„Normalerweise empfiehlt es sich, heute Mittag ist es aber, trotz des Feiertags, vergleichsweise ruhig, heute Abend hingegen hätten Sie ohne Reservierung keine Chance.“ Sie tritt hinter dem Empfangspult hervor, wodurch ihr dunkelvioletter, langgeschlitzter, bodenlanger, formvollendet an die schmalen Hüften sich schmiegender Rock sichtbar wird, der sich im Zusammenspiel mit der an den Ärmelenden und um den schmalen Kragen herum mit Goldfaden bestickten Weste, die eine winzige Nuance dunkler gehalten ist als jener, zu solch einem Augenschmaus zusammenfügt, dass dieser das Kommen allein schon lohnt. „Würden Sie mir bitte folgen“, fordert ihn die junge Frau auf, deren schulterlanges glattes, pechschwarzes Haar bei der Drehung ihres zerbrechlich wirkenden Körpers Claude an einen von lauen Winden sachte in Bewegung gesetzten Vorhang erinnert, der sanft hin und her schwingt. Die Speisekarte unter dem Arm, schreitet sie voran, so dass ihm genügend Zeit bleibt, ihren wohlgeformten Körper ausgiebig von hinten zu studieren, wobei er die Reizsignale, die die beim Ausschreiten in den Längsschlitzen sichtbar werdenden, in einer hautfarbenen Feinstrumpfhose steckenden Beine aussenden, deutlich verspürt, was ihm unwillkürlich ins Bewusstsein ruft, wie lange er mit keiner Frau geschlafen hat.
„Ist Ihnen dieser Platz recht?“, bietet die Dame in Violett ihm einen reizend in einer kleinen Nische stehenden Tisch an, der für ein Tête-à-tête perfekt wäre, ihm für seine Zwecke allerdings als weniger geeignet erscheint. Um einen zentraler gelegenen Tisch bittend, hofft Claude, sich seiner vorherigen Gedanken fast schämend, diese mögen ihm nicht ins Gesicht geschrieben stehen. Aus dem leichten Augenaufschlag, den er bei ihr zu registrieren sich einbildet, wird er indes nicht schlau, vermag er nicht zu erkennen, ob er als Aufforderung oder als Zeichen der Geringschätzung gemeint war. Höflich wie zuvor wählt sie vielmehr einen anderen Tisch für ihn aus, dessen zentrale Platzierung im Raum dem entspricht, was sich Claude vorgestellt hat.
„Wissen Sie, ich bin zum ersten Mal hier und möchte mir das Interieur in Ruhe anschauen können“, erklärt er ihr das Motiv für seine Bitte, was zwar nicht der ganzen Wahrheit entspricht, aber auch nicht gelogen ist, geht es ihm bei seinem Besuch, neben dem Wunsch wieder einmal gut chinesisch zu essen, auch darum, herauszufinden, ob Philipp auch in diesem Lokal fotografiert hat oder nicht. Zu diesem Zweck hat er zuvor in Philipps Wohnung noch einmal rasch sämtliche Abzüge durchgeschaut, ihren Inhalt geistig abgespeichert, und schließlich diejenigen von ihnen, von denen er sich am meisten verspricht, eingesteckt, um sie notfalls zwecks einer Gegenprobe vor Ort zur Hand zu haben. Während sie ihm die hellrote Stoffserviette auf den Schoß legt und sodann die Speisekarte überreicht, erkundigt er sich: „Können Sie mir etwas besonders empfehlen? Was ist denn die Spezialität des Hauses?“
„Sehr beliebt sind zum Beispiel die gedünsteten Garnelen oder das Hühnchen in Zitronensauce, ich persönlich esse aber auch sehr gerne die mit Honig glasierte Ente. Doch lassen Sie sich Zeit, schauen Sie sich erst einmal die Karte an. Cathy wird dann Ihre Bestellung aufnehmen. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall aber schon jetzt einen guten Appetit.“
„Oh, danke schön.“ Auch bei ihrem Abgang kann es sich Claude nicht verkneifen, ihrer überaus weiblichen Figur mit den Gefühlen eines Mannes zu huldigen. Der Blick in die Speisekarte verrät ihm sogleich sehr schnell, dass der Ruf, der dem Restaurant angeblich vorauseilt, nicht von ungefähr zu kommen scheint, denn was da schwarz auf weiß an kulinarischen Leckereien angeboten wird, lässt erahnen, dass hier ein Meister seines Faches am Wok stehen muss, der sich, dies verdeutlichen die Preise, seine Kunst aber auch entsprechend honorieren lässt.
Nachdem Claude seine Bestellung, eben besagte Garnelen und dazu noch einen Teller mit Jakobsmuscheln, Cashewnüssen und allerlei kleingeschnittenem Gemüse, aufgegeben hat, nippt er zunächst an dem hauchdünnen Porzellantässchen mit Jasmintee, das ihm die Bedienung, die sich ihm als Cathy vorstellte und in einem gleichfalls hochgeschlitzten, roten Rock und gleichfarbiger Weste daherkam, zusammen mit einer dickbauchigen, typisch chinesischen Teekanne serviert hat. Ein zweiter Schluck leert die Tasse, woraufhin sie von Cathy, die ihm gar keine Zeit lässt, dies selbst zu tun, wieder gefüllt wird, ein Service, der ihn an die besseren China-Restaurants in den Staaten und in Fernost erinnert, in denen der Kunde sich tatsächlich noch ein wenig wie ein König fühlen darf. Seiner aufmerksamen Bedienung ein anerkennendes Lächeln schenkend, beginnt er anschließend mit dem näheren Studium des Gastraumes, den er quadratmeterweise mit seinen Augen abtastet, in der Hoffnung, einen Beleg dafür zu finden, dass zumindest eine der Aufnahmen in seiner Jackeninnentasche an diesem Ort aufgenommen wurde. Dabei beantwortet sich auch die Frage, die er sich zuvor gestellt hat, warum nämlich das Lokal eigentlich den Namen Bambusgarten trägt, was wohl, wie er feststellt, von den auf allen dekorativen Stilelementen sowie den Raumteilern auftauchenden Bambusmotiven herzurühren scheint. Sich die Aufnahmen seines Bruders geistig vergegenwärtigend, unterzieht er den Raum wieder und wieder einer gründlichen optischen Inspektion, bei der sich eine halblinks von ihm sich befindende Sitzecke, die auf drei Seiten von besagten hölzernen Trennwänden abgegrenzt ist, mehr und mehr als deckungsgleich mit dem auf einem der Fotos zu erkennenden Hintergrund herauskristallisiert, und zwar auf eben jenem Bild, aus dem Claude an diesem Morgen eine Ausschnittsvergrößerung heraus angefertigt hat. Um sich letzte Sicherheit zu verschaffen, müsste er die Vergrößerung zu Vergleichszwecken zur Hand nehmen, was er zunächst aber noch vor sich hinschiebt, um sich erst einmal auf die bestellten Leckereien zu konzentrieren, denen er, wie er sich zu seiner Schande eingestehen muss, bis zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise die ihnen gebührende Aufmerksamkeit hat zukommen lassen, dabei übertreffen sie seine Erwartungen noch. ‚Genieße erst einmal in Ruhe dein Essen und dann schaust du weiter’, fordert er von sich Konzentration auf die auch rein optisch Appetit anregenden Gaumenfreuden, und während er sich diese Häppchen für Häppchen mit den aus lackiertem Bambus gefertigten Stäbchen von den einzelnen Tellern fischt, schenkt ihm, kaum hat er das Tässchen wieder geleert, Cathy von dem die Speisen geradezu perfekt umschmeichelnden Jasmintee nach, der jedes andere Getränk an seiner Stelle als Frevel erscheinen ließe. Und wie er es von Lokalen dieser Art gewohnt ist, tafelt ihm seine reizende Bedienung zum Abschluss einen Teller fein geschnittenen Obstes auf, der allerdings mit einer derartigen Auswahl aufwartet, wie er sie in noch keinem chinesischen Restaurant vorgesetzt bekommen hat. Eigentlich schon mehr als satt, kann er dennoch der Versuchung nicht widerstehen, sich einige der dargereichten Stücke herauszupicken.
„Möchten Sie vielleicht sonst noch etwas, zum Beispiel einen Reisschnaps?“, erkundigt sich Cathy bei ihm, als sie bemerkt, dass er seine Mahlzeit offensichtlich beendet hat.
„Um Gottes willen, ich platze ja jetzt schon“, wiegelt er mit zufriedener Miene schleunigst ab.
„Hat es Ihnen geschmeckt?“
„Exzellent! Ein Kompliment an Ihren Koch!“
„Das freut mich. Ich werde ihm Ihr Lob ausrichten, er wird sich sicherlich darüber freuen.“
Da Claude noch Zeit für seinen Fotovergleich benötigt, und er - vom guten und reichlichen Essen ein wenig träge geworden - außerdem noch keine rechte Lust verspürt, das Lokal zu verlassen, bittet er die Bedienung um eine weitere Kanne Jasmintee: „Wissen Sie, der ist so lecker, so einen habe ich schon lange nicht mehr getrunken.“
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