Nun kam die Dämmerung und entwand der rastlos schaffenden Hand leise den Pinsel. Malvas Haupt sank müde zur Brust — sie blieb allein, wieder ganz allein mit ihren Gedanken, und dennoch kehrte das Gefühl der Verlassen- und Verlorenheit, die Poesie einer unglücklichen Liebe mit all ihrem Todessehnen nicht in ihr Herz zurück.
Ihr Blick haftete auf ihrem Bild. —
Menschen sind falsch — aber die Kunst ist treu; die Menschen schlagen Wunden, aber die Kunst heilt wie milder Balsam.
Wenn alle sich von ihr wenden — die Kunst schließt sie desto inniger in die Arme und küßt ihre Stirn — darum will sie sich dieser treuen, zauberholden Göttin zu eigen geben.
Die Würfel des Schicksals sind für sie gefallen; die Seite, welche sich der Liebe zukehrt, ist schwarz wie Nacht — diejenige aber, welche nach dem Tempel der Kunst weist, leuchtet wie eine Sonne. Weit und mühselig ist zwar der Weg, welcher nach dort emporführt, aber an seinem Rande glänzen weiße Lilien, ragt der stille, ernste Lorbeer, duften süß und barmherzig die roten Mohnblumen des Schlafes und der Vergessenheit. —
Sie wird das Ziel erreichen, denn sie hat Geduld; sie wird nie zu jenen gehören, welche sich von dem bösen Dämon Gold besiegen lassen und über welche das Schicksal sein finsteres »Vae victis!« spricht.
Ein schneller, leichter Schritt nähert sich der Türe. — Sie wird geöffnet.
Tante Margarete steht auf der Schwelle.
Suchend schweift ihr Blick umher.
»Wie dunkel ist’s hier! — Ich bin ganz geblendet von dem Gaslicht draußen! Malva — bist du hier?«
»Gewiß, Tantchen!« —
»Ganz allein?«
»Meine Gedanken sind bei mir!«
»Es kommt sehr darauf an, ob diese eine gute Gesellschaft für dich sind! Gib Stimmchen, daß ich nichts umstoße!«
Die junge Gräfin hat sich erhoben und tritt neben die Nahende, ihre Hand zu erfassen.
»Mir deucht es noch ganz hell hier! — Verzeih, ich werde sofort die elektrische Lampe anknipsen!«
»Nein — nein —«
»Ah … liebst du auch das Dämmerstündchen?«
»Und ob! Namentlich heute, wo ich meinen armen Augen schon genug Glanz und Flimmer zumuten mußte!«
»Du kommst von dem Basar?«
»Habe beinahe noch die Handschuhe an. — Versäumt hast du nichts; es war rasend langweilig. Der Hof war vormittags da, der Künstlerball heute abend hielt alle Berühmtheiten fern — man mußte nur kaufen — kaufen — kaufen — und der einzige Witz, welcher gemacht wurde, war der des Rittmeisters von Beeskow, welchem ein paar hartnäckige Damen mit Gewalt ein schlechtes Taschenmesser für gutes Geld aufhängten!« —
»Und da sagte er?«
»Er ›sagte‹ nichts, sondern dichtete!«
»Beeskow — dichtete?!«
»Ja, einen Stoßseufzer —
›Im Bazar setzt die Christenseele
Das Messer Jedem an die Kehle!‹«
»Sehr gefühlvoll!« — Auch Malva lachte.
»Trafst du sonst noch Bekannte?«
»Das natürlich. Interessant war das Geschwisterpaar Heym, auf welches sich alle Aufmerksamkeit und alle Überfälle konzentrierten!« —
»Du sprachst sie?« —
»Gewiß, Rolf-Valerian war alsogleich mein Schatten, und wenn ich zehn Jahre jünger wäre, könnte ich mir etwas auf diesen Schleppenträger einbilden. Drunten liegt ein Arm voll Blumen, welche er mir kaufte — auch für dich ein Strauß Rosen, für welchen er zwanzig Mark opferte. Alle Damen des Vorstandes überschüttete er mit Blumen, überreichte Bonbonnieren und kostbare Nippes —«
Die Sprecherin schwieg einen Augenblick, dann fuhr sie nachdenklich fort: »Auch Fräulein Ellinor kaufte für Unsummen ein — es war schade, daß ich so bald weg mußte, es wurde gewiß noch recht amüsant zuzusehen.«
Wieder eine Pause.
Es schien, als ob die Gräfin auf eine Frage ihrer Nichte warte.
Aber Malva saß stumm und fragte nicht.
»Es muß doch unsagbar schön sein, über derartige Reichtümer zu verfügen, meinst du nicht auch, Malva? — Alles, was man sich nur wünscht, haben zu können, nie zu sorgen, zu rechnen und zu fragen: kann ich das auch? — Es muß doch ein Götterleben sein.«
»Schrecklich! — Nichts anders tun, als dem lieben Gott die Tage stehlen, als sich amüsieren und gut leben — nein, solch eine Existenz wäre mir zu inhaltslos. — Auf die Dauer müssen solche Menschen an ihrer eignen Öde zugrunde gehen.«
»Ich bitte dich! Wie viel Gutes kann man mit so viel Geld tun!«
»Man kann — aber man tut es nicht.«
»Erlaube! Fräulein Ellinor hat heute Tausende für die Wohltätigkeit geopfert!«
»Sie — die Freidenkerin, die ›jenseits von Gut und Böse‹ steht? Sich zum Amüsement und aus kluger Berechnung, um sich in der Gesellschaft, in welcher sie künftig verkehren und eine Rolle spielen will, eine Stellung zu schaffen.«
Das klang nicht bitter oder gehässig, sondern nur sehr ruhig und sachlich.
»Wohl möglich. Ich gestehe ehrlich, daß auch mir der Goldfisch mit den kalten, sentimentalen Augen nicht allzu sympathisch ist. Glaubst du, daß der Bruder desselben Geistes Kind ist, wie sie?«
Malva zuckte die Achseln.
»Wenn er es ist, beglückt er wenigstens die Welt nicht so aufdringlich mit seinen Lehren, wie die Schwester es tut.« —
»Ich finde ihn persönlich sehr nett und scharmant.«
»Das ist wohl Geschmacksache!«
»Wie gefällt er dir?« —
Das junge Mädchen neigte den Kopf noch weiter gegen die Stuhllehne zurück.
»Darüber habe ich — ehrlich gestanden — noch gar nicht nachgedacht!«
»Er saß während der ganzen Reitstunde neben dir auf der Tribüne?«
»Ja. Er hat weite, interessante Reisen gemacht und versteht es davon zu erzählen.«
»Ein Talent, welches vielen Leuten abgeht. Auch ich habe mich nicht in seiner Gesellschaft gelangweilt.«
Abermals kurze Pause — dann fuhr die Gräfin vorsichtig fort: »Er schenkte dir die Veilchen?«
»Leider!«
»Leider? Warum das?«
»Weil sie gewissen Leuten zu recht überflüssigen und taktlosen Neckereien Anlaß gaben!«
»Du meinst Fräulein Ellinor?«
»Ganz recht.«
Margarete lachte — halb verlegen, halb belustigt. »Ja, und das war fraglos sehr verräterisch, denn eine Schwester hat doch die beste Gelegenheit, keimende Interessen bei ihrem nächsten Anverwandten zu beobachten!«
Es war sehr dunkel geworden — die Sprecherin sah nicht das beinahe drohende Aufflammen der sonst so sanften, sinnenden Blauaugen.
»Wie meinst du das, Tante Margarete?«
»Je nun — ich glaube nicht nur, sondern hoffe es sogar, daß Rolf-Valerian auf dem besten Wege ist, sich in dich zu verlieben!«
»Das hoffst du?«
»Gewiß!« nickte die Gräfin sehr lebhaft; »ich bitte dich um alles in der Welt, Kind, der Mann ist die glänzendste Partie der Saison! Es würde doch für jedes mittellose Mädchen mehr als ein Glück sein, in etwas glänzende Verhältnisse zu heiraten!«
»Auch ohne die nötige Liebe und Achtung?«
»Mon Dieu, kleine Philisterin, wer wird sich mit derartigen Skrupeln plagen! Liebe! Achtung! Die kommen schon, wenn der galante Gatte dir jeden Wunsch an den Augen absieht! — Geld entschädigt für alles.«
»Viele Menschen — gewiß, aber doch nicht alle!«
»Möchtest du zu den ›vielen‹ zählen! Ich bin überzeugt, wenn eine gewisse Sentimentalität überwunden ist, wirst du mir zeitlebens danken, wenn ich dir den Rat gab, diesen Freier auf jeden Fall zu erhören!«
»Noch ist Herr von Heym nicht mein Freier und verlangt durchaus nicht erhört zu werden!«
Die Gräfin war so erregt und eifrig, daß sie die feine Ironie in der Stimme der Nichte gar nicht hörte.
»Noch nicht, aber er wird es todsicher werden!«
»Er kennt ja außer mir kaum andere junge Mädchen; er ist später hier eingetroffen als die Schwester.«
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