich irgendeinen Knacks hatte. Am Ende war sie vielleicht sogar mit irgendeinem durchgeknallten Psychopathen unterwegs. War es denn normal, dass irgendein Kerl nachts mutterseelenallein in die Kanalisation hinabstieg? >>Ich muss mal ... und zwar ziemlich dringend<<, seufzte sie leicht verlegen.
>>Verstehe<<, lächelte Chong, nahm ihr bereitwillig die Beretta und die Taschenlampe ab, um sich schließlich diskret abzuwenden, damit seine Begleiterin ungestört ihr Geschäft verrichten konnte.
Chong zerriss mit der Taschenlampe ein riesiges Spinnennetz, das ihm den Weg versperrte, und holte tief Luft. Der Boden vor seinen Füßen war mit alten, bleichen Knochen geradezu übersät. Eine der unzähligen Ratten schleppte gerade ein paar Fingerglieder mit ihren kleinen, scharfen Zähnen davon.
>>So ein Mist<<, stieß er leise hervor, als er eine weitere, unangenehme Entdeckung machte.
>>Was ist los?<<
>>Ich fürchte, wir haben ein Problem.<<
>>Was ist?<<
Im Schein der Taschenlampe tauchten vor den beiden zahllose finstere, schwarze Löcher auf — ein jedes gut und gerne so hoch wie ein erwachsener Mann — zu beiden Seiten des vor ihnen liegenden Ganges im Abstand von nur wenigen Metern.
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