Das Heim mit der Hausnummer 953 befand sich am Rand eines belebten Viertels mitten in Kathmandu und bestand aus drei Stockwerken und einem verglasten Dach mit Terrasse.
Benny hatte zusammen mit Tim, einem Freiwilligenhelfer aus der Nähe von München, mit dem er sich auf Anhieb angefreundet hatte, direkt in der ersten Woche nach seiner Ankunft die Außenfassade gestrichen. In den Abfällen auf dem Hof des Nachbarhauses hatten sie angebrochene Farbeimer gefunden. Das Gelb hatte für das Erdgeschoss und einen Teil der ersten Etage gereicht, den Rest hatten sie in einem hellen Rosa gestrichen. Das Ergebnis war ganz passabel, wenn auch manche Stellen fleckig blieben.
Im Eingangsbereich des Hauses war man über Müll und Unrat gestolpert. Tim und Benny hatten das Allermeiste ungeprüft in Plastiksäcke gestopft und auf die Straße zu all den anderen Abfällen geworfen, die vor sich hinschwelten, bis sie zu nicht festgelegten Terminen abgeholt wurden.
Direkt hinter dem Flur am Eingang führte eine Tür zu den Schlafplätzen der wenigen Alten, die im Heim eine Unterkunft gefunden hatten. Nebenan befand sich das Büro des Chefs, ein dunkler, von schwerer Zigarrenluft verpesteter Raum.
Die weiteren Schlafräume verteilten sich auf das erste und zweite Stockwerk. Die Kinder schliefen in Etagenbetten oder auf Matratzen, die nebeneinander auf dem Boden lagen. Am liebsten mochte Benny die Dachetage, die sich zur Hälfte unter freiem Himmel befand und deren anderer Teil von riesigen Glasfenstern eingefasst wurde, aus denen man in die Ferne auf die Berge sah. Sie hatten die schlichten Holztische mit harten Wurzelbürsten abgeschrubbt, bis sich eine einigermaßen saubere Fläche ergeben hatte.
An der den Fenstern gegenüberliegenden Wand standen auf einem Holzbrett, das die ganze Breite des Raumes einnahm, der Spültrog, eine Kochplatte mit zwei Feldern und eine dicke runde Heizspirale, auf der in einem riesigen Topf Reis und Linsen gekocht wurden. Unter der Platte stapelten sich Hunderte von Tellern sowie Gefäße aus Plastik, in denen die aktuell benötigten Vorräte aufbewahrt wurden.
Von den vier uralten Frauen, die mit im Haus lebten, schafften es zwei noch bis hierher nach oben. Sie waren immer gut gelaunt und sichtlich zufrieden, sich in der Küche nützlich machen zu können, indem sie Reis wuschen oder Gemüse zupften. Sie hatten tiefe Furchen im Gesicht, und die eine von ihnen war von Kopf bis Fuß mit braunen Flecken übersät. Niemand kannte ihr wahres Alter, aber Benny schätzte es auf an die hundert.
Sie waren spät dran, als er und Aruna schließlich mit ihren Schützlingen zur Schule aufbrachen. Der Regen hatte wieder eingesetzt, so dass sie völlig durchnässt waren, als sie auf dem Schulhof ankamen. Das morgendliche Begrüßungsritual mit einigen Liedern, die alle Schüler, von klein bis groß, auf dem Schulhof lauthals mitsangen, war fester Bestandteil eines jeden Tages. Danach aber driftete der Alltag der Kinder meistens ins Chaos ab. Die Klassenräume waren zu klein, als dass für jeden Schüler ein Tisch mit Stuhl Platz gehabt hätte. So saßen sie auf dem Boden oder zu mehreren auf den Tischen. In der ersten Klasse waren die Kinder bis zu zwölf Jahre alt, je nachdem, wie lang sie bis dahin in ihren Familien noch für andere Arbeiten gebraucht wurden. Einzig die Waisenkinder versuchte man möglichst schon im Alter von sechs Jahren in die Schule zu schicken.
In der ersten Woche hatte Benny sich den Unterricht der Lehrer nur angesehen und den Eindruck gewonnen, dass es ihnen völlig egal zu sein schien, ihren Schülern etwas erfolgreich beizubringen. Wenn sie sich nicht durchsetzen konnten und das Durcheinander aus dem Ruder geriet, verprügelten sie die unruhigen Kinder, oft mehrmals innerhalb der Stunde.
Die Klasse, die für Benny zusammengestellt worden war, bestand aus 16 Kindern, die er in Englisch unterrichten sollte. Er las ihnen vor und ließ sie anschließend den Text wiederholen und nochmals wiederholen, bis sie ihn auswändig und flüssig aufsagen konnten. Danach versuchte er, die nepalesische Version nachzusprechen. Und dann wieder alles auf Englisch. Die Kinder bissen an und machten Fortschritte. Er gab ihnen selbst zurechtgeschnittene Papiersternchen, wenn sie es gut gemacht hatten, und bald entbrannte ein großer Eifer auf möglichst viele dieser gezackten Auszeichnungen.
Um ein Uhr schnappte er sich seine Schützlinge, und sie liefen zurück zum Haus. Der Regen hatte aufgehört, die Wolkendecke öffnete sich nur langsam über der schweren Luft. Es war stickig in der Stadt, in den Straßen dampfte es, der schmierig gewordene Staub legte sich auf die Kleidung und ihre feuchte Haut.
Zum Mittagessen gab es mal wieder Reis mit Linsen. Eigentlich mochte Benny dal bhat , das in Nepal von früh bis spät angeboten wurde. Allerdings war es hier im Haus nicht viel mehr als ein einziger Klumpen ungewürzten Breis.
»Heute Nachmittag wird es ernst, Jungs«, sagte er. »Wir treffen uns um drei zum Fußballspiel. Wir machen zwei Mannschaften, eine trägt rote, die andere blaue Bänder. Also, bis gleich!«
Während die Kinder die Tische abräumten und beim Geschirrspülen halfen, ging Benny hinunter zum Büro des Heimleiters. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und klopfte an die halb geöffnete Tür. Ron zuckte zusammen. Offenbar war er in seinem Sessel eingenickt. Die Füße lagen auf einem Stapel Papier, und es roch widerlich nach abgestandenem Rauch.
»Was gibt’s?«
»Sag mal, gibt es sowas wie eine Adressenliste der anderen Praktikanten, die früher hier gearbeitet haben? Vielleicht kann man mal ein Treffen organisieren.«
»Du bist wirklich ein komisches Kerlchen.« Ron steckte sich eine Zigarre an, zog tief an ihr und blies den Rauch in langsam aufsteigenden Kringeln aus.
»Ich bin jetzt seit zehn Jahren hier, aber so einer wie du ist mir noch nicht untergekommen. Erst bestehst du darauf, nepalesisch zu lernen, dann willst du die ganze Welt zusammentrommeln. Vergiss es. Abgesehen davon, dass die meisten von euch aus Europa kommen und ihr euch doch besser drüben bei euch versammeln solltet, glaub ich nicht, dass ich dir helfen kann. Wir halten nicht alles fein säuberlich nach. Deinen Sinn für Ordnung und Reinlichkeit haben wir ja schon kennengelernt, aber wir haben hier nun einmal keine Personalakten oder sowas.«
»Aber ich habe bei meiner Ankunft doch auch ein Formular ausfüllen müssen.«
»Ja, so wollen es nun mal die Vorschriften. Gebraucht haben wir den Papierkram aber noch nie. Falls mal einer von euch umkippt oder abhaut, können wir dann theoretisch nach euch suchen. Theoretisch! Aber das ist noch nicht vorgekommen. Und außerdem, wenn es schon um Vorschriften geht: Da dürfte ich sicher nichts rausrücken, selbst wenn ich was hätte von all den Ehemaligen. Also: Vergiss es, und schönen Dank für’s Wecken.«
Benny verließ das Zimmer. Das hatte er sich einfacher vorgestellt. Es mussten doch irgendwo diese Formulare herumliegen. Aber ein Ordner oder ein Fach für Personalangelegenheiten war ihm jetzt auch nicht ins Auge gesprungen. Er musste sich noch mal persönlich umsehen, wenn Ron nicht da war.
Aus der Materialkiste unter der Treppe fischte er fünf rote und sechs blaue Bänder und rief die Kinder zusammen. Sie mussten erst einmal die Ziegel aufstapeln, die zwischen all dem Unrat herumlagen. Der Hof grenzte an ein Haus, aus dem jeden Tag immer neue Müllsäcke oder nicht mehr benötigte Steine herübergeworfen wurden. Benny hatte Ron gefragt, ob man nicht mit den Nachbarn sprechen könne, damit der Müll nicht immer bei ihnen landen würde. Aber Ron hatte nur mit den Achseln gezuckt und ihm erklärt, dass sich nicht mehr genau ermitteln lasse, wem der Hof gehöre und so lange würde er wohl unbebaut bleiben und jeder dürfe damit machen, was er wolle. Ein paar der Müllsäcke schwelten. Es stank unerträglich, aber Benny begann allmählich, sich daran zu gewöhnen.
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