Alexander Perlmann; ein Name, der nicht nach großer weiter Welt klang. Aber er war in Kreisen der Wissenschaft nicht unbekannt. Er hatte schon mehrfach die entlegensten Orte der Welt bereist und Völker erforscht, von denen selbst Wissenschaftler vorher noch nicht wussten, dass sie überhaupt existierten.
Er war ein Mittdreißiger und fiel mit einer Größe von etwa 1,80 Meter nicht unbedingt in der Masse auf. Mit seinen geistigen Fähigkeiten überragte er allerdings die meisten seiner Zeitgenossen.
Man konnte ihn auf jeden Fall durchtrainiert nennen. Dies lag nicht unbedingt an einer sehr gesunden Lebensweise. Er war einfach so viel unterwegs in entlegenen Gegenden, so dass er keine Gelegenheit zu einem exzessiven Genuss von Lebensmitteln hatte.
Durch die Strapazen der Forschungsreisen war sein Körper gestählt, ohne dass er an einen Bodybuilder erinnerte. Am ehesten hätte man ihn von der Statur mit einem Zehnkämpfer vergleichen können. Irgendwie war sein wissenschaftliches Leben auch zu vergleichen mit den Leistungen dieser Könige der Leichtathletik. Es gab keine einzelne Disziplin, in welcher er zur absoluten Weltspitze zu zählen wäre. Aber er war in vielen Disziplinen wesentlich besser als die meisten seiner Kollegen und kannte sich in verschiedensten Forschungsbereichen sehr gut aus.
Alexander hatte sich niemals spezialisiert auf ein Forschungsgebiet, dies wäre seinem Naturell einfach zuwider gewesen. Er war seit Kindesbeinen an vielseitig interessiert. Unheimlich schnell gelang es ihm, Zusammenhänge herzustellen und er beherrschte perfekt die Kunst des Um-die Ecke-Denkens.
Er bewunderte die Lebensleistung seines Vaters Richard Perlmann und er hatte von ihm die Geradlinigkeit und die Halsstarrigkeit geerbt. So ließ er sich genau so wenig verbiegen wie dieser, allerdings war er bei seinem Vorgehen immer etwas höflicher bzw. diplomatischer. Doch konnte er mit Klauen und Zähnen für etwas kämpfen, wenn er es einmal als richtig und wichtig erkannt hatte.
Allerdings hatte Alexander nie ganz begriffen, weshalb sich sein Vater so auf das Thema Nekromantie innerhalb seiner Forschungen spezialisiert hatte. Richard war schon in sehr jungen Jahren ein geachteter Wissenschaftler gewesen. Allerdings hatte er sich durch seine Art der Kommunikation viele Gegner gemacht. Dies hatte im Laufe der Jahre dazu geführt, dass Richard nur noch wenige Freunde und Mitstreiter im Kollegenkreis fand und er immer weiter isoliert war. Kompromissbereitschaft war ein Fremdwort für ihn und er versuchte, seine Ziele um jeden Preis durchzusetzen. Dies führte in der Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftlern, aber auch mit der Politik und Sponsoren dazu, dass er kaum noch Fördergelder für seine Forschungen erhielt. Hinzu kam, dass er es in keinem Fachgebiet besonders lange aushielt und sich in immer abstrusere Forschungsthemen hinein bewegte.
Allerdings hatte Alexander durchaus den Eindruck, dass sein Vater in seinem momentanen Forschungsschwerpunkt durchaus glücklich war und ihm die Meinung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit völlig egal war.
Dies war bei ihm, Alexander, nicht ganz so. Seine Forschungen waren so kostenintensiv, dass er sie ohne Sponsoren und ohne Ausschöpfung von Drittmitteln niemals durchführen konnte. Deshalb war er seit jeher zu einem Spagat gezwungen zwischen dem, was er eigentlich wollte und dem, was technisch und finanziell wirklich möglich war. Dies bereitete ihm oft Bauchschmerzen und er machte sich manchmal Gedanken darüber, ob das irgendwie geändert werden könnte. Deshalb genoss er es, dass er auf den Forschungsreisen, die er immer so lang wie möglich auszudehnen versuchte, weit weg war vom wissenschaftlichen Lehrbetrieb. So musste er keine Rücksicht mehr nehmen auf Menschen, die nur wenig Ahnung hatten aber dafür viel Geld.
Zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Eine knarrende schwere Eichentüre ist die Pforte in eine längst vergessene Welt
Der Glanz vergangener Tage matt, wie die stummen Spiegel an der Wand
Goethes Erben; Die Tür in die Vergangenheit (1992)
Alexander war seinem Vater dankbar dafür, dass er ihn zu einem aufrechten Wissenschaftler erzogen hatte, der mit dem, was er tat, gut leben konnte. Allerdings machte es ihm sein Nachname und damit der Ruf seines Vaters in den Anfangsjahren seiner wissenschaftlichen Laufbahn schwer. Dessen Forschungsgebiet hatte erst Richard zu einem Außenseiter gemacht und dies wurde auf Alexander automatisch übertragen. Lange Zeit wurde er nicht geachtet und respektiert. Nur wenige wollten ihn ernst nehmen.
In diesem Zusammenhang erinnerte sich Alexander an einen Zwischenfall in seinem ersten Studienjahr in Berlin. Er saß mit 12 weiteren Kommilitonen in einem intensiven Seminar über verschiedene destruktive Kulte. Diese findet man recht häufig bei uralten Stämmen in entlegenen Gegenden unserer Erde. Dort, wo nur wenig Kontakt zur Außenwelt besteht, wo die Errungenschaften (Errungenschaften?) der modernen Zivilisation noch nicht Einzug gehalten haben, da gedeihen oft sehr seltsam anmutende Religionen. Wenn sich Alexander recht erinnerte, war dies sogar seine erste Begegnung mit Macumba. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht einmal gewusst, dass diese Religion überhaupt existierte.
Sein Vater und er hatten ein äußerst enges Verhältnis, man konnte es auch symbiotisch nennen. Dies war dem Umstand geschuldet, dass seine Mutter, an die er sich nur wenig erinnern konnte, sehr jung bei einem tragischen Unfall ums Leben kam.
Seine Mutter.... Tief in seine Gedanken versunken blieb Alexander stehen, mitten auf der Schönhauser Allee. Er war gerade dabei, die Straßenseite zu wechseln und befand sich nun in der Mitte der Straße, genau unter dem Viadukt der Hochbahn. Dort konnte man mit kleinen Unterbrechungen von der Eberswalder Straße bis hinauf zur Bornholmer Straße laufen. Dies hatte er schon immer gern gemacht. Es war für ihn eine Art Meditation, das Viadukt der U2 zu betrachten; er glaubte, jede einzelne Niete der riesigen Stahlträger zu kennen.
Über ihn donnerte ein Zug der U2 in Richtung Pankow hinweg. Aber in seinem Denken war er viele Jahre zurückgereist und erlebte seine Mutter leibhaftig vor sich.
Er blieb einfach wie angewurzelt stehen. Alexander bemerkte nicht einmal den genervten Gesichtsausdruck anderer Passanten. Diese nahmen ihn nur als Hindernis wahr, welches sie umkurven mussten. Das kostete nur zusätzliche Zeit und Energie. Zwei Dinge, welche die Einwohner der Hauptstadt nicht zu haben schienen. Aber niemand von ihnen ließ sich durch dieses menschliche Hindernis aufhalten. Wie ein endloser Strom schlängelte sich die Masse Menschheit um ihn herum, ihn einschließend und doch gleichzeitig absondernd. Nur hin und wieder ließ eines dieser kleinen Moleküle im großen Ozean Mensch ein abschätziges Wort fallen, meist begann dieses mit A und hörte mit Loch auf. Berliner können wirklich sehr sehr herzlich sein.
Aber Alexander kümmerte dies nicht und er bekam es auch gar nicht mit. Er war ganz und gar gefangen in einer anderen Zeit. Eine Zeit, welche offenbar schon so lange abgelaufen war und doch für ihn gerade präsenter war als die Gegenwart.
Alexander hatte seine Mutter verloren, als er 8 Jahre alt war. Natürlich war es ein traumatisches Erlebnis für ihn.
Es war ein sehr seltsamer Erziehungsstil, wie er im Nachhinein empfand. Aber es war der beste Stil, wie seine Eltern ihre eigenen Forschungen verwirklichen konnten und gleichzeitig seine Erziehung und ihn als Menschen nicht an den Rand drängen mussten.
Seine Mutter, Inge Schlater, war eine sehr intelligente und wissbegierige junge Frau von 20 Jahren gewesen, als sie seinen Vater Richard Perlmann, unwesentlich älter, kennen lernte. Sie beschäftigte sich mit Literatur, besonders das Werk von H.P. Lovecraft hatte es ihr angetan. Die Abgründe der menschlichen Seele, welche sich in vielen der Werke von ihm darstellten, faszinierten sie sehr. Sie mochte auch seinen Schreibstil mit den langen Schachtelsätzen.
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