Das Nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass sie an einen Stuhl gefesselt aufgewacht war. Ministro hatte vor ihr gesessen. Mit einer Pistole in der Hand.
Hatte er das Spiel wirklich so weit getrieben? Waren sie miteinander im Bett gewesen? Aber selbst wenn … Der Griff zum Kondom war Katharina doch in Fleisch und Blut übergegangen. Sie hatte es noch nie vergessen. Noch nie!
Aber Ministro hatte sie unter Drogen gesetzt. Gefügig gemacht. Hatte er sie also … vergewaltigt?
Bei dem Gedanken musste Katharina schon wieder würgen. Sie zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen, bis der Brechreiz nachließ. Noch ein Grund mehr, Ministro aufzuspüren. Ihn zu stellen. Und ihn dann …
»Frau Klein? Geht es Ihnen gut?«, holte sie eine männliche Stimme in die Realität zurück. Andreas Amendt. Katharina kam aus ihrer Toilettenkabine.
»Sie sehen furchtbar aus. Das Flugzeugfrühstück?«, fragte Amendt. Dann musterte er sie noch einmal: »Sie sind doch nicht wirklich –?«
»Nein, ich bin nicht schwanger! Wovon denn? Flugsamen? – Und jetzt raus aus der Damentoilette!«
Amendt gehorchte. Katharina ging zum Waschbecken. Sie wollte sich Gesicht und Hände waschen. Doch dann überkam sie erneut die Übelkeit. Sie stürzte zurück in die Kabine, würgte, doch es kam nur noch Galle.
Sie spülte und setzte sich wieder auf den Toilettensitz. Ihre Beine zitterten, ihr Gesicht fühlte sich eiskalt an. Sie schloss die Augen, atmete tief ein und zählte langsam bis zehn. Ihr Puls beruhigte sich. Ganz mit der Ruhe! Wann hatte sie zuletzt ihre Tage gehabt? Das war … Sie sah vor ihrem inneren Auge, wie ihr eine Frau ein paar Tampons in die Hand drückte. Sandra Herbst, eine gute Freundin von Andreas Amendt, die er in Afrika besucht hatte. Katharina hatte Kopfschmerzen gehabt. Und dann auch noch … Klar! Das war am ersten Januar gewesen! Neujahr! Sie hatte einen Kater gehabt. Dann kamen auch noch ihre Tage. Und keine Tampons zur Hand. Sandra Herbst hatte ihr ausgeholfen. Erster Januar! Acht Tage nach ihrer Begegnung mit Ministro! Sie war also definitiv nicht schwanger. Wenigstens etwas! Die Stirn an die kühle Holztür der Toilettenkabine gelehnt, blieb sie sitzen, bis sie sich kräftig genug fühlte, um aufzustehen.
***
»Na Klasse! Ein schwuler Löschzug!«
»Na kommen Sie, Frau Klein. So schlimm ist es auch nicht.«
Nicht so schlimm? Reichte es nicht, dass sie die nächsten vierzehn Tage in einem Cayenne unterwegs sein würden? Musste er auch noch in diesem krassen Lila lackiert sein, das im Prospekt bestimmt »lavender-metallic« hieß?
»Außerdem sieht der Wagen eher wie ein Papamobil aus«, bemerkte Andreas Amendt.
Gut. Papamobil. Damit hatte der Wagen seinen Spitznamen weg.
Katharina war schlecht gelaunt um den unübersehbar violetten, hochbeinigen Pseudo-Geländewagen herumgewandert, während Andreas Amendt das Gepäck in den – zugegeben – geräumigen Kofferraum lud.
Nun denn, Amendt hatte das Papamobil ja unbedingt nehmen wollen. Also sollte er die Konsequenzen tragen. Katharina drückte ihm den Autoschlüssel in die Hand: »Sie fahren!«
Andreas Amendt ließ beinahe den Schlüssel fallen: »Ich … also Sie sind doch als Fahrerin eingetragen und …«
»Nun haben Sie sich nicht so! Sie haben es doch gehört: Airbags. ABS. EBS. – Also, was ist?«
»Ich …« Langes Zögern. »Ich kann nicht Auto fahren.«
»Sie können was nicht?«
»Autofahren. Ich habe keinen Führerschein.« Amendt hielt ihr trotzig den Autoschlüssel hin. »Ich habe Angst in Autos, okay?«
»Okay, okay.« Katharina nahm den Schlüssel und stieg ein. Zugegeben, die Ledersitze waren schon bequem. Andreas Amendt kletterte auf den Beifahrersitz und schnallte sich umständlich an.
»Sie können wirklich nicht Auto fahren?«, fragte Katharina noch einmal. »Sie haben keinen Führerschein?«
»Nur für Motorräder.«
Katharina hatte den Wagen bereits anrollen lassen, doch sie trat noch einmal auf die Bremse: »Was? Sie haben Angst in Autos, aber Sie fahren diese Organspenderschleudern?«
Amendt starrte aus der Windschutzscheibe: »Wenn Sie es genau wissen wollen: ja. Dann ist es wenigstens gleich vorbei. Und ich verbrenne nicht eingeklemmt in einem Wrack.«
Das war natürlich ein Argument. Katharina steuerte den Wagen schweigend aus dem Parkhaus hinaus in den in großen Flocken auf die Windschutzscheibe klatschenden Schnee. Na prima! Das bedeutete Verkehrschaos. Wären sie doch noch in Tansania geblieben.
***
Steppin’ in It
Polizeipräsidium Frankfurt am Main,
eine enervierende Autofahrt durch morgendlichen Schneefall später
Der Besucherparkplatz des Polizeipräsidiums war natürlich voll und Katharina hatte ihren Ausweis für den Mitarbeiterparkplatz nicht dabei. Sie musste also den Block dreimal umrunden, bis sie endlich eine Parklücke fand, die groß genug war für das Papamobil – in einer Nebenstraße, zwischen zwei großen Bergen schmutzig-grauen Schneematsches.
Sie und Andreas Amendt stapften und schlitterten über die noch nicht gekehrten Gehwege zum Haupteingang des Präsidiums. Die Beamtin an der Pforte erkannte Katharina zum Glück und ließ sie und Amendt durch die Sperre. Am Fahrstuhl warteten sie schweigend.
Endlich erklang das erlösende »Ping!« des ankommenden Aufzugs. Ungeduldig drängte Katharina in die Kabine. Sie wollte gerade das Stockwerk anwählen, als eine schrill-quäkige Stimme rief: »Halt! Warten!«
Die Stimme kam hinter einem vollgepackten Putzwagen hervor, der auf die Aufzugtür zuraste. Katharina musste zur Seite springen, der Bügel ihrer Handtasche verfing sich am Handgriff des Putzwagens, der Wagen stellte sich quer. Um den Knoten zu lösen, mussten sie alle wieder aussteigen.
»Passense doch auf!«, schnauzte die Reinigungskraft Katharina an. Ihr Körper war unter einem zu weiten Putzkittel verborgen, ihr Haar steckte unter einem Kopftuch. Ihre blauen Augen blitzten wütend: »Mussisch machen meine Arbeit auch!«
Katharina wollte etwas Giftiges erwidern, doch Andreas Amendt legte beruhigend die Hand auf ihren Arm.
Als sie endlich das gewünschte Stockwerk erreicht hatten, ließen sie der Putzfrau mit ihrem Wagen den Vortritt. Leise verärgert vor sich hin murmelnd verschwand sie im Gewirr der Gänge.
***
»Ich weiß, wer meine Eltern umgebracht hat!«
Kriminaldirektor Polanski blieb ob dieses Satzes, den Katharina ihm statt einer Begrüßung entgegenschmetterte, auf halbem Wege um seinen Schreibtisch herum stehen: »Und ich sehe, Sie haben den Täter gleich mitgebracht!« Er deutete mit dem Kopf in Richtung Andreas Amendt, der hinter Katharina Polanskis Büro betreten hatte.
»Was? Nein. Doktor Amendt ist unschuldig. Er hat versucht, Susanne das Leben zu retten.« Ohne Polanski Zeit für eine Erwiderung zu lassen, sprudelte sie weiter: »Erinnern Sie sich an den Priester, der Sie damals begleitet hat, als Sie mich vom Flughafen abgeholt haben?«
»Dunkel. Was ist mit –?«
»Das war Ministro!«
»Der Killer?« Polanski blinzelte ein paar Mal. Dann ging er wieder um seinen Schreibtisch herum und ließ sich in seinen Sessel fallen. Er öffnete sein Schreibtischschränkchen, schloss es jedoch gleich wieder. Es war wohl doch noch zu früh für einen Cognac. »Setzen Sie sich besser«, sagte er. »Und erzählen Sie von Anfang an.«
***
Nachdem Katharina ihren Bericht beendet hatte, nahm Polanski seine Lesebrille ab und putzte sie mit seiner Krawatte. »Dass Doktor Amendt versucht hat, seiner Verlobten das Leben zu retten, ist ja noch schlüssig. – Aber der Rest?«
»Was ist damit?« Katharinas Frage klang schärfer, als sie es beabsichtigt hatte.
»Haben Sie sich mal zugehört? Die Morde sollen von genau dem Killer begangen worden sein, der – ganz zufällig – sechzehn Jahre später auch auf Sie angesetzt ist? Der es, wie auch immer, schafft, Sie aufzuspüren? Und der Sie dann laufen lässt, weil er Sie für einen guten Menschen hält? – Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass Ihnen Ihre Fantasie da einen Streich gespielt hat? Ich meine, ich kann ja verstehen, dass Sie nach dem Stress der letzten Zeit –«
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