Was Susanne machte, machte sie gründlich: Verliebt, verlobt und schwanger in weniger als drei Monaten. Katharinas Schwester hatte sich immer Kinder gewünscht. Möglichst viele. Ihr Vater hatte sie manchmal damit aufgezogen: Wie das denn zusammengehen könne – sie wolle doch Ärztin werden. Aber sie hatte nur erwidert, das sei alles eine Frage der Organisation. Typisch Susanne.
Im PS des Briefes hatte sie geschrieben, dass sie aber mit der Hochzeit bis zu Katharinas Rückkehr warten würde. Katharina solle doch Brautjungfer sein. Dann hatte Susanne noch spöttisch ergänzt: wenn Katharina bis dahin noch Jungfer wäre.
Katharina musste grinsen, als sie daran dachte. Susanne hatte ihre jüngere Schwester immer mit ihrer Schüchternheit aufgezogen. Aber sie hatte ja gar keine Ahnung. George hatte Katharina geküsst. George, der Rugby-Star. Auf den alle Mädchen der Schule standen. Aber geküsst hatte er Katharina. Einfach so. Doch, das Austauschjahr in Südafrika war eine gute Idee gewesen.
Sie hatte sich zufrieden gerekelt und dann auf die Seite gedreht, um weiterzuschlafen. Das Mondlicht schien auf das Foto ihrer Familie, das sie auf dem Nachttisch stehen hatte. Ihr Vater mit seinem gepflegten, roten Bart. Ihre Mutter, wie immer streng dreinblickend. Ihre Schwester lachte. Eine Strähne ihres langen, glatten und ansonsten schwarzen Haares war neonblau gefärbt: Susannes Form der Anarchie.
Katharina waren schon die Augen zugefallen, als sie es gehört hatte: Ihr Gastvater telefonierte. In seinem Arbeitszimmer, das neben Katharinas Zimmer lag. Seine Stimme war hektisch gewesen, schroff. Endlich hatte er den Hörer aufgelegt.
Kurz darauf hatte es leise an Katharinas Tür geklopft. Ihr Gastvater hatte den Kopf hereingesteckt, gesehen, dass sie wach war, und war ganz ins Zimmer gekommen. Er hatte sich zu Katharina auf das Bett gesetzt. Ihre Hand genommen.
»Katharina, your parents and your sister … Something has happened.« – Ihrer Familie war etwas zugestoßen.
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Die Stewardess hatte immer wieder besorgt gefragt, ob sie etwas brauche. Katharina hatte nur wortlos den Kopf geschüttelt und wieder aus dem kleinen Fenster in die Dunkelheit gestarrt, später auf die monotone, nur manchmal von den grünen Kreisen künstlicher Oasen unterbrochene Fläche der Sahara, zuletzt auf die wintergraue Wolkendecke über Europa.
Ihr Gastvater hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sie nach Deutschland zu bringen. War mit ihr durch die Nacht gerast, an den Townships vorbei zum Kapstadter Flughafen. Hatte ein Ticket erkämpft. Erster Klasse. Als ob das irgendetwas geändert hätte.
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Der Ankunftsbereich des Frankfurter Flughafens war dank eines heiß umstrittenen Umbauprojektes ein bedrückend enges Labyrinth aus Sperrholzgängen. Katharinas Schritte hatten dumpf auf den provisorischen Dielen gedröhnt. Sie war langsam gegangen, ihren kleinen Rucksack auf dem Rücken und ihren Teddy im Arm. Eine Zollbeamtin hatte sie rausgewunken, aber nur um Katharina zu fragen, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Katharina hatte wieder den Kopf geschüttelt. Die Beamtin hatte sie zum Ausgang begleitet.
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»Mein Name ist … ich bin Kriminalrat Polanski«, hatte sich der große, breitschultrige Mann mit dem zerknitterten Jackett ungelenk vorgestellt. Er hatte hinter der Sicherheitsschleuse auf Katharina gewartet. »Ihre Eltern und Ihre Schwester … Kommen Sie bitte mit uns mit.«
In seiner Begleitung war ein Priester gewesen. Katholisch. Schwarzes Hemd, weißer Kragen. Dunkel gelockte Haare. Jung. Höchstens Ende zwanzig. Er hatte nichts gesagt. Sie nur mit seinen sanften grauen Augen gemustert. Doch auf der Fahrt zum Institut für Rechtsmedizin hatte er Katharinas Hand gehalten. Ganz fest.
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Drei Stahltische hinter einer großen Glasscheibe, drei tote Körper, sauber mit weißen Tüchern abgedeckt. Nur die Gesichter waren zu sehen gewesen. Katharina hatte genickt. – Ja, das war ihre Familie.
Sie hatte sich abwenden müssen. Der Priester hatte sie in den Arm genommen. Und dann endlich hatte Katharina weinen können.
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»Wir müssen aufhören, uns auf diese Weise zu treffen, Frau Klein. Die Leute könnten anfangen zu reden.«
Katharina schreckte auf. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie die drei Männer an dem großen, hölzernen Tisch vor ihr Platz genommen hatten: die Untersuchungskommission.
Links außen saß Staatsanwalt Harald Ratzinger. Höchststrafen-Harry. Dreißig Jahre im Dienste der Strafverfolgung hatten tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben.
Auf der rechten Seite saß, die frühzeitig schütter werdenden braunen Haare sorgfältig frisiert und das Kinn frisch rasiert, Kriminaldirektor Hans-Peter Weigl, Leiter der Internen Ermittlung.
Der Mann in der Mitte stand noch: aristokratisch hochgewachsen, weißes, volles Haar, die Züge eines Adlers – Dr. Wolfhard Weingärtner, Richter am Oberlandesgericht. Er hielt Katharina lächelnd die Hand hingestreckt. Sie reagierte nicht. Enttäuscht setzte er sich: »Nun gut. Dann fangen wir an. – Fürs Protokoll: Zusammengetreten heute, am 22. Januar 2008, ist der Untersuchungsausschuss in Sachen Klein / Amendt. Dieser Ausschuss hat die Aufgabe, die Vorfälle zwischen dem 15. und dem 19. Januar aufzuklären. Aktenzeichen …«
Während der Richter zahlreiche lange Nummern diktierte, drifteten Katharinas Gedanken wieder zurück in die Vergangenheit, zu dem Priester. Er war auch zur Beerdigung ihrer Familie gekommen.
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Es hatte bei der Organisation der Trauerfeier einigen Hickhack gegeben. Katharinas Vater war zwar offiziell evangelisch gewesen und nie aus der Kirche ausgetreten, hatte aber regelmäßig der Humanistischen Gesellschaft gespendet. Auch ihre Mutter hatte mit der Religion, die ihr in die Wiege gelegt worden war, nichts am Hut; trotzdem hatte sie regelmäßig Vorträge beim Freundeskreis des Buddhismus gehalten. Katharina und Susanne waren gänzlich ohne Religion aufgewachsen, nicht einmal getauft.
Die Humanistische Gesellschaft und der Freundeskreis des Buddhismus hatten sich deshalb zu den wahren Erbwaltern erklärt und haderten um die richtige Zeremonie. Das südkoreanische Konsulat hatte Anspruch auf die Leichen von Mutter und Tochter erhoben und wollte sie auf Kosten der Erben ausfliegen lassen. Und zu guter Letzt hatte sich auch noch der zuständige Pastor des Frankfurter Zentralfriedhofs eingemischt und schon einmal prophylaktisch gegen heidnische Riten auf seinem heiligen Grund und Boden protestiert. Ihm wäre es vermutlich am liebsten gewesen, man hätte die drei Toten im Schutze der Nacht an einem Kreuzweg verscharrt.
Endlich hatte Katharinas Patenonkel Antonio Kurtz – zumindest nannte sie ihn ihren Patenonkel, auch ohne Taufe: Den Erzählungen ihrer Eltern nach musste er legendäre Partys geschmissen haben, um Susanne und Katharina auf Erden willkommen zu heißen –; endlich hatte also Antonio Kurtz die Organisation der Feier an sich gerissen und damit beinahe einen diplomatischen Zwischenfall ausgelöst, doch letztlich hatte er sich durchsetzen können: Jetzt gab es eine kurze buddhistische Zeremonie, ein ebenso kurzes Gebet des diensthabenden Pastors und eine Totenrede, die ein ehemaliger Kulturdezernent der Stadt Frankfurt hielt. Sein chaotisch zu allen Seiten wegstehendes weißes Haar bebte, als er in warmen Worten die Verdienste von Katharinas Familie um die Kultur Frankfurts beschwor:
Diether Klein, der renommierte Kunsthändler, ein leuchtender Stern der Gesellschaft, der im Auftrag der Museen Frankfurts so manchen Schatz geborgen hatte.
Kyung-Soon Klein, die Dozentin für asiatische Sprachen und Literatur, die so viel zur Verständigung der Kulturkreise beigetragen hatte.
Susanne Klein, die Studentin der Medizin, die … die …
Schnell wechselte der Kulturdezernent a. D. das Thema und sprach wieder vom überragenden Engagement des Kunstsammlers Klein.
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