„Na wenigstens wissen jetzt alle, dass wir kommen“, meinte PHK Wagner etwas säuerlich.
„Hast’ ja recht, aber ab jetzt sind wir Viele und wie du siehst, kommen wir dort vorne auch gar nicht alleine runter. Da geht’s nämlich ganz schön in die Tiefe. Außerdem ist der Bach da unten durch den tagelangen Regen schon ziemlich angestiegen. Wenn da noch einer an Bord war, als der Wagen da runter ins Gestrüpp-überwachsene Bachbett gestürzt ist, hat der momentan andere Probleme, als sich mit uns anzulegen.“
„Hallo Kollegen“, rief PHK Leitner den hinter ihnen herbeieilenden Streifenwagenbesatzungen zu. „Da vorne müssen wir hin. Links vom Waldweg liegt das gesuchte Fahrzeug in dieser Senke.“
Als die Polizisten am Rand des tiefergelegenen Bachbetts standen und auf das blickten, was einmal ein schicker Sportwagen gewesen war, meinte der Streifenführer POK Walter Schmidt: „Scheint niemand mehr drin zu sein.
Den Wagen da unten bekommen wir ohne schweres Bergegerät nicht nach hier herauf – ich fordere schon mal die Feuerwehr und einen Kran an.“
„Hier sind frische Reifenspuren am Wegrand“, rief PHK Wagner in diesem Moment. „Durch das nasse Wetter sind sie noch ganz gut sichtbar. Sieht ganz so aus, als ob hier ein zweites Fluchtfahrzeug gestanden hätte.“
„Okay, wir brauchen hier sowieso die Spurensicherung. Fotografiert schon mal die Reifenspur, bleibt aber ansonsten von dieser Stelle weg – vielleicht können wir ja den zweiten Fluchtwagen anhand des Reifenprofils identifizieren”, wies POK Schmidt seine Beamten umgehend an.
„Und wir schauen uns mal die Bildaufzeichnung unsere Außenkamera an. Möglicherweise haben wir die Mistkerle mit ihrem zweiten Fluchtfahrzeug ja auf Video – hier können wir euch ja im Moment eh’ nicht weiterhelfen“, meinte Michael Wagner als er sich zu den Streifenbeamten umdrehte, um sich dann zusammen mit seinem polizeilichen Einsatzleiter auf den Rückweg zum Hubschrauber zu machen.
„Wir melden uns dann bei euch, wenn wir die Videobilder in unserer Zentrale ausgewertet haben“, fügte er abschließend noch hinzu.
Damit verabschiedeten sich die beiden Flieger händeschüttelnd von POK Schmidt. „Sorry, aber wir hätten euch gerne ein besseres Fahndungsergebnis geliefert“, meinte PHK Leitner zornig.
„Da könnt ihr beide doch nichts dafür – die Zeit war schließlich auch für euch mit eurem Heli zu knapp. Und alles spricht dafür, dass die zwei Gangster ihren Coup minutiös vorbereitet hatten.
Übrigens haben die Kerle rund 2,5 Millionen Euro abgegriffen, da die alten Scheine der Erdinger Banken heute ausgetauscht werden sollten – und die Raiffeisenbank Altenerding war die erste auf der Tour des Geldtransporters.“
„Das bedeutet dann ja wohl, dass die Kerle das wahrscheinlich gewusst haben müssen und sich diesen Überfalltag nicht rein zufällig ausgesucht haben“, meinte PHK Leitner, der sich noch einmal zu den Erdinger Beamten umgedreht hatte.
„Davon kann man meines Erachtens ausgehen“, erwiderte POK Schmidt prompt, als er von Michael Wagner spontan unterbrochen wurde.
„Ich hab’ da noch eine Idee“, sagte PHK Wagner nachdenklich. „Wenn die Gangster nicht zur Autobahn, sondern zum Flughafen gefahren sind, wäre es sicher gut, wenn wir die Bundespolizei am Flughafen mit in die Fahndung nach diesen beiden Männern einschalten würden.“
„Guter Gedanke“, erwiderte POK Schmidt. „Soweit wir das bisher von den Augenzeugen des Überfalls wissen, waren die Kerle ziemlich jung, dunkelhaarig und vornehm gekleidet. Und beide scheinen südländische Typen gewesen zu sein.“
„Gut, das hilft den Kollegen am Flughafen sicher weiter – wir melden das gleich an unsere Zentrale“, entgegnete PHK Leitner. Und jetzt Tempo Michael. Wir müssen diese Info rasch absetzen. Euch sehen wir in dieser Sache sicher später nochmal auf der Wache. Also, Servus Kollegen.“
Damit rannten die beiden Beamten zu ihrem Hubschrauber. Während Michael den EC-135 startete, war Markus Leitner schon am Funk, um die Beschreibung der beiden Gangster an die Bundespolizei am Flughafen durchzugeben.“
„Ein echter Scheißtag – entspricht dem Nieselwetter“, meinte er danach zu seinem Hubschrauberführer. „Dann mal ab nach Hause, damit sich unsere Spezialisten das Video vornehmen können.“
Während Markus Leitner sofort nach der Landung auf der Einsatzbasis noch beim Ausbau der Kamerakassette war, wurde Michael Wagner schon von einem herbeigeeilten Beamten des Bodenpersonals gerufen.
„Du sollst gleich zum Chef kommen“, sagte der junge Hubschraubermechaniker hastig. „Lass alles stehen und liegen – er will dich sofort sehen.“
Bei diesen Worten wurde Michael Wagner aschfahl im Gesicht. Mit einem ziemlichen Kloß im Hals betrat er kurz darauf das Büro seines Einsatzleiters, in dem dieser bereits mit einem zweiten Mann in Zivil auf ihn wartete.
„Michael, das ist Dr. Werner Hofmann von unserem polizeiärztlichen Dienst“, stellte Polizeioberrat Heinrich Wolf den fremden Zivilisten vor. „Aber nimm doch bitte zuerst mal Platz.“
„Ich stehe lieber beim Anschiss – wir haben’s nämlich versemmelt“, erwiderte Michael Wagner mit fahriger Stimme, während er nervös spürte, wie seine Knie weich wurden. Tief in Inneren wusste er nämlich, dass das nicht der Grund für das unvermittelte Herbeizitieren sein konnte.
„Jetzt setz’ dich erst mal hin Micha. Und Anschiss ist Quatsch, und das weißt du auch.“
Nachdem sich Michael Wagner auf den Stuhl vor dem Schreibtisch seines Chefs begeben hatte, fuhr Oberrat Wolf schluckend fort. „Micha, mein Junge – ich hab’ leider sehr schlechte Nachrichten für dich.“
„Meine Eltern!“, platzte es sogleich aus dem jungen Piloten heraus. „Sie sind die zwei Opfer in Bergham“, murmelte er mit zitternder Stimme.
„Ja Michael, so leid es mir tut, aber sie sind es. Sie wurden erst vor wenigen Minuten identifiziert.“
Michael Wagner schien in ein tiefes Loch zu fallen. Heftig atmend und kalkweiß im Gesicht fragte er dann mit brüchiger Stimme: „Seid ihr euch wirklich sicher?“
„Ja, Herr Wagner“, mischte sich jetzt Dr. Hofmannmit leise in das Gespräch ein.
„Eine hinzugekommene Passantin, die in der Firma Ihres Vaters arbeitet, hat die beiden einwandfrei erkannt. Ich habe eben mit dem Notarzt telefoniert. Ihre Eltern sind mittlerweile auf dem Weg in die Rechtsmedizin. Aber soviel kann ich Ihnen schon sagen – sie mussten nicht leiden. Und kein Notarzt dieser Welt hätte ihnen angesichts ihrer massiven Kopfverletzungen noch helfen können.“
„Ich will sie sehen – und zwar jetzt sofort“, schrie Michael Wagner wie ein waidwundes Tier auf, während er an allen Gliedern zitternd aufsprang.
„Das geht jetzt noch nicht, Micha. Dafür bleibt später noch genug Zeit. Ich fahr’ dich nachher selber in die Gerichtsmedizin rüber nach München“, nahm POR 8Wolf das Gespräch wieder auf, während Michael Wagner die Tränen seiner Trauer nicht mehr zurückhalten konnte.
„Wir werden diese brutalen Schweine kriegen“, fuhr POR Wolf fort. „Inzwischen ist das ein Fall für die Münchner Kripo und du brauchst jetzt erstmal Zeit, um wieder zu dir zu kommen. Deshalb wird dich Dr. Hofmann gleich auf unbestimmte Zeit krankschreiben.
Er und ich wollen nämlich, dass du dich von diesem Schicksalsschlag erholst und keinen Schaden nimmst. Und ich weiß, was da angesichts Trauer und Beerdigung demnächst auf dich zukommt.“
„Bitte nicht“, flüsterte Michael heiser. „Ich muss bei der Jagd auf diese Drecksschweine helfen. Das bin ich meinen Eltern schuldig.“
„Später Michael, später. Ich halte dich auf dem Laufenden, aber versprich mir, dass du jetzt nichts Unüberlegtes tust.“
„Aber ich bin doch mit schuld daran, dass sie überfahren wurden. Wir waren einfach nicht schnell genug vor Ort.“
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