Das war auch der Grund, warum er erst am frühen Morgen von einem „Gassigänger“ mit Hund entdeckt wurde. Sander war sauer: „Was machen die alle hier?“ Tarek musste grinsen: „Ermitteln…?“ Sander sah ihn wütend an: „Verarsch mich nicht. So, jetzt nehmen wir das hier in die Hand!“ … „Wer sind Sie?“ Neben ihm stand eine kleine, sehr resolut wirkende junge Person und streckte ihm die Hand entgegen. „ Hauptkommissarin Britta Fuchs.“ Sander gab ihr die Hand und sagte nur: „O.K., dann sind wir ja vollzählig.“ Er winkte sein Team heran. „So hört her: das ist HK Britta Fuchs aus Nürnberg, ab sofort meine Stellvertreterin, Britta, ach so, wir sind hier alle per Du, ist das ein Problem?“ Britta schüttelte nur den Kopf und damit war alles klar. „Hier, das sind die Oberkommissare Tarek, Susi und Paul. Für Teambildung ist jetzt keine Zeit. An die Arbeit. Susi und Paul: Ihr besorgt Euch die Schlüssel und ab zur Wohnung. Los, es ist nicht viel Zeit. Ich möchte, dass Ihr Euch vor der Spurensicherung alles anseht. Tarek, dort drüben stehen die Beiden vom 66. Keiner kümmert sich um die. Alles Ignoranten. Ich will alles wissen. Auffindsituation, Besonderheiten usw. Du weißt Bescheid. Britta, du kommst mit mir. Achtung, jetzt könnte es unappetitlich werden und unangenehm.“
„Hallo Karl, was machst du denn hier?“ Hinter den beiden stand eine resolute ältere Frau und grinst beide an. „Wer ist das denn?“ Karl Sander ignorierte die Frage, tat so, als wenn es ihn nichts anginge. „Britta, das ist unsere Staatsanwältin, Frau Dr. Tina Steffens mit einem ganz eigenen Humor…“ „Tina, ich freue mich auch dich zu sehen. Guten Morgen, darf ich dir Britta Fuchs vorstellen, Hauptkommissarin aus Nürnberg und ab jetzt meine Stellvertreterin.“ Die Staatsanwältin musterte Britta Fuchs eingehend und bemerkte dann nur: „Frau Fuchs, haben Sie sich das genau überlegt? Willkommen in Berlin.“ Beide gaben sich die Hand und damit war die Neue eingemeindet. „Karl, du hältst mich auf dem Laufenden. Ruf mich Morgen nach der Dienstberatung an.“
Tarek war immer noch mit den beiden Beamten vom 66. im Gespräch. Völlig unerwartet fragte Karl Sander, als sie die paar Schritte zum Toten gingen: „Britta, wo kommst du unter - Wohnung oder so?“ Britta zuckte nur mit den Schultern: “Nein, bin ja eben erst angekommen.“
„Das sieht aber gar nicht gut aus. Hallo Marie.“ Nachdem Karl Sander seine neue Partnerin der Gerichtsmedizinerin vorgestellt hatte, nahmen sie den Toten in Augenschein.
„Also“, begann Frau Dr. Marie Dreger, die Gerichtsmedizinerin, zu berichten, „Stand jetzt: zwölf Messerstiche, einer direkt ins Herz und einer, der die Aorta durchtrennt hat, waren tödlich, die anderen Kosmetik. Da hat sich jemand richtig ausgetobt, auch nachdem er bereits tot war. Prä- und postmortale Verletzungen, was und wann - nach der Obduktion. Todeszeitpunkt zwischen 22:00 und 23:00 Uhr gestern Abend. Keine Abwehr, er hatte keine Chance. Was komisch ist, Karl, das Messer oder die Stichwaffe kann ich nicht zuordnen. Kein handelsübliches Messer, scharfe, lange Klinge, eher was militärisches. Aber..“ Sander stand auf: „Ja ich weiß, alles andere nach der Obduktion. Na dann weg mit ihm, bevor unsere junge Kollegin umfällt.“ Britta Fuchs war immer blasser geworden und hielt sich nur noch mit Mühe auf den Beinen. Es war auch kein schöner Anblick, den der eben dazugekommene Tarek nur mit der Bemerkung: “Ach du heilige Scheiße“ kommentierte.
„Tarek, du kümmerst dich jetzt um Britta und bringst sie in die kleine Pension in die Wichmannstraße, direkt beim LKA um die Ecke. Zum Schlafen kommt jetzt sowieso in nächster Zeit keiner. Ich habe bei der ganzen Sache ein sehr ungutes Gefühl. Es ist noch nicht zu Ende. Wir sehen uns morgen 08:00 Uhr im großen Beratungsraum. Ich will auch einen Kollegen vom Abschnittskommissariat des 66. dabei haben. Die Ergebnisse vom Wohnungsbesuch beim Toten sollen Paul und Susi direkt mir berichten, per Telefon, egal wann. Alle sind erreichbar, per Handy ab sofort und immer.“
Als alle ihrer Wege gingen, sah Karl Sander, wie Oberst Kreibig seinen letzten Weg in die Gerichtsmedizin antrat. Dann überlegte er kurz, dass es wieder mal Zeit schien, mit dem Team “um die Häuser“ zu ziehen oder bei Peter was zu trinken. War schon sehr lange her. Die Neue hatte einen guten Eindruck auf ihn gemacht, noch etwas zurückhaltend vielleicht. Aber das würde alles werden. Er wollte jetzt erst nach Hause, etwas ausruhen und seine Gedanken sortieren, zu viel ging ihm durch den Kopf. Viele Fragen. Wer hatte das „Schwein“ im wahrsten Sinne des Wortes abgestochen? Warum grade jetzt? Sander wusste, dass viele Kreibig hassten, eigentlich alle, die ihn kannten, aber wer machte daraus Ernst? Antworten sollten her, schnell und jetzt. Was ihn am meisten beunruhigte war, dass er zur Tatzeit nicht einmal einhundert Meter entfernt bei Peter im Anker gesessen hatte. Da würde er noch heute Abend anfangen sich umzusehen.
Was der 1. Hauptkommissar zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste - der Schlüssel zur Lösung des Falls lag bei ihm vor der Haustür im Allende-Viertel, im Müggelschlösschenweg. Ein Ereignis vor zweiunddreißig Jahren.
… vor 32 Jahren, ein Frühsommerabend 1987:
Der Leutnant der „VP“ (heute Kriminalkommissar) Karl Sander kam an diesem Abend ausnahmsweise mal pünktlich vom Dienst aus der Karlstraße nach Hause. Es war ein sehr guter Tag gewesen. Er konnte seinen ersten Fall erfolgreich lösen. Im Ergebnis einer Kneipenschlägerei in Baumschulenweg war ein Mann vor dem „Grünen Baum“ liegen geblieben. Mit einer Flasche erschlagen. An Hand von Zeugenaussagen, Fingerabdrücken und dem entscheidenden Hinweis vom Wirt der Kneipe, der Angst um seine Lizenz hatte, konnten Sander und seine Kollegen einen dreißigjährigen Hilfsarbeiter festnehmen. Die gerade erst eingeführten Gentests mussten nicht zum Einsatz kommen. Den Täter würde eine Anklage wegen Totschlags erwarten und Karl Sander stand für einen Tag im Mittelpunkt. Er war stolz und zufrieden. Als er gerade sein Fahrrad abstellen wollte, fuhren am Nachbarhaus drei Autos vor und parkten teilweise abenteuerlich auf der Wiese vor dem Haus. Die Autos und die Typen, die da ausstiegen, kannte Sander ganz genau. Sie gehörten zur Sonderkommission oder wie sie auch bei der Kripo abwertend genannt wurden: Mielkes schnelle Eingreiftruppe. Karl Sander wusste, immer wenn die auftauchten, gab es für die Kripo nichts mehr zu tun. Sie kamen bei sicherheitspolitisch bedeutsamen Fällen zum Einsatz, wobei die Stasi entschied, was bedeutsam war.
Sander wollte auf keinen Fall von den arroganten Typen gesehen werden und versteckte sich grade noch rechtzeitig hinter dem kleinen Spielplatz neben den Häusern. Er hatte Recht, sie ließen keinen mehr ins Haus Nr. 36 oder auch nur in die Nähe.
Nach einer kurzen Zeit, die Sander wie eine Ewigkeit erschien, kamen erst zwei von den Typen raus, dann der Rest. Jetzt blieb Sander das Herz fast stehen, die Leute, die dort in Handschellen aus dem Haus geführt wurden, kannte er. Es war Familie Viertel, erst Bernd Viertel, dann die junge im dritten Monat schwangere Liesel. Genaueres wusste er auch nicht, aber die Viertels arbeiteten wohl im Funkwerk in der Wendenschloßstraße, im Sicherheitsbereich.
Ebenso schnell, wie alle gekommen waren, waren sie wieder weg, nur die zerfahrene Wiese vor dem Haus zeugte von dem überfallartigen Besuch. Karl Sander konnte sein Versteck verlassen und verschwand in seiner Wohnung. Jetzt wäre es ein Leichtes gewesen, seinen Vater anzurufen, der als Offizier des MfS sicher etwas herausbekommen konnte. Aber obwohl seine Eltern quasi fast um die Ecke wohnten, gab es außer heimlichen Treffen mit der Mutter schon seit Jahren keinen Kontakt: „eine andere Geschichte“, erklärte er immer auf Nachfragen von Nachbarn oder Kollegen.
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