Dieser körperlich überhaupt nicht überragende Mann, von seinen Soldaten fast liebevoll „le petit caporal“ genannt, hatte mit seiner Grande Armée als alle überragender Feldherr fast alle europäischen Fürsten zittern lassen. Nun musste er seinerseits mit dem Rücken an der Wand um seine Macht kämpfen. So wie er in der Französischen Revolution aufgestiegen war, so begann nun sein Abstieg – rasch, rascher und unaufhaltsam. Seine Macht hatte eine zu schmale Basis gehabt:
Er war eben „ein Sohn des Glücks“.
Ich weiß, wer ich bin
Die Historiker wissen immer alles besser. Sie kommen später in der Geschichte und blicken zurück. Aus der Distanz der Zeit können sie ein Urteil darüber fällen, ob wir Zeitgenossen in unseren Entscheidungen und in unseren Bewertungen klug gewesen sind, ob wir uns von Leidenschaften haben leiten lassen oder kühl, sachlich und klug gehandelt haben. Sie wissen manchmal besser als wir, was in einer bestimmten Situation zu tun oder vielleicht besser zu lassen gewesen wäre. Wir, die wir mitten in den Ereignissen stecken, wissen nicht genau, was aus unseren Entscheidungen erwächst, ob sie gut für unser Land, für unsere Zeit oder für die Menschen sind, für die wir Verantwortung übernehmen.
Historiker wissen, dass aus dem Kind, das am 28. August 1749 im Haus am Hirschgraben in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main zur Welt kommt, einmal Deutschlands großer Dichter Johann Wolfgang von Goethe werden wird. Historiker wissen auch, dass einmal aus mir der „Kaiser der Franzosen“ werden wird, obwohl ich doch in Korsika geboren bin. Sie wissen zudem, dass ich am Samstag, dem 5. Mai 1821 auf der Insel St.Helena im Südatlantik als Gefangener meiner Feinde, der Engländer, gestorben bin. Sie wissen ferner, dass hierbei die Farbe „Schweinfurter Grün“, mit der die Tapete meines letzten Zimmers gestrichen gewesen ist, eine für mich verhängnisvolle Bedeutung gewonnen hat. Ich weiß dies alles noch nicht.
Herkunft
Am Mittwoch , dem 15. August 1769 wurde ich in Ajaccio geboren. Somit bin ich also von Geburt ein Korse. Erst ein Jahr zuvor war die Insel Korsika im Vertrag von Versailles von Genua an Frankreich abgetreten worden. Mein Vater Carlo Maria Buonaparte hat kein Franzose sein wollen und sich deshalb am Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich beteiligt. 1771 hat er sich doch unterworfen und eine französische Adelsanerkennung erreicht. Sechs Jahre später wurde er Abgeordneter des Adels für Korsika. Meine Mutter heißt Maria Lätitia Ramolino. Zusammen haben sie acht Kinder: Joseph, mich, Lucien, Louis, Jérome, Elisa, Pauline und Caroline. Die Natur ist ungerecht. Eigentlich stünde es mir besser zu als Joseph, der Erstgeborene zu sein.
Weil mein Vater den korsisch klingenden Namen Buonaparte in den feiner französisch klingenden umgewandelt hat, heiße ich Napoléon Bonaparte.
Von der Revolution empor getragen
Mit gerade einmal 10 Jahren hat mich mein Vater zur Erziehung nach Frankreich geschickt. Die Militärschule von Brienne, die ich wegen eines Stipendiums besuchen durfte, stellte bald fest, dass ich ein heller Kopf bin. Von meinen Kameraden werde ich oft wegen meines seltsamen Namens und meines fremdländischen Aussehens gehänselt. Meine Haut ist leicht olivfarben. Doch auch wenn ich etwas kleiner als die meisten bin, so weiß ich mich durchzusetzen und mir Respekt zu verschaffen. Wegen guter Leistungen werde ich dann in die Militärschule von Paris, die Ecole militaire du Champs-de-Mars, geschickt und 1785 zum Sekondeleutnant bei einem Artillerieregiment befördert. In diesem Jahr stirbt mein Vater und ich kehre zunächst nach Korsika zurück, um mein Glück dort zu suchen. Dass Joseph, der Erstgeborene, das Oberhaupt unseres Clans wird, muss ich Zähne knirschend hinnehmen. Trotzdem fühle ich mich für die Familie verantwortlich.
Dort bleibe ich einige Jahre. Dass Korsika wieder loskommen will von Frankreich, finde ich durchaus interessant. Ich schließe mich 1789 dem korsischen Volksaufstand gegen Frankreich an. Obwohl ich ein junger französischer Offizier bin, kann ich die Ziele der korsischen Separatistenbewegung gutheißen, auch wenn deren Anführer mir nicht zusagen. Bald kommt es zum Bruch und ich muss mit meiner ganzen Familie Korsika verlassen. Außerdem kann ein Offizier ohne feste Anstellung auch in der Heimat nicht gut leben. Jetzt richte ich meinen Ehrgeiz auf das Fortkommen im revolutionären Frankreich.
1792 trete ich wieder in die französische Armee ein und werde rasch zum Hauptmann befördert. Im Sommer erlebe ich, wie der Pariser Pöbel zum ersten Mal in das königliche Schloss eindringt. Ich stehe mit einem Kameraden auf der Terrasse am Seineufer, gegen einen Sockel gelehnt und beobachte den Ansturm der Massen auf den Palast. Mich verwundert vor allem, dass niemand Widerstand leistet. Diesem Pöbel gegenüber kann ich nur Verachtung empfinden und ich sage angewidert zu meinem Kameraden, dass man die ersten Fünfhundert dieser Elenden niederkartätschen müsste, der Rest würde schnell davonlaufen. Als Freund der Revolution in Frankreich bin ich durchaus mit der Abschaffung des Königtums einverstanden, aber die leidenschaftlichen Ausbrüche von Volksmassen verabscheue ich zutiefst.
Da mache ich die Bekanntschaft mit Robespierres Bruder Augustine und vielleicht ist es dieser Begegnung zu verdanken, dass ich endlich ein militärisches Kommando bekomme, in dem ich mein militärisches Talent beweisen kann. Im Auftrag des Konvents soll ich als Artilleriehauptmann die abtrünnige Stadt Toulon von den Engländern zurück erobern. Im Dezember 1793 wird mein Plan zur Beschießung Toulons so erfolgreich in die Tat umgesetzt, dass die Engländer kapitulieren und Stadt und Hafen räumen müssen. Jetzt kennt man in ganz Frankreich meinen Namen. Zur Belohnung ernennt Robespierre mich, den „Bürger Bonaparte“, zum Brigadegeneral. Ich bin gerade einmal 25 Jahre alt.
So könnte es meinetwegen mit mir weitergehen.
Aber als das französische Volksheer einen britischen Invasionsversuch bei Toulon und Quiberon abgeschlagen hat, wird das französische Volk der Terrorherrschaft der Jakobiner und besonders Robespierres überdrüssig und will nach diesen vielen Siegen endlich Frieden. Deshalb kommt es in Paris zum Sturz der Jakobinerherrschaft am 9. Thermidor (27. Juli) 1794. Robespierre wird mit 21 seiner Anhänger, darunter der radikale Saint-Just, auf der Guillotine hingerichtet. Das Revolutionstribunal wird geschlossen, die Pariser Kommune wird durch die Muscadins, eine Jugendbewegung, gesäubert. Als ein Freund von Robespierres Bruder falle ich in Ungnade und werde verhaftet und muss in das Gefängnis – zu meinem Glück nur für einige Tage. Allerdings streichen sie mich von der Liste der Generäle.
Als Reaktion auf die Zeit des großen Terrors erhält Paris nun eine neue Verfassung. Deren Regierung besteht aus fünf Direktoren, dem sogenannten „Direktorium“. Dieses wird bald zu schwach sein, wieder aufkeimende Unruhen zu unterdrücken. Wegen Preissteigerungen und einer großen Hungersnot im harten Winter 1794 / 95 erheben sich in Paris die Sansculotten gegen die Regierung. Und immer wieder bilden sich königstreue Banden, die die Macht zurück erobern wollen.
Jetzt lernen mich die Pariser wirklich kennen. Mit einer Reitertruppe und mit eilig herbeigeschafften Kanonen führe ich allen mit wenigen Salven blutig vor, wie man mit dem Pöbel umgehen muss. Völlig überrascht stellen die Pariser Aufständischen fest, dass in den Seitenstraßen, die sie kreuzen, bereits meine Artillerie postiert ist. Schussentfernung kaum fünfhundert Schritt. Sie feuert mitten hinein. Der Aufstand ist rasch niedergeschlagen und ich habe die Weiterherrschaft des Direktoriums gesichert.
Als Belohnung erhalte ich dafür das Kommando über die italienische Armee. Was werden die Historiker einmal zu mir und meiner militärischen Karriere sagen?
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