Sie lüden jetzt ihren Whisky auf. Schließlich hätten sie ihn ja bezahlt, nicht wahr? Sie krümmten sich vor Lachen.
Ob sie ihn bezahlt hätten?
"Antworte!!"
Jaja, sie hätten ihn bezahlt. Er hätte Glück, wenigstens jetzt aufrichtig zu ihnen zu sein, ha ha ha! Noch in der Ferne hörte João ihr widerwärtiges Gelächter durch die feuchte Nachtluft schallen. Niedergeschlagen betrachtete er, was einmal sein Laden gewesen war. Er hatte jetzt genug. Wenn er nur die fünfzehn Rohdiamanten durch die verschiedenen Zollämter Afrikas und Europas bringen könnte, die er vor einer Woche dem neuen, afrikanischen Direktor der Minenpolizei abgekauft hatte. Er hatte zwar gehofft, daß sein neuer Geschäftspartner noch einige Schmuggler mehr festnähme; aber noch einen Abend wie diesen wollte er nicht riskieren.
Angeekelt betrachtete er das Schneckenhaus auf dem Ladentisch, als ob es an seinem Unglück schuld wäre; eigentlich war es das ja auch. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Was er am meisten auf den Flughäfen und Zollämtern fürchtete, waren die Röntgenpassagen, durch die sein Gepäck gleiten würde; darin würden die Zollbeamten und Polizisten seine fünfzehn Steinchen sofort entdecken. Aber diese teuer erkaufte Muschel war doch aus Kalk, wie Knochen, und auf den Bildschirmen undurchsichtig. Ach, nur eine Erinnerung an das tropische Meer, Herr Inspektor...
Als es draußen ganz still geworden war und nur noch die Grillen zirpten, wischte er sich das Blut aus dem Gesicht und zog unter der Theke die drei Streichholzschachteln hervor, in denen seine Steinchen lagen. Sorgfältig umwickelte er jeden Diamanten mit Seidenpapier - es lag genug davon am Boden herum zwischen Hemden und Porzellanscherben - und verstaute ihn in den Windungen des Schneckenhauses so weit innen wie möglich. Zuletzt verschloss er das Ganze mit einem Knäuel Zeitung und drückte es so tief hinein, daß man nichts mehr davon sehen konnte, auch wenn man genau in die Öffnung des Schneckenhauses hineinsah. Er zog einen kleinen Pappkoffer unter dem Bett hinter der Sperrholzrückwand seines Ladens hervor und verpackte das Schneckenhaus zwischen ein paar Hemden, etwas Unterwäsche und zwei Kilo einheimischen Kaffees. Er ging mit dem Köfferchen zum Fluß hinunter, der gleich hinter seiner Bretterbude vorbeizog. Dort unten lag sein Boot. Er ruderte so leise wie möglich ein gutes Stück aufs Wasser hinaus, eh er den Motor anwarf. Obwohl ihm immer noch das Gesicht schmerzte und die Knie bebten, lenkte er den Kahn geschickt durch die Wirbel des Stroms und zwischen den breiten Tuffs der Wasserhyazinthen hindurch. João war an der Küste von Algarve zu Hause, und seine Hauptbeschäftigung in Mbandwela war nicht der Laden, sondern der nächtliche Schmuggel über den großen Fluß gewesen.
Nach einer halben Stunde hörte er dicht neben sich ein Käuzchen schreien. Er sah den Schatten der kleinen Eule vor dem grauen Nachthimmel einen Bogen um das Boot ziehen; den Flügelschlag hörte er nicht. João seufzte erleichtert auf. Er musste ganz nah am andern Ufer sein. hier herrschte noch eine weiße Nation und damit Ruhe und Ordnung; dieser Europäer waren nicht so verrückt gewesen, ihren Kolonien die Unabhängigkeit zu geben, wenigstens bis jetzt noch nicht.
Am nächsten Tag trafen sich João und Jean im Flugzeug. Sie kannten sich flüchtig. Sie hatten sich beide als Flüchtlinge deklariert und waren unangenehm berührt, sich hier zu sehen. Sie grüßten sich knapp von ferne; jeder war erleichtert, daß er nicht den Platz neben dem andern bekommen hatte. Aber ihr Gepäck kam nebeneinander zu stehen, und so war die große Schnecke der Bakalya noch ein letztes Mal dem Korb ganz nah, in dem sie fast zwei Jahrzehnte gewohnt hatte. Nun schwebten Korb und Schneckenhaus, nur durch ein Hemd, ein falsches und ein echtes Leder getrennt, miteinander in zwölfhundert Meter Höhe durch die eiskalte Luft.
Der Korb fand vorläufig als Papierkorb in der Praxis eines Pariser Modearzts Aufstellung. Er sei fou des choses exotiques , erklärte sein neuer Besitzer, und außerdem sei das Ding so wahnsinnig praktisch, weil es einen Deckel hätte und man darin nach Exitus die weggeworfenen Anamnesen nicht gleich sähe, hahaha.
Das Schneckenhaus passierte samt Inhalt alle Durchleuchtungsanlagen und Zollämter. Nur einmal wäre es um ein Haar schiefgegangen. Einem Zollbeamten in Lissabon gefiel das Gewicht der Schneckenschale nicht. Er schielte in die Öffnung hinein und tastete mit tabakgelben Fingern darin herum. Schon hörte João das Zeitungspapier knistern. Im letzten Moment funktionierte doch noch der Trick mit dem Kaffee. João schob rasch und nicht allzu auffällig ein Hemd über die beiden Kilosäckchen; ebenso rasch ließ der Beamte die Schnecke auf die Unterwäsche fallen, schnappte die beiden Beutel, roch daran, öffnete sie und begann zu rechnen: soundsoviel Escudos für soundsoviel Gramm Kaffee und soundsoviel Escudos als Strafe dafür, diese Ware nicht angemeldet zu haben.
Trotzdem erwies sich der Inhalt der Purpurschneckenschale als Fehlinvestition. Nur acht von den Rohdiamanten seien echt, erklärte der Juwelier. João wusste nicht recht, ob ihn sein neuer Freund bei der Minenpolizei hinters Licht geführt hatte oder selbst auf die falschen Steine hereingefallen war. Es konnte auch sein, daß der Juwelier ihn betrog. Aber er kannte niemand anderes in Lissabon, bei dem er geschmuggelte Steine hätte absetzen können. Er musste nehmen, was ihm der Mann für die Diamanten und die sieben 'Rheinkiesel' bot. Mit diesem Geld konnte er allerdings keine Existenz in Portugal aufbauen; es reichte gerade für eine Flugkarte nach Mbandwela und vielleicht für einen ersten, kleinen Stock von Waren, wenn er wieder in seine Bretterbude zurückkam.
So sah ihn der große Fluß bald wieder. Inzwischen hatte die UNO Truppen in die Provinz geschickt. Vor dem Gouverneursgebäude saßen lange rothäutige Schweden im dürftigen Schatten der Palmen, halb blödsinnig vor Hitze. Ihre Anwesenheit reichte aus, um die allerseits aus den Fugen geratenen Gemüter zu beruhigen. João fand allerdings seinen Laden leergeplündert vor. Sein Boy hatte sich darin installiert; er hatte noch nicht mitbekommen, daß sich das Blatt in den letzten vierzehn Tagen gewendet hatte, und weigerte sich, 'sein' Haus dem früheren Besitzer zu überlassen. Gegen einen Kasten Bier warf ihn das Militär hinaus, dieselben Soldaten, die João ein paar Wochen früher die Kalyaschnecke angedreht hatten. Sie warfen den Boy gleich hinterm Haus in den Fluß, trotz seines Geheuls, daß er nicht schwimmen könne, oder vielleicht gerade deswegen.
Die große Schnecke der Bakalya war in Portugal geblieben. João hatte jeden Centavo gebraucht, um wieder in Mbandwela anfangen zu können, und so hatte er die Schneckenschale seinem Vetter Pedro angeboten, der einen Andenkenladen in São Martin besaß. Pedro hatte nicht recht gewollt. Das sei eine Murex ramosus , hatte er erklärt, und die seien nicht sehr gefragt. Es gäbe schönere Murex -Arten, vor allem im Pazifik und da wieder an der Küste von Mittelamerika, ja, die wäre er sofort los. Diese ramosus sei außerdem ziemlich abgegriffen. Aber João jammerte ihn solange an, bis er ihm das Schneckenhaus für zwanzig Escudos abnahm.
Obwohl Pedro sie nach dem Erwerb sofort reichlich mit Lack besprühte und auf Hochglanz brachte, blieb sie ewig auf ihrem Bord in São Martinho liegen, genau wie Pedro befürchtet hatte. Sie lag fünf Sommer dort, in denen die Luft draußen vor dem Perlenvorhang an der weißen Hausmauer gegenüber flimmerte und breitgesäßige Badegäste aus Mitteleuropa links und rechts von ihr jüngere und buntere 'Muscheln' herauspickten, und fünf Winter, in denen der Souvenirshop geschlossen blieb und der Wind vom Meer her an den eisernen Tür- und Fensterläden riss.
Im sechsten Sommer aber betrat eines Tages ein braungebranntes deutsches Pärchen Pedros Geschäft, ein Frollein in heiterer Laune und ein eher mürrischer junger Mann. Geduldig sah Pedro zu, wie die junge Dame Stück für Stück auf die Glastheke häufte, gefleckte Kaurischalen aus Mombasa, Riesenmuschelbabies aus Madras und Colombo, Purpurschneckenhäuser von den Philippinen und vom Strand von Panama, buntgetupfte Kegelschnecken aus der karibischen See, auch die große Schnecke der Bakalya - und das alles kommt aus dem Meer da draußen? Sicher, S enhora , alles authentisch von der portugiesischen Küste. Ob Hans seinem Ritachen eine davon kaufen würde? Was willste denn mit dem Zeug. Ob Hans seinem Ritachen etwa keine davon kaufen würde? Wennde aufhörst, noch mehr daherzuschleppen. Ja Hans müsste eben mit aussuchen. Also die da. Nicht so schnell. Sei lieb, Hans. Das Frollein drängelte sich dicht in Hansens Arme. Bikini und Badehosendreieck waren nicht viel. Pedros Blick richtete sich ausdruckslos durch die Vorhangperlen auf die frisch gekalkte Wand der andern Straßenseite. Sei doch lieb, so wie gestern abend, Hans. Ritachen kuschelte sich noch ein bißchen enger an Hans heran. Pedros Augen wurden noch leerer; er hatte drei Jahre in Wolfsburg gearbeitet und macht sich auf erotische Details von gestern abend gefasst. Aber seine Neugier blieb unbefriedigt. Vielleicht ging sein leerer Blick dem lieben Hans auf die Nerven; vielleicht genierte es Hans auch, daß sein Ritachen ihn hier coram publico immer enger umschlang. Er machte sich los, griff hastig in den Muschel- und Schneckenschalenhaufen vor ihm, zog das wasserdichte Portemonnaie aus der Gesäßtasche, zahlte und schob seine Rita zur Tür hinaus. Was er ergriffen hatte, war die große Schnecke der Bakalya gewesen...
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