»Ach, und dass Sie ohne jedes Motiv morden, weil Sie ja eine multiple Persönlichkeit sind? Und diese andere Persönlichkeit in Ihnen schießt nicht nur wie der Teufel, sondern ist auch ein derartiger Profi in Spurenkunde, dass sie nicht nur alle Spuren verwischt, sondern auch noch den Verdacht auf Ihr anderes Ich lenkt? ›Liebling, ich habe einen Superbösewicht verschluckt‹? – Meine Theorie hat wenigstens keine Löcher, durch die man einen Laster fahren könnte!« Katharina hatte die Sätze abgefeuert wie ein Maschinengewehr. Jetzt war sie außer Atem und musste tief Luft holen.
Amendt sprang auf. »Eine Theorie, für die Sie keine Beweise haben. Nur eine vage Erinnerung an einen Priester, der Ministro gewesen sein könnte. Und den Sie jetzt auf einmal, nach sechzehn Jahren, wiedererkannt haben wollen.«
»Besser als nichts.« Katharina erhob sich gleichfalls. »Kommen Sie endlich?«
»Wohin?«
Katharina wirbelte zu ihm herum: »Zur nächsten Autovermietung. Und dann bringen wir das hier zu Ende. Sie und ich. Ein für alle Mal.«
Sie wandte sich ab und marschierte los. Mit einem Blick über die Schulter sah sie, dass Amendt ihr endlich folgte. Langsam, als sei die Schwerkraft ein fast unüberwindliches Hindernis. Doch gleich blieb er wieder stehen und fragte: »Und was, wenn ich doch –?«
»Wenn Sie doch der Täter sind? Nun, in dem Fall schieße ich Ihnen eine Kugel in den Kopf. Das habe ich Ihnen ja versprochen.«
***
»Hatten Sie reserviert?«
Oh nein, nicht schon wieder. Das war jetzt bereits die vierte Autovermietung, bei der sie anfragten. Immer waren Katharina und Andreas Amendt freundlich, aber bestimmt abgewiesen worden.
»Nein«, antwortete Katharina also verdrossen. Die junge Frau mit dem verunglückten brünetten Langhaarschnitt sah Katharina und Amendt an, als hätten sie gerade nach dem nächsten Raumschiff zum Mond gefragt.
»Oh, ich fürchte … Aber lassen Sie mich mal schauen«, sagte die Frau schließlich mit professioneller Freundlichkeit und wandte sich ihrem Computer zu. Nach ein wenig Klickerei hellte sich ihre Miene auf: »Sie haben Glück. Wir haben noch genau einen Wagen. – Allerdings aus unserem Oberklasse-Tarif. Einen Porsche Cayenne GLS.«
»Iiih!«, entfuhr es Katharina, bevor Andreas Amendt ihr den Ellbogen in die Seite stoßen konnte. Er lehnte sich vor: »Der Wagen hat doch Winterreifen?«
»Aber natürlich«, antwortete die Frau begeistert. »Und acht Airbags. ABS. Einparkhilfe. Abstandswarner. ESP. Absolut sicher.«
»Hervorragend. Den nehmen wir«, sagte Amendt rasch, bevor Katharina ihm widersprechen konnte.
»Sehr schön!« Die Frau gab Amendt ein Klemmbrett mit Formularen, das er an Katharina weiterreichte.
Katharina wollte sich ans Ausfüllen machen, doch der Kugelschreiber, der mit Bindfaden am Klemmbrett befestigt war, schrieb natürlich nicht. Also fischte sie einen Stift aus ihrer Handtasche.
Wow! Wo hatte sie den denn mitgehen lassen? Katharina drehte den edel metallisch-roten, dicken Kugelschreiber in ihren Händen, aber er trug keinen Firmenaufdruck. Na, da würde sich aber jemand ärgern.
Ihr fiel ein, dass sie ja immer noch mit falschen Papieren unterwegs war; ihre echten lagen in dem kleinen Safe in ihrem Wohnzimmer. Nun gut, dann würde also noch etwas länger »Zoë Yamamoto, Halbjapanerin, Geschäftsfrau« bleiben. Ihre Mutter, die immer stolz auf ihre koreanische Herkunft gewesen war, würde sich im Grabe umdrehen. Als Katharina mit dem Ausfüllen fertig war, schob sie das Klemmbrett über den Tresen. »Nun denn, ein Porsche Cayenne. Mir bleibt auch nichts erspart.«
»Wieso? Der Wagen ist doch genau der Richtige für uns! Winterreifen. Acht Airbags. Und viel Blech um uns herum«, widersprach Amendt begeistert.
Die Frau hinter dem Tresen zwinkerte Katharina verschwörerisch zu: »Machen Sie sich nichts draus. Genau wie mein Mann. Werdende Väter sind so.«
Katharina zuckte zurück, als hätte sie einen Stromschlag bekommen: »Werdende Väter?«
Die Frau sah sie erschrocken an: »Ach, sind Sie nicht …? Ich dachte nur … Sie leuchten so von innen.«
»Nein, ich bin nicht schwanger«, blaffte Katharina.
Die Frau musterte sie mit Bedauern: »Nicht aufgeben. Nicht verzweifeln. Das klappt schon.«
»Was? Ach so. Nein. – Wir sind kein Paar.«
»Oh!« Mit leicht geröteten Wangen begann die Frau übereifrig, die Daten von den Formularen in den Computer zu übertragen. Zwischendrin fragte sie: »Wie lange denken Sie, dass Sie den Wagen brauchen?«
Eine gute Frage. Katharinas eigenes Auto, ein alter, von ihr selbst restaurierter Mini Monte Carlo, war von einer Bombe zerrissen worden. Vom Polizeidienst war sie momentan beurlaubt; sie würde also keinen Dienstwagen zur Verfügung haben. Und die Großzügigkeit ihres Patenonkels wollte sie auch nicht mehr beanspruchen als unbedingt nötig. »Na ja, zwei Wochen, würde ich sagen«, antwortete sie schließlich.
»Kein Problem. Nun bleibt noch die Frage der Kaution. Dazu bräuchte ich …«
Katharina hatte schon ihre Handtasche geöffnet und zog ein Bündel Geldscheine hervor.
»Tut mir leid, Bargeld kann ich nicht akzeptieren. Ich bräuchte eine Kreditkarte. Aus Versicherungsgründen.«
Katharina hatte keine, zumindest nicht auf den Namen Zoë Yamamoto. Doch Andreas Amendt hatte schon seine Brieftasche hervorgezogen. »Nehmen Sie meine.« Lässig warf er eine American Express Platinum Card auf den Tresen.
»Was ist?«, fragte er, als er Katharinas erstaunten Blick bemerkte. »Als Chefarzt bekommen Sie so was hinterhergeworfen.«
»Ach, Sie sind Arzt?«, fragte die Frau neugierig. Wenn sie jetzt irgendetwas von »guter Partie« sagte, würde Katharina über den Tresen springen und sie zwingen, die Computertastatur zu verspeisen.
»Ja, Rechtsmediziner.«
Die Frau schluckte. »Aha!« Sie nahm die Karte und schob sie in das Lesegerät.
»Aber wenn ich den Wagen abgebe, kann ich bar bezahlen, oder?«, fragte Katharina.
»Natürlich! Die Kreditkarte ist nur für die Versicherung. Und für die Kaution. – Also fahren Sie schön vorsichtig! Damit Sie Ihren … Bekannten nicht in die Pleite treiben.«
Die Frau reichte Amendt seine Karte zurück und schob ein prall gefülltes Plastikmäppchen über den Tresen. »Der Wagen steht in unserem Transportation Convenience Center im Parkhaus gegenüber von Terminal 1.«
»Transportation … was?«
»Im Transportation Convenience Center«, wiederholte die Frau so beglückt, als würde der Wagen frisch vom Papst gesegnet im Petersdom auf Katharina warten. »Sie können unsere Firmenschilder praktisch nicht übersehen. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.«
***
Porsche Cayenne! Katharina stapfte missmutig neben Andreas Amendt her, der artig den Gepäckwagen vor sich herschob. Und was hatte die Frau gedacht? Dass sie schwanger war? Weil sie so »von innen leuchtete«? Schwachsinn! Wovon sollte sie überhaupt schwanger sein? Sie hatte keinen Sex mehr gehabt seit …
Katharinas Magen drehte sich um. Sie ließ Amendt stehen und rannte zur nächsten Toilette. Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig in eine Kabine. Dann erbrach sie sich. In immer neuen Schüben. Endlich versiegte der Brechreiz. Katharina spülte und ließ sich auf den Toilettensitz sinken. Kalter, klebriger Schweiß stand ihr auf der Stirn.
Hatte sie wirklich mit Ministro geschlafen? Dem Mörder ihrer Eltern? So sehr Katharina sich anstrengte: Sie konnte sich nicht erinnern. Sie wusste nur, dass er sie zu ihrem Bungalow begleitet hatte. In der Lodge auf Mafia Island. An Heiligabend. Vor ihrer Tür hatte er sie geküsst. Es war ein schöner Kuss gewesen. Sanft. Da war er für sie noch Javier gewesen. Priester Javier. Ein hilfsbereiter katholischer Geistlicher. Natürlich, der Reiz des Verbotenen!
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