Diesmal packte sie sorgfältiger, für einen möglicherweise längeren Zeitraum, aber keinesfalls mehr, als sie würde tragen können. Eine Weile hielt sie das rote Seidenkleid vor ihren Körper, drehte sich ein wenig vor dem Spiegel hin und her und überlegte kurz es mitzunehmen. Auf ihrer Hochzeit hatte sie es getragen. Gerrit war mit ihr in eine Boutique gefahren, die sie allein nie zu betreten gewagt hätte. Das Kleid in seinem leuchtenden Rot hatte sie angelacht, es hatte auf Anhieb gepasst, und es war für sie der Eintritt in ein neues Leben gewesen. Es musste teuer gewesen sein, ein Preis war nirgends zu entdecken, aber es fühlte sich so sündhaft schmeichelnd an, die Seide kühl und fließend auf der Haut, und außerdem war alles in dem Laden exklusiv und exquisit gewesen. Exklusiv und exquisit, hatte sie immer wieder gedacht. Gerrit hatte sie angelächelt, die Verkäuferinnen hatten große Augen gemacht, ein fabelhaft gutaussehender Mann mit solch exklusivem und exquisitem Geschmack für schöne Dinge. Das Korallenarmband ihrer Mutter passte perfekt dazu, so dass sie es nicht abzulegen brauchte.
Es war das einzige Mal, dass Gerrit ihr ein so schönes Geschenk gemacht hatte, es sah noch aus wie damals, die Farbe war frisch, und der Stoff floss weich und kühl durch die Finger, ein Kleid für ein ganzes Leben.
Sie hängte es zurück in den Schrank und ging noch einmal in ihr Zimmer, zögerte einen Moment und nahm schließlich das schwarze Köfferchen aus dem Regal. Sie strich über die Oberfläche, ohne den Reißverschluss zu öffnen und entschied, das Instrument mitzunehmen. Seit damals hatte sie nicht mehr darauf gespielt. Am Ende brachte sie zwei prall gefüllte Rucksäcke ins Auto. Bei ihrem abschließenden Gang durchs Haus empfand sie weder Angst noch Wehmut. Im Gegenteil: Das Ungewisse der kommenden Tage, möglicherweise Wochen, versetzte sie in eine Spannung, die in die Nervenbahnen schoss und sich gut anfühlte. Lina hoffte, dass neue Erlebnisse sie beschäftigen würden, so dass der ewige Tanz der bösen Dämonen im Zaum gehalten würde.
Lina verschloss alle Fenster, auch die im Keller, und nahm eine Flasche Wasser mit nach oben. Sie schaute sich noch einmal um. Einen Moment lang dachte sie daran, ein paar Scheine aus der Bargeldkasse mitzunehmen, verwarf das aber. Es war ihr eigener Entschluss zu gehen. Den würde sie nicht mit Gerrits Geld umsetzen. Sie war erstaunt, so zu denken. Gerrit hatte stets betont, dass es ihr gemeinsames Geld war, das in der Kassette lag. Seine Großzügigkeit in solchen Dingen, im Hinblick auf die Bargeldkasse, stand außer Frage. Was natürlich auch Respekt verlangte und umgekehrt bedeutete, dass sie niemals etwas nur für sich daraus genommen hätte. Nicht ohne mit ihm zuvor darüber zu sprechen. Aber gemeinsames Geld oder nicht, jetzt wollte sie nichts davon.
Sie suchte nach ihrem Handy, fand es aber nicht. Wahrscheinlich hatte sie es schon in einen der Rucksäcke gepackt. Sie sperrte die Haustür zu, atmete tief durch und setzte sich ins Auto. Die retardierende Wirkung der Pillen war nun vollends verflogen, und sie fühlte sich stark genug zu fahren. Doch wohin? Mit einem Mal konnte sie es sich nicht vorstellen, bei Ralf und Xenia zu sitzen und sich die selbstverliebten Ergüsse eines modernen Familienlebens anhören zu müssen. Sie entschied, sich überhaupt nirgendwo und bei niemandem einzunisten, stattdessen die Sonne im Rücken zu lassen, und brach in Richtung Norden auf.
Somita, Alina, Anita, Omita. Es war nicht leicht, sich die Namen der Kinder einzuprägen. In Bennys Ohren klangen sie alle so ähnlich, dass er eingen von ihnen Attribute verpasst hatte. Kicher-Omita gluckste ständig, Sause-Alina flitzte durchs Haus, und Murmelchen-Anita spielte unaufhörlich mit zwei kleinen Kugeln, deren Glas grün und blau schimmerte. Selbst in der Nacht hielt sie ihre Murmeln fest umklammert. Die Mädchen ließen sich die zusätzlichen Namen gern gefallen.
Bei den Jungs war es noch extremer, weil die meisten von ihnen Ram hießen, wie der im Land verehrte Gott. Benny nannte den einen Träume-Ram, weil er morgens nicht aus dem Bett zu kriegen war, den mit dem zierlichen Körperbau hatte er für sich Ramito-Ram getauft, und Iam-Iam-Ram konnte Unmengen an Reis verdrücken.
Es war ein munteres Durcheinander in den Zimmern, als Benny die Kinder weckte und zum Zähneputzen in den Waschraum schickte.
»Aufstehn, aufstehn!« Er tippte dem zwölfjährigen Träume-Ram auf die Schulter. »Aufstehn, sonst kommt der Benny mit dem kalten Wasser!«
Das nur halb verdeckte Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.
»Benny, Benny!« Murmelchen zupfte an seinem T-Shirt und sagte irgendetwas auf Nepali. Er entnahm den Gesten, dass die Kleine ihre zweite Sandale nicht finden konnte. Er ging mit ihr auf die Suche, fand unter einem der Etagenbetten einen abgewetzten einzelnen Turnschuh und gab ihn ihr.
»Nein. Nein, nein.« Murmelchen lachte. Sie fanden die Sandale am Fußende ihres eigenen Betts.
»Guten Morgen.« Es war Arunas warme Stimme. Ihr hatte er keinen Beinamen verpasst, sie würde er niemals verwechseln. Sie kam morgens ins Haus und half den Praktikanten, die Kinder auf den Tag vorzubereiten. Bei Bedarf war sie auch an jeder anderen Stelle einsetzbar, sie konnte sogar besser kochen als die üppige Frau, die hierfür fest eingestellt war, aber oft keine Lust hatte zu arbeiten und einfach zu Hause blieb.
Aruna war ein knappes Jahr jünger als er und der liebenswürdigste Mensch, dem er je begegnet war, außerdem so schön, dass er, wenn sie nicht zusammen waren, mitten am Tag die Augen fest zusammendrückte, um sich ihr Gesicht vorzustellen und ihr aus seinem Herzen, das sich in solchen Momenten warm und weit anfühlte, ein unsichtbares Lächeln zu schicken. Es war anders als zu Hause, wo man schon mal mit einem Mädchen feiern gegangen war und ein bisschen herumgeknutscht hatte. Es hatte nichts bedeutet im Gegensatz zu dem, was Aruna bei ihm auslöste.
Sie kam aus einer wohlhabenden Familie, die im Thamel wohnte, dem Touristenviertel von Kathmandu. Sie hatte ihm erzählt, dass sie in einem weißen Haus mit Säulen über dem Eingangshof wohnten. Die Art, wie sie ihm davon berichtet hatte, war nicht hochnäsig rübergekommen, sie stellte es einfach fest.
Sie machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und konnte sich fließend auf Englisch, Spanisch und auch Deutsch unterhalten. In Chinesisch sei sie noch nicht so sicher, hatte sie beinahe entschuldigend gesagt. Sie hatte nichts dagegen, mit ihm Nepali zu üben; umgekehrt war es für sie eine willkommene Gelegenheit, zusammen mit ihm ihre Deutschkenntnisse anzuwenden.
In ihrer freien Zeit betreute sie Studenten und Freiwilligenhelfer aus dem Ausland, mit denen er in einem Gebäude mit kargen, schlicht eingerichteten Räumen zusammen wohnte, wenn er nicht bei seinen Schützlingen im Waisenhaus übernachtete. Aruna half den Neuankömmlingen bei ihrem Einstieg in das nepalesische Leben, besonders dann, wenn sie sprachlich nicht weiter kamen oder Behördengänge zu erledigen hatten.
Sie sagte, dass das nur möglich war, weil ihr Vater sehr tolerant sei und sie in allem unterstütze, auch bei ihrer Ausbildung. Damit sei sie in ihrem Land sehr privilegiert. Vor allem in den ärmeren Familien wären die Mädchen an das häusliche Leben gebunden, bis sie heiratsfähig seien und an die Familie eines Mannes abgegeben würden, den der eigene Vater ausgesucht habe.
Mit der Hilfe ihres Vaters konnte sie sich den ehrenamtlichen Dienst im Waisenhaus und bei den Freiwilligen leisten, sich nützlich machen und gleichzeitig mit den ausländischen Praktikanten in deren Sprache zu reden üben.
»Ich gehe hoch und helfe beim Frühstück«, sagte sie, schüttelte ein paar Decken aus und verschwand mit einigen der Kinder nach oben in den ehemaligen Wintergarten, der als Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum genutzt wurde. Sie hatten tagelang gebraucht, um das Haus einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Das unermessliche Chaos, das Benny bei seiner Ankunft vorgefunden hatte, der Müll und Dreck in allen Zimmern, hatten ihn dermaßen angeekelt, dass er freiwillig das große Aufräumen begonnen hatte. Dem Chef machte es nichts aus, aber Benny hatte es nicht ertragen können. Sie hatten es einigermaßen hinbekommen, aber es konnte einem immer noch passieren, dass man knirschend auf tote Kakerlaken zwischen den liegen gelassenen Küchenabfällen oder schimmelnde Reste trat. Die Lebensmittelspenden, die immer mal wieder abgegeben wurden, interessierten niemanden. Berge davon gammelten in einem separaten Raum vor sich hin.
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